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Ein Leipzig-Krimi, flott wie ein Egon-Olsen-Coup: Im falschen Revier

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    Leipzig ist ein gutes Pflaster zum Krimi-Schreiben. Geradezu aufgeblüht ist die Gemeinschaft der Krimi-Autoren. Und die Regale mit Leipzig-Krimis in den Buchhandlungen sollten gut bestückt sein. Mittendrin seit Kurzem auch eine schwarze Eule auf gelbem Grund. Es ist der erste Leipzig-Krimi von Stefan B. Meyer. Sein erster Krimi ging am Leipziger Publikum fast unbemerkt vorbei.

    Denn das war 2007 ein Dresden-Krimi: „Wie in Schigago“, veröffentlicht im Mitteldeutschen Verlag. Meyer lebt – wie der Verlag verrät – mit Frau und Kindern in Leipzig, ist 1963 geboren und hat als als Baumonteur, Gerüstbauer, Zimmermann, Pizza-Fahrer und Hausmann gearbeitet. Fünf Jahre zwischen zwei Krimis sind eine lange Zeit. Aber Meyer ist einer, der sein Schreibwerk augenscheinlich ernst nimmt. Schnell schreiben kann jeder. Aber so schreiben, dass es sich dann liest, als hätte es einer flott geschrieben – das ist etwas anderes und zumeist harte Arbeit an den Szenen, den Charakteren, den Motiven und Passstücken.

    Und am so gern beschworenen „Background“. Ist ja nicht so, dass mittlerweile in ganz Deutschland Krimis florieren, die bestimmte Städte und Landschaften als Handlungsfeld haben, bloß weil die Einheimischen sich dann freuen, dass ihre Heimat so schön in der Erzählung vorkommt. Der Kriminalroman hat eine Nische besetzt – eine richtig große Nische, die die üblichen belletristischen Romane in der Regel frei lassen – und die auch die Sachbuchautoren in der Regel nicht beackern. Sie beschäftigen sich mit dem Leben, so wie es die Menschen tagtäglich erleben – mitsamt den Skandalen, politischen und wirtschaftlichen Verwerfungen. Krimiautoren sind zu Beobachtern einer Gesellschaft geworden, die durchaus ihre Abgründe und blinden Flecken hat, über die selbst Medien oft nur orakeln.
    Denn so schlicht, wie oft Kriminalfälle oder politische Skandale medial inszeniert werden, sind sie nie. Doch für die kleine, aber entscheidende Frage bleibt meist kein Platz mehr: Wer hat’s getan? Und warum?

    Die Handlungsstränge, die Meyer knüpft, spielen mit einem der beliebtesten Leipziger Motive – dem sogenannten „Sachsensumpf“. Den es ja bekanntlich nie gab und nicht gibt. Keine Immobilienschiebereien, keine Vorteilsnahme in Amt und Würden, keine dubiosen Verstrickungen ins Rotlichtmilieu, keine Mordanschläge und keine abgewürgten Ermittlungen. Um nur einmal im Leipziger Teil des „Sachsensumpfes“ zu bleiben.

    Mehrere Leipziger Krimi-Autoren haben sich dem Thema schon gewidmet, mal ernsthaft, mal eher spielerisch. Jede Geschichte könnte eine mögliche Variante dessen sein, was vielleicht tatsächlich passiert ist. Oder ein Puzzle-Stück zum Rätsel, an dessen Aufklärung natürlich einige Leute ganz und gar kein Interesse haben. Denn die publik gewordenen Fälle sind ja nur die Spitzen der Eisberge, die bekannt gewordenen Auffälligkeiten einer Gesamtgeschichte, die so nur gebacken werden konnte, weil 1990 alle Ausgangsparameter auf Null gestellt wurden und Typen wie der von Meyer gezeichnete Johannes Bengt als „Aufbaukader“ in den Osten strömten, um in einem Justizapparat Karriere zu machen, der den alten, desavouierten praktisch komplett ersetzte.

    Was nicht nur Bengt, sondern auch seinem Schützling Heribert Wimmer die Karriere ermöglicht, beides drittklassige Figuren, die – wie Meyer launig anmerkt – im Westen selbst in einem Provinzamtsgericht nicht mal die Schlüssel des Hausmeisters in die Hand bekommen hätten. Für diese Typen war der Osten rechtloser Raum – und da auch Besitzstände aller Art zu Markte getragen wurden, waren solche Leute auch diejenigen, die sich mit großer Kelle bedienten und ihren Freunden ein paar hübsche Brocken zukommen ließen. Einige gingen dabei auch über Leichen.

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    In diesem Fall ist es eine junge Rechtsanwältin, die zwar nicht im Keller liegt, aber gut verbuddelt im Erdreich eines einstigen Tagebaus im Leipziger Süden. Eine alte Geschichte, die just wieder aktuell wird, als die vier dubiosen Helden dieser Geschichte (ein Gebietsleiter einer großen Brauerei kommt noch dazu und ein ostdeutscher Bauunternehmer, der tatsächlich ein krimineller Bursche von Format ist) gemeinsam versuchen, eine Erpressung durchzuziehen an einem ihrer früheren Kompagnons, der freilich so klug war, sein Geld nicht mit faulen Wertpapieren in der Finanzkrise zu verbrennen.

    Sie stecken allesamt in der Klemme und in Bergen von Schulden, obwohl sie ja nun eigentlich zu den Bestverdienern in Leipzig gehören. Aber wie das so ist: Leute, die viel Geld bekommen, können damit oft viel schlechter umgehen als die, die knappsen müssen.

    Und weil der einstige Kompagnon selbst nicht auftaucht zur Beerdigung seiner Frau, wird sein Sohn gekidnappt. Doch wie das so ist mit einer Ganoventruppe, in der nur einer das Format eines Egon Olsen hat – es geht einiges schief. Und es braucht tatsächlich nur eine junge angehende Journalistin, die keine Skrupel kennt, und einen frisch geschiedenen Förster, die den Vieren auf die Schliche kommen und mit ihren Aktionen der Geschichte richtig Dampf geben.

    Im Grunde eine fast fertige Filmvorlage: Wer aus dieser Story keinen Kino-Thriller über das andere, das schäbige Leipzig machen kann, der hat nicht viel drauf als Regisseur.

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    Im falschen Revier
    Stefan B Meyer, Mitteldeutscher Verlag 2012, 9,95 Euro

    Die ganze Handlung presst sich eigentlich in zwei Tage, denn wenn eine ordentliche Erpressung klappen soll, muss es fix gehen, weiß Toni, der Bauunternehmer, der mit dem zwielichtigen Milieu eigentlich nichts mehr zu tun haben möchte. Jeder Akteur aber bekommt genug Raum, sich vor dem Leser in treffenden, zuweilen sehr bösen Szenen zu entblättern. Und der Leser denkt wohl mit einigem Grund immer wieder: So könnte es gewesen sein. Solchen Typen wäre das zuzutrauen. Außer vielleicht, dass einer auch noch alles im Computer festhält, für alle Fälle, falls er mal – wie Bengt – Material gegen einen Komplizen braucht.

    Das Schöne bei Meyer: Er faselt nicht, versucht die Handlung nicht zu psychologisieren. Was die Herren tun, ist entlarvend genug. Ihre Beweggründe sind so drittklassig wie das Personal. Nur der Ausgang des Ganzen ist ein klein bisschen anders, als es sich zumindest zwei aus der dubiosen Herrenrunde gedacht hatten. Selbst die Nebenfiguren bekommen Format – wie die beiden Kraftprotze Ronny und Sandro und die beiden, die sie im Kellerverlies bewachen sollen – der gekidnappte Thomas Steinmeier und der etwas beleibte Bürgerpolizist, der zum falschen Zeitpunkt aufkreuzte. Oder zum richtigen. Denn ohne diese seltsame Begegnung im Keller wäre ihm so manches Rätsel der heutigen Finanzkrise ein Rätsel geblieben. Er gehört – wie wohl die Meisten – zu jenen Spezies, die von Herzen daran glaubt, dass Banken nicht wetten, nicht zocken und nicht Schwarzer Peter spielen. Hinterher weiß er’s besser. Am Ende gehen die beiden baden. Und selbst das wirkt nicht überzogen. So wenig wie das Finale im Wald, das an die herrlichen Plots der Egon-Olsen-Serie denken lässt.

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