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Ein Poesiealbum und eine Lesetour: Gegen den Krieg

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    Die Buchmesse steht vor der Tür. Als Fest der Leser angepriesen. Aber es gibt auch die kritischen Bühnen und Diskussionen. Und auch die kritischen Bücher. Richtiges Futter für Köpfe und Denker. Gerade in Zeiten der permanenten Unterhaltung und der Verwandlung der Welt in ein Entertainment rund um die Uhr. Selbst der Krieg ist zur Dauerwerbeschleife verkommen. Deutsche Waffen morden mit in aller Welt. Für Dichter deprimierend und verstörend.

    Am 16. März gibt es zur Buchmesse eine besondere Gedichtband-Vorstellung. Schauplatz Gohliser Schlösschen. Hier ist der offizielle Auftakt der Lesetour, die die Lyrikgesellschaft in diesem Jahr auf die Beine stellt. In Leipzig geht’s los. Bergkamen, Dresden, Isny, Magdeburg, Unna und Weimar sind weitere Stationen. Mehr sind zu wünschen. Es ist längst wieder an der Zeit.

    Die Bundesrepublik verkauft sich auch den eigenen Bürgern gern als friedliche und erfolgreiche Exportnation – doch die perfektionierten Waffensysteme aus deutschen Schmieden werden in alle Regionen verkauft, wo es brennt, wo überlebte Diktaturen um ihr Überleben kämpfen, wo Bürger zu den Waffen greifen, weil sie die verschworene Gemeinschaft der Herrscher und der mit ihnen verbündeten Plünderer ihrer Heimat nicht mehr ertragen. Die Bürgerkriege im Nahen und Mittleren Osten sind längst schon wieder Stellvertreterkriege, in denen die alten und neuen mächtigen Nationen um Rohstoffe und Märkte und Einfluss kämpfen lassen.

    Selbst die Versuche einer professionelleren Friedenspolitik, die bis 1989 mal Kennzeichen deutscher Politik waren, sind aufgegeben. Die Interessen dominieren, der Kotau ist tief. Und via TV erleben die Bewohner der Republik mit, wie anderswo die Städte zerbombt werden, Kriegsfürsten sich mit ihren Waffen stolz den Kameras präsentieren, wie Truppen aufgerüstet werden und Millionen friedliche Menschen vertrieben werden, als Flüchtlinge in Wüsten und an Küsten stranden.

    Das geht tief. Und es ist eine Enttäuschung für ein Land, das bis 1997 durchaus wieder stolz darauf sein durfte, an keinem Krieg beteiligt zu sein. Seitdem sind augenscheinlich alle Schleusen geöffnet, werden Panzer, U-Boote, Hubschrauber und Lenkraketen verkauft an jeden, der neues Material für seinen Wahnsinn braucht.

    Erstaunlich: Wütend sind die Dichter nicht. Es ist seit langem der erste Sammelband, der wieder Gedichte aus Deutschland gegen den Krieg versammelt. Junge Gedichte und jüngere, in den letzten Jahren entstanden. Gedichte, die auch zeigen, wie der alte Krieg noch nachhallt in den Erinnerungen jener Dichtergeneration, die in den 1930er Jahren geboren wurde. Diese Grau- und Weißhaarigen waren Kinder, als ihre Väter in den Krieg befohlen wurden, erlebten die Bombardements mit. Gleich eines der ersten Gedichte zeichnet ein Bild von „Gomorrha“ (Hans-Dietrich Bruhn), der großen Vernichtung, die die Stadt der Kindheit in Flammen verwandelt und die Schulfreundin in einen brennenden Engel. Der Schauplatz ist nicht dieses von sich selbst zu völlig eingenommene Dresden, sondern Hamburg.

    Aber auch jüngere Dichterinnen und Dichter schreiben über den Krieg. Einige wissen noch, wie ihre Eltern gezeichnet waren von diesem tiefen Fall, zerrissen fürs Leben. Zerrissen wie die verschossenen Städte und Dörfer. Die „Kriegsschatten“ (Gabriele Frings) sind noch gegenwärtig. In der Stille genauso wie im Warten, dass der Frieden doch endlich einmal kommt, so, wie es Andreas Reimann beschreibt („Der Frieden“). Denn anders als jene, die den Frieden als etwas Seiendes feiern, misstraut er der Zeit. Er weiß ja, dass unter dem Deckmäntelchen Frieden der Unfrieden wabert, dass die Geschäfte weitergehen und die Steifnackigen schon längst wieder daran arbeiten, Zwietracht zu säen. Und er glaubt keineswegs daran, dass wir in Frieden leben. „Vielleicht, wenn er kommt, dann erkenne ich ihn nicht.“
    „Aber der Krieg ist inmitten / der nicht zu ende gesprochenen sätze“ schreibt Undine Materni. Auch der Krieg verkleidet sich, versteckt sich im moderneren Vokabular. „sie boomt / die konjunktur vor meiner tür / der tod fliegt erster klasse plus“, schreibt Dieter Treeck aus Dortmund. Der Tod macht allerbeste Geschäfte, so lange Diplomaten gern so tun, als gelte der Satz für sie, den Clausewitz vor 200 Jahren für die Militärs formuliert hat: „Der Krieg ist die Fortsetzung de Politik mit anderen Mitteln“. Sie sollten lernen, sich als der Politik untergeordnet zu begreifen. In Preußen und Deutschland aber wurde das immer andersherum interpretiert. Und die Friedenspolitik fehlt. Fehlanzeige. Feigenblättchen.

    Wo die Politik versagt, regieren Business und Krieg.

    Und die Wahrheitsverdreher. Was Gernot Leeb mit „Opa ICQ“ so herrlich auf den Punkt bringt mit einer fiktiven Recherche im Netz nach Opa und einer Webadresse www.opawarkeinnazi.de. Der alte Krieg und die alten Lügen gären weiter, tauchen in immer neuen Maskeraden auf, mit Gewalttätigkeit und Hass sowieso.

    Nur in der Perspektive des Videoclips wird das alles zum Spiel. Wie in Michael Augustins „Luftaufklärung“. Das ist ja immer die erste Hilfestellung, die die Bundesregierung anbietet, wenn irgendwo in der Welt ein neuer Konflikt schwelt. Erst die Luftaufklärung, dann die Raketenabwehr, dann ein paar Pioniertruppen …

    „Hoch über uns am Himmel, / über den Schlachtfeldern, / die uns die Welt bedeuten …“

    Schon das einer dieser klug gebauten Verse, in denen die Wahrheit steckt. Aber die nächste Wendung ist noch treffender: „…oder uns am Arsch vorbeigehen.“

    Das hat nämlich was mit Liebe zu tun. Oder Gefühllosigkeit. Wer die Kriege in der Welt nicht als die eigenen begreift, wem die Welt nur Ballermann ist, der schaut zu und reißt auch noch zotige Sprüche.

    Es muss sich was ändern. Das spricht aus allen diesen Gedichten von 62 Autoren – darunter auch ein paar Fundstücke aus den Werken verstorbener Autoren. Eine Art Zwischenrechnung zwischen dem gewalttätigen 20. und dem augenscheinlich nicht weniger gewalttätigen 21. Jahrhundert. Erstmals als Doppelband in der Reihe „Poesiealbum neu“. Und die Botschaft ist auch: Der Krieg sitzt in unseren Köpfen. „Wie krieg ich bloß / die bilder wieder los?“ fragt Fitzgerald Kusz. Denn die Bilder bestechen auch, seit sie da sind, seit sie von den PR-Abteilungen der Armee-Stäbe in bestechender Brillanz frei Haus geliefert werden: Ihr könnt uns zuschauen, wenn wir ganz sauber vernichten und töten.

    Das Böse wird durch Bilder und Worte erst geschaffen.

    Dagegen hilft oft nur das bildhafte Entsetzen, die Trauer, die zu Worten werdende Angst. Und es ist allerhöchste Zeit, Angst zu haben, wenn die Waffengeschäfte florieren.

    Poesiealbum neu „Gegen den Krieg. Gedichte & Appelle“, Edition Kunst & Dichtung, Leipzig 2013, 6 Euro.

    Die Poesiealbum neu-Lesetour 2013 in sieben Städten, an acht Orten:

    Zum Auftakt der „Poesiealbum neu-Lesetour 2013“ lesen am Samstag, 16. März, um 17 Uhr im Gohliser Schlösschen (Menckestraße 23) Roland Bärwinkel, Wilhelm Bartsch, Roza Domascyna, Andreas Reimann und Johanno Strasser. Es moderiert Ralph Grüneberger, als Herausgeber der Reihe. Musikalische Zäsuren setzt Martin Hoepfner an der Gitarre. Die Tour wird gefördert von der Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten aus Mitteln des Bundes, der Stadt Leipzig und von den Mitveranstaltern vor Ort.

    www.lyrikgesellschaft.de

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