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Zumutungen: Wie lebt man eigentlich in einer Gesellschaft, in der es keine „ewigen Wahrheiten“ mehr gibt?

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    Die moderne Welt ist eine Zumutung. Keine Frage. Sie überfordert viele Menschen, gibt ihnen das Gefühl, nicht mehr durchzublicken. Das Bombardement mit völlig unsortierten Nachrichten aus den „sozialen Netzwerken“ tut ein übriges. Aber Peter Strohschneider beschäftigt sich einmal nicht mit Verschwörungstheorien an sich und den Wirkungen der Filterblasen, sondern mit den tatsächlichen Zumutungen in einer Welt, in der niemand die Wahrheit für sich gepachtet hat.

    Strohschneider ist Literaturwissenschaftler und Mediävist, also ein aufs Mittelalter spezialisierter Historiker. Aber er beschäftigt sich auch mit dem Wissenschaftssystem und praktischer Wissenschaftspolitik. Als Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft stand er bis 2019 sogar an der Spitze dieses Systems. Und dann kam Corona.

    Und eigentlich war Corona auch ein idealer Modellfall, einer scheinbar aufgeklärten Gesellschaft dabei zuzuschauen, wie sie auf so eine Pandemie reagiert. Und da Strohschneider im Ruhestand ist, hatte er Zeit und Muße, genau das zu tun. Das Ergebnis ist letztlich dieser Essay, der das Tastende und Vorläufige nicht verbirgt, auch nicht die Vorbehalte, die Strohschneider zu seinen eigenen Thesen hat.

    Berechtigterweise. Denn schon die Ausgangsthese impliziert mehr, als in einem einzigen Essay auf 250 Seiten auch nur erörtert werden könnte. Denn als Mediävist ist Strohschneider sehr bewusst, was Historiker mit dem Terminus Neuzeit bezeichnen, jener Epoche, die ungefähr mit Renaissance und Reformation begann und in allen Lebensbereichen zu einer Ausdifferenzierung und Pluralisierung der Sichtweisen geführt hat. Wo in der Feudalgesellschaft noch Macht- und Wahrheitsanspruch in eins fielen, verloren mit Beginn der Neuzeit alle vorher als „unfehlbar“ betrachteten Institutionen ihr Monopol. Und das sich formierende wissenschaftliche Denken sorgte erst recht dafür, dass die alten Glaubensgebäude zerbröselten und die alten Gewissheiten sich auflösten.

    Ein Vorgang, den viele Menschen auch als einen Verlust von Sicherheit erlebten. Und gegen die sich die Inhaber der alten Macht mit geradezu irrationaler Gewalt wehrten. Das exemplarische Beispiel für diesen irrationalen Kampf gegen die Pluralisierung der Welt ist ja der Dreißigjährige Krieg in Deutschland. Auch die Bartholomäusnacht in Frankreich nennt Strohschneider. Wenn sich Historiker einmal hinsetzen würden, die Geschichte der letzten 500 Jahre unter dem Aspekt des blutigen Abwehrkampfes gegen die Zunahme von Pluralität aufzuschreiben, würden sie eine ganze Kette solcher Ereignisse finden. Und letztlich in der Gegenwart natürlich bei den populistischen Bewegungen überall auf der Erde landen.

    Denn Zunahme von Differenzierung und Pluralisierung bedeutet immer auch Machtverlust für all jene, die zuvor von monopolen Strukturen profitiert haben, egal, ob es feudale Herrscher, die Kirche, Militärs oder großbürgerliche Eliten sind. Immer neue gesellschaftliche Gruppen verschaffen sich ein Recht auf Sichtbarkeit. Und damit zersplittert auch Macht und Wahrnehmung.

    Und das sogar gewollt. Es ist regelrecht Ziel der gesellschaftlichen Emanzipationsbewegungen, die seit 500 Jahren immer neue Strukturen geschaffen haben, die Macht regulieren, austarieren und teilen. Und zwar nicht nur in demokratischen Verfahren und einer per Verfassung geregelten Gewaltenteilung im Staat, sondern auch in anderen, ebenso wirksamen gesellschaftlichen Bereichen. In der Bildung, der Ökonomie, der Wissenschaft und auch dem Journalismus.

    Wenn man den Blickwinkel so ändert, wird viel deutlicher, gegen was die Populisten eigentlich ankämpfen, wenn sie auf einmal wieder vom „Volk“ schwadronieren und sich selbst als Kämpfer gegen „die Eliten“ gerieren: Sie haben die mittelalterliche Sichtweise auf Volk und Herrschaft schon eingebaut in ihr seltsames Weltbild, das so überhaupt nicht zu dem passt, was unsere moderne Welt tatsächlich ausmacht. Aber gut möglich, dass sie damit eine uralte Sehnsucht von Menschen bedienen, die sich nach Eindeutigkeiten sehnen, einer Welt, in der es keine Zweifel (mehr) gibt, keine Ungewissheiten.

    Obwohl gerade das Mittelalter voller Ungewissheiten war. Dass die Welt beherrschbar wäre und eindeutig, war schon damals eine Fiktion. Doch von solchen Fiktionen leben Autokraten, die nur zu gern den Eindruck vermitteln, sie wüssten alles, was es zur Welt zu wissen gibt, schon aus eigener Vollkommenheit. Als verfügten sie über ein besonderes, quasi angeborenes Wissen und stünden über all den komplizierten Erkenntnisgewinnen, mit denen sich andere versuchen, die Wirklichkeit zu erschließen. Und der Mythos funktioniert irgendwie. Gerade die „social media“ haben ihn sogar noch befördert und bringen Millionen Menschen dazu, diesen Verheißungen von Eindeutigkeit und Beherrschbarkeit nachzulaufen.

    So kann man Populismus als die radikalisierte Bewegung unserer Zeit begreifen, die gegen alles ist, was Menschen in einer pluralisierten Welt als Zumutung und Überforderung begreifen: „Es ist diese Pluralität von Macht- und Wahrheitskonkurrenzen und die mit ihr erzeugte komplexe Unübersichtlichkeit wie unverlässliche Kontingenz von Welt, gegen welche aller Populismus revoltiert“, schreibt Strohschneider.

    Und wenig später: „Zur populistischen Politik gehört es daher, Politik, Recht und Justiz, Ökonomie und Wissenschaft, Erziehung und Journalismus gerade nicht als eigengültige und eigensinnige Ordnungen zu verstehen. Seiner Tendenz nach sucht Populismus die von ihm beanspruchte politische Macht einerseits und andererseits die unterschiedlichen gesellschaftlichen Wissensordnungen und Sozialsysteme entdifferenzierend in der Ungeschiedenheit aufgeheizter Gemeinschaftlichkeit zusammenzuführen.“

    Also wieder einen Zustand herzustellen, in dem ein als große homogene Gemeinschaft empfundener Volkskörper quasi dasselbe denkt, fühlt und weiß und ein quasi selbstmächtig wissender Führer sagt, wo es langgeht.

    Was deshalb augenscheinlich bei Millionen Menschen verfängt, weil sie sich mit ihrer Welt nicht mehr kongruent fühlen. Überall begegnet ihnen Differenz, Veränderung, Unsicherheit. Und die Wissenschaften sind eben genau das nicht, was ihnen gern zugeschrieben wird: Horte der „Wahrheit“.

    Sollten sie das nicht sein? Werden uns denn nicht seit Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland führende Virologen sozusagen als tägliche Verkünder der Wahrheit angepriesen?

    Man merkt schon: Die Medien sind gar nicht außen vor, auch wenn Strohschneider ausgerechnet sie mehr oder weniger ausblendet. Was in diesem Fall ein Fehler ist. Denn weder Wissenschaft noch Politik wenden sich unvermittelt an die Menschen. Sind sind genauso wie alle anderen pluralistischen Systeme auf Vermittler angewiesen. Und Können oder Unvermögen von Journalist/-innen sorgen dafür, welches Bild von ihnen vermittelt wird.

    Auch von den Wissenschaften, auch wenn Strohschneider darauf verweist, wie viele Öffentlichkeitskanäle „die Wissenschaft“ selbst betreibt. Völlig vergessend, dass sich alle diese Kanäle immer wieder nur an die wissenschaftliche Community wenden, oft sogar nur an die Spezialisten des eigenen Fachgebiets.

    Zur Vermittlung ins öffentliche Bewusstsein braucht es echte Überbrücker, Übersetzer, Übermittler, die auch noch die komplexesten wissenschaftlichen Erkenntnisse so vermitteln können, dass sie für den wissenschaftlich nicht gebildeten Bürger relevant und verständlich werden.

    So wie die Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim oder der Astrophysiker Harald Lesch. Die viel zu wenigen Wissenschaftsredakteur/-innen in den großen Zeitungen und Magazinen nicht zu vergessen, sofern es sie überhaupt noch gibt und ihre Rubrik nicht aus Kostengründen eingespart wurde, weil das Konzernmanagement keine Vorstellung davon hat, wozu die Rubrik nützen könnte. Denn das ökonomisch getriebene Nützlichkeitsdenken hat ja nicht nur in den Hochschulen und Schulen Einzug gehalten, sondern deformiert auch Politik und Medien.

    Darauf geht Strohschneider freilich nicht ein. Muss er auch nicht. Das hätte sein Buch zu einem Zehnbänder werden lassen. Denn recht hat er natürlich damit, dass alle unsere heutigen pluralistischen Systeme mehr oder weniger unvermittelt nebeneinander existieren. Wissenschaftler machen ihr Ding. Sie suchen natürlich keine „Wahrheiten“ und hüten auch keine „ewigen Wahrheiten“. Denn zur Ausdifferenzierung im Erkenntnisprozess gehören eben nicht nur immer neue Wissenschafts- und Forschungsfelder und ganze Schulen von Forschern, die sich manchmal heftig über die (Zwischen-)Ergebnisse ihrer Forschung streiten.

    Und zwar wissenschaftlich streiten, weil das Infragestellen von allem und jedem ihr Job ist. So gehört eben auch immer neuer Erkenntnisgewinn dazu. In der Corona-Zeit ebenfalls fast live zu beobachten. Als der erste Lockdown verhängt wurde, war noch wenig über das neue Virus bekannt. Monat um Monat lernte man dazu.

    Trotzdem zog die Regierung die Expertise von Virologen und Epidemologen zurate, um überhaupt etwas zu tun, was bei der Eindämmung der Epidemie wirksam ist. Aber das hat nichts mit dem zu tun, was Strohschneider als Szientokratie bezeichnet. Davon ist die deutsche Politik weit entfernt. Gerade der Umgang mit der Klimakrise ist exemplarisch dafür: Von allen möglichen Leuten lässt sich die deutsche Regierung in diesem Fall beraten – aber praktisch kaum von Wissenschaftlern. Weshalb das, was Strohschneider bei „March for Sciences“, „Fridays for Future“ oder Greta Thunberg selbst mit einem Weg in die Szientokratie beschreibt, also eine von Wissenschaft bestimmte Herrschaft, weit entfernt ist.

    Eher steht es für zwei andere Dinge: die empfundene Ohnmacht von Menschen, die sehr wohl sehen, was das Ignorieren wissenschaftlicher Befunde für katastrophale Folgen hat. Und für die Tatsache, dass zwar die pluralistischen Systeme alle nebeneinander ihr Eigenleben führen, Menschen aber von Natur aus in verschiedenen Systemen zugleich leben.

    Dafür steht ja Strohschneider auch selbst, der sich auch in der Leopoldina engagiert, die in der letzten Zeit vermehrt mit wissenschaftlichen Stellungnahmen zum Umgang mit der Corona-Pandemie, der Klimakrise und dem Verlust an Biodiversität von sich reden gemacht hat, sich also selbst zur politischen Stimme der Wissenschaften gemacht hat.

    Was zumindest in Sachen Corona auch auf Regierungsebene für Reaktionen gesorgt hat.

    Denn auch Wissenschaftler sind politische Menschen. Sie geben ihr Dasein als homo politicus nicht einfach an der Labortür ab, wenn sie eine neue knifflige Frage versuchen, in ein Experiment zu verwandeln. Natürlich hat Strohschneider recht, wenn er diese Unbedingtheit von wissenschaftlicher Forschung immer wieder betont. Aber es ist eben nicht so, dass wissenschaftliche Erkenntnisse deshalb nicht politisch werden können.

    Denn auch moderne Politik mit all ihren demokratischen Abstimmungsprozessen sollte vom Wesen her darauf zielen, so zu entscheiden, wie es das bestmögliche Wissen möglich macht. Auch dafür wird ja geforscht. Und es ist eben nicht als Vorrecht von Politik zu verstehen, wenn sie wissenschaftliche Erkenntnisse einfach ignoriert, wenn es um die Zukunftsoptionen der Menschheit geht.

    Erkenntnisse, die auch verstören können und eine Zumutung sind, wenn sie zum Beispiel bedeuten, dass ein Virus eine komplette Gesellschaft in den Lockdown zwingt oder mindestens eine längere Zeit der Vorsicht und des „social distancing“ nötig macht. Was ja den Erwartungen an eine freie und offene Gesellschaft so völlig widerspricht. Aber es ist ja nicht die Wissenschaft, die hier zur Zumutung wird, sondern das Wissen, dass menschliches Leben auch im 21. Jahrhundert nicht sicher ist, frei von Abhängigkeiten, die auch die beste Technik nicht auflösen kann.

    Aber natürlich haben immer auch Gruppen Einfluss, die von den alten Verhältnissen profitieren und die all ihren „demokratischen“ Einfluss nutzen, um eine Politik, die wissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigt, zu verhindern. Die Klimakrise ist das beste Beispiel. Aber dasselbe gilt auch bei Pestiziden, Zucker, Massentierhaltung, Waffenproduktion, Nikotin, Geschwindigkeitsbegrenzung usw.

    All das stört zuallererst lieb gewordene Gewohnheiten. Immer neue wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, wie schädlich viele unserer heutigen Standards sind, die ich ganz bestimmt nicht als „modern“ bezeichnen würde. Der gedankenlose Konsument war nie modern und wird es auch nie, egal, wie hoch sein Umschlag der allerneuesten Gimmicks ist. Modernität drückt sich tatsächlich eher in den pluralistischen Systemen von Wissenschaft und Politik aus, beides hochgradig lernfähige Systeme, auch wenn ihre Lernkurve oft völlig verschieden ist und selten im Gleichtakt läuft.

    Aber auch unsere Demokratie verändert sich, wird immer differenzierter und diverser – ein Thema, das Strohschneider am Ende mit einigem Missbehagen behandelt, weil es auch in den Bereich der Universitäten vordringt – und zur Zumutung wird. Denn wenn man immer mehr einzelne Gruppeninteressen wahrnimmt, wird das Gesamtbild immer unübersichtlicher. Wo ist da die Grenze? Wann hört das Differenzieren auf und zerfasert die Gesellschaft in lauter Kleinstgruppen, die nichts mehr miteinander zu tun haben?

    Auch daraus gewinnt der heutige Populismus Kraft, suggeriert den Überforderten eine Art Aufatmen, wenn sie sich nur wieder als „the people“ hinter einem alleswissenden Führer versammeln. Oder mit Strohschneider zitiert: „Der Akt der Negierung und Wertprivation von Unvertrautem und von Kongruenzströrung verringert Ungewissheiten und Wertungsunsicherheiten. Er vermeidet Irritation, Zwiespältigkeit und Ambivalenz und stellt auf seiner Seite ebenso klare wie eindeutige Verhältnisse her.“

    Was den Sprecher so einer Weltsicht natürlich eindeutiger macht. Er reduziert die Welt auf scheinbare Eindeutigkeiten und klare Feindbilder und wirft alles, was davon abweicht in die große Kiste: Gibt es nicht, darf es nicht geben. „Komplexitätsreduktion“ nennt es Strohschneider.

    Aber genau das würde ich Greta Thunberg und „Fridays for Future“ nicht vorwerfen, denn auch wenn sie auf ihren Transparenten schreiben, „Hört auf die Wissenschaft!“, ist das eben keine Forderung nach Szientokratie. Sondern eine nach Ernstnehmen. Wir leben nun einmal in einer Zeit, in der ein ganzes Bündel selbst verschuldeter Krisen den Fortbestand unserer Zivilisation infrage stellt.

    Und „die Wissenschaft“ hat nun einmal nicht nur mit Daten und Messungen sehr eindeutig belegt, wohin das führt, wenn wir so weitermachen. Sie hat auch Ansätze beschrieben, wie die Menschheit reagieren kann, um den Trend aufzuhalten. Es ist nicht so, dass das alles erst erfunden werden müsste oder Wissenschaftler gar die Regierung übernehmen müssten. Das Wissen ist da. Und es ist längst so verdichtet, dass es mit weiteren Forschungserkenntnissen nicht aufgehoben wird, sondern bestenfalls konkretisiert und weitergeführt.

    Was an Klimaprotest zu beobachten ist (und was ohne Medien regelrecht unsichtbar bliebe), ist tatsächlich die eindeutige Forderung, dass diese sehr konkreten wissenschaftlichen Erkenntnisse endlich auch Handlungsgrundlage der gewählten Politik werden müssen. Denn reagieren kann nur die Politik. Und sie ist nicht deshalb aus der Verantwortung, weil die demokratischen Aushandlungsprozesse so komplex sind, denn oft ist das auch nur eine Ausrede. Denn auch gewählte Politker/-innen sind nicht interesselos. Und oft deckt sich ihr persönliches Interesse nicht einmal mit dem ihrer eigenen Wähler.

    Aber auch das muss nicht ausgeführt werden. Die Leopoldina-Stellungnahmen erzählen genug darüber, wie irritierend die Forschergemeinschaft die Ignoranz der handelnden Politiker in wichtigen Zukunftsfragen findet. Denn natürlich ist die Frage: Ab wann werden wissenschaftliche Erkenntnisse zur Basis politischen Handelns? Können sich handelnde Politiker auf ihre Unabhängigkeit in Aushandlungsprozessen berufen? Ist unser politisches System schon so komplex, dass es auf reale Herausforderungen (die ja Wissenschaft nur beschreibt) nicht mehr reagieren kann?

    Dann natürlich stimmt, dass einige Kombattanten nicht mehr über die wirklichen Erkenntnisse reden (wollen), sondern ihre eigenen Empfindungen dagegensetzen, das, was man wissen kann, also konsequent negieren. Und das dann aufladen mit Empörung, „aufmerksamkeitsbindender Dramatisierung“, wie es Strohschneider nennt.

    Ein Fazit zieht Strohschneider in dem Sinne nicht. Viel wichtiger ist der Befund, wie sehr die pluralistischen Systeme schon längst zu einem Kennzeichen einer modernen Gesellschaft geworden sind. Und dass sie ihrerseits gerade durch ihre Komplexität stabilisierend wirken, weil sie auch das Abweichende und Andere einbinden. Für den Einzelnen sind sie andererseits oft eine Überforderung, eine regelrechte Zumutung, weil Eindeutigkeiten verschwinden und Aushandlungsprozesse fast nie zu klaren Fronten führen, sondern zu vorübergehenden labilen Zuständen, die sich schon bei der nächsten Wahl wieder verschieben können.

    Wir leben in einer unruhigen Welt. Und das war eigentlich schon immer so, nur sorgten frühere autokratische Systeme dafür, dass sich darum kaum jemand kümmern musste. Es betraf nur eine kleine Elite, die handelte und wusste. Das hat sich geändert. Meist unter der viel besungenen Fahne der Freiheit, was die Empfänger dieser Freiheit oft gar nicht verstanden haben. Denn die Freiheit, die unsere Verfassung jedem gewährt, überträgt tatsächlich die Verantwortung, die sich früher „der Staat“ anmaßte, auf die Bürger. Jede Entscheidung in Freiheit trägt ihre eigenen Konsequenzen in sich. Auch das erzählt Strohschneider so beiläufig.

    Demokratie verlangt ihren Bürgern sehr viel ab, egal, ob sie Wissenschaftler, Politiker, Journalisten, Richter oder Polizisten sind. Sie ist im täglichen Normalfall immer eine Zumutung, weil keine Entscheidung einfach per Ukas beschlossen wird. Da ist es nicht leicht für den so Überforderten, sich nicht permanent gekränkt zu fühlen. Denn Freiheit bedeutet eben auch Verantwortung – für das eigene Handeln und (über viele Ebenen vermittelt) auch für die ganze Gesellschaft.

    Sogar für die Erde und die Vielfalt der Schöpfung, ein Punkt, an dem wissenschaftliche Erkenntnis auch wieder zur Zumutung wird. Denn sie mahnt uns zum Handeln, uns selbst. Das ist wohl die größte Zumutung, denn diese Verantwortung können wir – egal wie sehr es uns gegen den Strich geht – nicht auf „die da oben“ verschieben. Oder jene Vorturner mit ihrer „Moralisierungskommunikation“, wie es Strohschneider nennt: „Stets wirken sie wie festgefroren in der Mimik einer aggressiven Gekränktheit.“

    Unser Leben ist voller Zumutungen. Wer hätte das gedacht.

    Peter Strohschneider Zumutungen, Kursbuch Edition, Hamburg 2020, 22 Euro.

    Das große Nein: Warum eine Demokratie ohne Protestbewegungen zu einer müden Amtsverwaltung werden würde

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