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Corona und die Städte: Warum heutige Metropolen die Treiber der neuen Pandemien sind

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    Die Corona-Pandemie hat viele Aspekte. Die Aufmerksamkeit aber liegt auf Skandalen und diversen Krachmachern, die alle beide davon ablenken, dass auch diese Pandemie ihre Opfer zuallererst unter den Armen und Ausgebeuteten sucht. So wie jede andere Pandemie in der menschlichen Geschichte zuvor. Und das hat jede Menge mit miserablen Arbeitsbedingungen und miserablen Wohnbedingungen zu tun. Ein Thema für eine nachdenkliche Städteplanerin.

    Bis 2007 war Ingrid Krau Professorin für Städtebau und Stadtentwicklung an der TU München. Sie weiß also, wie unsere Städte funktionieren – oder auch nicht. Denn auch für den Städtebau gilt: Regierungen vergessen nur zu gern wieder, was sie einmal gelernt haben. Und im 19. Jahrhundert haben die Stadtplaner eine Menge gelernt darüber, wie Städte gebaut sein müssen, damit die Gefahr von Pandemien gebannt werden kann.Man lernte es über die harte Tour, denn das 19. Jahrhundert war auch das Jahrhundert der wachsenden Metropolen, der neuen Millionenstädte, die von Anfang an mit immer neuen Seuchenausbrüchen zu kämpfen hatten. Und die Seuchen nahmen ihren Anfang immer wieder in den dichtbebauten, unhygienischen Quartieren der Armen, wo die Billiglöhner des siegreichen Kapitalismus in luft- und lichtlosen Wohnungen in engen Mietskasernen leben mussten, oft mit Gemeinschaftstoilette und ohne Sanitäreinrichtungen in der Wohnung.

    Krau studierte diese Wohnbedingungen in den 1960er Jahren noch in Westberlin, in einer Zeit, in der eigentlich die deutsche Politik gelernt hatte, dass man solche Wohnbedingungen niemandem zumuten kann, auch nicht den Armen. Das Prinzip war eigentlich seit Ende des 19. Jahrhunderts bekannt: Licht, Luft, Offenheit. Ein Dreiklang, der heute auch in der Klimadebatte eine enorme Rolle spielt.

    Dass er auch in der COVID-19-Pandemie wichtig wäre, wird erst sichtbar, wenn man wie Ingrid Krau, die seit 2007 zu den Themen „Stadtwachstum und Verdichtungsstrategien“ publiziert, auch die Studien aus jenen Ländern rezipiert, in denen die Corona-Pandemie zum Ausbruch kam. Und diese Studien gibt es, zum Beispiel aus Frankreich, wo es immer wieder dieselben, dicht bewohnten Großwohnquartiere der Großstädte sind, wo die Infektionszahlen in immer neuen Wellen nach oben gehen. Just in jenen berühmten „Wohnmaschinen“ des 20. Jahrhunderts, die damals als Gipfel des modernen Bauens gepriesen wurden.

    Die Architekturführer werben noch heute für sie. Aber Krau hat im Lauf ihrer Berufspraxis gelernt, dass diese oft riesigen Wohnkomplexe alles befeuern, was man eigentlich als Negativum der modernen Großstadt kennt. Von sozialen Konflikten bis hin zur geradezu aufgezwungenen Nähe vieler Menschen, die gar keine Möglichkeiten haben auszuweichen, denn hier leben sie oft auf viel zu geringem Raum aufeinander.

    Jedes Virus, das hier Fuß fasst, findet problemlos jede Menge Wirte, breitet sich nicht nur aus, sondern setzt sich regelrecht fest. Von diesen Wohnburgen gingen und gehen in Frankreich immer neue Wellen der Pandemie aus. Hier leben die Menschen, die nicht ausweichen können.

    Und ähnlich ist es mit ganz ähnlichen Wohnensembles in Madrid oder Italien, wo die Pandemie ebenso heftig wütete. Das wird in Deutschland völlig ignoriert, obwohl es auch hier einige spektakuläre Ausbrüche in solchen dicht bewohnten Großwohnanlagen gab. Wozu auch in Deutschland kam, dass die Menschen, die in solchen beengten Verhältnissen wohnen müssen, meist genau jene Jobs haben, die so großkotzig als systemrelevant bezeichnet werden.

    Was dann auch auf die vielen Wanderarbeiter und Pendler zutrifft, ohne die auch in Deutschland nicht mehr viel funktionieren würde – von den Schlachthofmitarbeitern über die Erntehelfer bis zu den Pflegekräften, die in den sächsischen, thüringischen und bayerischen Grenzregionen jeden Tag über die Grenze müssen.

    Das formuliert Ingrid Krau in ihrem Essay, an dem sie im ersten Lockdown im Frühjahr zu arbeiten begann, weil ihr all das nur allzu vertraut erschien, nicht ganz so zugespitzt. Als sie das Buch dann im Oktober veröffentlichungsreif für den oekom Verlag machte, begann ja gerade die Zweite Welle anzurollen.

    Deutschland zahlt an dieser Stelle längst den Preis für eine Politik, die den Profit einiger Konzerne seit einigen Jahrzehnten radikal über das Wohlergehen der Menschen gestellt hat. Das sieht auch Krau so, denn diese Eiseskälte des Kalküls hat auch den Städtebau verändert und die Wohnungsnot der Schlechtbezahlten zur Profitquelle der Immobilienspekulanten gemacht. Ganz so, als wären wir ruckzuck einfach wieder zurückgekehrt ins 19. Jahrhundert.

    „Die Jahre nach der Wende von 1990 wurden die Jahre des siegreichen wirtschaftlichen Neoliberalismus mit dem Ausverkauf an öffentlichem Grund und Boden, der Bedeutungszunahme der Immobilienwirtschaft und der ,Verschlankung‘ des Staates mit Verzicht auf viele staatliche Regulierungen. Die Richterskala der Dichte schien fortan nach oben offen zu sein“, schreibt sie.

    Mit der Dichte meint sie die Wohndichte in unseren Städten, meist gehandelt unter dem Stichwort „Verdichtung“. Aber da geht es nicht mehr nur darum, dass Brachen und Grünflächen im Stadtinneren zugebaut werden, sondern dass immer mehr Geschosse genehmigt werden und alte Baurichtlinien, die Mindestabstände zum nächsten Gebäude definieren, außer Kraft gesetzt werden.

    Für die Menschen bedeutet das, dass sie dem Nachbarn wieder dichter auf die Pelle rücken und dass gerade in den Siedlungen für die Ärmeren auch der Freiraum verschwindet, wo man der Enge der Wohnung einmal entfliehen und Luft schnappen könnte.

    Und auch das Pendlerthema ist Krau nur zu vertraut – mitsamt der fatalen Entwicklung, die das Wachstum der Arbeitsplätze in den großen Metropolen konzentriert, während deren Umland quasi zum Wohngürtel wird und immer mehr Menschen gezwungen sind, jeden Tag zur Arbeit in die Metropole zu pendeln. Und wenn das in überfüllten Bussen und Bahnen passiert, mit denen ja ebenfalls eher die schlecht bezahlten Malocher unterwegs sind, hat man den nächsten potenziellen Ansteckungsherd.

    Und natürlich auch eine Antwort auf die Frage, warum man Ansteckungsketten kaum noch nachverfolgen kann. Und diese Menschen haben in der Regel keine Möglichkeit, irgendwo ins sichere Homeoffice zu gehen oder ihre Arbeit mal eine Weile ruhen zu lassen. Sie müssen los, egal wie gefährlich ihr Arbeitsumfeld ist, das sich – was Enge und Kontakte betrifft – oft nicht viel vom Wohnumfeld unterscheidet.

    Dass die Pandemie in einer chinesischen Millionenstadt ihren Ausgang nahm, wundert Krau überhaupt nicht. Die Millionenmetropolen der Welt sind der ideale Ausgangspunkt einer Pandemie, die sich anfangs ohne große Symptome ausbreitet und in so einer Millionenstadt leicht genug neue Wirte findet.

    Und Untersuchungen zum Mobilitätsverhalten der Menschen im Jahr 2020 zeigen recht genau, wie leicht sich das Virus von Metropole zu Metropole ausbreiten konnte – und das nicht nur über die globalisierten Lieferketten, sondern auch durch das Mobilitätsverhalten der Menschen, denen weltumspannend lauter schnelle Transportmittel zur Verfügung stehen/standen, mit denen sie das Virus praktisch im Flug rund um die Erde verteilen konnten.

    Übrigens ein Szenario, das die WHO schon seit 2003 kannte. Aber ernst genommen hat das keiner. Schon gar nicht die Städteplaner, die 2020 dann hilflos zuschauen mussten, wie das Virus eine Großstadt nach der anderen lahmlegte: Mailand, New York, Madrid, Rio de Janeiro … Und war es erst einmal in den Metropolen, breitete es sich mit den Pendlern, den „working poor“ ruckzuck ins Umland der Metropolen aus.

    Waren es im ersten Schritt die viel reisenden Gutverdiener und Luxustouristen, die für die weltweite Ausbreitung des Virus sorgten, war es jetzt endgültig bei denen angekommen, die immer nur die Almosen der Globalisierung abbekommen und sich – unter oft miserablen hygienischen Bedingungen – nicht schützen konnten gegen das Virus.

    Wenn man mal den Fokus wegnimmt von den vielen älteren Verstorbenen in der Corona-Statistik, dann merkt man erst, dass vom Sozialgefüge her eigentlich die Armen und Schlechtbezahlten die größte Opfergruppe sind. Nicht nur in den USA. Und sie stellen in der Regel auch das Pflegepersonal, das als Berufsgruppe die meisten Todesopfer zu beklagen hatte.

    Der Blick der Städteplanerin macht erst richtig sichtbar, welche Rolle die engen und oft übervölkerten Metropolen im Pandemiegeschehen spielen. Und die falschen Weichenstellungen einer Politik werden sichtbar, die – von Profitinteressen getrieben – die deutsche Wohnungsbaupolitik entkernt hat. Den Städten selbst sind meist die Hände gebunden, denn ihre wertvollsten Flächen haben sie meist billig verschleudert in einer Zeit, als das Mantra vom „Markt, der alles regelt“ auch deutsche Regierungspolitik war. Auch in Leipzig war das ja erlebbar und der Stadtrat musste sich schon heftig zusammenraufen, um diesen Ausverkauf zu stoppen. Das war fast zur selben Zeit, als er noch – völlig unberaten – dem Teilverkauf der Leipziger Stadtwerke zustimmte.

    „Suche nach einer neuen Normalität“ hat Krau ihren Essay untertitelt. Denn für sie ist sicher, dass diese Pandemie garantiert nicht die letzte war, die um die Erde jagt und die Staaten heillos überfordert. Denn die riesigen Metropolen der Welt sind allesamt so gebaut, dass sich Epidemien darin schnell ausbreiten können.

    Und da wir gleichzeitig die natürlichen Refugien all der Tiere zerstören, die Träger all dieser Viren und Bakterien sind, kommen diese Tiere zwangsläufig immer öfter mit Menschen in Kontakt, die Erreger breiten sich in den modernen Massentierhaltungen aus – in Nerzfamen, Schweinebeständen, Hühnerzuchten. Im Grunde ist der auf billige Masse orientierte Neoliberalismus genau der Humus, auf dem Pandemien regelrecht herangezüchtet werden.

    Aber Krau weist zu Recht darauf hin, dass Städteplaner diese Entwicklung nicht (mehr) ignorieren dürfen. Das sie wieder lernen müssen, Licht, Luft und Offenheit in die Städte zu bringen. Der anstehende Klimawandel erfordert im Grunde genau solche Lösungen, die man auch zur Verhinderung von Pandemien braucht.

    Und zuallererst braucht es Lösungen genau für die Menschen, die man so gern vergisst in unserer saturierten Gesellschaft. Krau: „Die wachsende Armut in den Großstädten zwingt jedoch viele zum Zusammenrücken und Teilen der Wohnungen. Wer selbst angemessen wohnt, sollte die wachsende Ungleichheit der Verteilung nicht aus dem Auge verlieren.“

    Aber tatsächlich ist die deutsche Politik für dieses Thema seit 30 Jahren blind. Und auch deshalb bekommt sie die Pandemie nicht in den Griff, weil sie nichts über Ausbreitungswege und Ansteckungsherde weiß und schon gar nichts über die Menschen, die sich nicht schützen können, weil ihnen dazu der Platz und das Geld fehlen.

    Ingrid Krau Corona und die Städte, Oekom Verlag, München 2021, 16 Euro.

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