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Charlie erschüttert das Schweinevogel-Universum und Iron Doof gerät unter die „besorgten Bürger“

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    Nicht nur einen, sondern gleich zwei Piccolos mit Schweinevogel-Geschichten hat Schwarwel jetzt vorgelegt für alle Freunde dieses leicht übergewichtigen Zeitgenossen, der so gern seine Tage mit Erdnussflips auf dem Sofa verbringt. Aber wer dachte, in den nächsten 50 Geschichten geht es einfach so weiter wie in den anderen, der sieht sich überrascht und überrumpelt.

    So wie es Schweinevogel selbst ging im fernen Jahr 2015. Oder war es doch Schwarwel, der Zeichner, der ja immer ein Stück weit in jeder seiner Figuren steckt? Und der auf den Anschlag auf das französische Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ mit einem so eindeutigen wie vielsagenden „Schweinevogel“-Strip reagierte: vier schwarze Felder, kein Schweinevogel, kein Licht. Nur der Titel „Charlie ist tot – lang lebe Charlie“, der jetzt als Nummer 242 für immer die Zäsur setzen wird in den Schweinevogel-Abenteuern. Es gibt ein Davor, das in der Rückschau beinahe wie Schweinevogels unschuldige Sofa-Zeit aussieht, und ein danach, das zu erschreckenden Verwandlungen führt.

    Nicht bei Schweinevogel. Auch wenn der sich kurz nach „Charlie“ animiert sieht, auf die Straße zu rennen zu den anderen Leuten, die da mit grimmiger Miene „Wahrheit!“ fordern. Für den selbstgewissen Vogel wird das nicht zum Erweckungserlebnis, sondern zur ernüchternden Dusche. Man kann sich zwar daheim auf seiner Fernsehcouch alle möglichen Gedanken machen über den Zustand der Welt, der Politik und die Lösungen für alle Probleme. Aber es ist etwas völlig Anderes, wenn man mit hunderten grimmiger und verbissener Typen zusammensteht, die außer den Parolen mit lauter Ausrufezeichen nichts fertigbringen. Die Stimmung steckt zwar an. Aber wenn das Gebrüll dazu führt, dass man am Ende selbst nur noch erschrocken die Klappe hält, dann läuft augenscheinlich etwas falsch.

    Und das verschärft sich noch an dem Tag, da ausgerechnet der immer fleißige Iron Doof im Internet von der wabernden Stimmung und den frustgeladenen Forderungen angesteckt wird. So als emsiger Betrachter der Schweinevogelwelt ist man erst einmal überrascht. Ausgerechnet Iron Doof? Der immer Fleißige, der auch dann weiter putzt und kocht und das Geld ranschafft, wenn es von Schweinevogel wieder nur einen gegrunzten Kommentar gegeben hat?

    Aber wer sonst? Es steckt eine tiefe Wahrheit in dieser Rollenwahl, eine, die vielleicht nur erkennt, wer mit diesem anerzogenen Widerspruch aufgewachsen ist, diesem Lobpreis von Fleiß und „Mach dich nützlich“ und den ewigen Vorwürfen, wenn einer doch mal ausscherte: „Liegst du schon wieder faul rum! Willst du nicht endlich mal ein bisschen helfen“?

    Als Schweinevogel 1987 geboren wurde, war er genau dieser murrende Widerspruch gegen eine Gesellschaft, die Faulenzen und Ausklinken als asoziales Schmarotzertum verachtete und – wenn man mal wieder Exempel statuieren wollte – auch entsprechend sanktionierte.

    Und zur Wahrheit gehört auch, dass dieser Aufpassergeist im Osten noch immer lebt – verbiestert, verbohrt, selbstgerecht. Und mit genau der finsteren, vorwurfsvollen Miene zelebriert, die, wer wollte, bei PEGIDA und LEGIDA und all den anderen Zusammenläufen der erzürnten Kleinbürger sehen konnte. Oder bei diesen ganzen selbstgerechten Protesten in Freital, Clausnitz, Heidenau. Das ist die Schnittstelle des sozialistischen Ach-wir-sind-ja-so-fleißig-Ethos mit dem Arbeitsdienst-Ethos der Nazis und der Verachtung der Neoliberalen für die „Sozialschmarotzer“. Das hat alles eine lange und finstere Geschichte. Und es ist kein Zufall, dass es am Ende Iron Doof erwischt, der selbst dann noch zerknirscht in die Küche schleicht, wenn er vom faulen Schweinevogel ziemlich unzensiert an den Kopf gesagt bekommen hat, dass er sich bitteschön ums Essen zu kümmern habe, während sich der gewichtige Bursche auf dem Sofa erst mal vom Ausruhen ausruhen muss.

    Siehe da: So kommt man an mitten in der ganz und gar nicht nur ostdeutschen Wirklichkeit, jenem muffigen Milieu, in dem sich das ganze gebremste Leben mit seinen Vorwürfen, Miesepetrigkeiten und dem ramponierten Selbstbewusstsein eingerichtet hat.

    Man müffelte so vor sich hin in der selbstgesuchten Nische. Und das Entsetzliche: augenscheinlich sind eine Menge Leute seit 1989 nicht rausgekommen aus dieser Nische. Sie haben zwar Bananen und volle Reisefreiheit bekommen – aber sie haben ihren kleinen Kopfkäfig nicht verlassen und grollen und schmollen nun wieder öffentlich, weil augenscheinlich „die da oben“ wieder mal nicht alles richtig machen.

    Da geht es dann also auch im Bauwagen von Iron Doof und Schweinevogel heftig zur Sache, dreht Iron Doof regelrecht durch, verbarrikadiert die Tür und droht Schwei-Schwei und seinem außerirdischen Freund Swampie mit einem Umerziehungslager. Da wedeln die zwei schlecht begrabenen Vergangenheiten grimmig mit der Fahne. Und auf einmal ist dieser Schweinevogel emotional wieder da, wo er begonnen hat: im stillen und hartnäckigen Widerstand gegen diese permanente Aufforderung, sich seine Lebensberechtigung durch fortwährende Einsatzbereitschaft zu verdienen.

    Davon hatte er 1989 schon die Schnauze voll. Und nun kommt das wieder. Mit derselben grimmigen und beleidigten Miene.

    Nicht auszuhalten.

    Logisch, dass dieser Schwerenöter, der nie einem Tierchen ein Leid tun könnte, dann in den Wald geht und seinen Frust hinausschreit.

    Was nicht hilft. Da kommt ja die Botschaft nicht da an, wo sie hingehört. Denn Iron Doof hat zwar aufgehört, die dämlichen Parolen nachzuplappern, die da aus allen Kanälen getropft sind. Aber wem einmal eine dieser dusseligen Verschwörungstheorien in den Kopf gepflanzt ist, der hört nicht auf. Der versucht dann auch noch mit glücksstrahlender Miene zu beweisen, dass die Erde eine Scheibe ist.

    Ein turbulentes Bändchen also, das die Schweinevogel-Freunde hier in die Hand bekommen, gleichzeitig auch noch einmal ein Flashback in eine wirklich bekloppte Zeit, die auch diese phlegmatischen Bauwagenbewohner gerade so und mit Ach und Krach hinter sich gebracht haben. Ein bisschen mehr Ernst und Sarkasmus, als man es sonst von Schwarwel zumindest in seinen Schweinevogel-Abenteuern gewohnt ist.

    Aber ehrlich?

    Das musste mal gesagt werden. Das musste mal raus.

    Samt Schweinevogels innigem Vorsatz fürs neue Jahr: „Weniger Zeit mit Idioten verbringen.“

    Schwer genug wird’s.

    Schwarwel „Schweinevogel. Short Novels, Piccolo Nr. 2, Glücklicher Montag, Leipzig 2017, 4,90 Euro

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