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Eine kurze Geschichte der Zukunft: Ille C. Gebeshubers Plädoyer für eine neue Renaissance des menschlichen Denkens

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    Wenn man so durch die Buchneuerscheinungen dieses Jahres 2020 blättert, fällt ziemlich schnell auf, dass es ein Jahr nicht nur der Mahnungen war. Zahlreiche Autorinnen und Autoren haben sich ernsthaft Gedanken darüber gemacht, wie die Menschheit aus diesem Schlamassel wieder herauskommt. Und damit ist eher nur beiläufig Corona gemeint. Das ist nur ein Symptom für eine völlig irre laufende Entwicklung. Muss sich der Mensch jetzt nicht selbst ändern? Ein zumindest bedenkenswerter Ansatz der Wiener Bionikerin Ille C. Gebeshuber.

    Bionik ist – wie Wikipedia es so schön formuliert – „ein Kofferwort aus Biologie und Technik“. Sie hat mehrere Disziplinen. Und etliche davon gehören zu den von großen IT-Konzernen forcierten Entwicklungen der Gegenwart. Was auch ziemlich stark bestimmt, wie Gebeshuber sich eine mögliche Zukunft ausmalt. Denn der „erweiterte Mensch“, der regelrecht mit der virtuellen Sphäre verschmilzt, ist derzeit der heiße Traum der großen Konzerne.

    Hier werden die Milliarden in die Forschung investiert. Hier werden die Marketingmillionen ausgegeben, um den Konsumenten schon einmal regelrecht einzuhämmern, dass Künstliche Intelligenz der heiße Stoff der Zukunft ist. Eine Intelligenz, die mal so klug und cool sein wird, dass sie praktisch dann auch sämtliche wirtschaftlichen Steuerungen übernimmt und nur noch wenige hochqualifizierte Arbeitskräfte braucht, die die automatisierten Prozesse dann steuern. Der Rest wird einfach arbeitslos.

    Man kommt schon ins Grübeln, denn einige Trends der Analyse, auf die Gebeshuber ihre Zukunftssicht aufbaut, sind real – der Trend zur Megacity, in der immer mehr Menschen auf engstem Raum leben, genauso wie das Verschwinden von „Arbeit“ durch Automatisierung – und damit von gut bezahlten Arbeitsplätzen. Über die Zerstörung der Biosphäre durch eine wild gewordene Rendite-Wirtschaft muss man eigentlich gar nicht mehr reden.

    Denn diese Art Kapitalismus funktioniert nur durch Ausplünderung der Welt. Sie kennt keine Grenzen, keine Moral und schon gar keine Rücksicht auf unsere Lebensgrundlagen vom Trinkwasser bis zum wertvollen Ackerboden. Sie lebt davon, dass sie in den Menschen immer mehr Wünsche nach immer mehr neuen Produkten mit immer kürzerem Haltbarkeitsdatum erzeugt.

    Und sie lebt von dem verlogensten aller Träume: der Hoffnung der Armen und Hablosen, durch Fleiß und Mühsal aufsteigen zu können.

    Ein Traum, den das Corona-Jahr ja ebenso ad absurdum führte, denn es sorgte dafür, dass die Armen noch ärmer wurden, die Reichen noch reicher und die Angst in der Mittelschicht um den schwer erarbeiteten Wohlstand wuchs.

    Und weil diese Maschine so unerbittlich läuft, ist jetzt schon absehbar, dass nicht nur unser Klima vor die Hunde gehen wird und Ende des Jahrhunderts schon Bedingungen herrschen werden, die die Menschheit an den Rand des Kollapses bringen werden. Die verfügbaren Trinkwasservorräte werden vielerorts noch früher zur Neige gehen – und die landwirtschaftlich nutzbaren Böden ebenso.

    Es ist nicht zu sehen, dass irgendwo irgendwer wirklich bereit ist, die Bremse zu ziehen.

    Was übrigens am heute gültigen Denken liegt. Menschen, die nicht fähig sind, ein als unumstößlich betrachtetes Denken aufzugeben, sind auch unfähig, anders zu handeln und die tödlichen Kreisläufe zu verlassen. Und wahrscheinlich hat Ille Gebeshuber recht, wenn sie heute von einem zweiten Mittelalter spricht und eine zweite Renaissance erwartet, die sie tatsächlich als Erneuerung des Denkens betrachtet.

    Denn genau das war ja die erste Renaissance: Sie brachte eine völlig neue Weltsicht in die Welt. Was den meisten Bewohnern des Mittelalters unmöglich war überhaupt zu denken, wurde mit den Denkern der Renaissance zur Grundlage einer völlig neuen Sicht auf die Welt.

    Und die Sicht auf die Welt bestimmt, was Menschen für machbar und möglich halten.

    Und da genügt Gebeshuber ein Blick in die digitalen Plattformen von heute, wo jeder jederzeit scheinbar alles finden kann – ein Ozean von Informationen. Doch dieser Ozean hat keine Struktur, die Menschen versinken in einem Informationsstrudel, in dem das meiste schlicht Lüge, Irrsinn, Geplapper und Unfug ist. Während ein strukturierter Zugang zum wirklich wissenschaftlich erarbeiteten Wissen völlig fehlt.

    Mit dem Ergebnis, dass die Menschen – wie im Mittelalter – in den seltsamsten Blasen landen, verängstigt, orientierungslos, von wilden Propheten in die Irre geführt. Sie laufen Populisten und Scharlatanen hinterher und wählen nicht, was gut für sie ist, sondern was ihnen clevere Marketingexperten eingeredet haben. Und Politiker versprechen zwar in jedem Wahlkampf Wunder – danach aber reden sie sich bis zur nächsten Wahl wieder mit Sachzwängen heraus und bedienen wieder nur die eh schon Mächtigen und Reichen.

    Das ist der Punkt, an dem auch Gebeshuber keine Antwort gibt. Nicht geben kann. Wie kommen wir da heraus? Wie kommen wir selbst zu jenem vielstimmigen „Babylon“, wie sie es im zweiten Teil ihres Buches schildert? Im „Fazit“ versucht sie zwar zu umreißen, wie das gehen müsste. Denn „wir“ müssten ja nur unser Denken ändern, uns zusammentun und dafür sorgen, dass auch andere ihr Verhalten ändern.

    „Wir müssen durch unsere Beiträge erreichen, dass unsere Mitmenschen ihre Welt mit anderen Augen betrachten. Wenn dies gelingt, dann werden sie auch von sich aus erkennen, dass die Verlockungen des einfachen Weges, die Geringschätzung der Natur und die Überbewertung des Fortschritts Irrwege sind.“ Schön formuliert sie das.

    Aber wer soll das tun? Und wie?

    Man merkt: Es ist eher ein Essay, in dem die Professorin versucht, einen möglichen Weg in die Zukunft zu finden – in diesem Fall ins 22. Jahrhundert, das sich in ihrer Vision schon deutlich von unserer Zeit unterscheidet und in vielem an einige der berühmtesten Utopien erinnert. Thomas Morus und sein „Utopia“ erwähnt sie sogar direkt als Vision einer eher streng als gut verwalteten Gesellschaft mit einer Elite der Wissenden an der Spitze.

    Ein Modell, das sie tatsächlich in die Zukunft fortgeschrieben sieht. Als wäre es geradezu ein ehernes Gesetz, dass es eine winzige Schicht von Superreichen gibt, die sich alles leisten können und die Macht haben, die Welt ganz nach ihrem Gutdünken zu steuern, dazu einer Mittelschicht, die sich um die gut bezahlten noch verfügbaren Arbeitsplätze balgt und in ihrem Luxus versucht, den Superreichen nachzustreben.

    Und darunter die riesige Schicht der Armen, die in der automatisierten Arbeitswelt auch niemand mehr als Arbeitskraft braucht, der man aber ihren Traum von Freiheit dadurch ermöglicht, dass man ihr eine ganze virtuelle Welt zur Verfügung stellt. Was dann schon eher an Huxleys „Schöne neue Welt“ und Bradburys „Fahrenheit 451“ erinnert. Denn es stimmt ja: Die meisten wirklichen Abenteuer erleben wir Menschen im Kopf.

    Dazu müssen nicht Milliarden Menschen in Kreuzfahrtschiffen, Flugzeugen und Autos um die Welt fahren. Dazu reicht eine Schnittstelle, die Menschen direkt mit den unbegrenzten Räumen der Virtualität (die Gebeshuber Kumulus nennt) verbindet. Mensch und virtuel reality verschmelzen immer mehr und damit auch reale und virtuelle Welt.

    Was ja so abwegig nicht ist. Da muss man nur den heutigen Konsum der meisten Menschen in digitalen Welten betrachten, ihre tagelangen Aufenthalte in immer komplexeren Onlinespielen, ihr Verlorensein in Streaming-Angeboten, Chats und den ganzen Daddel-Tools der Smartphones. Als wären die meisten Menschen völlig zufrieden, wenn ihr armes Gehirn nur genug virtuelle Unterhaltung bekommt. Was kümmert da die wirkliche Welt?

    Und wenn die Menschen glücklich sind in der totalen Freiheit virtueller Welten, was sollen sie da noch ihre kleinen Wohnkammern verlassen und ständig durchs Land fahren? Man könnte Straßen zurückbauen, die verbauten Flächen wieder der Wildnis übergeben. Man muss nur diese Milliarden Menschen, die sonst immer nur immer mehr konsumieren würden, derart ruhigstellen.

    Das wäre eine Lösung. Man bekäme das Klima und die Artenvielfalt wieder in den Griff. Und die Geburtenrate sowieso. Denn wenn Menschen weniger Zeit mit anderen verbringen und auch allein glücklich sind (dafür ihre virtuellen Freunde in aller Welt finden), bricht die Geburtenrate sowieso zusammen. Auch das kein so unmöglicher Trend.

    Aber mit einem einzigen Satz entkräftet Gebeshuber ihre eigene Vision. Denn ihre Megacities der Zukunft schildert sie auch als Orte, wo die heute von Autos und einem völlig irren Verkehr blockierten Straßen wieder zu Aufenthaltsräumen der Menschen werden. Und da schreibt sie auch einen sehr erhellenden Satz: „Einsamkeit ist nicht nur das Schicksal von Individuen, sondern aus Sicht der Mächtigen ein sehr praktischer Nebeneffekt, der die Selbstheilungskräfte unserer Gesellschaft unterbindet.“

    Einsame Menschen werden vielleicht Attentäter und Terroristen (auch deshalb haben die Mächtigen geradezu freudig den „Krieg gegen den Terror“ ausgerufen), aber sie werden den Mächtigen nicht gefährlich, weil sie keine gemeinsame Vision haben, keine klaren Ziele und damit auch nicht als (soziale) Bewegung gefährlich werden.

    Das ist übrigens die Stelle, an der ich mehr erwartet hätte. Denn mehrfach stellt auch Gebeshuber fest, dass Gesellschaft und Wirtschaft immer Machtfragen sind. Und dass die Reichen und Mächtigen auch alle Propagandainstrumente nutzen, der Gesellschaft ihre Sicht der Welt aufzunötigen – mit all den „Alternativlosigkeiten“, von denen sie gern reden. Da wird dann auch klarer, wie sehr die heute verbreiteten – vor allem technokratischen – Visionen in erster Linie genau die Dinge sind, die die eh schon Mächtigen natürlich als ihre Lösung für alle Probleme anpreisen.

    Deswegen schreiben die willfährigen Kommentatoren auch so gern über Künstliche Intelligenz, „smarte Systeme“, die komplette Digitalisierung von Verwaltungen (die den Menschenkontakt immer weiter reduzieren) und all den anderen technischen Klamauk, der ihnen und ihren Konzernen noch mehr Macht über ganze Gesellschaften gibt.

    Oder wie Gebeshuber selbst formuliert: „Unsere derzeitige Isolation macht es den professionellen Meinungsbildnern sehr leicht, uns zu beeinflussen und vor allem unsere Träume zu beschränken.“

    Wenn das so ist, dann ist Gebeshubers Zukunftsentwurf sogar logisch. Dann hat eine winzige Elite von Superreichen die Macht, die Probleme der Menschheit auf derart technokratische Weise zu lösen. Mitzureden haben die 98 Prozent der Nicht-Reichen da nichts und die wirklich Arbeitslosen, die auf staatliche Transfers angewiesen sind, erst recht nicht. Kann man das einfach in die Zukunft fortschreiben?

    Kann man machen. Aber das wird garantiert keine friedliche Welt, auch dann nicht, wenn die großen Kriege um Wasser und Boden ausbleiben sollten. Denn eigentlich kann die Hybrid-Welt, wie sie Gebeshuber schildert, so nicht funktionieren. Auch wenn die meisten Menschen im virtuellen Raum alle Freiheit finden sollten, die sie sich wünschen.

    Der Stachel sitzt in Sätzen, die sie ganz zum Schluss in ihrem Fazit formuliert: „Die Welt hat genug Reichtum für alle Menschen, und es ist möglich, dass wir alle im Einklang mit der Natur leben können. Es bedarf nur eines gemeinsamen Wollens und des Hintanstellens der so kurzsichtigen Egoismen.“

    Oder um an dieser Stelle mal Nietzsche zu zitieren: „des Umwertens aller Werte“. Denn Gebeshuber stellt ja zu Recht fest, dass Konsum- und Wachstumswahn völlig falsche Werte in die Welt gesetzt haben. Wenn wir diese Werte nicht abschaffen und – gemeinsam – wirklich wieder das zum höchsten Wert machen, was wirklich wichtig ist für unser (Über-)Leben, wirtschaften die Nimmersatten unsere Erde zugrunde. Dann werden auch die Klimakrisen nicht glimpflich ablaufen.

    Stellenweise schildert Gebeshuber ja selbst, wie man das Wirtschaften klug ändern kann, um diesen Konsumirrsinn auf Kosten einer endlichen Welt zu beenden. Aber das wird nicht mit netten Übereinkünften und strengen Schiedsgerichten passieren, die in der realen Welt sowieso keine Macht hätten, jedenfalls keine, die groß genug wäre, gigantische Konzerne zu zähmen, die sich ihre Regierungen kaufen, wie sie lustig sind.

    Aber eins stimmt natürlich: Das Mittelalter im „Informationsstrudel“ können wir nur verlassen, indem wir zu einem neuen Weltverständnis finden. So wie die großen Denker der Renaissance. Was – das deutet Gebeshuber ja an – auch damit zu tun hat, dass wir eindeutig die falschen Götter und „Helden“ anbeten, großmäulige Scharlatane, die uns ihren Egoismus als die Lösung aller Probleme verkaufen. Auch unsere ach so demokratischen Medien sind geradezu besessen davon, Großmäuler, Populisten und Diktaturen mit sensationeller Aufmerksamkeit zu beglücken, während die, die wirklich die vernünftige und solidarische Kärrnerarbeit machen, regelrecht mit Verachtung gestraft werden.

    Unsere Medien sind Teil des „Mittelalter“-Problems.

    Und man ahnt, was da eigentlich alles passieren und sich ändern muss. Denn eine Welt, die die superreichen 2 Prozent wollen (und die in Gebeshubers Vision fürs 22. Jahrhundert steckt) ist keine Welt, die man sich wünschen kann. Aber es ist eine, die tief im Kern unserer vom Reichwerden besessenen Gesellschaft steckt. Nur dass die wirklichen Reichtümer unserer Welt dabei vor die Hunde gehen.

    Stoff zum Nachdenken über die Feiertage. Und eigentlich eine essayistische Aufforderung, sich nicht immer wieder von den gnädigen Mächtigen für doof verkaufen zu lassen, dass ihr Handeln ach so alternativlos sei. Ihr Handeln ist völlig sinnlos und völlig unbrauchbar, wenn es um die Lösung der simpelsten Krisen geht.

    Das können sie einfach nicht. Und werden sie nie können. Auch nicht in 100 Jahren. Das müssen wir schon selber hinkriegen – da, wo wir leben. Auch mit der nötigen Desillusionierung. Auch im politischen Raum. Gebeshuber: „Es ist notwendig zu wählen, was wir sollen und nicht was wir müssen; sonst werden wir irgendwann keine Wahl mehr haben.“

    Ille Gebeshuber Eine kurze Geschichte der Zukunft, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2020, 22 Euro.

    Unfuck the Economy: Wie wir aus dem katastrophalen alten Wirtschaftsdenken schleunigst herauskommen müssen

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