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Ein kosmischer Ozean der Gedanken: Stanislaw Lem zum 100. Geburtstag

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    Stanislaw Lem, dessen 100. Geburtstag wir in diesem Jahr feiern, ist vergleichbar mit einer seiner Erfindungen und den phantasiebegabten Gestalten, die seine Geschichten bevölkerten. Wenngleich er von seinen Artgenossen keine allzu hohe Meinung hatte. In einem Interview 2003 mit der FAZ meinte Lem: „Der Mensch ist eine unangenehme Gattung, sehr peinlich, ja.“

    Dabei erschuf er in seinen Erzählungen und Romanen Gestalten, die menschlich, sympathisch und humorvoll waren, also ganz wie er selber. Phantasievoll und komplex, wie seine Erfindungen, in denen er in der Tat jenem Planeten ähnelt, den er sich ausgedacht hatte.

    Denn Lem war in Wahrheit ein Ozean der Kreativität, der Phantasie und des Wortwitzes mit unergründlichen Tiefen und hintergründigen Anspielungen. So wie der von ihm ersonnene Planet „Solaris“ im gleichnamigen und herausragenden Roman. Von einem scheinbar unendlichen Ozean bedeckt, bringt dieser ständig bizarre und vielfarbige Ausformungen an seiner Oberfläche hervor und überträgt diese auch auf seine irdischen Besucher. Ein intelligentes, ausgefeiltes Verwirrspiel, das uns in die Abgründe möglicher Universen verführt und in die Abyssale unseres Unterbewusstseins.

    Nicht zuletzt deshalb ist „Solaris“ neben vielen anderen bewundernswert phantastisch anmutenden, philosophischen und von abstrus bis in die Sciencefiction reichenden Werken der meiner Meinung nach hervorragendste Roman. Lem konfrontiert uns in „Solaris“ mit der Macht und der oft unterschätzten scheinbar unendlichen Vorstellungskraft und Phantasie. Und das in Verbindung mit der Beeinflussbarkeit unserer eigenen Psyche, denn genau das vermag der Gedankenozean des Planeten „Solaris“.

    Das macht der „denkende Ozean“ mit seinen irdischen Besuchern. Gleich einer süchtig machenden Droge. Dabei ist die offenbare Parallelität zu heutigen „Influencern“ oder auf uns eindreschenden Politikern und Meinungsmachern, die uns die Droge des Beeinflussens injizieren, kaum zu übersehen und enthüllt die Aktualität, die dieses Werk, das visionär schon 1961 entstand, in verblüffender Weise.

    Das offenbart die Genialität des eigentlich unscheinbaren (vom äußeren Erscheinungsbild jedenfalls) polnischen Autors. Seine schier unbändige Phantasie, Fabulierlust und sein immer wieder durchdringender Humor macht ihn zu einem der herausragenden Autoren, der, sagen wir es mal ehrlich, einen Nobelpreis verdient gehabt hätte. Ein Schriftsteller, der gleich „Solaris“ von einer unvorstellbaren gedankenübertragenden Phantasiewelt geprägt wird und diese auf Leser überträgt, so sie bereit sind, sich in diesen Ozean versenken zu lassen.

    Und in diesem Gedankenozean des Stanilaw Lem begegnet man abstrusen, grotesken wie aberwitzigen Gestalten und erdachten Figuren, schließlich hat es kaum ein anderer so geschickt und perfide verstanden die Aberwitzigkeit einer Zeitreise darzustellen wie er in den Abenteuern des witzigen und grotesk wirkenden Piloten Pirx, jenem einsamen und gleichermaßen humorvollen Kosmonauten, der sich einsam in die Unendlichkeit des Weltalls stürzt, um sich in ihr zu verlieren, so wie wir in der Unendlichkeit der Gedankenwelt des Stanislaw Lem.

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