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Sind Religion und Politik unvereinbar? Oder: Wer zerstört eigentlich die Gesprächsgrundlage unserer Gesellschaft?

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    Wenn sich Philosophen den Kopf zerbrechen, kann es passieren, dass Fragen offenbleiben. So ist es auch dem Leipziger Sozialwissenschaftler, Politikwissenschaftler und Philosophen Henry Lewkowitz seit 2014 ergangen, als er sich für seine Masterarbeit mit der (Un-)Vereinbarkeit von Politik und Religion beschäftigte. Wie schon Dutzende Philosophen vor ihm.

    Das Problem beginnt schon damit, dass die Definition von Religion nicht so einfach ist. Religionen unterscheiden sich oft deutlich, haben unterschiedliche Riten und Glaubensinhalte. Nur in einem scheinen sie sich zu ähneln – da bezieht sich Lewkowitz auf eine Definition von Arne Moritz – in der „sozial konstruierten Infallibilität“, also einer „sozial konstruierten Annahme unmöglicher Falschheit einer Überzeugung“, auch wenn diese sehr wohl überprüft werden könnte und dann meist der Prüfung nicht standhält. Auf den ersten Blick scheint es wirklich so: Religionen stehen mit der nicht infrage zu stellenden „Wahrheit“ ihrer Grundannahmen unvereinbar einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft und Politik gegenüber, die auch dann funktionieren muss, wenn unterschiedlichste Gesellschaftsgruppen völlig unterschiedliche Ansichten zur Welt haben.

    Deswegen haben moderne Gesellschaften auch keine Heiligen Bücher als Geschäftsgrundlage, sondern beruhen auf Vereinbarungen, die in sich logisch, nachvollziehbar und für alle Gesellschaftsmitglieder gleich sind. Sie werden gemeinschaftlich beschlossen, immer wieder auch neu verhandelt und manchmal auch korrigiert. Meist garantieren sie auch religiöse Freiheiten, gewähren religiösen Gruppen sogar besondere Vorrechte. Auch dann, wenn der Dialog mit religiösen Gruppen und Menschen manchmal kompliziert ist. Oder auch frustrierend. Die lange Vorgeschichte der modernen Staaten ist ja davon geprägt. Auch von der Unbarmherzigkeit, mit der religiöse Gruppen und Herrscher oft an der „Wahrheit“ festhielten und der gesamten Gesellschaft ihre Ansichten aufoktroyierten. Diese Besserwisserei gibt es auch heute noch. Teilweise mit aggressiver Gewalt, wenn fundamentalistische Gruppen beginnen, ihre „Wahrheit“ der Welt regelrecht aufzuzwingen.

    Wie problematisch das ist, darauf kommt Florian Illerhaus in seinem Nachwort zu sprechen. Auch er merkt, dass es ziemlich unbefriedigend ist, wenn Philosophen dann doch eher keine Antwort finden auf so eine Frage: Sind Politik und Religion nun vereinbar oder nicht?

    Denn mit seiner Argumentation kann Lewkowitz am Ende nur feststellen, dass man in dieser Konstellation eigentlich ein unlösbares Problem vor sich hat. An dem schon Generationen hochkarätiger Philosophen von Kant bis Habermas gescheitert sind. Wenn Religion bedeutet, dass es einen unverhandelbaren Kern von Glaubensüberzeugungen gibt, die allein deshalb als wahr zu gelten haben, weil sie die Glaubensgemeinschaft als unabdingbar und unhinterfragbar definiert hat, dann sind diese Überzeugungen in einer politischen Gesellschaft nicht kommunizierbar. Man braucht entweder Übersetzungshelfer – oder man hat scheinbar Gruppen von Gläubigen, die nicht am gesellschaftlichen Dialog teilnehmen, also immer so eine Art Fremdkörper sind, der mit seinen „Wahrheiten“ eher den rationalen Verständigungsprozess in der Gesellschaft stört.

    Das Problem an Philosophie ist oft: Sie sucht auch gern nach „Wahrheiten“ und Klarheiten. Und landet dann doch – wie schon Kant – immer dann, wenn es um gesellschaftliche Prozesse geht, an solchen Stellen, an denen auch Lewkowitz am Ende landet: an Orten, wo alles im Fluss ist. Oder eben wie Lewkowitz bei der Feststellung, dass „postsäkulare Gesellschaften“ von Perspektivenvielfalt und öffentlichen Debatten geprägt sind. Warum Lewkowitz von postsäkularen Gesellschaften spricht, erschließt sich nicht wirklich, denn debattiert wird die ganze Zeit die säkulare Gesellschaft, wie wir sie heute haben.

    Tatsächlich haben seine Ausflüge – auch zu Habermas – eigentlich gezeigt, dass das Problem dieser Ausschließlichkeit gerade die statische Betrachtungsweise ist. Als wenn starre religiöse Anspruchshaltungen einer starren rational geformten Gesellschaft gegenüberstehen. Was einfach kein belastbares Modell ist. Denn Lewkowitz kommt selbst an den Punkt, an dem er die deutlich wahrnehmbaren Veränderungen in moderner Religionsausübung beschreibt. Was übrigens erstaunliche Effekte mit sich bringt: Religion wird einerseits immer mehr zu einem Objekt individueller Wahl und Lebensgestaltung – auf der anderen Seite nutzen immer mehr politische Gruppen „Religion“ als Normgerüst für radikale und terroristische Übergriffe.

    Was übrigens auf einen Aspekt von „Religion“ verweist, der auch benannt wird: Es ist auch eine politische Kategorie. Das Problem moderner Gesellschaften ist eher nicht die Gesprächsunfähigkeit religiöser Menschen, sondern die Gesprächsverweigerung politischer Gruppen, die sich der Religion als einer „Wahrheit“ bedienen, die rigoros über die Rationalität der demokratischen Entscheidungsfindung gestellt wird. Tatsächlich aber untergraben diese Gruppen den rationalen gesellschaftlichen Konsens, indem sie sogar die kritische Eigensicht der Wissenschaft gegen Wissenschaft und Gesellschaft kehren. Denn wer seine Glaubenssätze als einmal festgelegte Wahrheit betrachtet und sie nicht mehr hinterfragt, ist – scheinbar – in einer stärkeren Position als wissenschaftlich denkende Menschen. Denn Grundlage aller Wissenschaft ist die Überprüfbarkeit aller Thesen, Experimente, Theorien und Schlussfolgerungen. Wissenschaftler setzen sich selbst immer wieder der Beweispflicht aus. Zweifeln ist ihr Handwerk. Und sie hinterfragen den Stand ihrer Erkenntnisse immer wieder. Sie wissen, dass sie sich einer vollkommenen Erkenntnis der Welt immer nur nähern können, deshalb verkünden sie auch keine absoluten Wahrheiten.

    Deswegen gibt es übrigens auch keine perfekten Gesellschaften. Moderne Demokratien beruhen in Gänze darauf, dass sich eine Gesellschaft gemeinsame Normen und Maßstäbe ausgehandelt hat und sich auch darauf geeinigt hat, dass diese Normen nur in gemeinsamen Abstimmungsprozessen verändert werden. Deswegen – und das ist der Schritt, den Lewkowitz dann nicht mehr geht – bestehen moderne Demokratien ganz elementar aus öffentlichen Debatten. Sie sind vor allem öffentliche Debatte, die aber vor allem eines voraussetzt, was Lewkowitz recht ausführlich erörtert: Respekt. Nicht Toleranz. Es geht nicht um das Dulden anderer Meinungen, Haltungen und Ansichten. Das ist schon Verachtung und Abwertung. Es geht tatsächlich darum, andere Ansichten und Lebensarten zu respektieren.

    Nur dann ist ein Diskurs auf Augenhöhe möglich.

    Was einen beim Lesen übrigens auf ein, zwei erstaunliche Gedanken bringt.

    Erstens: dass all die Leute, die heute vom „christlichen Abendland“ schwafeln, nicht gegen den fernen Orient opponieren, sondern in Wirklichkeit die säkulare Demokratie hierzulande angreifen. Und zwar unverhohlen. Sie wollen die säkulare Demokratie wieder durch religiös motivierte Staatsgebilde ersetzen.

    Das meinen sie wirklich so, auch wenn sie es vielleicht nicht begreifen. Denn das Thema streift Lewkowitz nur ganz schwach, nämlich, wie religiös eigentlich Menschen ticken, die sich keiner Religion verbunden fühlen. Lewkowitz bedauert an der Stelle zu Recht, dass es dazu viel zu wenige soziologische Forschungen gibt. Denn augenscheinlich haben wir im 20. Jahrhundert einige Herrschaftsformen erlebt, die sich zwar wild kirchenfeindlich gaben, selbst aber wieder eigene religiöse Riten schufen, die aufs Engste mit der Heiligung von Staat und Regierung verbunden waren. Zweitens also: Man hat es also nicht nur mit religiösen Menschen zu tun, die möglicherweise Schwierigkeiten haben, ihren Glauben in den gesellschaftlichen und säkularen Diskurs einzubringen, sondern auch mit einer Menge Menschen, die voller religiöser Haltungen und (Vor-)Urteile sind und ebenso unfähig zum demokratischen Respekt.

    Und augenblicklich sind wir ja in einer Phase, in der die europäischen Demokratien zerstört zu werden drohen in einer zunehmenden Respektlosigkeit, verbunden mit der Unwilligkeit der auftrumpfenden neuen Bewegungen zum rationalen öffentlichen Diskurs.

    Das geht jetzt schon weit über die Arbeit von Lewkowitz hinaus. Aber es könnte genau der Punkt sein, über den jetzt nachgedacht werden müsste: Ob es sich demokratische Gesellschaften eigentlich leisten können, die Irrationalität als Dominante der Verständigung zu akzeptieren. Und vielleicht auch: Warum es erst so weit hatte kommen können? Denn dann hat ja augenscheinlich ein einmal wissenschaftlich gedachtes Bildungssystem komplett versagt. Was ich stark vermute. Was viel mit dem selbst irrationalen Effizienz-Denken der modernen Politik zu tun hat. Denn das Zur-absoluten-Wahrheit-erklären ist ja nicht nur eine Eigenschaft von Religionen, sondern auch von politischen Interessengruppen und Wissenschaftlern, die ihre Thesen nicht mehr beweisen wollen, sie aber dringend „der Politik“ anzudienen streben. Was dann erst recht eine Kopfnuss für Henry Lewkowitz ist: Was passiert, wenn irrationale religiöse Bewegungen Teil der Politik werden und gesellschaftliche „Wahrheiten“ selbst irrational sind? Und trotzdem als „alternativlos“ verkauft werden?

    Es ist leider so, dass die Behauptung „ewiger Wahrheiten“ kein Alleinstellungsmerkmal von Religionen ist. Dazu sind sie viel zu gut missbrauchbar, um in gesellschaftlichen Veränderungen eigene Interessen durchzusetzen. Gerade weil sie so schöne „einfache Wahrheiten“ sind, die sich durch ihre Schlichtheit deutlich abheben von diesem ganzen komplizierten Aushandlungsprozess, der Demokratien nun einmal sind.

    Normalerweise halten Demokratien eine Menge aus. Aber sie gehen kaputt, wenn die Akteure nicht nur den Respekt gegenüber Anderen verlieren, sondern auch die rationale Debatte verweigern. Was offensichtlich der Fall ist, wenn sich soziale Netzwerke in die Filterblasen absoluter Wahrheiten verwandeln, ganze Gruppen sich in eigene Welten zurückziehen, die mit den üblichen demokratischen Diskursforen nichts mehr zu tun haben, und die Respektlosen dann auch noch über „die Medien“ herziehen, die nicht ihre Meinung huldigen.

    Es ist eigentlich nur ein Satz am Ende von Lewkowitz Auseinandersetzung, der all diese Überlegungen anregt. Das Problem sind augenscheinlich nicht die Religionen, sondern es sind die irrationalen Strömungen in der ganzen Gesellschaft, die den demokratischen Diskurs zerstören – und damit die Grundvereinbarungen unserer Gesellschaft.

    Henry Lewkowitz Politik und Religion, bookra Verlag, Leipzig 2016, 12,90 Euro.

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    2 KOMMENTARE

    1. Ich weiß das ich nichts weiß, aber ich ahne, dass Religion und die Politik bewirkten, dass Menschen untereinander an ihrer Unvereinbarkeit scheiterrten und scheitern.

    2. „Respekt. Nicht Toleranz. Es geht nicht um das Dulden anderer Meinungen, Haltungen und Ansichten. Das ist schon Verachtung und Abwertung. Es geht tatsächlich darum, andere Ansichten und Lebensarten zu respektieren.“
      So hab ich das noch nie gesehen. Darüber werd ich wohl ne Weile nachdenken, danke für diese Anregung. Mal wieder.

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