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Franz und die Puppe auf Reisen: Was hätte Franz Kafka in seinen Briefen an Lilli eigentlich geschrieben?

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    Es gibt ihn wirklich, den Stadtpark in Berlin-Steglitz, wo Franz Kafka 1923 mit seiner Liebe Dora Diamant spazieren ging. Es war das Jahr vor seinem Tod. Es war die Zeit der Inflation. Zwei Mal musste Kafka in Steglitz umziehen, weil er als „armer Ausländer“ gekündigt wurde. Und es gab wohl auch das weinende Mädchen, das er beim Spaziergang im Park traf, das seine Puppe verloren hatte. Und das er tröstete mit 20 Briefen. 20 Briefen, die wohl leider verschollen sind.

    Vielleicht verbrannt in einer der Berliner Bombennächte, verschollen wie das Mädchen, das die Briefe bekam. Eine Anzeige in einem Anzeigenblatt von 1959 brachte kein Ergebnis. „Ein großer, leidend aussehender Mann mit seiner Begleiterin versuchte das Mädchen zu trösten …“, hieß es in der Anzeige, die Andreas Schäfer 2012 im „Tagesspiegel“ zitierte.

    Kafka spazierte also nicht allein durch den Park, sondern mit Dora Diamant an der Seite. Die Geschichte ging also ein wenig anders, als sie Juliane Sophie Kayser in diesem von Graham Rust liebevoll illustrierten Kinderbuch erzählt. Aber sie hat recht, wenn sie am Ende des Buches warnt: Kinder, lasst euch im Park nicht von einsamen Männern ansprechen. Die allerwenigsten werden gute Absichten haben wie dieser Franz Kafka. Und schon gar kein so großes Herz.

    Und die allerwenigsten werden ein Kind, das um seine Puppe weint, damit trösten, dass sie ihm die Briefe der verschwundenen Puppe überbringen, die wohl inzwischen ein eigenes großes Leben begonnen hat. Hätte die Anzeige von 1959 Erfolg gehabt, würden diese 20 Briefe wohl heute eines der bekanntesten und beliebtesten Kinderbücher sein, auch gern von Erwachsenen gelesen, so wie „Der kleine Prinz“.

    Die Heidelberger Autorin Juliane Sophie Kayser, die zuvor schon zwei Kinderbücher und ein Hörbuch veröffentlicht hat, versucht in dieser Geschichte nachzuempfinden, wie das damals gewesen sein könnte im Steglitzer Stadtpark, als der kranke Franz Kafka das Mädchen traf und sich entschloss, ihr mit Briefen ihrer verschwundenen Puppe Pauline über deren Verlust hinwegzuhelfen.

    Und gleichzeitig wohl auch genau das tat, was Juliane Sophie Kayser hier anstrebt: dem Kind zu zeigen, dass das Leben weitergeht und dass es voller Abschiede und Verluste ist. Sie machen irgendwie das Leben aus. Und man lernt daraus, man spürt aber auch, wie wichtig einem das Verlorene war.

    Und 20 Briefe, das ist eine Menge. Juliane Sophie Kayser lässt ihren Franz immerhin neun Briefe schreiben, in denen Pauline nicht nur auf dem Flohmarkt landet, sondern sogar nach Hamburg fährt und aufs Meer hinaus. Vor den Augen der kleinen Lilli wächst die Puppe einfach in ein richtiges Leben davon, ist auf einmal viel älter als seine Puppenmama, die in diesem Fall schon fast ein Schulkind ist. Bald kann Lilli selber lesen und wird sich vielleicht bei den Buchstaben F und K an den großen, leidend aussehenden Mann erinnern.

    Der damals noch gar nicht berühmt war. Seine großen Romane wurden alle nach seinem frühen Tod an Tuberkolose 1924 von seinem Freund Max Brod veröffentlicht – der sie eigentlich verbrennen sollte.

    Aber man darf ruhig annehmen, dass sein unverwechselbarer Stil auch seine Briefe an das Mädchen im Park prägte. Juliane Sophie Kayser zitiert in mehreren Briefen Paulines aus Kafkas Werken, Stellen, die Kafkas poetischen und unverstellten Blick auf die Welt zeigen. Und seine Hochachtung vor Kindern, die damals ganz bestimmt nicht alltäglich war. Und es auch heute nicht wirklich ist, wenn man manchen Eltern dabei zuhört, wie sie versuchen, ihre Kinder zusammenzustauchen, einzuschüchtern und ihnen jede Widerrede auszutreiben.

    Als wären sie selbst niemals Kinder gewesen, die Fehler machten, hinfielen, sich verplapperten oder „dumme Fragen“ stellten. Aber natürlich pflanzt sich das fort, wenn Kinder von ihren Eltern immerfort nur gemaßregelt werden und immer das Gefühl haben, alles falsch zu machen und den Erwartungen der Eltern nie zu genügen.

    Kafka muss dieses Gefühl gekannt haben. Vielleicht erzählen sogar all seine Erzählungen und Romane von nichts anderem und wir übersehen es, weil wir inzwischen auch wissen, wie diese Normierung zum Gehorsam ganze Gesellschaften betonieren kann. Mitsamt dem Gefühl des kleinen Menschen in diesen durchherrschten Strukturen, immer misstrauisch beobachtet zu werden und ja keine Fehler machen zu dürfen, sonst geschieht Unheimliches.

    Wer bringt das eigentlich den Leuten bei, die Kafka nie lesen und sich wie besessen nach einem autoritären Staat sehnen? Die sich von ihren empathielosen Vätern nie emanzipiert haben?

    Kafkas „Brief an den Vater“, der ein sehr jähzorniger Mensch gewesen sein muss, ist bis heute berühmt. Umso mehr beschäftigt es natürlich die Kafka-Leser/-innen: Was schrieb er in den Briefen an das Mädchen im Park? Denn die müssen ja irgendwie das Gegenteil gewesen sein: fürsorglich, tröstend, aufmunternd. Und das von einem Briefschreiber, der wusste, wie schwer er erkrankt war und dass die Zeit mit Dora Diamant wohl das letzte schöne Geschenk für sein Leben war. Der also selbst Trost brauchte und wohl auch bekam von Dora, die ihn auch am Krankenbett pflegte. Und der das vielleicht einfach weitergab, weil er den Verlust des Kindes nachempfinden konnte.

    Und auch Juliane Sophie Kaysers Lilli lauscht fasziniert den Briefen, die Franz vorliest und die von Pauline stammen sollen, die irgendwo in der Südsee gelandet ist und dort nun heiratet und am Ende Abschied nimmt von ihrer einstigen Puppenmama, weil sie jetzt ihr eigenes Leben führt.

    Dass die Briefe wohl den ganzen Zauber Kafka’scher Prosa hatten, macht das Zitat von Dora Diamant deutlich, das Kayser zitiert: „Er machte sich mit all dem Ernst an die Arbeit, als handele es sich darum, ein Werk zu schaffen.“

    Was ja auch heißt: Er nahm das Schreiben für das Kind genauso ernst wie sein Schreiben für erwachsene Leute. Auch darin Antoine de Saint Exupéry ähnlich. Kinder brauchen keine naiven Geschichten. Sie haben es genauso mit dem richtigen Leben zu tun wie die Erwachsenen – und nehmen es meist noch unverstellter, offener und neugieriger wahr. Und sie spüren die Verluste genauso direkt und heftig. Selbst wenn es „nur“ die Lieblingspuppe ist.

    So gesehen ist Kaysers Buch eine Geschichte über das Trösten, Loslassen und sich dem Leben stellen. Und natürlich über ein Männerbild, das nach wie vor die Ausnahme ist in unserer Zeit, in der die Warnung vor fremden Männern im Park nur zu berechtigt ist.

    Juliane Sophie Kayser „Franz und die Puppe auf Reisen. Lilli und der Mann im Mond“, Illustrationen von Graham Rust, Tomorrow’s Classics, Heidelberg 2020, 17,99 Euro

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