Wenn Romeo und Julia so über ihr spätes Liebesleben nachdenken: Sex vor Zwölf

Humor ist nicht gleich Humor. Das weiß jeder, der im Satire-Regal einer Buchhandlung verzweifelt. Da gibt es den hochkarätigen, fast würdevollen Humor eines Loriot, da gibt es die derben Comedy-Witze aus dem deutschen Privat-TV, da gibt es Herzerwärmendes von Heinz Erhardt, Bissiges von Dieter Hildebrandt und - jede Menge Spaß ums tägliche Überleben. In dieser Sparte ist U. S. Levin zu Hause.
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Der 1960 Geborene lebt in Markkleeberg im Süden Leipzigs und war in den 1990er Jahren in allerlei ostdeutschen Zeitungen präsent. Seine Welt ist die Welt der Kleinen Leute, die sich mit Fatalismus und Stammtischhumor durchs Leben schlagen. Oder durch das, was Behörden und Institutionen draus gemacht haben. Beispielhaft durchexerziert an der Krankenakte des deutschen Gesundheitswesens. Und nun dies: der Sex. Oder das, was am Ende aller Tage davon übrig bleibt.

So einer wie Levin braucht auch nicht einmal die göttliche Erlaubnis zur Feldforschung (die er sich trotzdem in der ersten Traum-Geschichte besorgt). Denn Berichte über Sex in der Nachbarschaft oder im eigenen Schlafzimmer haben natürlich immer etwas Voyeuristisches. Auch in einer Gesellschaft, die Sex vermarktet, als sei es ein Hochleistungssport ohne Grenzen zur Privatsphäre. Da ist nicht nur Levin in kargeren Zeiten aufgewachsen. Ein paar Jugenderinnerungen kommen natürlich auf, wenn man so Bilanz zieht im mittleren Alter und versucht, dem üblichen Bild des potenten Männchens noch zu entsprechen. Da und dort taucht er in seinen Geschichten ganz tief in die Bilderwelt der Stammtisch-Machos ein und auch in die Phantasien, die dort gepflegt werden. Wer hätte schon nicht einmal geprahlt, er wünsche sich am liebsten, zwei, drei, vier Frauen im Bett, am besten gleich einen ganzen Harem? Wer prahlt nicht auch noch mit Schwimmring und kurzem Atem, er sei im Bett noch allemal so wild wie ein junger Jägersmann?Und erst recht in der Jugend: War man da nicht der Schürzenjäger Nummer 1 in der Schule?

Naja. Nicht ganz. Ab einem gewissen Alter darf man ja auch etwas ehrlicher sein und von all den erfolglosen Versuchen erzählen, mit denen man versuchte, bei den tollsten Bienen in der Schule zu landen – und wie kläglich man daran scheiterte, weil eine wilde Akne und ein schmaler Brustkorb bei der Damenwelt nicht wirklich Staunen hervorriefen. Aber wohin mit den Trieben? Ins dunkle Vorstadtkino, wo Claudia Cardinale zwar nicht viel zeigte, aber Jungenträume zum Schäumen brachte? Wie lang ist das her?

Wenn man erst mal über 50 ist, wird so Manches historisch und nostalgisch, nicht nur der Blick auf die eigene Erscheinung im Spiegel.

Außerdem schaut man dann irgendwie schon von der anderen Seite auf all die Romeo-und-Julia-Geschichten. Man weiß, wie sich Prinz Romeo verändert hat – und dass Julia sich von dem tollen Kerl damals ganz bestimmt etwas anderes versprochen hat, als so einen trüben Sesselhocker, dem nicht mal ein tolles Geschenk für die Schwiegermutter einfällt. Und die Julias sehen auch nicht mehr wie „die Julia“ aus, eher ein bisschen rundlich und erstaunlich streng. Irgendwie haben sie die vollmundigen Versprechungen der großen Schwärmerei für voll genommen und erwarten vom gealterten Romeo eine Art ewiger Dienstbarkeit und vor allem, dass er zuhört. Immer.

So ergeben sich einige Verwirrungen in Levins Geschichten natürlich aus den ganz normalen Missverständnissen zwischen Mann und Frau, weil Mann im entscheidenden Moment nicht zugehört hat. Was nicht heißt, dass Mann sich besser fühlt, wenn er immer zuhört. Einige der traurigen Gestalten in Levins Geschichten scheinen gänzlich den Boden unter den Füßen verloren zu haben und haben es auf einmal mit recht machtbewussten Julias zu tun, die keine Scheu haben, ihren gealterten Romeo nach Strich und Faden herunterzuputzen.

Da und dort lässt Levin dann auch den echten Macho heraus. So ein gestandener Mann muss ja doch auch mal beweisen, dass es Felder gibt, auf denen Frauen ihm nicht das Wasser reichen können. Ein uraltes Thema ist ja das Einparken von Automobilen. Oder wie wäre es mit der Eisenbahn im Keller, die Papa wieder rausholen kann, wenn das Kind nach 27 Jahren das Haus verlässt? Oder wie wäre es mit einem Seitensprung? Erzählt einem das deutsche Fernsehen nicht jeden Tag, dass das Flachlegen diverser schwacher Geschöpfe ein sicheres Zeichen für einen Erfolgsmann ist?Gerade wenn der schon schütteres Haar und einen ordentlichen Rundbauch hat? – Es sind ja nicht nur die Stammtische, die mit den Erwartungen an Liebesleben und gute Ehen ihre Probleme haben und gern über Dinge flachsen, über die sich in der Regel keiner traut, wirklich ein offenes Wort zu reden. Außer unter Kumpels. Unter vier Augen, aus denen dann schnell sechs Münder werden. Männer tratschen ja eigentlich genauso gern wie Frauen. Würden das aber nie zugeben. Wie so Vieles. Irgendwann nach 25 goldenen Jahren ist so Manches nur noch Schein und Fassade. Oder eine lieb gewordene Gewohnheit, von der man sich eigentlich nicht mehr trennen möchte.

Bis dann die Holde kommt und Forderungen stellt. Oder die Kinder das Haus verlassen – diese unvermeidlichen Brüche im Lebenslauf, an der so manche lange, knirschende Partnerschaft scheitert. Und wenn man dann noch immer in den alten Schleifen steckt und felsenfest daran glaubt, dass man auch für die Angetraute, die einen ja nun bestens kennt, ein unwiderstehlicher Naturbursche ist, dann kann das schief gehen. Gründlich. Es sei denn – und das klingt bei Levin eher an, als dass er seine fröhlichen Kalauer darüber reißt – man hat mit der Getreuen auch andere Gemeinsamkeiten gefunden und dieser wilde, unersättliche Sex setzt nicht mehr die Maßstäbe für die Liebe.

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Sex vor zwölf
U. S. Levin, Mitteldeutscher Verlag 2014, 9,95 Euro

Aber wer kann schon aus den alten Rollen? Oder gar drüber reden? Auch diese Szenen des Aneinandervorbeiredens finden sich. Einige dieser Satiren aus dem Ehebett haben hinter allem Vergnügen auch einen recht knurrigen Ernst. Wie geht man damit um, wenn Romeo und Julia die alten Kostüme nicht mehr passen? Sucht man sich was Neueres, Jüngeres, und riskiert dabei das Vertraute? Oder gibt man gleich eine Annonce auf und bittet den Kumpel um Beistand beim Verfassen der Antwortbriefe? – Manch bekannter Topos der Humorliteratur findet hier sein Plätzchen. Geschichten solcher Art könnte U. S. Levin am laufenden Band schreiben. Tut er ja auch. Themen gibt es genug. Denn der Mensch ist ein Tier voller Träume und Ideale. Und merkt oft gar nicht, wie lächerlich er sich dabei macht, die Traumrollen auszufüllen.

Deswegen hat Shakespeare ja sein berühmtes Liebespärchen so früh sterben lassen. Aus der Rückschau sehen solche Anfänge immer etwas anders aus. Da wissen dann Romeo und Julia ziemlich genau, was sie sich eingehandelt haben.

Die Zeichnungen dazu hat Peter Dunsch angefertigt. Hübsch leichtfertig, wie sich das für ernsthafte Literatur gehört.


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