Noch einer, stöhnt das Leserherz. Wie viele Rebellenromane aus dem Endstadium der DDR gibt es denn noch? Oder ist es das einzige Stadium der abgewickelten Republik, über das es sich überhaupt zu schreiben lohnt? Der kurze Moment des Mutes, der abgelegten Angst, der Veränderung? - Möglich. Aber fest steht wohl auch: Viele ehemalige Bewohner des Landes hinter der Mauer sind mit dieser Geschichte noch längst nicht fertig. Auch dann nicht, wenn sie - wie Wolfgang Schlott - schon vor dem Mauerfall im Westen lebten.

Slawistik und Anglistik hat der 1941 in Suhl Geborene noch in Leipzig studiert. Dann versuchte er, aus dem eingemauerten Land zu fliehen und saß in Rumänien und der DDR dafür im Gefängnis. 1971 kam er in die Bundesrepublik, promovierte und habilitierte in Russistik und Polonistik. Seit 1984 ist er Kulturwissenschaftler im Bereich Oppositionsforschung. 2002 wurde außerordentlicher Professor für neuere slawische Kultur- und Literaturgeschichte an der Uni Bremen. Er übersetzt und dichtet. Bei Reclam Leipzig erschien 1994 das von ihm herausgegebene “Die enterbte Generation. Russische Jugend nach der Perestroika”.

Aber dieses Land DDR, das er vor 40 Jahren verlassen hat, ließ ihn nie los. Auch wenn Vieles in seinem Roman Phantasie ist, das Spiel mit der Groteske und der ironischen Überspitzung – etwa bei der militärischen Dressur der Legehennen von Karl Seidelwitz, der seinen Hühnerhof gleich mal zum Betrieb des sozialistischen Wettbewerbs erklärt hat.
Erzähler der Geschichte ist sein Sohn Christian, der in einem fiktiven Städtchen namens Rabal die Abiturklasse besucht und seine ersten großen Lieben erlebt. Erst mit Sigrun, der blonden Tochter des Parteisekretärs und – nach einem etwas verwunderlichen Abbruch der Beziehung – mit Ingrid, in der auch so ein rebellischer Geist rumort.

Erstaunlich authentisch wirken Schlotts Schilderungen des Alltags in der thüringischen Enklave irgendwo gleich dicht hinterm Grenzzaun, im Osten von einem großen Stausee abgeschottet, von Norden durch die rußigen Wolken aus den Bleifabriken belastet. Immer, wenn der Wind dreht, weht ein anderer Gestank durch den Ort und zumindest Chris wird immer dann, wenn die Rußflocken durch die Straßen treiben, recht seltsam zumute, ihm wird ganz benommen und er fängt an zu träumen.

Und mancher Traum, der ihm so durch den Kopf weht, scheint doch irgendwie real zu sein. Schon bevor ihn diese Träume anfangen zu plagen, scheint es zwischen ihm und der hübschen Sigrun zu kriseln. Aber zum Zündfunken wird dann wohl eine Begegnung im Suff in der Kneipe, bei der er von einer unterirdischen Bunkeranlage nahe der Grenze faselt, wo mit gefangenen “Republikflüchtigen” das Durchbrechen der Grenze simuliert wird – eine Art Testversuch am lebenden Material. Das dann Chris zwar selbst zu fantastisch vorkommt. Aber immer weiter scheint sich die Geschichte ins Morbide zu drehen.

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Ein Spitzel mit dem Decknamen “Lothar” schreibt nicht nur eifrig Denunziationen an den Stasi-Apparat – er schlägt den Geheimen auch gleich noch vor, wie sie die von ihm Beobachteten am besten schikanieren können. Suspekt ist ihm auch Karl Seidelwitzs Hühnerhof mit der sprechenden Henne Luise. Und am besten sorgte man da in DDR-Zeiten ja für Ärger, indem man die Hygieneaufsicht hinschickte und den Laden wegen ungenehmigter Wirtschaftsführung dicht machen ließ. Oja, die DDR war ein Land, in dem ein paar Leute mit sinnloser Schikane so richtig ihren Spaß haben konnten. Wo sind die nur alle geblieben?

Das Ganze hätte durchaus zu einer apokalyptischen Geschichte werden können. Doch Schlott hat seine Geschichte ganz bewusst in die letzten Monate der DDR verlegt, eine Zeit, in der die vielen kleinen, bösartigen Schikanen auch schon als solche empfunden wurden und immer mehr Menschen, die sich bislang alles gefallen ließen, den Bettel hinschmissen und neue Formen des Protestes suchten. Der Deutschlehrer, der befürchtet, seine Schüler jetzt verraten, diffamieren und bespitzeln zu müssen, lässt sich aus Krankheitsgründen freistellen und arbeitet lieber als Korrektor bei der Bezirkszeitung. Selbst unbescholtene Bürger wie die Eltern von Ingrid entdecken die Form der subversiven Verabredungen für sich, weil eigentlich allen klar ist, dass die Telefone abgehört werden.

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Leben in Zeiten der Revolte
Wolfgang Schlott, Patchworldverlag 2012, 20,00 Euro

Als Christian, Ingrid und ihre drei geheimnisvollen Verbündeten Flugblätter über Rabal niederregnen lassen, in denen die Luftvergiftung angeprangert wird, läuft die Staatsmacht Amok. Am Tag der Zeugnisübergabe werden Chris und Ingrid verhaftet. Welche Rolle ihr Verbündeter Plewe dabei spielt, wird nicht wirklich klar. Denn nur wenig später, als die Bürger von Rabal auf die Straße gehen, gerät die Staatsmacht ins Rutschen, Stasi-Offiziere lernen, ihre Gefangenen wieder respektvoll mit Bürger anzureden, und Leute, die eben noch das strengste Regime gegen alle Republikfeinde forderten, werden beim Schwenken schwarz-rot-goldener Fahnen ohne Emblem überrascht.

Schlotts Roman endet mit diesem großen euphorischen Finale, das die kleine Stadt Rabal augenscheinlich fünf Monate früher überschwemmt als des Rest der Republik. Macht aber nichts. Man ahnt, wie schnell Menschen zu Revolutionären werden können, wenn nur die Umstände danach sind. Und nur Christian scheint zu merken, wie ein paar seltsame Gestalten aus seinen Alpträumen wunderbar glatt in neue Rollen schlüpfen. Oder ist auch das wieder ein Traum? So recht scheint der Held dem guten Ende nicht zu trauen. Er lässt die Augen lieber geschlossen.

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