Ein Physiker knöpft sich mal die bekanntesten Mythen der Gegenwart vor

Verschwörungsmythen: Wie wir mit verdrehten Fakten für dumm verkauft werden

Für alle LeserDie sogenannten „sozialen Medien“ haben im Internet einen Effekt erzeugt, der seit einigen Jahren auch in die reale Welt schwappt: Mit ihren Algorithmen führen sie Menschen zusammen, die sich ohne Facebook & Co. nie im Leben begegnet wären. Aus einzelnen „Verschwörungstheoretikern“ wurden auf einmal scheinbar große Netzwerke von Menschen, die den allergrößten Unsinn für wirklich halten, als hätten sie in der Schule gar nichts gelernt.

Oder das, was da geboten wurde, nicht verstanden, irgendwelche Häppchen auswendig gelernt, aber nie gelernt, naturwissenschaftliches Denken auf die sie umgebende Welt anzuwenden. Die Algorithmen der großen Netzwerke sortieren. Sie sorgen dafür, dass Menschen mit gleichen Ansichten sich in ihren jeweiligen Blasen versammeln – und von den anderen nichts mehr mitbekommen. Außer von denen, die mit Lügen, Fakes und Bosheit für höchste Anerkennung durch die darauf getrimmten Algorithmen sorgen. Was auch dafür sorgt, dass einige der Verschwörungsmythen dort eine riesige Verbreitung finden.

So sehr, dass sich aufgeklärte und nachdenkliche Zeitgenossen mittlerweile wirklich fragen: Verblödet die Menschheit jetzt in rasendem Tempo? Auf einmal wird über Chemtrails, Hitlers fliegende Untertassen, Flacherden, Hohlerden und geheimdienstgesteuerte Sprengungen des World Trade Centers debattiert. Wobei die Diskussionen in den „social media“ immer auch zu Websites führen, auf denen tausende Menschen ernsthaft über ihre eigentümlichen Vorstellungen von den Vorgängen in der Welt debattieren – und sich gegenseitig ermutigen, über die anderen Leute zu höhnen, die lieber den Erkenntnissen von Wissenschaft und Forschung „glauben“.

Selbst die größten Zahlen, die Hümmler zu diesen Debattierrunden nennt, deuten an, dass es eine kleine, überschaubare Gruppe ist – die aber, genauso wie die „Klimaleugner“ und allerlei rechtsextreme Splittergruppen, den Eindruck erwecken, die Debatte zu bestimmen. Und so tauchen ihre eigentümlichen Welterklärungen dann auch wieder in ernsthaften Debatten auf, werden von Sportlern, Musikern und Schauspielern aufgegriffen oder werden sogar mit Politikern in Parlamente gewählt.

Es gibt also eine Menge Gründe, sich mit diesen Konstrukten zu beschäftigen. Aber wie? Denn einfach abwinken bringt nichts, stellt der studierte Physiker und Meteorologe Dr. Holm Gero Hümmler fest. Verächtliche Abwertung auch nicht. Denn hinter allen Mythen steckt eine ganz wichtige menschliche Veranlagung, so seltsam das klingt. Aber sie hat dem Menschen einen enormen Überlebensvorteil verschafft: Es ist die Fähigkeit, Muster zu erkennen und Geschichten zu erzählen. Eine Spezies, die in der Lage ist, gefährliche Muster zu erkennen und sich vorzustellen, welche Gefahr dahinter lauern könnte, hat größere Chancen, zu überleben und sich fortzupflanzen. Auch dann, wenn das Muster trog und hinter dem Rascheln im hohen Gras kein Tiger steckte, sondern nur ein scharrendes Huhn.

Lieber zu viel Gefahr wittern als zu wenig.

Dass die Phantasie auch dazu neigt, hinter Dingen eine versteckte Gefahr zu vermuten, die erst einmal nur unerklärlich wirken, ist dann sozusagen die irrationale Steigerung. Sie ist nicht neu. Sie begleitet die Menschheitsgeschichte bis heute. Sie steckt in Religionen und uralten Mythen. Sie war übrigens auch die größte Triebfeder der Aufklärung, als kluge Männer in ganz Europa darangingen, das „Unerklärliche“ aus dem Wissenskorpus der Nationen zu entfernen. Seitdem blühten die Naturwissenschaften, deren innerstes Anliegen es eben ist, herauszubekommen, warum all die Dinge in unsere Welt so sind, wie wir sie erleben.

Es wird geprüft, experimentiert, infrage gestellt. Jede Theorie ist nicht nur nachprüfbar – sie wird von neugierigen Wissenschaftlern immer wieder aufs Neue geprüft, infrage gestellt, auf ihre Plausibilität getestet.

Es gibt nichts Stärkeres als solche Theorien, stellt Hümmler zu Recht fest, weil ihm auch auffiel, dass die Vertreter diverser Mythen meinen, wissenschaftliche Erkenntnisse gerade deshalb in Zweifel ziehen zu können, weil sie sich in Theorien manifestieren.

Aber genau das ist der Punkt, an dem sämtliche „Verschwörungstheoretiker“ Boden betreten, auf dem sie sich eigentlich völlig unglücklich fühlen müssten. Denn wer neue (oder uralte, abgelatschte) Theorien in die Welt setzt, muss aushalten, dass diese mit wissenschaftlichen Methoden zerpflückt werden.

Genau das tut Hümmler nämlich in seinem Buch, wohl wissend, dass auch alle seine Leser das Bedürfnis haben, Dinge zu „glauben“, Muster zu erkennen und sich Geschichten zu erzählen, die all das, was in ihrer Welt als rätselhaft erscheint, möglicherweise erklären.

Er nimmt sich nicht die ganze Bandbreite der Mythen vor, sondern ein paar ganz exemplarische, die immer wieder Aufmerksamkeit erwecken – so wie die Legenden einiger Leute, die einfach nicht glauben wollen, dass die Mondlandung vor 50 Jahren stattgefunden hat, und die seitdem immer neue Szenerien erfinden, die irgendwie erklären sollen, wie die erste Mondlandung tatsächlich inszeniert worden sein könnte.

Hümmler macht es seinen Lesern nicht einfach, denn dass die Grenzen von Leichtgläubigkeit zu Aberglaube fließend sind, weiß er selbst. Und dass es für vermutete Verschwörungen z. B. diverser Regierungen durchaus handfeste Gründe gibt, weiß er auch. Sehr anschaulich erzählt er es am Beispiel des von der Hitler-Regierung inszenierten „Überfalls auf den Sender Gleiwitz“, mit dem sich Hitler einen Anlass organisierte, den Überfall auf Polen loszutreten.

Eine typische „False-Flag“-Aktion, von denen es, wenn man sich die jüngere Geschichte anschaut, eine ganze Menge gab. Aber es steckten eben keine Geheimgesellschaften (wie die Illuminaten oder die Freimaurer) oder gar überirdische Kräfte dahinter, sondern sehr irdische Geheimdienste, Armeen und Staatschefs, die mit solchen Trojanischen Aktionen natürlich nicht nur Futter für Skandale lieferten, sondern auch die aufgeklärtesten Bürger in ihren Ländern dazu brachten, solche Aktionen viel öfter zu vermuten, als sie in den Medien zugegeben wurden.

Das Misstrauen ist nur zu berechtigt. Und Hümmler räumt es auch nicht aus. Er lädt seine Leser nur dazu ein, mit ihm gemeinsam einige der bekanntesten Verschwörungsmythen mit ein bisschen Wissen aus dem ganz normalen Schulunterricht, gesunder Skepsis und ein paar sinnvollen Fragen auseinanderzunehmen. Denn wenn Mythenverbreiter ihre Geschichten mit scheinbar naturwissenschaftlichen Argumenten untermauern, um ihnen einen Anschein echter Wissenschaftlichkeit zu geben, dann kann man – auch mit Hilfe einschlägiger Lexika und ein bisschen Recherche – genau diese „wissenschaftlichen“ Behauptungen hinterfragen. Und damit die wissenschaftliche Plausibilität der Erzählung. Denn da sind Wissenschaftler gnadenlos: Wenn die Begründungen nicht plausibel und nachvollziehbar sind, ist die ganze Theorie nichts wert. Heiße Luft.

Und in gewisser Weise hat Hümmler auch richtig Spaß daran, genau solche „wissenschaftlichen“ Behauptungen systematisch zu hinterfragen und die Leser mitzunehmen, die als rätselhaft behaupteten Phänomene auf bekannte naturwissenschaftliche Erkenntnisse zurückzuführen, seien es die scheinbaren Unstimmigkeiten in den Bildern von der Mondlandung, die „rätselhaften“ Kondensstreifen am Himmel oder die vielen sogar sehr gut ausgetüftelten Erzählungen, warum es keine islamistischen Terroristen waren, die mit entführten Verkehrsflugzeugen die Türme des World Trade Centers zum Einsturz brachten.

Man merkt auch, dass auch Hümmler da und dort ein bisschen recherchieren musste. Aber er erklärt, wo man Fakten und belastbare Quellen findet. Und ganz am Ende macht er sogar etwas, was auch für Journalisten wichtig ist, von denen einige ja auch nur zu gern tollen Geschichten aufsitzen (siehe Fall Relotius), wenn die Story nur einigermaßen plausibel klingt. Denn da geht es um die Frage: „Wem kann ich glauben?“ Woran erkenne ich eine seriöse Quelle?

Da geht es dann um solche ganz und gar nicht allgemein geschätzten Dinge wie Kompetenz, Objektivität, Nachvollziehbarkeit. Und – was Hümmler auch am Ende noch einmal betont – gesunden Zweifel. Lieber auch den eigenen Überzeugungen misstrauen, wenn sie einer Überprüfung oder neuen Erkenntnissen nicht standhalten. Dann lieber noch einmal alles infrage stellen, die Schwachstellen untersuchen und versuchen herauszufinden, welche Naturgesetzmäßigkeit dem wirklich zugrunde liegt, wo die Interpretation falsch ist oder man es sich nur zu bequem gemacht hat mit der Erklärung. Und natürlich gehört auch hier wieder Plausibilität in die Aufzählung, was gerade bei Verschwörungsmythen wichtig ist, wie Hümmler betont.

Denn die bekannt gewordenen „False-Flag“-Aktionen hatten in der Regel nur wenige Dutzend Mitwisser. Ab 1.000 Mitwissern ist die Wahrscheinlichkeit, dass irgendeiner quatscht oder sich zufällig verrät, so groß, dass die Geheimaktion nicht mehr geheim bleiben kann. Ist es also logisch, wenn ausgerechnet die „Theorie“ der runden Erde zehntausende Verschwörer haben soll, die den armen Hanseln, die mit dem Lineal die Horizontkrümmung messen wollen, weismachen, die Erde sei rund und nicht flach? Wobei Hümmler gerade hier so seine Freude hat, auch ein bisschen über die Wirkungsweise der Schwerkraft zu erzählen und das ganz normale Verhalten großer Massen im Weltraum.

Und im Fall von „Hitlers Himmelsscheiben“ nimmt er die Leser gleich mit in jenes „geheimnisumwobene“ Neuschwabenland, wo die mythenfreudigen Neonazis so gern Hitlers heimliche Polarfestung platzieren würden. Schon der logistische Aufwand, so eine Festung im Polareis im winzigen Sommerfenster mit Öl und Nahrung zu versorgen, würde unweigerlich dazu führen, dass dieser Lieferbetrieb nicht mehr zu verbergen wäre – schon gar nicht den tausenden Satelliten, die heute den Erdball umkreisen. So nebenbei schildert er auch noch die Genese der Nazi-UFOs, deren frühe Versionen geradezu von ingenieurtechnischer Unbedarftheit zeugen, sich in der Phantasie der NS-Fantasy-Autoren aber immer mehr zu Flugmaschinen mauserten, die natürlich mit einer höchst geheimnisvollen Antriebskraft ausgestattet sind.

Der menschlichen Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Und gerade in den von Mythen geradezu besessenen rechtsradikalen Kreisen verzichtet man lieber auf jede naturwissenschaftliche Fundierung, Hauptsache, es lässt sich eine neue Märchengeschichte über die imaginierte Überlegenheit der Nazis und ihrer phantasierten Technik erzählen. Es ist kein Zufall, dass die meisten der Verschwörungsmythen auf solchen Websites des rechtsextremen Spektrums fortleben, untermauert durch lauter Kommentare, in denen sich die Tiefgläubigen gegenseitig bestätigen, wie überzeugend das alles ist.

Was natürlich auch beiläufig wieder einen Seitenblick auf unsere Gegenwart erlaubt und auf die Auftritte diverser rechtspopulistischer Saubermänner, die solche Mythen wieder als „alternative facts“ in die Gesellschaft tragen und dabei dreingucken, als hätten sie die Arbeit tausender Wissenschaftler mit einem Stirnrunzeln widerlegt.

Da fragt man sich schon, wie man solche Leute überhaupt als Politiker wählen und ernst nehmen kann, denn das alles hat mit einem realistischen Bild von der Welt ja nichts zu tun.

Aber wenn man sich dann einige andere, schon „gestandene“ Politiker anschaut, die längst schon aus Gewohnheit wissenschaftliche Fakten vom Tisch fegen, wenn sie nicht in ihr politisches Konzept passen, dann hat man eigentlich die Antwort. Die neuen Radikal-Populisten setzen ja ganz unübersehbar nur die alte Politik fort – radikaler auch in der Behauptung von Verschwörungen und völlig irrer Bilder von der Welt.

Was Hümmler also anbietet mit seinem Buch, ist ein richtig nützliches Werkzeug für das Leben in einer Welt, in der es einigen Leuten tatsächlich in den Kram passt, den Wählern scheinbar einfache, aber zutiefst verlogene Geschichten über die Wirklichkeit anzubieten. Von einer rationalen, wirklich nur von Vernunft gesteuerten Politik, sind wir weit entfernt. Auch weil viele von uns noch viel zu viel glauben und viel zu wenig misstrauisch sind, wenn ihnen immer neue „Märchen für Erwachsene“ vorgesetzt werden, um sie zu verführen.

Die „Märchen für Erwachsene“ stammen in diesem Fall von den Herren Pratchett, Stewart und Cohen, die sich schon vor ein paar Jahren mit ganz ähnlichen Themen wie Hümmler beschäftigt haben (Stichwort: „Die Gelehrten der Scheibenwelt“).

Nur lesen augenscheinlich vor allem skeptische und auf gesunde Weise kritische Menschen solche Bücher. Die Frage ist eher: Wie erreicht man die anderen, die den ganzen Unsinn mit Chemtrails, Erdbebenmaschinen und Fliegenden Scheiben glauben? Es hilft wohl nichts: Es geht nicht ohne ein kleines bisschen Verständnis und Liebe zu den Naturwissenschaften und der Lust, auch ab und zu selbst einmal ein bisschen zu experimentieren. Solche kleinen Experimente hat Hümmler in allen Kapiteln eingestreut, wohl wissend: Man lernt am besten, wenn man wirklich selbst ausprobiert, wie die Dinge so funktionieren.

Holm Gero Hümmler Verschwörungsmythen, S. Hirzel Verlag, Stuttgart 2019, 19,80 Euro.

Die Leipziger Zeitung Nr. 68 ist da: Game over! Keine Angst vor neuen Wegen

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