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Falsche Werte, die richtige Corona-Bilanz und Schluss mit der süßlichen Seligkeit

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    Das Problem ist unser Kopf. Das merkt man jedes Jahr, wenn dieses Fest mit Baum und Licht und Lametta näherrückt und alle wieder in ihre alten, angelernten Verhaltensweisen zurückfallen. Ruhe? Stille? Besinnlichkeit? Kannste vergessen. Das beherrschen die meisten Leute nicht mehr. Und dann sitzen sie da, überfressen, übersüßt und gelangweilt – und das Fest endet so kläglich wie immer. Schöne Aussichten.

    Haufenweise hat man nun auch Artikel gelesen zu dem, was Corona uns gelehrt hat und was nicht. Die meisten: aufgeschäumter alter Denkmüll. Nichts Neues. Nur das meist in blumige Worte gepackte Gejammer, es möge doch wieder werden wie vorher.

    Wird es aber nicht, wie Bernd Ulrich, Stellvertretender Chefredakteur der „Zeit“, am 24. Dezember in einem sehr kämpferischen Essay geschrieben hat. Denn diese eine Pandemie, die ganz bestimmt nicht die letzte gewesen sein wird, hat offengelegt, was alles falschläuft mit dieser Gesellschaft, in der es immer nur um Spaß, Konsum, „Freiheit“ geht. Auch wenn dabei die ganze Welt vor die Hunde geht. Hauptsache: Wir!

    Als hätte uns jemand diesen einmaligen Planeten zum Verprassen gegeben.

    „Wahrscheinlicher werden Pandemien durch folgende Faktoren: steigende globale und lokale Mobilität, massiver globaler Handel, auch mit Tieren, wachsende Weltbevölkerung, fehlernährte, alternde, vulnerable Gesellschaften, Massentierhaltung (schlechte Ernährung, Zoonose, Antibiotikaresistenz), Eindringen in und Ausbeuten von Urwäldern einschließlich des Verspeisens von Wildtieren. Es spricht also viel dafür, dass die Menschheit in eine Phase sich häufender Pandemien schlittert, es sei denn, sie würde nachhaltig etwas dagegen tun“, schreibt Ulrich.

    Und er kommt praktisch zum selben Ergebnis, wie es die Sozialwissenschaftlerin Maja Göpel schon am 19. Dezember in einem Interview mit der „Zeit“ formuliert hat. „Corona hat die vorherigen Trends der Ungleichheit in Bildung, Jobsicherheit, sektoralen Lohnunterschieden, geografischen Vor- und Nachteilen, Vermögensverteilung und die Entkopplung des Finanzmarktes von der Realwirtschaft nicht nur wie im Brennglas sichtbar gemacht – viele Maßnahmen haben sie noch einmal verstärkt. Während alle auf das Virus starren, läuft eine gewaltige Umverteilungsmaschine. Wenn die Pandemie abflaut, wird die Frage, ob wir genug teilen, umso virulenter werden“, sagte sie da.

    Ihr Buch „Unsere Welt neu denken“ kann ich hier nur wieder jedem wärmstens ans Herz legen. Die Zeit des „Das steht uns aber zu!“ ist vorbei.

    Ulrich schreibt das so: „Absichts- und gnadenlos hat das Virus Defizite dieser Gesellschaft bloßgelegt: die mangelnde Wertschätzung – und Bezahlung – der Systemrelevanten, die skandalöse ökonomische Bevorzugung der Großen vor den Kleinen, die ungerechte Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen wie zwischen Schreibtischlern und Handwerkern, sodann erwies sich schmerzhaft die digitale Unterversorgung der Schulen und des ganzen Landes, die häusliche Gewalt, die Unterversorgung im Gesundheitssektor und, nicht zuletzt, der schlechte Gesundheitszustand der Bevölkerung. Vierzig Prozent der Deutschen sind Risikogruppe.“

    Und die Medien sind nicht außen vor, wenn es um die Probleme des falschen Denkens über die Wirklichkeit unserer Welt geht. Zu gern haben sie in den vergangenen Jahren die Einfach-weiter-so-Denkweise einer privilegierten Oberschicht weiterverbreitet, die mit ihrer Rücksichtslosigkeit gerade dieses fein austarierte Klima aus dem Gleichgewicht bringt, das der Menschheit 10.000 Jahre einer faszinierenden Kultur ermöglicht hat.

    Eng verbunden mit dem Barmen darum, dass „die“ uns das alles jetzt wieder „wegnehmen“ wollen.

    Gleich über Ulrichs Essay stand dann die Nachricht: „Japan will in 15 Jahren Autos mit Verbrennermotoren verbieten“. Deutschland ist noch immer nicht so weit. Aber geht es eigentlich um Autos? Warum ist diesen Leuten, die daran gewöhnt sind, nur in ihrem überzüchteten Automobil „King of the Road“ zu sein , so unvorstellbar, dass man ein reiches Leben auch ohne diese Mobilitätshilfe leben kann? Dass es in einem wirklich modernen Land völlig reicht, wenn es mit Zügen, Straßenbahnen und S-Bahnen gut vernetzt ist und man einfach nur einsteigen muss, um in einem menschlich völlig akzeptablen Zeitraum an den Ort der Wünsche zu kommen?

    Aber einer unsere begabtesten jüngeren Kabarettisten hat ja unser Problem mit diesem Corona-Jahr auf schnippische Art sehr schön auf den Punkt gebracht: Till Reiners in seinem mal etwas anderen Jahresrückblick, der sich sehr schön von der Jahrsrückblicks-Masche anderer Rückblicker unterscheidet.

    2020 – Was war das denn!? Der Jahresrückblick mit Till Reiners | heute-show

    Aber da war doch noch was? Ja: Mein Youtube-Fenster, das sich von Ihrem garantiert unterscheidet. Wahrscheinlich noch viel stärker, als Sie denken. Denn natürlich „merkt“ sich auch der Youtube-Algorithmus, was ich da an Clips übers Jahr alles gesucht – und gefunden habe. Zumeist in Zusammenhang mit Beiträgen für die L-IZ, da ja nun einmal einige wichtige ergänzende Clips bei Youtube hochgeladen sind.

    Ich ärgere mich zwar oft, weil trotzdem immer wieder aller mögliche Bullshit hochgespült wird, den augenscheinlich Millionen Junkies des gedankenlosen Vergnügens immerzu anklicken. Aber da sich dieser undurchschaubare Algorithmus dennoch daran erinnert, was mir immer wieder wichtig ist, gehen die auf diesen Kanälen hochgeladenen Clips nicht wirklich unter.

    Und ein Kanal feierte ja dieses Jahr richtig Furore: der von Mai Thi Nguyen-Kim – MaiLab. Im September feierte sie das Erreichen der Zahl von 1 Million Abonnenten. Was in diesem Jahr sehr viel mit Corona zu tun hatte. Im Frühjahr hat sie zum Beispiel eines der besten Erklär-Videos zum Coronavirus produziert. Und bei der Gelegenheit haben augenscheinlich auch viele Leute mitgekriegt, dass Mai genau das tut, was in vielen Medien einfach fehlt: Wissenschaft und wissenschaftliches Denken lebendig zu erklären.

    MaiLab: Krasser Weg zur Million

    Nicht zu vergessen ihr schönes Duett mit Carolin Kebekus, in dem sie den Zuschauern einmal erklärt hat, mit welchen Methoden einige Leute jede Kommunikation zerstören und entgleisen lassen. War ja auch so ein Mega-Thema eines verwirrten Jahres 2020.

    What about Whataboutism? | Die Carolin Kebekus Show

    Ein Effekt, den übrigens auch der Astronom Harald Lesch mit seinem Wissenschaftskanal erlebte. Während etliche Zeitungskommentatoren darüber spekulierten, ob denn nun irgendwer in diesem Jahr auf „die Wissenschaft“ gehört hat, haben haufenweise Leute auch bei Leschs Kosmos reingeschaut und sich erklären lassen, wie das ist – zum Beispiel auch mit der Corona-Pandemie.

    Corona – Wege aus der Krise – Leschs Kosmos [Ganze TV-Folge] | Harald Lesch

    Im Sommer hatte ja Eckart von Hirschhausen den Astronomen eingeladen zu einem seiner Sommergespräche, in denen es deutlich gedankenreicher zuging als in den meisten „Talks“, die man im deutschen Fernsehen erleben kann.

    Sommergespräch mit Harald Lesch

    Und wer überall dort unterwegs war, der wird dieses Weihnachtsfest ganz bestimmt nicht in trübsinniger Stimmung verbracht haben. Warum denn auch? Wer die Welt mit dem kritischen Blick des naturwissenschaftlich zumindest leidlich ausgestatteten Menschen betrachtet, der bläst keine Trübsal. Wo sollte die Platz haben?

    Der hat eher das Gefühl bekommen, dass das alte, vom Wohlstandswanst besetzte Denken tatsächlich in einer Sackgasse steckt und dass sich viel zu viele Menschen auf ein völlig falsches – weil vor allem konsumierendes – Denken über das Leben versteift haben. Obwohl sie doch alle merken, wie wenig Befriedigung dieses ganze Habenwollen verschafft und dass es nicht trägt. Schon gar nicht, wenn man auf einmal zum Stillsitzen verdammt ist und nicht weiß …

    Wieso eigentlich nicht weiß?

    Weil das Wissen hinter schweren Jalousien ausgesperrt ist. Denn wenn die Dinge so falschlaufen, wie Ulrich sie schildert (40 Prozent der Deutschen sind Risikogruppe!), dann muss man das nicht nur ändern, sondern kann das auch. In solchen Veränderungen liegt ein enormes Potenzial an Freude und Erfüllung. Die berechtigte Frage, die Ulrich aufwirft, ist natürlich: Haben wir überhaupt Politiker/-innen, die das Zeug dazu haben?

    Denn im Herbst 2021 geht Angela Merkel in den Ruhestand. Dann muss jemand anders das Ruder übernehmen – und Ulrich schaut sich vergeblich danach um, ob da eine Frau oder ein Mann mit dem nötigen Format bereitsteht, der wieder Politik macht, die man so nennen darf: nämlich mit richtigen Weichenstellungen, bei denen das Land wirklich einmal umgekrempelt wird.

    Denn wir leben ja auch in der Illusion eines modernen Deutschland, obwohl es geistig in den 1990er Jahren feststeckt. Was sehr viel mit unserem Wohlstandsbürgertum und seinen Vorstellungen von einem wohltemperierten Leben zu tun hat.

    Aber die Zukunft wird nicht wohltemperiert.

    Wir werden jede Menge Ballast abwerfen müssen – lauter „Wohlstandsbäuche“, mit denen wir den Umbau zu einem wirklich resilienten Land in einer resilienten Welt nicht schaffen werden.

    Resilienz ist eigentlich das Wort des Jahres. Und wir können in fast allen Bereichen bilanzieren: Wir sind nicht resilient. Wir sind gefährlich verletzlich geworden, denn alles, was uns hätte stärken können gegen die kommenden Stürme, haben clevere Optimierer weggekürzt, privatisiert und outgesourct. Ein kleines Virus genügt, um das halbe Land in einen lähmenden Schockzustand zu versetzen.

    Dabei heißt es eigentlich jetzt: Die Ärmel hochkrempeln und das Land wirklich umbauen, damit es klimafest und zukunftsfähig wird. Und gewappnet für die nächsten Pandemien.

    Aber nicht mit diesem Personal. Da gebe ich Ulrich recht.

    Das braucht eigentlich völlig andere Pragmatiker, die sich nicht mit „den Leuten“ herausreden, wenn sie wichtige Weichenstellungen aussitzen und vertagen.

    Es gibt keinen Grund mehr zum Vertagen.

    Was mich eigentlich zur Weihnachtsmusik bringt. Und zwar nicht zu der, die Ihnen Ihre Heimatsender nun seit Stunden vorsetzen.

    Im nächsten Text gibt’s Weihnachtsmusik, nämlich die, die Youtube mir nach beharrlichem Bachfragen – sorry, Freud’scher Verschreiber – Nachfragen rausrückt.

    Holen Sie sich derweil eine Tasse Tee, wie es Mai immer empfiehlt. Es wird auf keinen Fall besinnlich.

    Die ganze Serie „Nachdenken über …

    Frohe Weihnacht mit der neuen „Leipziger Zeitung“ oder: Träume sind dazu da, sie mit Leben zu erfüllen

    Hinweis der Redaktion in eigener Sache

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