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Eine faszinierende Entdeckung auf der Straße der Romanik: Starke Frauen in einer großen Zeit

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    Die Idee drängt sich geradezu auf. Im Dom zu Naumburg sind sie zu sehen, in Magdeburg und in Nordhausen: eindrucksvolle Gestalten historisch verbürgter Frauen aus dem heutigen Sachsen-Anhalt. Zumeist als Stifterfigur. Die berühmteste unter ihnen: Uta von Naumburg. Selbst Umberto Eco bekannte seine Liebe zu ihr. Oder? War da was? Könnte es sein, es ist die Falsche?

    Noch 2011 zierte die berühmte „Uta von Ballenstedt“ auch ein Büchlein aus dem Buchverlag für die Frau: Wieland Führs „Naumburg“. Doch die junge Dame, die auch bei Wikipedia noch immer als „Uta von Naumburg“ gezeigt wird, ist es nicht. Aber wie lange dauert es, bis sich falsche Interpretationen korrigieren lassen? Die Krone verrät sie. Die junge Frau mit dem scheuen, etwas fremdelnden Blick, die Eco so bezaubert hat, heißt Reglindis, Tochter des Königs von Polen. 1002 oder 1003 hat sie Herrmann, den Markgrafen von Meißen, geheiratet. Was ihr der berühmte Naumburger Meister auf den Kopf gesetzt hat, ist eine Königskrone.

    Sie ist schon 1016 in jungen Jahren gestorben. Vielleicht war auch das ein Grund für den Naumburger Meister, ihr ein besonders melancholisches Gesicht zu geben. Das diesmal nicht den Buchtitel ziert, auch wenn im Innenteil die eindeutige Erklärung steht: Uta von Ballenstedt. Doch zu sehen ist dort die fröhlich grinsende Frau, die man bislang als Reglindis bezeichnete. Ohne Königskrone. Denn die richtige Uta war ja weder Königin noch Königstochter, sondern Tochter des Grafen Adalbert I. von Ballenstedt. Sie wurde mit dem Markgrafen Ekkehard von Meißen verheiratet.Ludwig Schumann ist konsequent und weist beiden Frauen in diesem Buch ihren richtigen Namen, Rang und Ehepartner zu. Er erzählt auch beider Lebensgeschichte, die schon dadurch Platz in der historischen Überlieferung fand, weil beide in ihrer Zeit, dem 11. Jahrhundert, die Gemahlinnen hochrangiger Fürsten wurden. Und es kommt hinzu: Damals spielte nicht nur die deutsche, sondern auch die europäische Musik im heutigen Sachsen-Anhalt.

    Davon erzählt die Straße der Romanik, die deshalb zwischen Magdeburg, Drübeck, Gernrode, Ballenstedt, Naumburg und Merseburg so reich bestückt ist, weil hier die Stammlande der damaligen sächsischen Könige und Kaiser waren, der Heinriche und Ottos, die das ostfränkische Reich erst zu dem machten, was man heute so lax Deutschland nennt. Und nicht nur das: Sie traten mit ihrem Herrschaftsanspruch in die Fußstapfen Karls des Großen und besorgten sich in Rom nicht nur die (weströmische) Kaiserkrone, sie nahmen auch zur damals größten Macht in Osteuropa, dem Byzantischen Reich als Nachfolger Ostroms, diplomatische und vor allem verwandtschaftliche Beziehungen auf. Davon erzählt die Geschichte Theophanus, die 972 Otto II. heiratete. Die Stadt, die damals im Zentrum des Weltgeschehens stand, war Quedlinburg.

    Aber auch in westlicher Himmelsrichtung suchten die Sachsenherrscher ihr Renommé zu stärken. Davon erzählt wieder die Geschichte Edithas alias Edgiths, Halbschwester des angelsächsischen Königs Aethelstan. So beiläufig erwähnt Schumann, was das bedeutete: Otto, der sie 930 heiratete, brauchte keine Fremdsprache zu lernen: In England und in Magdeburg sprach man dieselbe Sprache, die Sprache der alten Sachsen.

    Wer auf der Straße der Romanik unterwegs ist, macht im Grunde eine Sightseeing-Tour in der Wiege Deutschlands. Nicht nur Burgen gehören dazu, auch Dome, Kirchen und Klöster. Und das bedingt dann auch die Auswahl, die Ludwig Schumann treffen musste. Denn die Zeit der Sachsenkaiser kannte zwar ihre großen Chronisten wie Thietmar von Merseburg und Widukind von Corvey. Doch nur eine Gesellschaftsklasse kommt in ihren Chroniken tatsächlich namentlich vor – die der Adligen. Und das trifft dann eben auch für die „Großen Frauen“ zu. Sie tauchten in den Annalen als Gemahlinnen der großen Kämpen auf, da und dort mit Legenden umrankt, da und dort auch als Herrscherin, wenn die kämpfenden Gemahle auf fremden Schlachtfeldern und Gefilden viel zu früh ihr Leben aushauchten.

    Theophanu und Adelheid waren es, die den Ottonen die Macht sicherten, als Otto III. noch minderjährig war. Schumann spricht von der intensiven Netzwerkarbeit dieser beiden Frauen, was den Blick auf etwas lenkt, was auch im 21. Jahrhundert noch gilt: Männer neigen viel eher dazu, ihre Interessen mit Gewalt durchzusetzen und „klare Fronten“ zu schaffen und Gegner niederzuringen. Das Wirken insbesondere von Adelheid aber lässt für ein paar wichtige Jahre eine Alternative in der frühen deutschen Geschichte aufblitzen, die dem noch jungen Land und damit wohl auch Europa einen anderen Dreh hätte verleihen können.Wie schnell Männer wieder ihre alten „Talente“ zur Geltung bringen, zeigte dann der Übergang der deutschen Königskrone 1024 von den Ottonen auf den fränkischen Herzog Konrad. Die Folgen sind bekannt: ein ganzes Zeitalter der Krisen und Auseinandersetzungen um die Macht.

    Was auffällt, ist der starke religiöse Impetus im Buch von Ludwig Schumann. Denn viele seiner starken Frauen sind Nonnen, Äbtissinnen, Mystikerinnen. Was auch wieder mit der historischen Überlieferung zu tun hat. Denn nur als solche konnten die adligen Frauen auf andere Art noch Karriere machen. Oft sogar eine wesentlich gesündere, denn es waren die Klöster, die seinerzeit die Horte der Bildung waren. Die Insassinnen lernten oft nicht nur das Schreiben und das Lesen religiöser Schriften, sondern auch Dinge, die man heute als Heilkunst und Naturlehre einsortieren würde. Ein bis heute legendäres Kloster in dieser Beziehung ist das Kloster Helfta.

    Die Betonung im Titel „Große Zeit starker Frauen“ ist – so betrachtet – eigentlich nicht nötig. Die Zeit der Sachsenkaiser hat keinen besonders ausgefallenen Frauenschlag hervorgebracht. Nur haben Frauen in einigen sehr wichtigen Momenten der Geschichte die Chance bekommen und genutzt, zu zeigen, was Frauen können, wenn Männer sie lassen. Das haben sie auch in späteren Jahrhunderten immer wieder getan. Auf der Straße der Romanik trifft man sie nur zum ersten Mal im deutschsprachigen Raum, bekommen sie erstmals Namen und Lebensgeschichten. Und – etwas später, quasi im Nachhinein, auch ein Gesicht. Denn so zahlreich sie als Stifterfiguren in den Domen Sachsen-Anhalts zu stehen scheinen, sind es jedes Mal nur Idealfiguren, die Jahrzehnte nach ihrem Tod von namenlosen Künstlern wie dem Naumburger Meister geschaffen wurden.

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    Große Zeit starker Frauen
    Ludwig Schumann, Buchverlag für die Frau 2013, 14,90 Euro

    Bei aller Verlustangst, die nun männliche Zeitgenossen haben, wenn ihnen „ihre Uta“ abhanden zu kommen scheint, ist es vielleicht auch ein Stück Neugier, das man mitbringen kann, auf eine neue faszinierende Schönheit – Reglindis, die polnische Königstochter, die eben auch von einem frühen Sachsen erzählt, das schon Nachbarschaftspflege mit dem polnischen König pflegte, als andere Fürsten nur Schwert und Feuer als diplomatische Mittel kannten. Es ist schon erstaunlich, wie jung dieses 10.und 11. Jahrhundert im Vergleich mit unserer Gegenwart wirkt. Alles ist schon da, was heute Konflikte schafft – oder mindert. Und die meisten Männer, das kann man so beiläufig feststellen, haben nichts daraus gelernt in den vergangenen 1.000 Jahren.

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