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David gegen Goliath: Bernd-Lutz und Sascha Lange erzählen den 9. Oktober 1989 in völlig neuer Detailschärfe

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    Da wundert sich nicht nur Sascha Lange, Historiker von Beruf und Sohn von Kabarettist Bernd-Lutz Lange: Bis heute fehlt eine wissenschaftliche Aufarbeitung dessen, was am 9. Oktober 1989 tatsächlich geschah. Das könne dieses Buch auch nicht ersetzen, schreibt Sascha Lange. Aber es kommt dem, was an diesem Tag in Leipzig geschah, so nah wie bisher noch kein Buch.

    Natürlich liegt das auch daran, dass Bernd-Lutz Lange bei einem der zentralen Vorgänge an diesem Tag direkt beteiligt war: jenem legendären „Aufruf der Sechs“, der am Abend des 9. Oktober in den Kirchen verlesen und über den Stadtfunk zu hören war, eingesprochen von Gewandhauskapellmeister Kurt Masur.

    Dass sich Bernd Lutz Lange jetzt – kurz vor dem 30. Jahrestag dieses markanten Oktobertages – noch einmal hingesetzt hat, um seine Erinnerungen an den 9. Oktober und die Tage davor und danach aufzuschreiben, hat auch mit einer gewaltigen Schieflage zu tun. In der bundesweiten Wahrnehmung spielt der 9. Oktober kaum eine Rolle, da ist eher der 9. November präsent, der Tag, an dem sich Günter Schabowski auf einer Pressekonferenz zum neuen Reisegesetz in Berlin verhaspelte und damit ungewollt die Öffnung der Mauer einleitete.

    Auch das bis heute so ein Orakeltag fürs große Feuilleton, der nur deshalb rätselhaft wirkt, weil die komplette DDR-Geschichte bei westdeutschen Kommentatoren praktisch nicht existent ist. Sie kennen sie nicht. Sie sind all die Jahre nie von ihrer westdeutschen Sicht auf das, was im Osten geschah, abgerückt. Das kann man ruhig Lernverweigerung nennen. Oder Ignoranz.

    Der bekannte Spruch kommt zu Recht im Buch vor: Die „Sieger“ schreiben die Geschichte. Obwohl er in diesem Fall falsch ist, auch wenn reihenweise westdeutsche Interpretatoren der Geschichte den Anschein erwecken, der Westen habe die Deutsche Einheit zustande gebracht.

    Da können auch Vater und Sohn Lange nur feststellen: Da ist es kein Wunder, dass die Ostdeutschen bis heute das Gefühl haben, ignoriert und abgewertet zu werden. Genau dafür stehen die beiden Daten – obwohl sie beide für den Mut und die Aktivitäten der Ostdeutschen stehen. Kohls 10-Punkte-Plan, mit dem er quasi das Steuer übernahm hin zur Deutschen Einheit, kam erst danach. Die Revolution haben die DDR-Bürger ganz allein gemacht. Und sie haben dafür Blut und Wasser geschwitzt, gerade jene 100.000 Menschen, die am 9. Oktober 1989 trotz aller Drohungen in die Leipziger Innenstadt strömten.

    Bernd-Lutz Lange kann aus eigenem Erleben und vielen Gesprächen mit Freunden und Bekannten, die dabei waren, sehr genau schildern, was an diesem Tag geschah. Und er blendet die Tage davor nicht aus, weil sie dazu gehören. Weil sie zeigen, wie ernst die Drohungen waren, die über (vermeintliche) Leserzuschriften im SED-Bezirksorgan LVZ veröffentlicht wurden, bis hin zur Androhung von Waffengewalt durch den Kampfgruppenkommandeur Günther Lutz, den es zwar wirklich gab, der aber von der Entstehung seines Leserbriefs nichts wusste.

    Sascha Lange, der versucht hat, die schriftlichen Akten zum 9. Oktober aufzutreiben, konnte zumindest einige Tagesbefehle auftreiben, die belegen, dass in der Kaserne der Bereitschaftspolizei aufmunitionierte Schützenpanzerwagen (SPW) bereitstanden, dass auf jeden Fall auch Dutzende Lkw mit Schiebeschilden bereitstanden, um den Demonstrationszug am Hauptbahnhof zu stoppen und – nach Honeckers Befehl – die Demonstration mit allen Mitteln zu beenden.

    Nur wusste selbst Helmut Hackenberg, der als amtierender 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung die Befehlsgewalt über alle eingesetzten Verbände von Polizei, Kampfgruppen, Feuerwehr und Armee hatte, dass der Einsatz all dieser Mittel zwar ein entsetzliches Blutvergießen erzeugt hätte, die seit September immer mehr anschwellenden Montagsdemonstrationen in Leipzig aber nicht beendet hätte. Eher hätte es ein schnelles blutiges Ende der SED-Herrschaft bedeutet.

    Beide Seiten wussten, dass dieser 9. Oktober der Tag war, der über die Macht der SED entschied. Und schon die – vonseiten der Polizei gewaltsamen – Ereignisse vom 2. und 7. Oktober hatten gezeigt, dass sich diese Leipziger nicht mehr würden einschüchtern lassen. Sie hatten es gründlich satt – den wirtschaftlichen Stillstand, den Verfall ihrer Stadt, die Unfähigkeit der SED zum Dialog und zuletzt auch die zunehmende Brutalität der Polizei.

    Und so kann Bernd-Lutz Lange sehr anschaulich schildern, wie die drohenden Leserbriefe in der LVZ geradezu das Gegenteil dessen erzeugten, was deren unbekannte Schreiber wohl beabsichtigt hatten: Tausende Leipziger gingen gerade wegen dieser Drohungen am 9. Oktober in die Innenstadt.

    Auch wenn sie wussten, wie verängstigt die Machthaber inzwischen waren. Die Gefahr, dass an diesem Tag mit Waffengewalt gegen die Demonstranten vorgegangen würde, war real. Und Leipzig hatte das Glück, dass es ein paar Leute gab, die alles taten, um an diesem Tag jede Konfrontation zu vermeiden. Dazu gehörten die Mitglieder der Basisgruppen aus der Nikolaikirche, die einen eigenen Aufruf zur Gewaltlosigkeit verfassten und 25.000 Mal vervielfältigten, dazu gehörten die Mitstreiter des Neuen Forums, die ähnlich aktiv wurden. Dazu gehörten auch die Pfarrer, die bewusst auf die Bergpredigt verwiesen und die Menschen in den Montagsgebeten aufforderten, die Gewaltlosigkeit mit auf die Straße hinauszunehmen.

    Eine Gewaltlosigkeit, die selbst den Leipziger Stasi-Chef bis in den Dezember verblüffte: „Mit Kerzen haben wir nicht gerechnet.“

    Aber da ist ja noch der „Aufruf der Sechs“, dessen Entstehung Bernd-Lutz Lange erstmals so detailreich erzählt wie nie zuvor. Auch weil ihn schon seit Jahren anpiept, dass vor allem westdeutsche Journalisten meist nur einen der Sechs immer wieder hervorheben und feiern, den bekanntesten: Kurt Masur.

    Aber für Aufsehen sorgte der Aufruf vor allem deshalb, weil zum ersten Mal drei führende SED-Funktionäre aus der SED-Bezirksleitung Flagge zeigten und damit die Parteidisziplin der SED unterliefen – mit durchaus ernst zu nehmenden Konsequenzen. Deswegen ist auch die historische Analyse von Sascha Lange so wichtig, der sich auch intensiv mit der Frage beschäftigt, warum die SED so unfähig war zum Reagieren.

    Aber gerade im Spätsommer 1989 wurde überdeutlich, dass diese Partei nicht wie eine Partei funktionierte, sondern eher wie ein militärischer Apparat mit straffen Weisungsstrukturen von oben nach unten. Bei Honecker lief alles zusammen. Alles war auf die Person des einen Parteichefs zugeschnitten, so sehr, dass selbst im Politbüro wochenlang eine regelrechte Lähmung herrschte.

    Und das hat auch mit der völligen Weltfremdheit dieser Partei zu tun. Etwas, was Bernd-Lutz Lange in Gesprächen mit Roland Wötzel erfuhr. Wötzel gehörte zu den SED-Funktionären, die durchaus bereit waren, Leuten wie Lange zuzuhören. Die beiden trafen sich immer wieder zum Wein. Und während Wötzel von Lange erfuhr, was die Stadtbevölkerung über das sichtbare Versagen der SED-Führung sagte, erfuhr Lange so, wie panisch und ratlos die Leipziger SED-Führung auf die Vorgänge in den Kirchen und auf der Straße reagierte. So panisch, dass tatsächlich alles auf ein großes Blutvergießen am 9. Oktober zudriftete.

    Doch das war auch der Moment, in dem zuerst die beiden SED-Funktionäre Wötzel und Meyer ausscherten und sich mit Lange und Masur verabredeten zu besprechen, was man tun könnte, die Eskalation zu verhindern. Der Agitations-Chef Jochen Pommert schloss sich kurzerhand an. Und weil der Theologe Peter Zimmermann gerade erst einen geharnischten Brief an die SED-Bezirksleitung geschrieben und seine Auszeichnungen zum Republikgeburtstag zurückgegeben hatte, luden sie ihn kurzerhand dazu.

    So waren es eben die Sechs, die sich dann im Haus Kurt Masurs trafen, berieten, was sie tun könnten und am Ende den Aufruf zu Dialog und Friedfertigkeit verfassten, den Masur dann einlas und der über die Lautsprecher am Ring dann ausgestrahlt wurde. Übrigens auch das nur möglich, weil die SED-Funktionäre den Zugriff auf diesen Stadtfunk und parallel auch aufs Radio hatten.

    All das taten sie am amtierenden SED-Chef Hackenberg vorbei, der die drei Funktionäre hinterher zum Rapport zitierte. Dabei erlebte Hackenberg am Abend des 9. Oktober selbst, dass niemand in Berlin bereit war, die Verantwortung für einen gewalttätigen Einsatz in Leipzig zu übernehmen. Krenz vertröstete ihn auf einen späteren Anruf. Aber als sich die Demonstranten am Karl-Marx-Platz in Bewegung setzten, war Hackenberg allein in der Verantwortung.

    Er hätte den Einsatzbefehl geben müssen, aber er wusste auch, dass seine Polizeikräfte nicht reichten, um 100.000 Menschen aufzuhalten. Das war der Moment, in dem er die Einsatzkräfte anwies, sich zurückzuziehen. Das Blutvergießen fand nicht statt. Die SED-Macht hatte ihre Schwäche gezeigt. Und alle wussten es.

    Deswegen sprechen die beiden Langes natürlich bewusst von einem ganz konkreten Abschnitt, der als Friedliche Revolution Gültigkeit hat – das sind die Tage vom 9. Oktober bis zum 9. November, in denen die Demonstranten auf der Straße das Tempo vorgaben und die kopflose Staatsmacht zum Reagieren zwangen und sie letztlich den Sturz der SED-Funktionäre bewirkten.

    Aber schon kurz nach dem 9. November änderte sich auch das Bild bei den Montagsdemonstrationen, so sehr, dass auch Bernd-Lutz Lange nicht mehr hinging. Denn auf einmal tauchten auch die rechtsradikalen Parteien aus dem Westen auf und nutzten die zunehmend von der deutschen Wiedervereinigung bestimmte Atmosphäre, um ihre Ansichten, Fahnen und Schriften unters Volk zu bringen.

    Während Bernd-Lutz Lange aus eigenen Erinnerungen und vielen Gesprächen mit Freunden und Bekannten schöpfen kann und damit erstmals auch ein sehr detailreiches Bild von dem malen kann, was damals hinter den Kulissen geschah, versucht sein Sohn Sascha, der 1989 erst 17 Jahre alt war, die historischen Entwicklungen auf Grundlage der vorhandenen Akten zu rekonstruieren. Dabei stolperte er auch über das Phänomen, dass ausgerechnet die Besprechungsprotokolle rund um den 9. Oktober fehlen, geradeso, als hätte sie jemand im Nachhinein systematisch entsorgt.

    Was wohl auch mit dem Schießbefehl am 9. Oktober zu tun hat. Denn Protokolle für den 16. und den 23. Oktober belegen, dass auch da wieder aufmunitionierte SPW in Bereitschaft standen, dass die Einsatzhierarchie also auch da noch einen Schusswaffengebrauch gegen die Demonstranten in Erwägung zog. Und das, obwohl nicht nur hunderte Mitglieder der Kampfgruppen ihren Einsatz längst verweigerten, sodass die Kampfgruppen gar nicht mehr zusammengetrommelt wurden. Auch bei den Wehrpflichtigen der Bereitschaftspolizei wuchs der Unmut. Viele dieser jungen Männer hätten viel lieber auf der anderen Seite mitgemacht.

    Es sind doch eine ganze Menge Puzzle-Steine, die die beiden Langes hier neu zusammengetragen haben, um den 9. Oktober in seiner ganzen Widersprüchlichkeit zu zeigen und vor allem auch den drei SED-Funktionären Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, die 2014 – als der 25. Jahrestag der Friedlichen Revolution gefeiert wurde – einfach nicht ins Gewandhaus eingeladen wurden, obwohl der Aufruf am 9. Oktober – wie Bernd-Lutz Lange ja akribisch schildert – durch sie erst angeregt wurde. Sie verweigerten an diesem Tag den Parteigehorsam. Was so einfach klingt im Nachhinein.

    Sascha Lange schildert ja im historischen Teil noch einmal die ganze Irrationalität der Entscheidungen in Ostberlin – die seltsamen Reaktionen auf Gorbatschow, auf Ungarn, auf das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens, auf die Botschaftsbesetzungen in Prag … Das Volk lief den Machthabern einfach davon. Oder fand – wie in Leipzig und Plauen – den Mut, sich diesem wortlosen Ausverkauf des Landes entgegenzustellen. Ein Mut, der durch die schäumenden Tiraden in der LVZ erst richtig aufgestachelt wurde. Auch wenn dann dieser 9. Oktober ein Tag voller Erwartungen, berechtigter Ängste und der wilden Hoffnung war, dass niemand den Kopf verlieren würde. Dass die Leipziger damit ein beeindruckendes Modell für eine wirklich friedliche Revolution geschaffen hatten, wurde erst später deutlich.

    Die Bilder dieser ersten richtig großen Demonstration erschütterten das ganze Land – und wurden später leider fast völlig vom 9. November überblendet, an dem das Anliegen der Revolution völlig verändert wurde. Aus dem Wunsch, die DDR zu ändern und ein wirklich demokratisches Land daraus zu machen, wurde über Nacht die nicht mehr zu bremsende Entwicklung zur Deutschen Einheit. Der friedliche Aufstand Davids gegen den bis dahin übermächtig wirkenden Goliath SED-Staat wurde dabei völlig ins Abseits geschoben.

    Und damit auch die Rolle der DDR-Bürger als zentrale Akteure einer Revolution, ohne die eine Deutsche Einheit nicht auf die Tagesordnung gekommen wäre. Und damit als historisches Subjekt der Geschichte: Die Ostdeutschen haben sich ihre Demokratie selbst erkämpft. Sie wurde ihnen von niemandem geschenkt..

    Ein sehr lebendiges, auch emotionales Buch, das Vater und Sohn da gemeinsam geschrieben haben. Eines, das mit vielen Details zeigt, warum gerade Leipzig der Schauplatz der Friedlichen Revolution wurde.

    ***

    Veranstaltungstipp: Buchpremiere mit Bernd-Lutz Lange und Sascha Lange ist am Dienstag, 24. September, um 19:30 Uhr im Großen Saal im Haus des Buches/Literaturhaus Leipzig.

    Bernd-Lutz Lange; Sascha Lange David gegen Goliath, Aufbau Verlag, Berlin 2019, 18 Euro.

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