Alle behindert! 25 ganz verschiedene Kinder und die Frage nach der Aufmerksamkeit fürs Anderssein

Für alle LeserIst das ein Vorlesebuch? So ein bisschen schon. Auch wenn hier keine fröhliche kleine Kindergeschichte erzählt wird, sondern mal was aus dem richtigen Leben. Ein Leben, in dem Kinder spätestens in der Kita oder in der Schule mitkriegen, dass es auch Kinder gibt, die anders sind. Seltsam anders, weil man das auf den ersten Blick nicht richtig einordnen kann. Und wenn man etwas nicht einordnen kann, reagiert man auch nicht spontan. Manchmal sogar falsch.

Oder gar nicht. Denn was uns fremd erscheint, macht uns misstrauisch, eben weil es in die Raster des Normalen nicht hineinpasst. Und wenn dann auch die Erwachsenen noch falsch reagieren, ist dem, was in manchen Klassen passiert, Tür und Tor geöffnet. Dann geraten Kinder, die anders sind, nicht nur ins Abseits, sondern werden auch noch gehänselt, beleidigt und gemobbt.

Was leider Tradition hat. Die riesige Zahl von Schimpfworten und boshaften Spitznamen erzählt davon. Die meisten sind generationenalt. Damit haben schon die Großeltern und Urgroßeltern als Kind Gleichaltrige gefoppt. Manchmal wohl auch damals eher aus Jux und Dollerei, weil nur so das Unpassende irgendwie benannt werden konnte. Manchmal klingt sogar noch mit, dass solche Worte anfangs wohl nicht boshaft gemeint waren – so wie Spasti, Zappelphilipp, Zwerg oder Dussel.

Diese Spitznamen haben Horst Klein und Monika Osberghaus natürlich auch nicht weggelassen in diesem mit viel Liebe zu den porträtierten Kindern gezeichneten Buch. 25 verschiedene Beeinträchtigungen haben die beiden zusammengetragen – die meisten davon solche, die man auch als solche gleich erkennt. Aber es ging den beiden gar nicht nur darum, nur jene körperlichen oder psychischen Beeinträchtigungen zu zeigen, mit denen manche Kinder schon auf die Welt kommen, manche auf besondere Schulen gehen müssen und andere auch im Schulunterricht schon gehandicapt sind. Es geht eigentlich darum, dass es „normale“ Kinder in dem Sinn gar nicht gibt.

Jedes Kind ist besonders. Und eigentlich alle Kinder haben besondere Eigenschaften, die sie aus dem Rahmen fallen lassen. Selbst die Tatsache, dass sie eitel sein können, egoistisch, wählerisch beim Essen, hyperaktiv oder hochbegabt, kann für Kinder zu einem echten Problem werden. Aber auch zu einer Behinderung werden. Denn auch unsere Schulen sind eigentlich nur für durchschnittliche Kinder eingerichtet.

Auf außergewöhnliche Eigenschaften und Talente nehmen sie keine Rücksicht. Wenn man so ein bisschen darüber nachdenkt, merkt man schnell, welche Eigenschaften in diesem Buch noch fehlen könnten – vom hochsensiblen Kind über jene Kinder, die von Allergien geplagt werden, bis hin zu Kindern aus ganz schwierigen heimischen Verhältnissen. Die Rolle der Eltern bei einigen Sorgen der Kinder wird da und dort angesprochen.

Denn auch die hyperumsorgten Kinder (Stichwort: „Helikoptereltern“) haben ihr Päckchen zu tragen, genauso wie die dicken Kinder, die gelernt haben, ihrem Kummer und ihre Sorgen in sich hineinzufressen.

Was auf den ersten Blick ja bedeuten könnte, dass sie alle ziemlich einsam sind. Und einsam sind ganz bestimmt auch einige Kinder, wenn sie aus ihrer Rolle nicht herauskommen – die schüchternen Kinder zum Beispiel, aber auch die kleinen Gören, die den Zoff von Zuhause durch besondere Rüpelhaftigkeit auf dem Schulhof abreagieren.

Im Grunde ist das ganze Buch ein Buch über das Gemocht- und Anerkanntwerden. Nicht nur für die Kinder, die schon mit angeborenen Behinderungen in die Schule kommen und mit denen sich keiner zu spielen traut, bis ein besonders mutiges Kind die Scheu überwindet und Kontakt aufnimmt. Denn Kinder, die auf den ersten Blick so anders sind, sind natürlich trotzdem Kinder und möchten natürlich auch Freunde haben, mitspielen können und ansonsten wie ganz normale kleine Menschen behandelt werden.

Das Buch ist eben auch eine Handreichung für Kinder, die noch nicht wissen, wie sie diese Gräben überwinden können. Deswegen gibt es lauter kleine Tipps, wie man mit diesen anderen Kindern am besten umgehen kann, was man mit ihnen spielen kann und was nicht. Na ja, und was man lieber lässt. Da geht es meist um den Respekt davor, dass jemand anderes etwas nicht kann. Was ja in unserer Zeit ein ungeheurer Respekt ist, weil in unserer Leistungsgesellschaft (die auch die Kleinen nicht ungeschoren lässt) Zeichen von Schwächen und Versagen nicht akzeptiert werden. Im Gegenteil: Wer versagt, bekommt erst recht die Rücksichtslosigkeit der anderen zu spüren.

Deswegen ist das Buch auch ein Buch über die sehr moderne Rücksichtlosigkeit gegen Kinder, die dem von Werbung und Medien vermittelten Bild vom Normalsein nicht entsprechen. Wir bekommen dort ja lauter Normal- und Idealkinder vorgesetzt, die suggerieren, unsere Gesellschaft sei ein homogener Bienenstock aus lauter fitten und schönen Supermodels. Und da augenscheinlich auch Leistung und Erfolg mit diesen Idealen eng verknüpft sind, ist sichtlich das Niveau beim Umgang mit Menschen, die nicht werbetauglich sind, immer weiter gesunken. Als würden wir das Anderssein nicht mehr aushalten können. Als würden wir dadurch unzumutbar überfordert. Das steckt ja auch in einigen dieser Bilder von behinderten Kindern, die sich selbst oft gar nicht als behindert empfinden – aber immer wieder durch unser Normdenken behindert werden.

Aber einige der hier abgebildeten Besonderheiten sind selbst wieder Folge unseres falschen Normaldenkens, zum Beispiel die Jungen, die mit ADHS – also dem Zappelphilipp-Syndrom – auf Umstände reagieren, die sie augenscheinlich nicht aushalten. Die beiden Autoren erklären auch in kleinen Texten, woher die einzelnen Behinderungen wahrscheinlich kommen. Bei ADHS wissen es die Ärzte noch nicht so wirklich. Aber man kann sich gut vorstellen, dass unsere moderne Medienwelt, die schon die Kleinsten mit Reizüberflutungen zuschüttet, seelische Folgen hat. Und wenn den Kindern dann auch noch der natürliche Bewegungsdrang verboten ist, rebelliert der ganze Körper möglicherweise gegen Stillsitzen und Stillseinmüssen.

Hinter den porträtierten Kindern stecken viele andere Kinder, die den beiden Autoren geholfen haben, ihr Anderssein besser zu verstehen. Von ihnen stammen dann die geradezu bezaubernden Aussagen zu dem, was sie gern mögen und was nicht. Aussagen, die zeigen, dass alle Kinder Sehnsucht haben nach Nähe, Vertrauen, Spaß, aber trotzdem völlig unterschiedliche Wünsche haben können. Jedes Porträt gibt kleine Tipps, wie man die so auffälligen Kinder einbeziehen kann und vielleicht sogar zu Freunden bekommt.

Nur bei einigen scheint das so auf den ersten Blick echt kompliziert, wenn man an den spielsüchtigen Jeremias denkt, den autistischen Robert oder den angeberischen Julien. Da wirken auch die Tipps, was man mit ihnen spielen könnte, eher wie eine kleine Warnung. Verbunden mit der Hoffnung, dass das wieder weggeht mit der Zeit.

Was ja bekanntlich bei manchen Mitmenschen nicht klappt. Sie schleppen das, was sie bei ihren Eltern falsch gelernt haben, auch ins erwachsene Leben. Und bekommen dafür – da ja auch in unserer Gesellschaft vieles im Argen liegt – oft auch noch Anerkennung, machen sogar aufgrund ihrer Rücksichtslosigkeit Karriere und lassen dann wieder andere spüren, was es heißt, wenn man als Kind nicht gelernt hat, Verständnis und Achtung vor anderen Menschen zu haben.

So gesehen sind die Kinder wie ein Spiegel unserer Gesellschaft und man bekommt eine Ahnung davon, was Inklusion wirklich heißt. Sie soll nämlich nicht etwas Fremdes, Nichtdazugehörendes in die Gesellschaft hineinbringen. So wird das aber oft gehandhabt. Vielmehr geht es um die Ausgrenzer unter uns, die sogar alles tun, andere Menschen wegen ihres Andersseins fortwährend auszuschließen, auszugrenzen, abzuschieben (Ja, der ist für Sie, Herr Innenminister!) oder so zu benachteiligen, dass sie ihres Lebens nicht mehr froh werden. Denn genau das zerreißt unsere Gesellschaft, macht sie unbarmherzig und lässt ganze politische Bewegungen aufkommen, in denen sich die Ausgrenzer aufstacheln mit Sprüchen wie „Muss man doch mal sagen dürfen“. Was sie dann für Meinungsfreiheit halten und nicht für eine bodenlose Gemeinheit.

Die kleine Hoffnung, die in diesem Buch lebt, ist ja, dass Kinder früh lernen, die vielen, vielen Unterschiede nicht als fremd und unmöglich wahrzunehmen, sondern als das eigentlich Normale, das, was schon Kindergruppen bunt und aufregend macht und Leben in die Bude bringt. Und vor allem neue Freundschaften ermöglicht, die stärker und herzlicher sind als die Clique hinter dem Angeber oder der Angeberin in der Klasse.

Horst Klein, Monika Osberghaus „Alle behindert!“, Klett Kinderbuch Verlag, Leipzig 2019, 14 Euro

 

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