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Ideale Voraussetzungen für eine Pandemie: Auch im Corona-Jahr mussten zehntausende Leipziger pendeln

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    Eigentlich ist das mit der Ausbreitung eines Virus ganz einfach: Wenn die Wirte nicht ständig mobil sind und andere Gruppen anstecken können, dann läuft sich die Epidemie ziemlich schnell tot. Aber einer der Grundbaufehler der Globalisierung ist: Sie kann nicht stillhalten. Permanent sind Milliarden Menschen unterwegs. Im Nahraum wird das dann als Pendeln verharmlost, obwohl es auch ökologisch eine Katastrophe ist. Und so wurde auch im Corona-Jahr ungebremst weiter gependelt, stellt die IG BAU fest. Auch in Leipzig.

    Wirkliche Stille gab es tatsächlich nur im April, jenem kurzen Zeitraum des ersten Lockdowns, der wirklich noch ein richtiger Lockdown war und entsprechend erfolgreich. Aber seitdem ist eben nicht nur mehr Fahrlässigkeit eingezogen. Gerade auf Druck mächtiger Wirtschaftsverbände wurden gerade jene Pendlerströme wieder in Schwung gebracht, ohne die das heutige Just-in-time-Wirtschaften nicht funktionieren würde. Und ohne das sich das Coronavirus auch nicht so schnell und flächendeckend überall im Land bis in den hintersten Winkel ausbreiten konnte.

    Es liegt auch am teuren Wohnraum in den Großstädten, stellt die IG BAU fest.

    Auch in Zeiten von Lockdown und Homeoffice bleibt die Zahl der Pendler in Leipzig auf einem hohen Level. Im vergangenen Jahr kamen rund 98.000 Menschen zum Arbeiten regelmäßig von außerhalb in die Stadt. Darauf macht die IG Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) aufmerksam. Die Gewerkschaft beruft sich dabei auf eine Statistik der Bundesagentur für Arbeit. Demnach blieb die Zahl der sogenannten Einpendler nach Leipzig im Vergleich zum Vorjahr etwa auf demselben Niveau.

    Wurden 2019 97.724 Einpendler nach Leipzig registriert, die aus den umliegenden Ländern und Landkreise zur Arbeit in die Messestadt fuhren, so weist der Pendleratlas der Bundesagentur für Arbeit für Juni 2020 immer noch 97.660 Einpendler aus.

    Womit diese Zahl auf dem hohen Niveau verblieb, das 2016 erstmals erreicht wurde. Wobei die IG BAU die gegenläufige Richtung nicht mit betrachtet hat, denn hier ist die Zahl sogar noch gestiegen. Pendelten 2015 noch 55.742 Leipziger/-innen zu einem Arbeitsort außerhalb der Stadt, so stieg diese Zahl allein bis 2019 auf 65 824. Und trotz Corona erhöhte sich die Auspendlerzahl bis Juni 2020 noch einmal, nun auf 66.598. Hier ist der treibende Faktor eindeutig der in Nordsachsen gelegene Flughafen Leipzig/Halle mit der wachsenden Zahl von Beschäftigten beim Logistiker DHL.

    Auspendler aus Leipzig, Stand Juni 2020. Grafik: Bundeagentur für Arbeit, Pendleratlas
    Auspendler aus Leipzig, Stand Juni 2020. Grafik: Bundesagentur für Arbeit, Pendleratlas

    Zu den Hauptursachen für die anhaltend großen Pendelströme zählt nach Einschätzung der IG BAU Nord-West-Sachsen trotzdem der teure Wohnraum in den Großstädten.

    „Nach jahrelangen Mietsteigerungen können sich viele Beschäftigte das Leben am Arbeitsort nicht mehr leisten. Ihnen bleibt als Alternative oft nur stundenlange Fahrerei mit dem Auto oder der Bahn“, meint der Bezirksvorsitzende Bernd Günther.

    In der Baubranche seien weite Anfahrtswege besonders verbreitet. Es dürfe aber nicht sein, dass Bauarbeiter, die in den Ballungsräumen Wohnungen bauten, sich diese selbst nicht mehr leisten könnten. Die IG BAU fordert deshalb mehr Anstrengungen bei der Schaffung bezahlbaren Wohnraums.

    „Deutlich mehr Wohnungen, die sich in den Städten auch Gering- und Normalverdiener leisten können, sind ein entscheidender Beitrag, um die Pendlerzahlen zu verringern“, sagt Günther. Dafür müsse die Politik klare Vorgaben machen, etwa indem kommunale Grundstücke nicht an den Meistbietenden verkauft würden, sondern an Bauherren, die sich zu bezahlbaren Mieten verpflichteten. Beim sozialen Wohnungsbau müssten die staatlichen Fördermittel massiv aufgestockt werden und einmal gebaute Sozialwohnungen dauerhaft preisgebunden bleiben.

    Dass Menschen in der Nähe ihres Arbeitsplatzes wohnen können, sei nicht nur eine soziale, sondern auch eine ökologische Frage: „Weniger Pendelei bedeutet für die Betroffenen mehr Zeit für die Familie, Freunde und Hobbys. Gleichzeitig kann ein erheblicher Teil der CO2-Emissionen im Verkehrssektor eingespart werden“, so Günther.

    Nach Angaben der Arbeitsagentur verließen im vergangenen Jahr bundesweit vier von zehn sozialversicherungspflichtig Beschäftigten auf dem Weg zur Arbeit die Grenzen ihrer Stadt oder ihres Landkreises. Damit erreichte die Zahl der Fern-Pendler trotz Pandemie einen Höchststand von 13 Millionen. Corona hat also die Unwucht zwischen zur Mobilität gezwungenen Normalverdienern und einem durch Spekulation aus dem Ruder gelaufenen Wohnungsmarkt nicht beendet. Womit der Zwang zum Pendeln einer der Haupttreiber der Pandemie sein dürfte.

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    8 KOMMENTARE

    1. Interessanter wäre es, Sie würden konkret benennen, weshalb der Artikel primitiv sein soll.
      Die Formulierung, zudem noch gegen Julke, finde ich schon sehr drastisch.

    2. Dass Ihre geschätzte Großmutter wohl mit dem Bus oder fußweise ge“pendelt“ ist, hätten Sie aber schon noch dazu schreiben können. Außerdem gab es auch in der frühen DDR Leute, die mit dem Auto gefahren sind. Mein Opa z.B.

      Und die autogerechte Stadt wurde auch in der DDR geplant und gebaut. Prägnant hierzu… genau: Leipzig. Die Kreuzung am Goerdelerring war mal „bebaut“. Die große Kurve der Kollwitzstraße und der („neue“) Westplatz sind komplett ahistorisch. Usw.

      Bitte legen Sie also keine falschen Spuren.

    3. Obendrein könnte man kaum in der Nähe des Arbeitsplatzes (wenn er im Zentrum lag) wohnen. Es gab keine Wohnungen, alles zerstört und erst teilweise im Wiederaufbau.

    4. Stefan,
      meine Oma hatte keinen Führerschein, immer Bus oder zu Fuß. Eine Motorisierung in der DDR in den 50iger. Mit Erlaubt, Sie sind entweder zu jung, naiv oder kennen die ehemalige DDR nicht.

    5. Wieso primitiv? Die Pointe des Artikels ist mE, wieder in der Nähe des Arbeitsplatzes wohnen zu können.
      70 Jahre hört sich so nach Vorkriegszeit an, dabei landen wir da schon in den 1950er Jahren, wo die massenhafte individuelle Motorisierung richtig losging – mit den sattsam bekannten Fehlentwicklungen gerade im Wiederaufbau (autogerechte Stadt, … langjährige Umweltschäden an Baudenkmälern: viele können sich ein nicht-dunkles, nicht-erodiertes Steindenkmal vorstellen).

      Als ich anderswo mein Geld verdiente, war der Anmarschweg von gefühlt 50 Metern ein Genuss. Aber auch jetzt finde ich die schnelle Trananbindung nicht von Übel. Genau nach dieser Anbindung habe ich eine Wohnung gesucht und gefunden. Und da merkt man, wie Panne die Stadtabdeckung durch die LVB ist…

    6. Dieser Artikel ist ja sowas von primitiv, meine Oma ist schon vor 70 Jahren von Markranstädt nach LE eingependelt. Mein Vater ausgependelt nach Markranstädt. So ist das Leben und wir reden von 10km. Wenn in Zukunft solche Artikel der Anspruch der LZ ist, gute Nacht Marie…

    7. Anfrage an Sender Jerewan: Wieviel spart ein Mensch, der in Delitzsch/Borsdorf/Borna wohnt an Wohnkosten gegenüber Leipzig und wieviel hat er Mehrkosten für Auto bzw. Bahn, wenn man mal annimmt, dass man bei Wohn-und Arbeitsort in Leipzig mit dem Fahrrad fahren kann, also kein Auto haben muss?
      P.S.: Auch zu DHL kann man mit dem Fahrrad fahren…

    8. Die BA kennt nur Wohnort des Beschäftigten und den Standort des Betriebs. Ob und wie oft der Beschäftigte dorthin muss, ober (Bau) sowieso woanders hin muss, oder ob er Homeoffice hat, weiß die BA nicht. Die Pendlerzahlen sind ganz bestimmt nicht gestiegen. An den angesprochenen Problemen (teurer Wohnraum) ändert das natürlich nichts.

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