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Nachdenken über … einen schnelleren Kohleausstieg und die Not der Höhlenbewohner

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    So langsam merken es die Wähler/-innen und auch die Medien, die bislang die alte CDU-Politik unter Angela Merkel goutiert haben, dass es uns gerade an den Kragen geht. Und mit uns sind sowohl die Deutschen gemeint als auch die Menschen auf der ganzen Erde. Und dass es die allerdümmste Variante von allen ist, immer noch am Fossilzeitalter festzuhalten, während uns das Wasser bis zum Hals steht. Und natürlich hat sich Stanislaw Lem auch darüber Gedanken gemacht. Er hatte immer die ganze Menschheit im Blick.

    Selbst der bislang hilflos herumrudernde Bundeskanzlerkandidat Armin Laschet begreift so langsam, dass sein Kampf um den Erhalt der Kohletagebaue und Kohlekraftwerke in NRW allerhöchster Blödsinn und völlig irrsinnig ist in einer Welt, die gerade mit Höllentempo auf die oft zitierten 1,5 Grad Erwärmung der Atmosphäre zusteuert, wo dann das Klima völlig aus den Fugen gerät und weite Teile der Erde beginnen, unbewohnbar zu werden.Mittlerweile redet er immerhin davon, dass er für den Westen, also mehr oder weniger NRW, einen Kohleausstieg vor 2030 für schaffbar hält. Aber diese Beschränkung ist geradezu lächerlich. Und den Druck bauen sowieso andere auf.

    Denn Annalena Baerbock, die Spitzenkandidatin der Grünen, fordert den Kohleausstieg vor 2030 regelrecht als Bedingung für jede mögliche Regierungsbildung. Die „Zeit“ berichtete darüber am Mittwoch, 25. August. Und Olaf Scholz, der Spitzenkandidat der SPD, signalisierte schon Zustimmung.

    Was jetzt zumindest vom sehr verspäteten Einzug von simpler Realitätserkenntnis in die deutsche Politik erzählt. Als wäre man 30 Jahre lang einfach nur besoffen gewesen und hätte nicht kapiert, was physikalische Gesetze innerhalb eines Systems wie der Erde bedeuten. Und das mit einer Physikerin an der Spitze. Das ist einfach nur peinlich.

    Da erinnert man sich dann an einen kleinen Artikel aus dem „Tagesspiegel“ von 2018, wo Angela Merkel mal ein bisschen über ihre Lieblingsautoren erzählte: Erich Kästner, Wilhelm Busch, Tolstois „Krieg und Frieden“, Schiller, Goethe, Shakespeare, als wollte sie die fragenden Journalisten mit ihrer Klassiker-Belesenheit beeindrucken.

    Aber Bücher von Physikern? Ökologen? Biologen? Nicht ein Wort. Weil gerade der Dreißigjährige Krieg Jubiläum hatte, las sie auch noch Bücher über den Dreißigjährigen Krieg.

    Dass Stanislaw Lem bei ihr überhaupt im Buchregal steht, bezweifle ich. Dann hätte sie anders regiert. Dann wäre ihr dieses Debakel nie passiert, dass sie 16 Jahre lang nicht geschafft hat, Deutschland zum Vorreiter in der Klimaneutralität zu machen. Das ist nämlich zuallererst eine technische Frage und zum zweiten eine der Umsetzung.

    Niemand, wirklich niemand kann behaupten, er hätte nicht schon 1984 gewusst, was da auf uns zukommt. Natürlich noch viel länger. Aber das Zitat von Stanislaw Lem dazu stammt natürlich wieder aus den Gesprächen Stanislaw Lems mit Stanislaw Beres, abgedruckt in „Lem über Lem“.

    Und während wir heute nur auf den Treibhausgasausstoß schauen und nur die Allermutigsten merken, dass unsere alte Wirtschaftsweise gerade gegen die Wand fährt, sah Lem schon damals, dass die Menschheit aus dem Schlamassel nur herauskommt, wenn sie die nächste Stufe im Denken erreicht.

    Wobei er in Beres einen kongenialen Gesprächspartner hatte, der durchaus auch Feststellungen traf wie: „Die politische Praxis folgt wirklich Regeln, die einer rationalen Voraussicht effektiv entgegenstehen …“

    Wer sich darauf verlässt, dass Politiker wissen, wo die Lösung liegt, ist schon verlassen. Die Lösungen müssen außerhalb der Politik entwickelt werden (und werden sie auch). Politiker/-innen setzen sie nur um, wenn die Wähler/-innen so viel Verstand hatten, ihnen auch die nötigen Mehrheiten zu schaffen.

    Stanislaw Lem selbst: „Es besteht die reale Gefahr, dass diese Zivilisation es nicht zustande bringt, jene Investitionsmittel – menschliche und geistige –  für den Aufstieg in die nächste technologische Entwicklungsstufe (außerhalb der militärischen) freizumachen, die das Versiegen der traditionellen energetischen und materiellen Reserven ausgleichen könnte. Das ist eine sehr ernste Gefahr, selbst wenn es nicht zu einem Weltkrieg kommen sollte. Wir erleben eine globale Destabilisierung, und sie wird noch zusätzlich durch den engstirnigen Egoismus einzelner westeuropäischer Staaten verstärkt, die ihre selbst auf militärischer Ebene schon archaische Souveränität erbittert verteidigen.“

    Die „Höhle der Zivilisation“ nennt es Lem, der freilich auch darauf vertraute, dass eine einmal erreichte Stufe der Technologie auch den Weg zu weit höher entwickelten Technologien ermöglicht. Aber dann muss man sich auch von den alten, ressourcenverschlingenden Technologien lösen. Und man muss den alten nationalen Mustopf verlassen und anfangen, im planetaren Maßstab zu denken, die anderen Völker und Länder mitzudenken.

    Und vor allem die Kinder und Enkel, die in der aktuellen Politik so gut wie gar nicht vorkommen. Was eigentlich logisch ist, wenn wir immer wieder Regierungen zusammenwählen, die zwar Entscheidungen mit Folgen für Jahrzehnte und Jahrhunderte treffen, aber gar nicht wissen, welche Folgen diese Entscheidungen wirklich haben. Man dient ja immer nur seinem speziellen Wähler. Und der sitzt zu Hause in Klein-Poppersdorf und erwartet von „seinem“ Abgeordneten, dass er ihm ganz persönlich was Gutes tut.

    Er kümmert sich also um das Gestern, hätschelt und belohnt es. Denn andererseits belohnt unsere Demokratie nach wie vor diese Pflege des Alten, nicht den Mut, das Mögliche und Notwendige zu denken und zu sagen und dem Wähler zur Abstimmung vorzulegen: eine Gesellschaft, die den Mut hat, sich tatsächlich in einer denkbar knappen Frist von zehn Jahren völlig zu wandeln. Auch mental.

    Weg vom ausgelebten Egoismus auf Kosten der Umwelt hin zu einem bewussten Umgang mit unseren Lebensgrundlagen. Lem erzählt ja von einem Supercomputer, der den änderungsunwilligen Menschen diese schrecklich schweren Entscheidungen alle abnimmt und sie einfach dazu zwingt, sich richtig zu verhalten. Eine Macht, die einige Futurologen ja tatsächlich künftigen Generationen der Künstlichen Intelligenz (KI) zutrauen.

    Aber das wäre schon ein ziemliches Armutszeugnis, wenn die „Krone der Schöpfung“ derart alle Verantwortung abgibt, weil sie zu feige ist, das eigene hedonistische Verhalten zu hinterfragen. Also schlicht: erwachsen zu werden. Billionen Dollar und Euro wurden seit 1984 ausgegeben, um riesige Waffenarsenale aufzubauen, mit denen die Menschheit mehrfach vernichtet werden kann. Alles Geld, das sich längst amortisiert hätte, hätte man es in moderne Energietechniken investiert. Nur so als Beispiel.

    Die Friedensrendite nach dem Zusammenbruch des Ostblocks wurde eben leider nicht genutzt, wenigstens schon mal die Hälfte der Welt klimafreundlich zu machen. Man hat lieber weitergerüstet und den starken Mann markiert. Und wo die Feinde fehlten, hat man sich neue gesucht, statt einfach mal zu Hause den Laden in Ordnung zu bringen und die Länder wirklich klimafreundlich zu machen, wie man es 1992 mit breiter Brust versprach.

    So viel verschwendetes Geld, so viel vertane Lebenszeit für die Politikmodelle von vorvorgestern. Manchmal ist es wirklich ein Grauen.

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      1 KOMMENTAR

      1. Da gab es schon mal eine Ansprache von A. Merkel, in der sie auf den Klimawandel und die Folgen aufmerksam machte. Weiß leider nicht mehr das Jahr der Ansprache. Aber darin sagte sie alles, was auf uns zukommen wird. Ich habe nicht verstanden, warum sie ihre eigenen Erkenntnisse nicht ernst nahm und dagegen etwas unternahm. Man kann dann davon ausgehen, dass andere die Regierungsentscheidungen treffen (Konzerne).

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