Christian Raus Fleißarbeit über die Leipziger „Nationalbibliothek“ im geteilten Deutschland

Für alle LeserMan kann nur immer wieder staunen, was für eine Arbeit sich manche Forscher machen, um die großen Löcher in unserer Geschichte zu stopfen. Sie wühlen sich durch tausende Akten, Protokolle und Briefe. Fast alles sehr vergilbtes Material, wenn man nur an all das denkt, was in der DDR an Archivmaterial produziert wurde. Und dann kommt so ein 680-Seiten-Wälzer dabei heraus. Sozusagen der Grundstock an Wissen über das, was der Deutschen Bücherei in Leipzig in 45 Jahren zustieß. Oder auch nicht.

In Leipzig ist die Deutsche Bücherei ja Legende – und sie ist legendenumrankt. Zwei zentrale Legenden, um die sich der Historiker Christian Rau besonders kümmert, sind einerseits die spezifisch Leipziger Sicht, es mit einer unpolitischen Institution zu tun gehabt zu haben, die sich nur eifrig um das Sammeln aller deutschsprachigen Publikationen kümmerte, und andererseits die westdeutsche Sicht, es hier mit einem weiteren Propagandainstrument der SED zu tun zu haben.

Beides stimmt in seiner Absolutheit nicht. Und es stimmt auch in Bezug allein auf die westdeutsche Sicht nicht, was Rau insbesondere in all jenen Kapiteln behandelt, in denen es um die 1946 in Frankfurt gegründete Deutsche Bibliothek geht, die sehr lange brauchte, um sich tatsächlich auf Augenhöhe der 1912 gegründeten Deutschen Bücherei in Leipzig wiederzufinden.

Was auch damit zu tun hat, dass sie wie so viele Gründungen in den westlichen Besatzungszonen eigentlich nur als vorübergehendes Provisorium gedacht war. Und Provisorien leiden ja zumeist darunter, dass sie zu klein gedacht sind und die Finanzierung nicht nachhaltig gedacht wird. Dass sie trotzdem nicht wieder geschlossen wurde, hat natürlich auch mit dem Wirken einiger Akteure (bis hin zum ersten Direktor) zu tun, die ganz bewusst eine Einrichtung gegen die Kommunisten haben wollten, die da nun im Osten das Sagen hatten.

So am Rande streift Rau auch die ganzen Probleme der NS-Belastung bei führenden Akteuren nicht nur im Westen, auch wenn sie dort leichter in Führungspositionen landeten und damit auch eine prägnant antikommunistische Politik bestimmten. Und das eben nicht nur in Militär, Geheimdienst oder Justiz, sondern auch im Bibliothekswesen.

Weshalb auch die frühe Geschichte der Deutschen Bibliothek in Frankfurt viele verschiedene Facetten hat und auch von Börsenverband und Verlagen oft völlig unterschiedlich wahrgenommen und behandelt wurde. Was sich bis zuletzt auch immer an der Frage entzündete: Bekommt auch die Deutsche Bücherei in Leipzig weiter ein kostenloses Pflichtexemplar oder nicht?

Das kleine Glück für Leipzig: Die meisten Verlage belieferten die Deutsche Bücherei bis 1990 mit kostenlosen Exemplaren ihrer Produktion. Trotz etlicher Ärgernisse. Denn ganz entziehen konnte sich die Deutsche Bücherei dem Zugriff der SED und ihres allgegenwärtigen Geheimdienstes nicht. Auch wenn die General- und Hauptdirektoren Heinrich Uhlendahl (der das Haus von 1924 bis 1954 leitete), Curt Fleischhack (1955 bis 1961) und Helmut Rötzsch (1961 bis 1990) mit Lavieren und Netzwerken versuchten, der Bibliothek ihren unabhängigen und grenzübergreifenden Status zu bewahren.

Was Rau schon einmal dazu bringt, seine Geschichte des Hauses nicht erst 1945 anzusetzen, sondern schon 1906, als die Idee einer Nationalbibliothek gegen die deutschen Provinzwiderstände endlich Gestalt annahm, und 1912, als sie dann in Sachsen tatsächlich gegründet wurde, zu beginnen. Denn die Fragen, die damals heftigst umstritten waren, blieben bis 2006 immer brisant. Denn die Widerstände aus den Ländern gegen eine zentrale Nationalbibliothek waren gewaltig. Der deutsche Föderalismus hat nicht nur Vorteile. Er ist auch eine Suppe für lauter kleinteilige Egoismen, die oft genug wichtige gemeinsame Projekte ausbremsen oder gar unmöglich machen. Oder das Land auch in politische Schieflage bringen können.

Und weil man sich nie wirklich einigen konnte, bekam das Leipziger Projekt eben nicht den Namen Nationalbibliothek, sondern die etwas unverfänglichere Bezeichnung Bücherei. Das dämpfte zumindest den Streit der namhaften Bibliothekare, die bis dahin wie Könige über den Wolken thronten als Leiter wichtiger Landesbibliotheken oder berühmter wissenschaftlicher Bibliotheken. Oder mal so formuliert: Wenn in Deutschland ein gemeinsames Projekt zu entstehen droht, geht das Froschkonzert derjenigen erst so richtig los, die um ihren Ruhm und ihre Einzigartigkeit fürchten.

Deswegen sind die ersten 30 Jahre der Deutschen Bücherei auch eher von nie abebbenden Kontroversen überschattet. Erst die viel spätere Rückschau einer Stadt, die verzweifelt den Titel „Buchstadt“ behalten wollte, umgab die DB mit dem Heiligenschein einer schon immer erfolgreichen und ruhmreichen Institution, die wie ein Ozeandampfer durch die Wellen der Zeit pflügte und die deutsche Geistesproduktion bewahrte vor den Unbilden des Vergessens.

Das war sicher auch das Ziel der Direktoren. Aber unbeschadet blieben sie von den staatlichen Eingriffen und Verwerfungen nie. Legendär ist das sogenannte „Sperrmagazin“, das 1945 auf Weisung der SMAD eingerichtet wurde, um erst einmal das ganze faschistische Druckgut aus den Beständen zu entfernen und der normalen Ausleihe zu entziehen. Doch schon da begann der Streit, denn die Grenzen verschwammen.

Und der Versuch, eindeutige Listen mit gesperrten Titeln zu erstellen, endete eher in einer widersprüchlichen Praxis. Was sich erst recht verschärfte, als auch immer mehr stalinkritische Literatur hier landete und immer mehr Literatur aus Westverlagen, die dem platten sozialistischen Menschenbild der SED nicht entsprach.

Rau schildert die Praxis, wie dennoch Leser und Forscher Zugang zu dieser Sperrbibliothek erhielten, wie aber staatliche Stellen und Besatzer selbst sich freizügig bedienten, von eigenen Bibliotheksmitarbeitern ganz zu schweigen. Spätestens beim Thema der Bibliotheksangestellten zerbröckelt der Ruhm des Hauses, werden jahrzehntelange Querelen sichtbar zwischen den auf ihre Unabhängigkeit bedachten ausgebildeten Bibliothekaren und dem Versuch der SED, ihre Macht im Haus zu festigen, flankiert durch einen dauerhaften Zugriff der Staatssicherheit. Doch die kümmerte sich ganz und gar nicht um die wirklichen Probleme des Hauses. Und eins der größten Probleme war all die Jahre immer der Diebstahl von Büchern.

Ein Problem, das weder mit dem unterqualifizierten und schlecht bezahlten Wachdienst in den Griff zu bekommen war, noch durch die Aktionen der Stasi. Ein wesentlicher Grund für die Diebstähle war ja nun das, was man so ungern Zensur nannte: Wenn nur die wenigsten Titel aus westdeutscher Produktion auch in DDR-Verlagen erschienen, feuerte das ja geradezu die kriminellen Triebe einiger Leute an, sich die Druckwerke dann eben illegal zu besorgen.

Aber das war nicht wirklich die Ursache dafür, dass die DB ab den 1970er Jahren ihre Vorrangstellung im innerdeutschen Wettbewerb verlor. Bis dahin konnte sie noch schnell und preiswert die für Verleger, Wissenschaftler und Buchhändler so wichtige Nationalbibliographie produzieren. Bis dahin war man technisch noch auf einer Augenhöhe. Aber mit der zunehmenden Computerisierung verlor die DB in Leipzig schon den technischen Anschluss, der Mangel an qualifiziertem Personal führte dann auch noch dazu, dass man mit der Nationalbibliographie immer weiter in Verzug geriet. Die Probleme mit Post, Zoll und Zensur taten ihr übriges.

Und so muss Rau auch schon für die 1980er Jahre ein Haus beschreiben, das nur noch mit Ach und Krach versuchte, irgendwie mitzuhalten und seine Traditionen und seinen guten Ruf zu bewahren. 1990 war es dann gar keine Frage, dass beim Fusionsprozess mit der Deutschen Bibliothek in Frankfurt die Frankfurter die bessere Position hatten. Nur dass diesmal die nationale Frage half, eine gemeinsame Lösung für beide Häuser zu finden, die seit 2006 nun wirklich unter dem Namen Deutsche Nationalbibliothek firmieren.

Mehrmals erwähnt wird zwar der Versuch der SED, so eine Art sozialistische Nationalkultur zu schaffen. Aber so etwas schafft man nicht. So etwas entsteht von allein und dann kann man es registrieren – oder es bleibt eine bürokratische Fiktion. Und das Meiste, was die SED versuchte, als eigene Nationalstaatlichkeit zu definieren, blieb leere Phrase und Fiktion.

Und es sind nicht nur die schwarz-weißen Fotos, die einem die graue und abgenutzte Atmosphäre dieser Zeit wieder gegenwärtig macht. Es wird selbst in den zitierten Stasi-Aktionen sichtbar, welch eine gewaltige Kluft zwischen der SED-Phraseologie und den eher armseligen, von steter Knappheit geprägten Zuständen im Haus am Deutschen Platz bestand.

Deswegen kann Rau auch von den eher eigenwilligen Aktivitäten der Direktoren erzählen, die auf eigene Faust losfuhren, um für ihr Haus Werbung zu machen und vor allem bei den westdeutschen Partnern für Gutwetter zu sorgen. Denn von denen waren sie abhängig. Und das Verhältnis zur Deutschen Bibliothek in Frankfurt war zwar immer spannungsgeladen, aber nie wirklich so zerrüttet, dass man miteinander nicht mehr reden konnte.

Deswegen ist das Buch eigentlich eine doppelte Geschichte. Denn Christian Raun muss natürlich die Frankfurter Geschichte miterzählen, um all das, was in Leipzig passierte, auch einordnen zu können. Was ganz wichtig ist zur Auflösung der Leipziger Ur-Legende, der Tanker wäre ohne Schäden durch diese 45 Jahre der Teilung gekommen, und diese deutlich zu korrigieren. Erst im Vergleich wird sichtbar, was sogar mit solchen nationalen Vorzeigeprojekten passiert, wenn sich alle Fehlentscheidungen einer ratlosen Partei in einem abgeschotteten Land summieren.

Und die folgenreichste ist immer die wirtschaftliche Schiene: Wer seiner Wirtschaft die Luft zum Atmen nimmt und sie künstlich vom Wettbewerb abschottet, sorgt zwangsläufig für einen Verschleiß der eigenen Basis, der sich für die Bürger in lähmendem Stillstand und zunehmendem Mangel zeigt – und für ein Haus wie die DB in einer Aufstapelung simpelster materieller und personeller Probleme, die irgendwann nicht mehr zu händeln sind.

Auch für die Deutsche Bücherei kam die Deutsche Einheit gerade noch rechtzeitig. Sie hat zwar ihren güldenen Glanz als Vorzeigeschiff der „Buchstadt“ Leipzig eingebüßt, weil diese Buchstadt selbst ja 1945 untergegangen ist. Sie muss also auch nicht mehr für ein angefressenes Selbstbewusstsein herhalten und so eine Art „Guckloch“ in die Freiheit des Westens bieten.

Sie kann wieder in aller Ruhe und mit moderner Technik sammeln. Und man taucht fast erlöst aus diesem Buch auf. Der Eindruck, dass diese vor sich hinstaubende DDR nicht länger hätte weiterexistieren dürfen und können, verfestigt sich. Heute muss niemand mehr Bücher von Grass oder Böll klauen. Die Verlage sind ja schon froh, wenn die Leute deren Bücher überhaupt noch lesen. Aber das ist ein anderes Kapitel. Dieses hier ist abgeschlossen. Und Christian Raus quellenreiche Fleißarbeit zeigt, warum es abgeschlossen ist und reif fürs Archiv.

 

Christian Rau „‚Nationalbibliothek‘ im geteilten Land“, Wallstein Verlag, Göttingen 2018, 54,90 Euro

Wichtige Sammlung zur Zeitungsgeschichte ist jetzt in der Leipziger Nationalbibliothek zu Hause

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