Die Zukunft nach Corona: Matthias Horx wirft einen Blick in die Zukunft in unseren Köpfen

Für alle LeserKann man die Zukunft voraussagen? Es gibt einen Haufen Leute, die tun so, als könnten sie es. Seit Ausbruch der Corona-Pandemie gibt es kaum noch einen Tag, an dem nicht irgendein Kommentator, Politiker, Ökonom oder sonstiger Kaffeesatzleser aus voller Brust behauptet zu wissen, dass nach Corona alles anders wird. Oder sich gar nichts ändert – was dann sozusagen die Variante für gutverdienende Zyniker ist. Oder für Blender. Aber was kommt wirklich danach? Nur eins ist sicher, stellt Matthias Horx fest.

Und den Mann kennen mittlerweile viele Leute, auch wenn er mittlerweile irgendwie im Ruhestand ist. Aber solche Leute gehen nicht in Ruhestand. Weil sie nicht aufhören, sich als Teil der Gegenwart zu empfinden, betroffen vom Jetzt. Immerzu neugierig, was draus wird. Und fähig zum Staunen. Und damit zum Lernen.

Das ist das Problem bei Wikipedia-Artikeln, auch dem zu Matthias Horx: Deren Autoren verstehen meist selbst nicht, dass alles fließt. Und dass auch Zukunftsforscher dazulernen. Ganz neu ist dieser Wissenschaftszweig ja nicht. Aber ihm geht es wie so vielen geisteswissenschaftlichen Forschungsgebieten: Er muss seine Grundlagen erst schaffen. Auch gegen die üblichen „Trendforscher“, die das Feld bis heute dominieren, völlig ungeniert weitermachen auf einem Acker, den einst Stanislaw Lem gründlich auseinandernahm in seinem Buch „Phantastik und Futurologie“ (1977). Welches Horx in diesem tatsächlich im Corona-Shutdown geschriebenen Buch nicht zitiert. Das verblüfft schon. Er zitiert nur „Solaris“.

Aber der Ansatz ist nicht so weit weg davon. Denn wenn die 20-jährige Arbeit des Zukunftsinstituts, das Horx 1998 gegründet hat, etwas gezeigt hat, dann das: Zukunft kann man nicht aus den Trends der Vergangenheit berechnen oder vorhersagen, wie es so schön heißt. Und wie sie es doch alle versuchen, unsere „Trendforscher“.

In Zeiten, in denen sich die Rahmenbedingungen kaum verändern, mag das vielleicht noch mit einer gewissen Streubreite funktionieren. Man denke nur an all die am Ende doch deutlich danebenliegenden Prognosen der „Wirtschaftsweisen“ zum „Wirtschaftswachstum“.

Da gehen einem schon irgendwann die Gänsefüßchen aus, weil das mit Wissenschaft nichts mehr zu tun hat, egal, wie kompliziert die Formeln sind, die diese Volksbetriebswirtschaftler in ihre Computer eingeben. Zahlen sehen unbestechlich aus, unumstößlich geradezu.

Und trotzdem stimmt es: Der Mensch will nur zu gern wissen, wie es danach weitergeht. Einen Zipfel der Zukunft sehen, etwas, was ihn heute darüber beruhigt, dass morgen auch noch alles gut ist. Erst recht, wenn sich auf einmal die ganze Welt in einer Krise wiederfindet, die so niemand vorausgesagt hat. Hat man wohl, stellt Horx fest. Selbst die Katastrophenstäbe der großen Industrienationen wussten ganz genau, dass mit der Globalisierung nur offen ist, wann es eine große Pandemie geben wird, die alle Sicherungssysteme der Staaten auf die Probe stellen wird.

Auch Deutschland hatte so einen Katastrophenplan mit Szenarien im Schreibtisch, die auch eine Pandemie wie die von Sars-Cov-2 beschrieben. Und dass Deutschland Mitte März so schnell reagieren konnte, hat genau damit zu tun: Man wusste sehr genau, wie man reagieren musste.

Dumm nur, dass man sich vorher selbst in die Tasche gelogen hat. Motto: „Wird nicht so schlimm“. Und dummerweise fehlten Schutzmasken und Schutzausrüstungen. Man hatte die Vorsorge einfach weggespart.

Aber darum geht es Horx nur indirekt. Noch zu Beginn der Corona-Auszeit in Deutschland veröffentlichte er die ersten Gedanken über das mögliche Nach-Normal, wie er es nennt. Wer eintaucht in sein Buch, merkt, wie weit entfernt er mittlerweile von der Selbstsicherheit ist, wirklich Voraussagen zu machen über das, was in naher Zukunft wirklich sein wird. Dazu haben ihn die zurückliegenden Krisen, in denen er mit solchen Voraussagen danebenlag, doch eines Besseren belehrt.

Er hat auch von anderen Soziologen gelernt. Denn Zukunft macht nicht nur „keine Versprechen“, sie enthüllt sich uns erst hinterher, wenn wir längst dort sind und uns wundern. Oder auch nicht wundern, weil wir uns selbst nämlich auch verändert haben. Das vergessen auch die ganzen Trendforscher gern. Wir selbst in der Zukunft werden ganz andere sein als jetzt. Wir werden miterlebt haben, wie sich die Dinge verändert haben. Und ein bisschen werden wir es auch mitbewirkt haben.

Aber nur ein bisschen. Schon das ist ja der Punkt, an dem sich alle Zukunftsdeuter überheben. Ich erinnere nur an den Vetospieler bei Armin Nassehi, der in so vielen Menschen steckt, die sich aus lauter Missbehagen an den komplizierten demokratischen Entscheidungsfindungen die Macht wünschen, alles kraft ihres Protests ändern zu können. Und dann erst recht verzweifeln, weil ihr Protest keine wirklich eindeutige Folge hat.

Warum nur? Da taucht ja so eine Verzweiflung im Kopf auf: „Sind die denn alle zu blöd um zu sehen, was da auf uns zukommt?“

Lauter Katastrophen. Weltuntergänge. Am schlimmsten sind ja die Auguren der Ökonomie, all diese Mahner, Rauner und Befürchter, dass auch nur ein leichtes Abweichen vom Pfad der (neoliberalen) Wirtschaftsregeln in eine fürchterliche Wirtschaftskrise mündet. Niemand verbreitet so viele Ängste wie die „Wirtschaftskompetenten“. Mit ihrer Panikmache halten sie eine ganze Gesellschaft auf Trab.

Von diesen Leuten hat Horx schon lange die Nase voll: „In einer Wohlstandsgesellschaft bekommt Angst eine andere Bedeutung. Sie ist einerseits ein Entsorgungsproblem. Da wir rund um die Uhr von Angstmachern bombardiert werden, aber gar nicht mehr direkt kämpfen können, verliert die Angst ihren Sinn. Sie wird ersetzt durch eine dauerhafte Ängstlichkeit, die nicht nur unsere Gesundheit, sondern auch unsere Seele ruinieren kann.“

Sie erzeugt auch die Gefühle der Ohnmacht, die die Angstmacher so gern auch mit dem Wort „alternativlos“ geschürt haben.

Dabei haben selbst die zurückliegenden Krisen gezeigt, das nichts alternativlos ist, auch nicht staatliche Rettungspolitik oder Haushaltsfragen oder Globalisierung … Machtverteilungen ändern sich ständig. Einstellungen ändern sich. Auf einmal lernen Millionen Menschen, dass Homeoffice problemlos möglich ist (wenn sie die nötigen Geräte haben), dass man gar nicht jeden Tag im Stau ins Büro fahren muss oder jedes Wochenende ins Stadion. Für viele Menschen war das natürlich ein Erschrecken: Sie wurden quasi über Nacht in Situationen gestürzt, die sie in ihrem fest vertakteten Leben nicht eingeplant hatten – weil: alternativlos.

Und dann zeigte sich, dass der Laden trotzdem weiterlief. Mit Stottern und Schäden. Aber auf einmal zeigte der so verleumdete Staat, dass er wieder handeln konnte, dass Luft sauber werden und Straßen leer sein konnten. Dass Menschen auch wieder Gefühle zeigten, für andere sangen, Maske tragen und Abstand halten. Ob das anhält – keine Ahnung.

Und darum geht es Horx auch nicht, der aber aus den letzten Krisen die Erfahrung mitgenommen hat, dass Krisen, je tiefer sie eine Gesellschaft ergreifen, umso nachhaltiger das neue Normal verändert haben werden. Bei seinen Untersuchungen ist er auch auf die Zeitenwende von 1990 gestoßen.

Auch das war eine Krise, die aber leider von denen, die an den großen Sprechtüten sitzen, nie als solche verstanden wurde. Weshalb sich nicht nur die Ostdeutschen vom üblichen westdeutschen Quark langsam ziemlich veralbert fühlen. Den Osteuropäern geht es nicht anders. Sie werden alle immer noch behandelt, als wären sie noch dieselben wie 1988.

Manchmal behandeln sie sich auch selbst so, weil sie (hat ihnen ja keins der „Systemmedien“ gesagt) selbst nicht begriffen haben, wie sehr sie sich selbst verändert haben in der Krise. Zum Bewusstwerden braucht man auch das, was Horx in seinem Büchlein als Re-Gnose beschreibt: Die Fähigkeit, sich gedanklich aus seinem Jetzt zu lösen und zu versuchen zu sehen, wie man als künftiges Ich auf das Jetzt schauen würde.

Also Zukunft für sich selbst denken, wie sie einem jetzt möglich erscheint. Er macht das mit einer Projektion auf einen Kaffeehausstuhl auf dem fast leeren Markusplatz in Venedig in ferner Zukunft bildhaft.

Was eben nicht heißt, dass man sich quasi mit etwas Phantasie die Zukunft erfindet und dann wird sie auch so. Es geht eigentlich um etwas anderes, was sich von den billigen Prognosen, die einem überall verkauft werden, unterscheidet: Sich wieder bewusst werden, dass Zukunft ein riesiger Strauß von Möglichkeiten ist. Die alten Auguren behaupten immer, es gäbe nur eine lineare Zukunft. So wie Angela Merkel mit ihrem „alternativlos“.

Obwohl gerade Krisen zeigen, dass nichts so ungewiss ist wie der Weg in die Zukunft. Sie bleibt konturenlos für uns. Wir ahnen nur ein paar Lichter. Und die meisten verschließen sich in ihrer Angst, weil sie völlig fixiert sind auf die eine, katastrophal ausgemalte Zukunft. Oder völlig verängstigt von den Zukunftsbildern anderer Leute, die es genießen, wenn sie ihre Mitmenschen erschrecken können.

Aber weder gibt es den einen Vetospieler, der bestimmen kann, welche Zukunft es gibt, noch gibt es Zukunft auf Knopfdruck. Nicht den einen „Systemwechsel“ oder gar ein neues „Zeitalter“. „Zeitalter ,brechen‘ ohnehin nicht ,aus‘“, schreibt Horx. „Sie entwickeln sich ganz sanft, zuerst unbemerkt in den Tiefenschichten der Gesellschaften, in einem langen Shift der Wertungen und Gefühle, bevor sie dann, manchmal über Nacht geschichtsmächtig werden.“

Heißt im Klartext – und das weiß eigentlich jeder: In unserer Gegenwart sind viele verschiedene Zukünfte schon angelegt – als technische Möglichkeit, als Wertvorstellung, als eigenes Lebensziel, als Lernprozess. Der Mensch produziert permanent Zukunft. Aber nicht alle dieselbe.

Manche basteln sich die Zukunft ja aus den Idyllen der Vergangenheit zurecht und wollen, dass alle anderen mit ihnen zurückkehren in die Idylle. Aber neues Wissen verändert Haltungen, Lernprozesse verändern das Miteinander. Und Krisen verhelfen Entwicklungen, die lange schon angelegt waren, auf einmal zur Sichtbarkeit. Einzelnen Teilen vielleicht sogar zum Durchbruch.

Die Coronakrise ist so eine Krise, ist sich Horx sicher. Auch weil sie einfach ein paar Menschen zum Innehalten gebracht hat. Eine erstaunliche Erkenntnis, die viele während des Shutdowns ebenfalls gemacht hatten: Auf einmal ließ der Druck nach, immerfort wütend zu sein. Auf einmal war da das Nachdenken über die eigene Gefährdung und die Gefährdung der Mitmenschen, die man vorher so gern mit ein paar Likes und Smilies abserviert hatte. Vorher, im alten Normal, waren ja auch einige geradezu beängstigende Veränderungen im Gang. Und nun?

„Man kann einfach aussteigen aus dem Karussell der Bösartigkeiten“, schreibt Horx. „Und immer mehr Menschen tun das.“

Wobei er diese von „social media“ befeuerten Bösartigkeiten auch als Folge der um sich greifenden Angst und Panik interpretiert. Viele Menschen reagieren ihre Verzweiflung darüber, dass sie aus der als „alternativlos“ verkauften überhitzten Gegenwart nicht entfliehen können, in Wut und Aggressionen ab. Die Vereinsamung von immer mehr Menschen kommt hinzu. Die – so Horx – ebenfalls damit zu tun hat, dass wir angefüllt sind mit Bildern und Erwartungen, wie etwas richtig zu sein hat.

Und da uns eingetrichtert wurde, dass wir immer nur das Beste und Schönste bekommen sollten, die perfekte Liebe, geraten immer mehr Partnerschaften katastrophal, leben liebende Menschen aneinander vorbei, weil sie nicht mehr offen und neugierig sind auf das fremde Wesen an ihrer Seite. Sie scheitern an ihren eigenen Erwartungen.

Irgendwann muss Horx diesen Schritt zur Seite gemacht haben, heraus aus diesen ganzen schäumenden Ansprüchen an Unfehlbarkeit und Perfektion. Vielleicht bei einem Waldspaziergang, wie er schreibt, wo man durchaus einmal versuchen kann, sich beim Spazierengehen zu beobachten. Das kann man nämlich. Unser Gehirn ist zu den erstaunlichsten Dingen in der Lage.

Eben auch zum Sichselbstbeobachten. Und damit auch zum Staunen – zu staunender Distanz, die Neugier erst möglich macht. Eine Neugier, die einem auf einmal im Corona-Shutdown sichtbar macht, dass man ganz und gar nicht hilflos ausgeliefert ist, sondern auch diese Situation bewältigt.

Womit die Situation als veränderbar begriffen wird. Und wenn man merkt, dass man Situationen ändern kann – warum sollte man sich dann mit billigen und „alternativlosen“ Zukunftsvisionen zufriedengeben?

Denn das heißt ja auch, dass wir uns selbst Zukunft schaffen können – indem wir uns nämlich Ziele stecken, etwas vornehmen. Was davon wirklich wird, liegt an uns und unserer Beharrlichkeit. Und natürlich an den Widerständen, auf die wir stoßen. Denn die alten „Besitzstandswahrer“ sind ja nicht weg, die wollen ja gern so bleiben und weitermachen wie bisher. Die konstruieren sich ihr eigenes Morgen. Auch wenn das mit unserem Morgen nichts zu tun hat.

Deswegen kann niemand wirklich sagen, was nach der Krise wirklich anders sein wird. Aber nach Krisen, die alle Ebenen einer Gesellschaft erfassen, ändert sich vieles. Und zwar für immer. Es gibt keine Chance ins alte Normal zurückzukehren. Und das empfinden viele Menschen sogar als befreiend, weil der Mensch einen unveränderlichen Zustand auf Dauer nicht aushält. Erst die Veränderungen fordern den kreativen und unternehmungslustigen Menschen. Und natürlich eröffnen sie auch viele neue Chancen.

Da kann man dann raten, welche Chancen sich wirklich verwirklichen. Aber welche es wirklich sein werden, wissen auch die Zukunftsforscher erst, wenn sie dann auf dem Markusplatz in Venedig sitzen. Und das Veränderte wird ihnen vertraut vorkommen und das alte Normal so weit weg, dass es kaum noch zu glauben ist.

Und das alles nur, weil sich in unserem Denken über das Mögliche etwas geändert hat.

Gesellschaften werden weniger depressiv und ängstlich, wenn sie sich Veränderungen wieder zutrauen und wagen, Zukunft als Raum unendlich vieler Möglichkeiten zu denken. Niemand zwingt uns, hier im verängstigten Jetzt zu bleiben. Man kann möglicherweise ein paar skizzenhafte Striche in Horx‘ Buch finden, was sich aus seiner Sicht nach Corona möglicherweise für immer geändert haben wird.

Aber eigentlich ist es ein Büchlein geworden, mit dem uns der Zukunftsforscher daran erinnert, dass Zukunft in unserem Kopf entsteht, dort, wo wir uns selbst vorstellen können, wie wir Dinge tun, die im alten Normal nicht denkbar schienen. Und irgendwann sitzen wir im neuen Normal und schütteln den Kopf darüber, dass wir es so lange im alten Normal ausgehalten haben.

„Aus dieser seltsamen Schleife entsteht Wandel im Sinne von Selbst-Veränderung, die auch zur Welt-Veränderung führt“, schreibt Horx. Und weil er die Skepsis in unseren Köpfen kennt, hängt er noch diese Sätze dran: „Sie können das glauben oder nicht. Die einzig wichtige Frage ist: Machen Sie mit?“

Matthias Horx Die Zukunft nach Corona, Econ Verlag, Berlin 2020, 15 Euro.

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