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Nachdenken über … Stanislaw Lem: Das Katastrophenprinzip

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    Es gibt Tage, an denen man die Websites der großen Medien aufruft und überall das sehr, sehr komische Gefühl hat, dass die Leute dort die ganze Zeit rückwärts laufen, als könnten sie von einer als ideal empfundenen Vergangenheit einfach nicht loskommen, aber nicht die geringste Neugier auf das haben, was künftig möglich sein könnte. Aber vielleicht geht es mir deshalb anders, weil ich mit diesem seltsamen Philosophen aus Krakow groß geworden bin, der dieses Jahr 100 Jahre alt geworden wäre.

    Ist doch gar kein Philosoph, werden all jene einwerfen, die die Bücher von Stanislaw Lem immer nur im Science-Fiction-Regal gefunden haben. Da stehen immer dieselben Titel von ihm, stimmt: „Solaris“, „Sterntagebücher“, „Robotermärchen“, „Astronauten“ … quasi so eine Art Humorfraktion in einem ansonsten todernsten Genre, in dem es meist nur um Sternenflotten, kosmische Imperien und Sternenkriege geht. Halt den ganzen Ballerquatsch, an dem schon die physikalischen Grundlagen nicht stimmen.Aber das merken nur Leute, die im Physikunterricht wenigstens ein bisschen aufgepasst haben. Oder in Astronomie. Was nicht garantiert ist. Das sind nicht unbedingt die Fächer, die in deutschen Schulen mit wirklich viel Begeisterung (für Wissenschaft) betrieben werden. Wer braucht schon Sternenforscher und Raumschiffentwickler in Deutschland?

    Aber wer diese zumindest im SF-Regal auftauchenden Titel gelesen hat, weiß, dass es diesem Lem nicht die Bohne um siegreiche Helden, imperiale Schlachten oder auch nur Aliens geht. Kein „Krieg der Welten“, keine „Mars Attacks“. Dafür eine innige Lust, die ganzen platten Stereotype der üblichen SF durch den Kakao zu ziehen. Quasi aus kosmischer Warte. Denn seine Außerirdischen haben eine ganz dezidierte Meinung über diese Erdlinge, die unbedingt im Rat der kosmischen Zivilisationen sitzen wollen, aber noch nicht mal ihren Trieb zur Selbstvernichtung überwunden haben.

    Die meisten Bücher von Stanislaw Lem findet man freilich nicht im SF-Regal und auch sonst nirgendwo in einer Buchhandlung – es sei denn, sie wird noch von einem echten Enthusiasten betrieben, der Bücher gern als Futter gegen die Verelendung des Geistes verkauft. Ein eigenes Philosophie-Regal haben die meisten Buchhandlungen sowieso nicht. Und wenn sie eins hätten, würden die Buchhändler wohl auch nicht wissen, was sie da außer Nietzsche, Hegel, Schopenhauer, Precht und Sloterdijk hineinstellen sollten. Auf die Idee, ungefähr 20 Titel von Lem da hineinzustellen, kämen sie wahrscheinlich gar nicht erst.

    Oder doch. Keine Ahnung. Denn der Lockdown hat ja auch die sächsischen Buchhändler/-innen zum Schließen ihrer Läden gezwungen. Die meisten sitzen zu Hause und haben jede Menge Zeit, auch mal alle Bücher zu lesen, die sie sich im Lauf ihrer Berufsjahre zugelegt haben und immer mal lesen wollten. Und doch sind sie nie dazu gekommen.

    Viele werden sich später richtig ärgern darüber, dass sie die Lockdown-Monate 2020/2021 nicht genutzt haben, diese verschwiegenen Bücher endlich mal zu lesen. Oder wieder zu lesen.

    So wie die kleinen Suhrkamp-Bände mit den philosophischen Schriften von Stanislaw Lem, die der meistens höchst ironische Mann aus Krakow auch noch extra verkleidet hat, damit die professoralen Erdlinge, die die Grenzen ihres beamteten Nachdenkens immer so eifrig bewachen, gar nicht erst auf die Idee kommen, diesen „Schreiberling“ aus der niederen Belletristik als Konkurrenten zu betrachten.

    Das ist er auch nicht.

    Denn da, wo die großen Langsamdenker mal hinkommen, ist er schon lange gewesen. Und hatte seinen intellektuellen Spaß dabei, die üblichen Gedanken der Hochdenker zum Leben, zum Universum und dem ganzen Rest für nichtig zu betrachten und lieber ans Eingemachte zu gehen. Also wirklich ans Universum und die ausgelatschte Frage nach dem Sinn des Lebens an sich und dem der vernunftbegabten Affen im Speziellen. Und der Frage, die sich die Schlafmützen unter den Träumern immer wieder stellen: Wo bleiben die Aliens?

    Das ist eine mathematische, physikalische und natürlich astronomische Frage. Und eine Frage, die zeigt, dass die meisten Menschen eigentlich noch immer kurz nach Kopernikus leben und nicht mal eine Vorstellung davon haben, wie groß der Kosmos tatsächlich ist, wie lange ein Lichtjahr und wie von Katastrophen gespickt schon die Entstehung unseres Sonnensystems, von der Entstehung einer Erde (mit Wasser und Atmosphäre) und Leben ganz zu schweigen.

    „Das Katastrophenprinzip“ hat Lem 1983 geschrieben. Nach einer astronomischen Konferenz in Bjurakan. Die fand dort statt, weil dort eines der größten Observatorien zur Beobachtung des Kosmos steht. Und in gewisser Weise machte die Konferenz eine Veränderung im Denken der Astronomie deutlich – und ein Ende des Alien-Enthusiasmus der 1950er und 1960er Jahre, der sich in den großen Erkundungsprogrammen CETI und SETI niedergeschlagen hatte.

    Denn nun, da die Observatorien rund um den Erdball angefangen hatten, den Himmel systematisch nach Sonnensystemen abzugrasen, in denen die Chance auf das Vorhandensein erdähnlicher Planeten gegeben war, wurde sehr schnell deutlich, dass es davon nicht so verflixt viele gab. Jedenfalls nicht in Erdnähe, also dem, was Astronomen so Erdnähe nennen. Das können schon mal 100 Lichtjahre sein.

    Dafür fanden sie zum Beispiel mehr Staub und mehr Supernovae als erwartet. Und um 1982 wurde den Ersten so richtig klar, dass weder Sterne vom Sonnentyp automatisch entstehen, noch automatisch die ersten 500 Millionen Jahre überleben, noch solche Planetensysteme bekommen müssen, wie wir eins haben. Das Weltall ist kein ruhiger Ort. Und auch wenn alles auf knallharten Gesetzen basiert und abläuft, dominiert im Kosmos ein Prinzip, das weder Gläubige noch Wissenschaftler wirklich mögen: der Zufall.

    Ein bisschen haben sich die Wissenschaftler inzwischen an den Gedanken gewöhnt. Auch wenn er den alten Wunsch der Wissenschaft, dass doch bitteschön alles berechenbar sein könnte, zu Makulatur gemacht hat. In einem Kosmos aber, in dem die Zufälle dafür sorgen, dass die Dinge nicht mehr berechenbar ablaufen, werden erst so ein seltenes Stück wie die Erde, das Leben und der denkende Affe möglich. Denn dazu müssen Abläufe gestört werden, braucht es echte chaotische Momente – wie zum Beispiel explodierende Sterne, Zusammenstöße kosmischer Körper, Katastrophen eben.

    Wofür Lem in diesem Essay sehr plastische Bilder findet, mit denen er durchaus auch mathematisch nicht so Begabten zeigt, dass der Zufall in der Entstehungsgeschichte unseres blauen Planeten mehrmals eine unabdingbare Rolle gespielt hat. Anders formuliert: Ohne einige echte kosmische Katastrophen gäbe es weder das Sonnensystem noch die Erde.

    Und noch ganz andere Katastrophen mussten folgen, damit auf der Erde Leben entstehen konnte.

    Was ja an den Urkern der Kosmologie rührt, wo die strengsten Wissenschaftler selbst im 20. Jahrhundert noch immer in den alten Schöpferkategorien der Religion dachten. Auch Einstein so ein bisschen mit seinem Spruch vom Gott, der nicht würfelt.

    Dieser Gott sitzt irgendwie fest in den Köpfen selbst klügster Leute, die die Astronomie jahrzehntelang mit dem innigen Wunsch betrieben haben, eine logische Kette vom Urknall bis zur Entstehung des Lebens und intelligenter Zivilisationen zu ziehen. Also irgendwie den alten Religionsgedanken fortzuführen, das ganze Universum sei geschaffen worden, um zwangsläufig den Menschen hervorzubringen.

    Aber genau das trifft nicht zu. Das ganze riesige Universum hat keinen Zweck und keinen Sinn. Und dass es überhaupt zum Homo Sapiens kam, ist nur einer gewaltigen Katastrophe zu verdanken, jenem Meteoriteneinschlag vor 65 Millionen Jahren, der die 200 Millionen Jahre währende Dominanz der Saurier beendete.

    Natürlich kann man allein mit diesen Überlegungen des Vielbelesenen seinen Spaß haben – und man hat ihn. Gerade im Lockdown, wenn man die Glotze und das Smartphone einfach mal ausmacht (was man guten Gewissens tun kann), und sich das Büchlein schnappt und genüsslich liest – am Fenster beim beiläufigen Beobachten von Spatzen oder bei einem Glas Wein, wenn es draußen tatsächlich mal ruhig geworden ist und man das Knistern des Schnees hört.

    Man kann sich aber auch auf den Gedanken einlassen, der bei Lem immer mitschwingt und hier ganz offensichtlich wird: Wenn der Kosmos also keinen Zweck hat und das Entstehen von Vernunft auf einem winzigen blauen Planeten im derzeit recht ruhigen Abseits der Milchstraße nur einem unberechenbar seltenen Zufall zu verdanken ist (oder einer Kette solcher Zufälle), dann sind wir hier – in dieser Ecke des Universums – wirklich allein und auf uns allein gestellt.

    Dann haben wir die erstaunliche Gabe bekommen, all das mit einem analytischen Geist betrachten zu können und – soweit dieser Geist reicht – auch zu begreifen. Nicht alles, aber ein immer größeres Stück eines erstaunlichen Dings namens Kosmos, der einfach da ist – und der auch einmal vergehen wird.

    Wir sind da gelandet und schon der nächste zu große Meteor kann genügen, um diese wahnwitzige Geschichte gleich wieder zu beenden. Wobei die Chancen ebenso groß sind, dass wir das aus lauter Blödheit selber tun – auch indem wir unberechenbare Knallchargen zum Präsidenten wählen. Oder den Dummköpf/-innen Macht in die Hand geben, die glauben, dass man die Welt sicherer macht, indem man noch mehr Massenvernichtungswaffen anhäuft.

    Das ist ein eigenes Thema. Dazu ein andermal. Auch mit Lem.

    Denn wenn man sein „Katastrophenprinzip“ gelesen hat, merkt man, dass auch die ganzen Selbstvernichtungspotenziale der Menschheit nur entstanden sind, weil einige unserer Oberaffen meinen, es gäbe da irgendwie ein göttliches Prinzip, eine Art Auserwähltheit oder einen berechtigten Sieg des Guten über das Böse (Stichwort: Schurkenstaaten).

    Und dabei sagen alle astronomischen Beobachtungen: Es gibt nichts davon.

    Es gibt nur – durch eine Kette von lauter Katastrophen ermöglicht – auf einem dieser kleinen Planeten ein erstaunliches Myzel namens Leben, das am Ende einer Milliarden Jahre dauernden (von Genen vorangetriebenen) Entwicklung ein Geschöpf mit einem Gehirn hervorgebracht hat, das erstaunlicherweise in der Lage ist, sich seiner Stellung in diesem riesigen Kosmos bewusst zu werden. Natürlich auch seiner Winzigkeit, seiner Vergänglichkeit und seiner Schutzlosigkeit.

    Natürlich darf da auch jeder gern an das Coronavirus denken. Aber das gefährdet die menschliche Population nicht wirklich, auch wenn es Millionen der schwächeren Erdlinge hinrafft und uns allen zeigt, wie fahrlässig, gedankenlos und ohne Bedacht für die Gefahren des Kosmos wir die ganze Zeit vor uns hingelebt haben.

    Man möchte ja nicht so gern „wir“ sagen. Aber das interessiert das Universum sowieso nicht. Dem ist es völlig egal, ob diese vernunftbegabte Spezies es schafft, sich ordentliche Gesundheitssysteme zu bauen und die gefährlichsten Viren unberührt da zu lassen, wo sie sich Millionen Jahre eigentlich wohlgefühlt haben. Auch das gehört ja zu unserem Lernprozess: Dass ein paar Unbedachte und Gedankenlose unter uns völlig genügen, kleine und große Katastrophen auszulösen, die uns das Überleben sehr, sehr sauer machen können.

    Aus genetischer Sicht sind wir eh alle eins: ein riesiger gedankenloser Erdbewohner, der auf die anderen Erdbewohner keine Rücksicht nimmt und sich für den Auserwählten einer mysteriösen Gottheit hält. Und der innigst daran glaubt, dass irgendwer schon seinen Hintern retten wird, wenn das gedankenlose Herumwanzen mal schiefgeht.

    Was aber nicht passieren wird.

    Also täte er gut daran, sich nicht auf sein eingebildetes Glück und seine Auserwähltheit zu verlassen. Oder darauf, dass seine gewählten Vertreter die Sache schon deichseln werden.

    Aber natürlich bestätigte sich beim Wiederlesen dieses vertraute Gefühl, das immer da war – spätestens seit ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe: dass es eine ganz eigene Art Gelassenheit ergibt, wenn man die Welt aus der Perspektive dieses polnischen Philosophen betrachtet, der die seltsamen Handlungen der Erdlinge bis zum Schluss aus einer geradezu kosmischen Unberührtheit betrachtete.

    Was einen tiefen Pessimismus nicht ausschließt, den man nun einmal nicht loswird, wenn man zuschaut, wie diese Menschen ihre Zukunft machen, ihre Anführer wählen und dieses kostbare Zufallsprodukt Erde behandeln. Als käme gleich mal ein kosmischer Bus vorbei, um die kindische Meute abzuholen, nachdem die lieben Kleinen alles ramponiert haben.

    Aber dieser Bus wird nicht kommen.

    Und selbst wenn die Statistik sagt, dass es irgendwo da draußen noch mehr Planeten mit Leben drauf geben könnte, bedeutet das nicht, dass wir jemals davon erfahren werden. Und wenn wir so weitermachen sowieso nicht.

    Obwohl Lem natürlich einen sehr hoffnungsvollen Gedanken mit einstreut: Bevor unser Sonnensystem wieder in einen der Spiralarme der Milchstraße eintaucht, wo es wieder kosmisch richtig gefährlich wird, haben wir noch ungefähr 500 Millionen Jahre Zeit. Das wäre was, wenn wir nur fähig wären, so eine Zeitspanne überhaupt zu denken.

    Ich werde noch ein paar andere von Lems Büchern lesen in dieser Zeit der geschenkten Stille und unterbringen in dieser beiläufigen Rubrik „Nachdenken über ..“. Das beste Mittel gegen Verdumpfen ist nun mal wirklich ein kluges Buch nach dem anderen. Glauben Sie’s nur.

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      1 KOMMENTAR

      1. Mensch, Herr Julke – Chapeau!
        Und das meine ich durchaus ernst, ein feiner Buchtipp! Denn manchmal frage ich mich, wenn Sie wieder mal einen dicken „Rant“ losgeworden sind, meint der das jetzt wirklich so, oder muss mal wieder die Aufmerksamkeit gepuscht werden, oder gar beides?
        Hier haben wir etwas, was uns Raum lässt zum Nachdenken, ohne determiniertes Ergebnis. Das ist Lem in fast allen seinen Romanen und anderen Veröffentlichungen zu eigen, und ist auch das, was ihn interessant macht. Ich habe das dem Tipp zu Grunde liegende Buch schon vor längerer Zeit gelesen, aber das meiste ist mir noch erinnerlich. Was mir damals auffiel, ist die Katastrophendeutung. Denn nur aus unserer Sicht sind das Katastrophen, die schlussendlich zu uns als intelligenter Spezies führten. Vielleicht unterliegt doch alles einer gewissen Gesetzmäßigkeit, die wir nicht erkennen können, dies aber Dank einer beispiellosen Hybris zu können meinen. Und das vom großen „Ganzen“ bis ins kleinste Detail.
        Egal, gerade in der Unterschiedlichkeit der Auslegung liegt ja der Reiz. Man kann da endlos philosophieren und, ganz recht, etwas Abstand zur gegenwärtigen Situation gewinnen.
        Ich empfehle übrigens als Fortsetzung: „Wie die Welt noch einmal davonkam“.

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