Erfolgreiche Alt-68er: Wie die „Mathematischen Annalen“ 1868 in Leipzig bei Teubner an den Start gingen

Für alle LeserDer Titel dieses Buches ist natürlich eine kleine Provokation, denn mit den 68ern von 1968 haben die bärtigen Herren, die Jürgen Weiß hier würdigt, nichts zu tun. Denn es sind alles 1868er. Und Mathematiker und Verleger. Und das Jahr 1868 steht für das Erscheinen des ersten Bandes der „Mathematischen Annalen“ bei Teubner in Leipzig. Was trotzdem eine kleine Revolution war.

Auch wenn die Mathematik bei Teubner schon vorher Fuß gefasst hatte. Als die hochkarätigen Mathematiker Deutschlands sich eine mathematische Zeitschrift auf höchstem Niveau wünschen, weil die drei bis dahin populären Zeitschriften ihren Ansprüchen in keiner Weise genügten, kam für sie nur ein Verlag infrage – und das war B. G. Teubner in Leipzig.

Und dass Teubner so gute Kontakte zur Mathematiker-Elite hatte, hat auch damit zu tun, dass sich der Mathematiklehrstuhl der Universität Leipzig zu einem der drei Leuchttürme in der damaligen universitären Mathematik gemausert hatte – neben Göttingen und Berlin.

Der Verlag hatte also stets auch die Leute in der Hand, die eine anspruchsvolle mathematische Publikation redigieren und betreuen konnten. Deswegen ist auch der Mathematiker Alfred Clebsch auf dem Cover zu sehen, einer der beiden ersten Herausgeber der „Annalen“, die bis zum 1. Weltkrieg bei Teubner erscheinen sollten – über 80 Ausgaben, die die Fundamente der jüngsten mathematischen Entwicklungen in die Öffentlichkeit brachten – das Informationsmedium Nr. 1 nicht nur für die universitäre Mathematik, sondern auch für Gymnasiallehrer.

Das überliest man beinah. Aber wenn es um die Bedeutung von Teubner im 19. Jahrhundert geht, muss man auch stets daran denken, dass es damals zwischen Gymnasium und Universität nicht die heutigen Brandmauern gab. Gymnasiallehrer trugen in der Regel zu Recht Doktortitel und beschäftigten sich auch nach Erwerb des Doktorgrades meist weiter mit ihren wissenschaftlichen Spezialgebieten.

Das verlange mal einer von heutigen Gymnasiallehrern – sie würden sich vor Verzweiflung den Strick nehmen. Was nicht an ihrer Begeisterung für die Mathematik liegt, sondern daran, dass sie wie Produktionsarbeiter behandelt werden im auf Effizienz getrimmten heutigen Schulsystem. Wir werden von (humanistisch ungebildeten) Betriebswirtschaftlern regiert, die nur eins verinnerlicht haben: Dass man mit möglichst wenigen Leuten möglichst schnell möglichst viel möglichst einheitlichen Output zu schaffen habe.

Der Output sind unsere Kinder, die mit Wissenbauklötzern vollgestopft werden. Die aber eins nicht mehr erfahren: dass Wissen ein Abenteuer ist, wenn man es erobert. Dass auch Lehrer Lernende sind und dass der Stoff in den Lehrbüchern sich verändert. Was er oft nicht tut. Oft hinkt er dem Stand der Wissenschaft um Jahrzehnte hinterher – nicht nur in Geschichte.

Ganz so abwegig ist also der Buchtitel nicht. Denn wirkliche Revolutionen sind immer welche, die das Wissen und Denken der Menschen revolutionieren. Und Mathematiker wissen, was mit Gründung der „Annalen“ im geistigen Weltraum der Mathematik in Deutschland passiert ist.

Deutschland deswegen, weil die „Mathematischen Annalen“ erstmals eine Fachpublikation waren, die die deutschen Mathematiker auf Augenhöhe mit ihren Kollegen in Frankreich, England, den USA usw. brachte. Man hatte endlich eine gleichwertige wissenschaftliche Publikation.

Welche Rolle dann Felix Klein, der ja zeitweilig in Leipzig wirkte, bei der Profilierung und in der Herausgabe der „Annalen“ spielte, hat Rüdiger Thiele ja schon in der Felix-Klein-Hommage angedeutet, die jüngst in 2. Auflage bei EAGLE erschien.

Felix Klein gab die „Annalen“ ja auch noch heraus, als Alfred Ackermann-Teubner 1916 nach heftigstem Streit mit seinem Mitgeschäftsführer Konrad Giesecke den Teubner Verlag verließ. Mit heftigen Folgen auch für den Verlag, denn mit Ackermann-Teubner verließ ausgerechnet der Mann das Haus, der die ganze mathematische Abteilung betreute. Die Kompetenz eines Verlages auf verschiedenen Themenfeldern hängt immer mit ganz konkreten Persönlichkeiten zusammen.

Das Ergebnis: B. G. Teubner verlor sein mathematisches „Mobiliar“. Und der Verlag Julius Springer sprang hocherfreut in die Bresche und übernahm mit den „Mathematischen Annalen“ auch die versammelte mathematische Kompetenz des Landes.

Es ist einer der Punkte in der Verlagsgeschichte von Teubner, die Jürgen Weiß besonders nahegehen. Genauso nah wie der Verkauf des Verlages später an Bertelsmann, was dann der Anfang vom Ende des alten Leipziger Wissenschaftsverlages war.

Jürgen Weiß holt die große Teubner-Geschichte mit seinen EAGLE-Publikationen Stück für Stück wieder aus dem Vergessen und zeigt damit, wie sehr dieser ambitionierte Verlag sich im regen Austausch mit den besten Forschern zu einem Netzknoten im wissenschaftlichen Austausch des 19. Jahrhunderts entwickelt hat. Also zu genau dem, was die wissenschaftliche Revolution dieser Zeit brauchte.

Die „Mathematischen Annalen“ gibt es übrigens bis heute. Sie zählen zu den 17 wichtigsten mathematischen Periodika der Welt, erscheinen aber nicht mehr – wie zu Felix Kleins Zeiten – auf Deutsch, sondern auf Englisch.

Und weil man nicht unbedingt gleich versteht, warum ausgerechnet B. G. Teubner damals zu diesem einzigen Verlag wurde, dem die besten Mathematiker 1868 so eine Publikation zutrauten, für den erzählt Jürgen Weiß auch die ganze Teubnersche Vorgeschichte ab 1811 mitsamt den stadtbildprägenden Teubner-Bauten am Augustusplatz und in der Poststraße.

Man sucht beide heute vergeblich. Die Bauten an der Poststraße (die man auch mit der Wünschelrute suchen muss) hat der 2. Weltkrieg zerstört. Und damit waren natürlich auch die markanten Verlagsgebäude verschwunden, die den Leipzigern noch vor Augen geführt hätten, was sie einmal an erfolgreichen Verlagen in der Stadt hatten.

Die Erinnerung wandert in solche Bücher ab, die vor allem Materialsammlungen sind, reich mit Bildern bestückt, die ein wenig zeigen, wie Verlagswesen und Wissenschaft damals auf ganz persönlicher Ebene zusammenkamen. Und damit eben auch, dass beides ohne solche Persönlichkeiten nicht funktioniert – auch wenn heutige Betriebswirtschaftler gern etwas anderes erzählen.

Aber das Ergebnis ist ja überall sichtbar: Nobelpreisträger aus Deutschland sind rar geworden. Der Geist ist standardisiert, portioniert und auf Effizienz getrimmt. Mit dem Ergebnis, dass begabte junge Forscher und Forscherinnen reihenweise abwandern in Länder, wo man sein Können nicht in „Drittmittelprojekte“ pressen muss, ohne zu wissen, was danach kommt. Das ist kein gutes Beet für wirklich hochkarätige Forschung auf höchstem Niveau.

Deswegen sind die Arbeiten von Jürgen Weiß auch eine Art Pflegearbeit an der Erinnerung an ein längst vergangenes wissenschaftliches Zeitalter.

Jürgen Weiß Erfolgreiche Alt-68er, Edition am Gutenbergplatz Leipzig, Leipzig 2018, 19,50 Euro.

Das kurze Wirken des begnadeten Mathematikers Felix Klein in Leipzig

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