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Nachdenken über … das Alleinsein im Weltall

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    In diesem Frühjahr ging es ja wieder hoch her unter den UFOlogen in der Welt. Als das Pentagon seine Beobachtungen „unbekannter Flugobjekte“ veröffentlichte, die manche Leute natürlich zu gern als vermeintliche Beobachtungen außeridischer Flugobjekte interpretieren. Der menschliche Verstand ist zu allerlei tollkühner Gedankenakrobatik fähig. Höchste Zeit, mal wieder Stanislaw Lem zu zitieren.

    Am 12. September wird er ja bekanntlich 100 Jahre alt. Und unter den bekannten SF-Autoren ist er der einzige, der sich wirklich ernsthaft Gedanken darüber gemacht hat, ob es da draußen irgendwo im Weltall möglicherweise doch noch außerirdische Spezies geben könnte. Bekanntlich hat ja auch Deutschlands derzeit bekanntester Astronom Harald Lesch die Frage gleich mehrfach aufgegriffen.In „Leschs Kosmos“ beschäftigt er sich immer wieder mit so beliebten Themen wie Lichtgeschwindigkeit und Warp-Antrieb, all den schönen Erfindungen flotter Science-Fiction-Autoren, mit denen sie das Problem der gigantischen Entfernungen im Weltall einfach beiseite wischen.

    Wer einfach in ein Raumschiff steigen kann, das hinten einen kleinen Warp-Antrieb eingebaut hat, für den sind die Entfernungen im Weltall ein Klacks. Und immerhin gehen Harald Lesch und sein Gesprächspartner Josef M. Gaßner in ihrem Youtube-Clip „Harald Lesch zu UFOs, UAPs und Aliens (Pentagon Bericht im US-Senat)“ auch auf die Frage ein, wie viele mögliche Zivilisationen es allein in der Milchstraße, unserer heimischen Galaxis geben könnte. 30 wäre so eine Zahl, die Astronomen für wahrscheinlich halten.

    Wobei das Wort „heimisch“ durchaus irritieren dürfte. Denn auch die Entfernungen innerhalb der Milchstraße bemessen sich nach Lichtjahren. Das nächstgelegene Sonnensystem, in dem man vielleicht auf die Suche nach Planeten mit Spuren von Leben gehen könnte, ist Proxima Centauri mit 4 Lichtjahren Entfernung zur Erde.

    Mit unseren heute möglichen Geschwindigkeiten würden irdische Raumfahrzeuge ungefähr 27.000 Jahre brauchen, um da hinzufliegen. Zu Recht betont Lesch, dass das – gemessen an der Dauer eines menschlichen Lebens – ziemlich unsinnig ist. Die Menschheit ist noch nicht mal in der Lage, in solchen Zeitdimensionen überhaupt zu planen.

    Und das ist auch so, weil augenscheinlich nicht nur SF-Autoren und SF-Leser ohne viel Nachdenken überzeugt davon sind, dass schon irgendwer einen Antrieb erfinden könnte, der einfach mal so die Lichtgeschwindigkeit außer Kraft setzen würde. Mit Berechnungen, welche Energiemengen und Massen da zum Einsatz kommen müssen, beschäftigen sie sich erst gar nicht.

    Aber wenn es so einfach ist, sich überall lauter Alien-Zivilisationen und bewohnbare Planeten zu denken, dann ist es ja auch nicht so schlimm, wenn wir unseren eigenen Planeten mal so nebenbei unbewohnbar machen, oder?

    Ein fatales Denken, auf das Stanislaw Lem im Gespräch mit Stanislaw Beres auch zu sprechen kam. Immerhin rührt ja der Alien-Glaube direkt an den Götter-Glauben. „Man kann natürlich, um sich das Leben zu erleichtern, eine Vielfalt bewohnter Welten postulieren“, sagt Lem auf Beres‘ Nachfrage zur „technologischen Falle“, die Lem mehrfach in seinen Büchern postuliert hat. Eine Falle, die die „Menschheit zur Ausweglosigkeit verdammt“, wie es Beres formuliert.

    Es ist gut möglich, dass es da draußen in kosmisch durchaus naher Entfernung Zivilisationen gibt – aber weder können wir sie erreichen, noch können sie in irgendeiner sinnvollen Zeit zu uns auf die Erde gereist kommen, selbst dann, wenn sie technologisch hochentwickelt sind.

    „Diese Ausflucht bedeutet nämlich, dass wir zur Kenntnis nehmen, dass die Welt eine Verwirrung ist und wir wie ein Mädchen sind, das wegen sehr billiger Freuden und Vergnügungen zur Hure geworden ist und dann, um sich zu verteidigen, behauptet, in jeder Frau stecke eine Hure, während sie in Wirklichkeit zu einer Minderheit gehört. Abstrakt kann man eine Vielfalt bewohnter Welten postulieren, in denen alles viel besser läuft, und damit akzeptieren, dass wir in der kosmischen Familie ein verdammenswerter Fall sind. Weil wir jedoch über keinerlei Tatsachen verfügen, die die Annahme zulassen, dass irgendwo andere Zivilisationen existieren – schließlich hat jede Suche in dieser Richtung sich als erfolglos erwiesen –, verlassen wir hier den Bereich der Wissenschaft …“

    Die Gespräche, die seinerzeit in der Zeitschrift „Odra“ veröffentlicht wurden, führten Lem und Beres übrigens 1984. Und an der Tatsache, dass wir keinerlei Nachweis haben, dass irgendwo im Kosmos eine andere Zivilisation existiert oder existierte, hat sich nichts geändert. Nur der Glaube an Aliens lodert immer wieder auf, während die meisten Menschen sich so verhalten, als könnte man einfach in irgendein Raumschiff steigen, wenn wir diesen Planeten heruntergewirtschaftet haben.

    Anders ist die Gleichgültigkeit dieser hochsensiblen Erde und ihrem kostbaren Leben gegenüber nicht zu verstehen. Als wären all diese Menschen, die draufloskonsumieren, als wäre die Welt unerschöpflich, völlig außer sich, blind für die Realität eines fein auf das Leben abgestimmten Planeten und die Unersetzlichkeit dieser einzigen Erde. Die wir nicht mal haben.

    Das besitzanzeigende Verb suggeriert ja, wir hätten irgendeine schöpferische Macht über den Planeten. Aber die haben wir nicht. Wir stehen noch ganz am Anfang, diese Vielfalt und ihre vielen aufeinander angestimmten Prozesse überhaupt zu begreifen. Oder was es bedeutet, wenn sich die Atmosphäre in rasender Geschwindigkeit so aufheizt, wie seit 3 Millionen Jahren nicht mehr.

    Und damit für unsere menschliche Zivilisation zu heiß, zu energiereich, zu katastrophal.

    Lem rührt ja mit seinem Gedanken an den Grundkonflikt unserer Zeit und stellt damit wirklich die Frage: Warum denken so viele Menschen derart verantwortungslos, lassen es einfach drauf ankommen, als hätten sie nichts und niemandem gegenüber eine Verantwortung? Und wo liegt eigentlich die Verantwortung, wenn es da draußen niemanden gibt, der vielleicht ein Vergleich wäre. (In Lems Geschichten gibt es natürlich jede Menge Vergleiche, nur kommen seine Erdlinge beim Besuch in der kosmischen Gemeinschaft gar nicht gut weg mit ihrem kleinen irdischen Egoismus.)

    Und natürlich erst recht keinen großen Schöpfer, der die so Sorglosen dann am Ende vielleicht noch in so eine Art Paradies retten – ein Gedankenkonstrukt, auf das Lem hier gar nicht erst eingeht.

    Denn es reicht eigentlich, überhaupt erst einmal festzustellen, was wir in unserer kosmischen Umgebung überhaupt feststellen können. Und da piept und sendet nichts, was ja zumindest ein Weg wäre, überhaupt über die gigantischen Räume hinweg Kontakt miteinander aufzunehmen.

    Wobei Lem natürlich bezweifelt, dass wir selbst im Fall des Kontakts entschlüsseln könnten, was wir da empfangen. Aber rein physikalisch wäre es fast der einzige machbare Weg für einen Kontakt zwischen Zivilisationen. Ein paar Jahre auf eine Antwort warten kann man ja. Das könnte uns wenigstens das Gefühl nehmen, ganz allein zu sein.

    Das aber bleiben wird. Darauf gehen ja auch Gaßner und Lesch ein: Selbst wenn allein in der Milchstraße 30 Zivilisationen entstanden sind, wäre die Chance auf einen Kontakt minimalst. Dazu sind die räumlichen Distanzen (von den möglichen zeitlichen ganz zu schweigen) viel zu riesig.

    Wir wären also gut beraten, endlich so zu denken, wie es Lem andeutet: Dass wir verflixt allein sind und kein Fluchtfahrzeug zur Verfügung steht. Und dass wir unseren kaputten Kahn nur retten, indem wir ihn wieder in Ordnung bringen. Wir hier, mit unseren ganzen närrischen Zeitgenossen, die wie blöde weiterfeuern, weil sie in irgendeiner Form glauben, da gäbe es jemanden, der uns irgendwie im letzten Moment den Hintern retten wird. Ganz zu schweigen von den Sekten, die nichts sehnlicher als die Apokalypse herbeisehnen.

    Wer Lem gelesen hat, weiß, warum er so ein gestählter Skeptiker und Pessimist war. Und warum er an seinem 100. Geburtstag noch genauso aktuell ist wie im Orwell-Jahr 1984.

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