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Plädoyer und ernüchternde Bilanz: Solidarität in Zeiten von Corona und darüber hinaus

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    Wir haben ja an dieser Stelle schon einige Bücher besprochen, in denen sich kluge Leute Gedanken darüber gemacht haben, wie sich die Welt oder unsere Gesellschaft nach dem Abflauen der Corona-Pandemie verändern wird. Manche sahen ja verheißungsvolle Zeichen am Horizont, andere regelrecht ein verändertes Denken. Andere zweifelten. Warum sollten Gier und Geiz verschwinden, wenn sie nicht mal während der Pandemie verschwanden?

    Natürlich kann man da Thesen äußern wie die, dass große Seuchen in der Geschichte immer eine Menge Veränderungen mit sich brachten, neue Gleichgewichte herstellten, Macht und Reichtum neu verteilten. Aber nichts deutet darauf hin, dass das diesmal geschehen wird. Warum auch? Erinnert sich noch jemand an das allgemeine Geschwafel aus dem Frühjahr 2020, als alle Leitmedien der Nation von Solidarität dröhnten, als wenn sie auf einmal zum Organ der Linkspartei geworden wären?Klatschen für Pflegekräfte, Soli-Konzerte im Innenhof, Rücksichtnahme auf die Schwächeren, ein Herz für die Alten … Es war die verlogenste Medienkampagne seit 2004 (oder auch 2009). Und sie bewies vor allem eines: Dass diejenigen, die unter den Corona-Bedingungen und den Einschränkungen am meisten zu leiden haben, in Deutschland keine Stimme haben. Vielleicht mal abgesehen von den Obdachlosenzeitungen, die dann ein paar Wochen lang mal nicht verkauft werden durften.

    Und wer sich von diesem angepinselten Wir-Gefühl nicht einlullen ließ, der sah schon im April und Mai, dass auch diese „Krise“ in Deutschland wieder genauso gehandhabt werden würde wie alle Krisen der letzten Jahre: mit warmen Worten für die ach so Systemrelevanten, ein bisschen Bedauern für die, die jetzt ein paar Opfer bringen sollten für die Gemeinschaft, na ja – und einer kleinen Milliardenspritze für völlig überflüssige Unternehmen, deren Bosse aber die Direktdurchwahl zur Kanzlerin haben.

    Oder zum Wirtschaftsminister oder wem auch immer in dieser Regierung der Superreichen, die ganz offensichtlich dafür gesorgt hat, dass die Superreichen nicht nur ungeschoren davonkamen und auch keinen Corona-Soli abdrücken mussten, sondern noch einmal richtig satt dazuverdienen konnten. Denn am Leid anderer Leute kann man sich goldene Nasen und Hintern verdienen, wenn man den richtigen Konzern besitzt.

    Weshalb die beiden Soziologen Kemmenies und Trabert nicht nur die diversen Statistiken des Bundesamtes für Statistik und die (leicht zensierten) Armutsberichte der Bundesregierung zitieren können. Das tun sie in ihren eigenen Beiträgen für dieses Buch auch, die übrigens auch deshalb lesenswert sind, weil die beiden sich selbst nicht aussparten und von ihrem eigenen Erleben im ersten Lockdown und den irritierenden Monaten danach erzählen.

    Da entstand nicht nur die Idee zu diesem Buch (April 2020). Da kontaktierten sie auch all die Autor/-innen, die mit kürzeren und längeren Beiträgen in diesem Sammelband vertreten sind. Und zwar keine Theoretiker und Schönfärber und Welterklärer. Nichts davon. Denn da sie beide seit Jahren in der Sozialarbeit tätig sind bzw. direkt dazu forschen, kennen sie die Menschen, die schon vor dem Corona-Ausbruch zu kämpfen hatten und von der Politik in Deutschland wie etwas behandelt wurden, was es im Kosmos neoliberaler Weltvorstellungen nicht geben darf: Verlierer, Arme, Armgemachte, um ihre Existenz und ihre Hoffnung gebrachte Niedriglöhner, Arbeitssklaven, „Hartzer“.

    Auf einmal ist man wieder mittendrin in dem, was die politische Elite 2004 implementiert hat in unsere Gesellschaft – und zwar nicht nur die rot-grüne Regierung von Gerhard Schröder, auch wenn man das immer wieder liest. Denn den Druck, die Vorschläge der Hartz-Kommission von 2002 derart umzubiegen, dass am Ende „Hartz IV“ dabei herauskam, den haben auch jene konservativen Medien aufgebaut, die sich damals genauso wie heute zum Sprachrohr genau der Superreichen gemacht haben, die jedes, aber auch jedes Mittel nutzen, um ihre Besitzstände zu mehren.

    Ergebnis: Ein gar nicht so kleiner Teil einer Gesellschaft, der keine Fürsprecher mehr hat, voller Scham ist und auch kaum noch zur Wahlurne geht. Denn seit 2005, seit „Hartz IV“ in Kraft ist, ist nicht nur Arbeitslosigkeit schambehaftet, sondern auch Bedürftigkeit. Ganz amtlich wurden Millionen Menschen arm gemacht und bedürftig. Und gleichzeitig wurde ihnen das von hochbezahlten Politikern gewünschte Gefühl eingeimpft, dass sie an ihrer Not selber schuld wären.

    Völlig vergessen, dass genau dieses Gesetz die alte, so unprofitable Solidarität der alten Bundesrepublik zu Grabe trug, in der sich ein Sozialstaat noch verpflichtet sah, Menschen eine existenzsichernde Fürsorge zukommen zu lassen, die vom radikal beschleunigten Arbeitsmarkt entlassen und ausgespien worden waren. Der Staat machte sich zum Peitschenschwinger und Handlanger der Radikal-Optimierer.

    Übrigens ja nicht nur hier. Das Corona-Jahr hat ja unerbittlich offengelegt, dass diese Radikal-Privatisierung der Gesellschaft auch andere Lebensbereiche zerstört hat. Es war keine Überraschung, dass das deutsche Gesundheitssystem im März nicht vorbereitet war auf die angekündigte Pandemie. Denn die erste SARS-Pandemie von 2002 hat ja nicht nur die WHO gewarnt, was da bald zu einem Phänomen der umweltzerstörenden Weltwirtschaft werden würde.

    Auch die Bundesgesundheitsminister waren alle gewarnt. Aber da man lieber das Gesundheitssystem optimieren, verschlanken, privatisieren wollte (und die Profite daraus natürlich den Leuten zukommen lassen wollte, die da Privatkliniken, Pharmafirmen und dergleichen besaßen), hatte man im März 2020 natürlich keine Vorräte an Schutzbekleidung und Masken, keine Reserven an Intensivbetten. Und es fehlte an Pfleger/-innen, fehlt es bis heute. Denn da man den Job zu einem hochbelasteten Billigjob gemacht hatte (so ein bisschen wie in den Schlachtbetrieben der Republik), lief und läuft der Laden schon lange nur noch mit emsigen Arbeitskräften aus dem Ausland.

    Ich zähle das jetzt nicht alles auf.

    Die Leute, die das alles erduldet und erfahren haben in den vergangenen 16 oder 20 Jahren, die sind nicht mehr wütend. Die sind nur noch müde, desillusioniert und so stocknüchtern, wie es die frohlockenden Moderator/-innen im deutschen Fernsehen noch nie waren. Welche Solidarität?

    Manche erzählen in ihren Beiträgen, was eigentlich getan werden müsste. Wie sich diese Republik eigentlich wieder zu einer solidarischen Gemeinschaft ändern müsste. Andere konstatieren, dass das praktisch unmöglich ist, wenn sich am Steuersystem nichts ändert und sich die wirklichen Gewinner all der Krisen der letzten Jahre aus jeder Solidarität herausschwindeln können. (Ja, auch Steuergerechtigkeit ist Solidarität.)

    Von den Medien ganz zu schweigen, die sich seit Schröders heftiger Liebe zur BILD-Zeitung allesamt zunehmend boulevardisiert haben. Politik wird wie ein Boxkampf kommentiert. Über Inhalte erfahren die Zuschauer, Leser und Zuhörer fast nichts mehr. Ist ja auch zu kompliziert und zu frustrierend. Weil man eigentlich jedes Mal fragen müsste: Und wer bezahlt das alles?

    Die Antwort lautet eigentlich immer: Die, die sich nicht wehren können. Die keine Lobby im Bundestag haben. Die keine Stimme haben. Und die auch in den so von „Wachstum“ und „Wohlstand“ trunkenen Medien kein Gehör findet. Eigentlich gar nicht vorkommen. Armut verkauft sich nicht. Das mussten auch die beiden Herausgeber erfahren, als sie mit ihrer Buchidee bei einem großen deutschen Verlag erst auf begeisterte Fürsprache stießen – und dann ging wohl der Marketingchef über das Manuskript und stellte trocken fest: Armut verkauft sich nicht.

    Solidarität übrigens auch nicht. Oder hat der Bundesgesundheitsminister das Corona-Jahr genutzt, die ganzen Fehlentwicklungen im Gesundheitswesen zu korrigieren? Er hat nicht mal dran gedacht. Denn Leute wie er gehen davon aus, dass die Menschen, die einen Pflegejob übernommen haben, schon aus Verantwortungsgefühl einfach weitermachen – sonst hätten sie den Job ja nicht ergriffen, oder?

    Und die anderen, die man die ganze Zeit geduckt, kurzgehalten und zum Stillhalten gebracht hat, die werden auch nicht wütend in seinem Vorzimmer auftauchen. Anders als die Bosse der Pharmakonzerne, mit denen er hinterher immer noch schöntut, auch wenn sie ihn ins Gesicht beleidigt haben. Denn sie sitzen am längeren Hebel. Sie haben das nötige Erpressungspotenzial.

    Denn genau das passiert, wenn man die Daseinsfürsorge privatisiert: Der Staat verliert seinen Einfluss. Und irgendwann sind die Gewinner der Privatisierung so mächtig, dass sie die Bedingungen diktieren – z. B. den Preis für Schutzmasken, Impfdosen, Operationen, Extra-Kosten für Behandlungen usw. Was erleben wir gerade? Ein riesiges Gezocke um die Impflieferungen. Und beliefert wird zuallererst, wer den höchsten Preis geboten hat. Pech für die EU. Pech für Deutschland. Es wird wohl Mai werden, bevor sich die meisten Deutschen werden impfen lassen können.

    Klar: Hier spukt jetzt der Januar-Lockdown in meinen Text mit hinein. Die letzten Beiträge für das Buch wurden im Spätsommer geschrieben, wo schon absehbar war, dass Deutschland ungebremst in die Zweite Welle hineinrauschen würde. Denn die Infektionswege, die das Virus tatsächlich um die ganze Welt breitlatschten, wollte keiner der so profitfreundlichen Minister unterbinden. Die Ferienflieger flogen auch noch in die glühendsten Corona-Hotspots. Geschäftsreisen durften auf keinen Fall abgesagt werden. Wofür sonst bekamen die Fluggesellschaften so viel Geld vom Staat als Beihilfe, wenn sie nicht eifrig neue Corona-Mutationen ins Land brachten?

    Das klingt alles mit an, auch wenn sich die Geschichten in diesem Band vor allem mit denen beschäftigen, die nicht einfach ins Homeoffice gehen konnten, die sich Flugreisen in der Business-Class gar nicht leisten können, denen eigentlich mit April alle Aufträge wegbrachen – kurzerhand gekündigt auch von staatlichen Institutionen, die sich nicht mal einen Kopf darüber machten, wie man die Veranstaltungen und Konzerte vielleicht doch unter Corona-Bedingungen durchführen könnte.

    Obdachlose verloren ihre letzten Geldquellen, Drogensüchtige ihre Hilfsangebote, chronisch Kranke waren auf einmal ohne ihre Betreuungsangebote. Senioren wurden in ihren Pflegeheimen abgeschottet. Hartz-IV-Empfänger merkten, dass sich allein der Einkauf der täglich benötigten Nahrungsmittel gegenüber dem Vorjahr um 10 Prozent verteuert hatte. Das ist die Inflationsquote der Leute, die nichts haben. Nur dass Hartz IV nicht um 10 Prozent angehoben wurde. Einen Corona-Gutschein für die Bedürftigen gab es auch nicht.

    Das Buch liest sich im Januar/Februar 2021 so aktuell wie im August/September 2020. Denn es hat sich nichts geändert. Außer dass sich nach den Soloselbstständigen (denen man im April kurzerhand sämtliche Auftritte und Aufträge gekündigt hat) nun auch noch Friseure, Gastronomen und kleine Ladenbesitzer in derselben Abwärtsspirale befinden. Eine vom Profit besessene Elite hat das Corona-Jahr einfach genutzt, um noch mehr Menschen wie Ballast abzuwerfen und die Vermögen noch stärker umzuverteilen. Die Folgen werden wir alle erst sehen, wenn die Regierung endlich so gnädig ist, das Land wieder zu öffnen.

    Und damit sind nicht die Grenzen gemeint, sondern die Türen der Menschen, die alle diese Corona-Einschränkungen im Grunde allein zu tragen hatten. Denn da muss man nur morgens auf die Straßen schauen: Die großen Konzerne denken gar nicht daran, ihre Leute zu Hause zu lassen. Egal, ob die Mütter und Väter eine Betreuung für die Kinder organisiert bekommen, wo doch Kitas nur noch Notbetreuung anbieten können.

    Natürlich kommt auch das Homeschooling vor, das in einem gut ausgestatteten Gutverdienerhaushalt völlig anders aussieht als in einer Zwei-Zimmer-Wohnung mit einer kinderreichen Familie, wo das Geld ganz bestimmt nicht für Laptops reicht. Abgehängt eben. Dumm gelaufen. Armut ist in Deutschland eben kein Verdienst. So ticken ja unsere schlanken Wirtschaftsexperten auf Regierungsposten.

    An einer Stelle wird auch sehr schön die alte Hollywood-Legende „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ auseinandergenommen, diese implementierte Lüge, die den Leuten einredet, sie könnten es durch Fleiß und Ausdauer schaffen, in die Liga der reichen Schnösel aufzusteigen. Wer einer ehrlichen Arbeit nachgeht in Deutschland, der weiß, dass das unmöglich ist.

    Und wer auch noch einer systemrelevanten Arbeit nachgeht, der weiß, dass das die größte Verarsche einer Gesellschaft ist, in der die meisten Menschen keinen Einfluss auf politische Entscheidungen haben. Auch das Thema wird kurz gestreift. Was dann auch ziemlich einfach erklärt, warum den Entscheidungsträgern in den politischen Kabinetten all jene so völlig egal waren, die tatsächlich psychisch und finanziell leiden unter den verhängten Allgemeinverfügungen.

    Und so nebenbei geht auch der Rest von Seele verloren, den diese Gesellschaft noch hatte. Darüber schreibt in diesem Band ein Philosoph, der die knausrigen Herren aus den oberen Etagen nur zu gut kennt – und die Spreizung der Honorare, die etwas abgehalfterte Ex-Politiker bekommen, wenn sie mal zum Vortrag vor der „Wirtschaftselite“ eingeladen werden, oder echte Philosophen, die den Anzugträgern dann auch noch mit Weisheit und kritischem Denken kommen.

    Womit auch kurz die Zerstörung unserer Hochschulen ins Bild rückt, wo die großen Konzerne immer mehr Einfluss gewinnen und die Hatz nach „Drittmitteln“ anheizen, die auch junge Forscher letztlich irre machen, weil diese institutionalisierte Bettelei die Zeit fürs Forschen und Nachdenken frisst. Bildende Künstler kommen zu Wort, Musiker, Clubbetreiber.

    Und immer wieder kommen sie auf die Frage: Wie macht man so eine Gesellschaft resilient, also widerstandsfähig, in Krisen? So jedenfalls, wie es die Marktradikalen seit 40 Jahren gepredigt und durchgedrückt haben, nicht. Sie haben nur ein perfides Bild von Erfolg in die Köpfe der Menschen gepresst, das mit einer ehrlichen Gesellschaft, in der sich die Starken tatsächlich um die Schwachen kümmern, nichts zu tun hat.

    Was übrigens ein erheblicher Grund ist für die aufkommenden Extremismen in unserer Gesellschaft. Darauf kommt Kemmenies zu sprechen, der den Blick auch auf die Kinder und Jugendlichen lenkt, die in dieser Gesellschaft sozialisiert werden und schon früh erfahren, dass sie in eine entsolidarisierte Gesellschaft hineinwachsen, in der von ihnen nur Einordnung und Funktionieren verlangt wird, ihre Gefühle, Wünsche und Hoffnungen aber nicht zählen.

    Worauf Kemmenies natürlich kommt, weil er sich seit 2003 forschend mit den Wurzeln von Extremismus und Terrorismus beschäftigt. Er weiß, dass das alles nichts mit Religion und Ideologie zu tun hat, aber viel mit Benachteiligung, Ausplünderung und Erniedrigung, egal, ob in unserer Gesellschaft oder in den Ländern des Nahen Ostens. Worüber ja bekanntlich schon Arundathi Roy schrieb. Aber augenscheinlich lesen unsere reichen Schnösel schon lange nicht mehr. Oder verstehen nicht, was da geschrieben steht und von der Forschung belegt ist.

    Der politische Extremismus ist die Ernte eines Extremismus, der für die meisten Menschen völlig unsichtbar zu sein scheint: des Extremismus der Gier. Der Arroganz des Westens, wie es einer der Autoren im Band benennt, der auch von seinen Erlebnissen bei Hilfseinsätzen in der ärmeren Welt erzählt.

    Manchmal muss man einfach mal in die Rolle der Gegängelten und Gemaßregelten schlüpfen, dann schaut man anders auf die Sparexperten in der Bundesregierung, die rotzfrechen Handelsverträge der Superreichen und die militärischen Drohgebärden der „freien Welt“, die sich ihre eigene Unfreiheit nicht mal mehr einzugestehen traut, seit man mit Hartz-IV-Gesezten auch die Gewerkschaften zahnlos gemacht hat.

    Wer fürchten muss, beim nächsten Widerwort nach unten durchgereicht zu werden, der wird die gut gefütterten Herren nicht mehr ärgern. „Ja, die Coronakrise lässt im Erleben und an der Situation insbesondere am Rande der Gesellschaft lebender Menschen offenkundig werden, dass es um den gesellschaftlichen Frieden bereits vor Corona nicht bestens bestellt war“, schreibt Kemmenies.

    Und eigentlich bilanzieren die Geschichten im Buch, dass es während Corona nicht besser wurde. Eher noch schlimmer. Die ganze so schön beschworene Solidarität blieb eifriges Geklingel. Denen, die wirklich direkte Hilfe gebraucht hätten, wurde nicht geholfen. Sie waren auch die ersten, die erlebten, was es heißt, wenn es in einer auf engstem Raum lebenden und arbeitenden Gemeinschaft zu Corona-Ausbrüchen kommt: in Schlachthöfen, Gemeinschaftsunterkünften, in Altersheimen und Großwohnsiedlungen.

    Und dann sucht man nach einer RKI-Statistik, die die Corona-Erkrankungen nach sozialer Herkunft aufschlüsselt – und findet sie nicht.

    Weshalb gerade gutsituierte Kreise gern so tun, als ginge sie Corona gar nichts an. Denn die Armen, vorher schon Einsamen und Deprivierten, haben keine Stimme in diesem Land. Deswegen sterben sie auch anonym, unbetrauert, ohne Aufsehen. Da unterscheidet sich Deutschland nicht von den USA, über das unsere großen Medien so viele Lamento-Geschichten geschrieben haben. Die Armut vor der eigenen Haustür sieht man nicht. Und wenn man sie sieht, geht man einfach davon aus, dass sich schon jemand kümmern wird. Irgendjemand anders.

    Doch die Kümmerer waren auch vor Corona schon ehrenamtliche Helfer, die meist selbst zur Risikogruppe zählen. Und als Tafeln schließen mussten und Betreuungsangebote, wurde den Hilfsbedürftigen noch weniger geholfen.

    Aber was referiere ich. Das Buch zeigt einen recht großen Ausschnitt aus unserer entsolidarisierten Gesellschaft und ihrem verbalen Selbstbetrug, mit dem man alles entschuldigt, was die rotzfrechen Selbstbereicherer hier seit Jahren angerichtet haben. Mit Ministern, die nie für irgendetwas verantwortlich gewesen sein wollen. Und das trifft nicht nur auf den irrlichternden Verkehrsminister zu.

    Und da und dort, wo die Autor/-innen über ein Mehr an Solidarität nachdenken, ahnt man, dass sich eigentlich auch unser Regiertwerden ändern muss. Dass es eine Solidarität (eine wirklich solidarische Gemeinschaft) erst wieder geben wird, wenn Regierungsverantwortliche tatsächlich auch zur Verantwortung gezogen werden können. Wenn sie für miserable oder egoistische Arbeit auch bestraft werden können.

    Nicht nur „abgestraft durch Wahlen“, wie es unsere Zauberkünstler aus der Kommentarspalte immer erzählen. In Deutschland werden Politiker nicht durch Wahlen abgestraft. Ganz zu schweigen davon, dass sie auch nicht abgewählt werden, wenn sie den Reichtum und die Fürsorge der Gesellschaft verramscht und verscherbelt haben.

    Ein gut regiertes Land sichert allen seinen Bürger eine humane Existenzgrundlage. Es denkt Solidarität von unten her, nicht von den Gehältern von Managern und Beamten her. Der sichert die tägliche Fürsorge für alle und macht das Land widerstandsfähig gegen alle absehbaren Krisen. Und die zweite SARS-Pandemie war seit 2002 absehbar. Da war nichts Überraschendes.

    Außer dass die Gesundheitssysteme in den Ländern der Großmäuler zusammenklappten wie ein Kartenspiel. Kaputtgespart und ausgehöhlt – und das bei überall massiv gestiegenen Kosten für die Menschen, die das alles eigentlich bezahlen mit ihren Beiträgen.

    Aber wie gesagt: Es war nicht mal ein Regierungsmitglied zu sehen, das sich diese fatale Demolierung eingestanden hätte.

    So gesehen, ist das Buch zwar ein vielstimmiges Plädoyer. Man bekommt aber so das dumme Gefühl, dass hier der malträtierte Teil der Gesellschaft an Leute appelliert, die nicht einmal mehr wissen, was Fürsorge und Solidarität eigentlich sind.

    Uwe E. Kemmesies; Gerhard Trabert Solidarität in Zeiten von Corona und darüber hinaus, Oekom Verlag, München 2020, 24 Euro.

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