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Nachdenken über … Virus-Mutationen, die mit den Arbeitsmigranten durch Europa wandern

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    Das Virus reist. Es reist richtig komfortabel. Denn seine Wirte nehmen es immer mit. Nichts befeuert eine Pandemie so sehr wie eine weltumspannende Mobilität. Anfangs waren es vor allem die Reichen, die das Virus auf Geschäfts- und Urlaubsreisen überallhin verschleppten. Dass derzeit die Virus-Mutationen aus Großbritannien in ganz Europa verbreitet werden, hat sehr wahrscheinlich mit einer Geschichte zu tun, die die „Zeit“ am 5. Februar veröffentlichte.

    Denn natürlich haben Leser/-innen recht, die sich darüber wundern, wie das sein kann, dass so eine Mutation, die erstmals Ende 2020 in der englischen Grafschaft Kent auftauchte, schon am 29. Januar in Leipzig auftauchen konnte, wo doch das ganze Land im Lockdown ist und niemand den 15-Kilometer-Radius um seine Wohnstätte verlassen soll.Aber genauso gut darf man sich darüber wundern, warum auch die deutsche Lufthansa weiterhin Flüge in alle Welt angeboten hat und erst am 6. Februar wirklich ankündigte, Flüge aus Corona-Mutationsgebieten zu streichen. Ziemlich spät, wenn man bedenkt, dass derzeit ein deutscher Landkreis nach dem anderen das Auftreten der britischen Corona-Mutation meldet. Wie fahrlässig darf man eigentlich sein Unternehmen führen?

    Oder gehört Fahrlässigkeit zum Prinzip der Globalisierung?

    Wahrscheinlich ja. Denn dabei geht es nicht darum, die Länder besser zu vernetzen, den Handel fairer zu machen und die Welt am Wohlstand teilhaben zu lassen. Eher um das Gegenteil: alles billiger produzieren zu können. Und dafür werden Umweltstandards und Arbeitsstandards heruntergefahren und natürlich auch die Löhne gedrückt. Das wandernde Proletariat der Billiglöhner, ohne die aber in den reichen Ländern des Nordens gar nichts mehr läuft, ist das Schmiermittel dieser Globalisierung.

    Und da liefen diese beiden Geschichten am Freitag, 5. Februar, still aneinander vorbei. Man merkte ihre Nähe nur, wenn man mal wieder wie unsereins quer durch die ganze Palette der Meldungen las. Die eine stand in den „Corona-News“ des „Spiegel“ – ziemlich weit unten.

    „Slowakei meldet dramatische Ausbreitung britischer Corona-Variante:

    14:22 Uhr: Gesundheitsbehörden und Experten in der Slowakei schlagen Alarm, dass sich die sogenannte britische Mutation des Coronavirus rasant ausbreite. Regierungschef Igor Matovic meldete am Freitag auf Facebook einen Anteil der Mutation von rund 71 Prozent aller positiven Testergebnisse vom Mittwoch. Regional wurden auch höhere Werte berichtet.“

    Wie kam die britische Variante in die Slowakei? Wohl eher nicht mit britischen Touristen.

    Im Nachbarland Tschechien wurde sie schon am 18. Januar erstmals nachgewiesen. Aber sie scheint dort auch schon vor Weihnachten aufgetaucht zu sein. Das heißt: Wie schon beim chinesischen Original und der italienischen Variante gingen die Alarmmeldungen in unseren Medien viel zu spät los. Wohl aus alten Reflexen heraus: Wenn die Nachricht neu ist, muss man so tun, als sei jetzt Gefahr im Verzug und die Feuerwehr müsste mit Gedöns ausrücken.

    Obwohl dieses Virus längst schon da war und sich ausbreitete. Die Alarmmeldungen kommen zu spät. Das mutierte Virus hatte schon Wochen Zeit, sich in aller Stille zu verbreiten. Während unsere großen Medien noch hyperventilierten und so taten, als sei es gerade erst angekommen und man könnte die Einzelfälle vielleicht noch einfangen, hatte der „Spiegel“ in seinen Corona-News am 27. Januar schon gemeldet:

    „WHO: Britische Corona-Variante inzwischen in 70 Ländern verbreitet

    22:02 Uhr: Die neuen Varianten des Coronavirus breiten sich in immer mehr Ländern aus: Wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) am Mittwoch mitteilte, wurde die zunächst in Großbritannien registrierte Mutante inzwischen in 70 Ländern nachgewiesen. Das waren zehn Länder mehr als eine Woche zuvor.“

    Und auch das sind Meldungen, die – wie wir ja nun gelernt haben – im Schnitt eine Woche Verspätung haben. Man muss die Inkubationszeit noch hinzurechnen.

    Möglich, dass wieder Touristen und Geschäftsreisende hier eine Rolle spielten. Der internationale Reiseverkehr konterkariert alle Bemühungen, das Virus mit Lockdowns irgendwie in den Griff zu bekommen.

    Aber dass die neue Mutation gerade in Ländern Ost- und Südeuropas längst zu einer Massenerscheinung geworden ist, hat auch mit dem Phänomen zu tun, über das die „Zeit“ am 5. Februar unter dem Titel „Der große Exodus“ berichtete.

    Denn wie in anderen Ländern auch sind auch dort die ärmeren Schichten besonders von den ökonomischen Folgen der Coronakrise betroffen. Und dazu gehören auch all die EU-Ausländer, die in den vergangenen Jahren in der Londoner Dienstleistungswelt eine Arbeit gefunden haben. Und die dann auch die ersten waren, die ihren Job verloren oder auf einmal in einer Atmosphäre des Misstrauens landeten und lieber das nächste Job-Angebot aus der Heimat annahmen – wie der im Text zitierte Pfleger D’Onofrio.

    „D’Onofrio und seine Kollegen sind Teil eines Exodus, den Großbritannien seit der Coronakrise erlebt. Zehntausende EU-Bürger, die seit Jahren im Land gelebt hatten, sind weggezogen, viele für immer. So gewaltig ist die Emigrationsbewegung, dass die ansässige Bevölkerung in Großbritannien erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg geschrumpft ist“, kann man da lesen.

    Und die Zahlen sind beeindruckend und zeigen, wie stark Großbritannien eigentlich längst auf die (billigen) Arbeitskräfte aus anderen Teilen Europas angewiesen war. „Die Pandemie hat diesen Trend beschleunigt. Weil es noch keine genauen Statistiken gibt, haben sich die Akademiker Jonathan Portes und Michael O’Connor vom Economic Statistics Centre of Excellence in London die Zahlen des Labour Force Survey angeschaut und mit anderen Erhebungen verglichen – und sie sind zu einem erstaunlichen Ergebnis gekommen: Die britische Bevölkerung ist um geschätzte 1,3 Millionen kleiner geworden. Besonders krass ist die Entwicklung in London: Fast 700.000 Menschen sind aus der Metropole abgewandert.“

    Wenn aber 1,3 Millionen Menschen im bis dahin größten Corona-Hotspot Europas, wo noch dazu eine neue Mutation des Virus entstanden ist, ihre Koffer packen und in ihre Heimatländer zurückkehren, dann bedeutet das zwangsläufig, dass wenigstens ein Teil von ihnen auch die neue Mutante mitgenommen hat – nach Portugal, Tschechien, Polen, in die Slowakei … all die Länder, aus denen die emsigen Arbeitsheere kommen, die in den (scheinbar) reicheren Ländern dabei helfen, dass der Laden nicht zusammenbricht.

    Einen ähnlichen Effekt hat ja auch Sachsen erlebt, wo das Virus gerade im Herbst, als die Zahlen in Sachsen noch niedrig waren, durch die Pendler aus den Hotspot-Ländern Polen und Tschechien wieder eingetragen wurde. Dasselbe erleben übrigens auch sämtliche bayrischen Kreise, die an das Nachbarland Tschechien angrenzen, ebenso natürlich Thüringen.

    Ist es in einem Fall die Arbeitsmigration, die die Ausbreitung des Virus verstärkte, ist es im Fall Großbritannien die fast sogar erzwungene Heimkehr der vielen EU-Arbeitskräfte, die in ihrem Gastarbeitsland keine Unterstützung im Lockdown bekamen.

    Und bei all diesen Menschen geht es nicht um die Frage „freiwillig abschotten“ oder einfach mal ins Homeoffice gehen. Denn sie wurden und werden ja in der Regel genau da beschäftigt, wo es um Publikumsverkehr geht. Und wo sie ungeschützter sind. Die oft beengten Wohnverhältnisse (wir können ja auch an die Schlachthofmitarbeiter bei Tönnies denken) kommen noch dazu.

    Was ja heißt: Das neoliberale Denken über (billige) Arbeit ist ein gefundenes Fressen für das Coronavirus. In jeder Beziehung. Und wenn nun unsere Gesundheitsminister dann bei jeder neuen Fundmeldung bedröppelt in die Kameras schauen, kann man sicher sein, dass die Sache längst gelaufen ist und die neue Mutation längst unterwegs im Land, weitergetragen von Menschen, die eigentlich nicht mehr haben als die Hoffnung, dass sie sich nicht angesteckt haben.

    Denn ihre Arbeit einfach mal ruhen zu lassen, geht nicht. Nicht wegen der Systemrelevanz, sondern weil man in deutschen und europäischen Billigjobs keine Rücklagen hat. Nicht mal für einen Monat. Man muss zur Arbeit, egal, wie mies es einem geht. Den Luxus zu einer Erholungspause können sich nur die Gutbezahlten leisten.

    Noch so eine Einsicht, zu der uns diese Corona-Zeit verhilft.

    Aber ich denke mal: Unsere „Wirtschaftsexperten“ werden wieder nichts draus lernen.

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