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Verloren im Cyberspace: Eine fast Luthersche Streitschrift gegen die falschen Verheißungen der digitalen Beglückung

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    Etwas läuft gerade gnadenlos schief in unserer Welt. Nicht nur beim Umgang mit Klima, Artenvielfalt oder Pandemien. Der Lehrer Gottfried Böhme hat darüber schon eine vehemente Streitschrift geschrieben, die Physikerin Ille Gebeshuber sich die Konsequenzen ausgemalt. Und nun hat auch der Schriftsteller und langjährige „Stern“-Autor Joachim Köhler das Corona-Jahr genutzt, um eine profunde Streitschrift über eine Entwicklung zu schreiben, die Nietzsches schlimmste Ideen Wirklichkeit werden lässt.

    Seinen Nietzsche kennt Köhler nur zu genau. Seinen Luther übrigens auch. 2016 hat er mit „Luther!“ seine ganz persönliche Sicht auf einen Befreiten geschrieben, eine Biografie, die das frappierend Moderne am einstigen Augustinermönch Martin Luther zeigt, der wie kaum ein anderer symptomatisch steht für das moderne Selbst-Bewusstsein und das Denken über Freiheit.

    Denn vorher hat dieses Wort kaum eine Rolle gespielt. Heute ist es oft zur leeren Worthülse geworden, weil die Leute, die es im Munde führen, meist denken, dass Freiheit heißt, sie dürften alles, alles wäre „erlaubt“. Womit sie nur zu deutlich machen, wie sehr der alte Untertan noch in ihnen steckt, der Grenzen der Freiheit nur akzeptiert, wenn sie ihm von den Mächtigen gesetzt werden.

    Den Schritt selbst zur Lutherschen Gelassenheit (über die Köhler am Ende seiner formidablen Streitschrift so einiges zu sagen hat) haben sie nie getan. Vielleicht braucht es dazu tatsächlich im Leben jedes Menschen so eine Art Turmerlebnis, das den in seiner Freiheit vor lauter (Entscheidungs-)Ängsten geplagten Menschen zu der tatsächlich befreienden Einsicht bringt, dass man sich die Gnade nicht verdienen muss.

    Aber wenn Luther glaubte, mit der Reformation die Menschen von diesem immensen Druck befreit zu haben, dann hat er sich geirrt. Was weniger mit der Bibel zu tun hat als mit dem Denken, dass unserer menschlichen Zivilisation tief eingeschrieben ist – und deshalb auch in seiner ganzen Wucht in der Bibel steht, wenn auch an anderen Stellen als denen, mit denen Luther seine Befreiung fand. Ein Denken, das Menschen tatsächlich einredet, dass sie sich immerfort rechtfertigen müssen, dass das Leben nur Mühsal ist und das Menschsein eine Anstrengung, der man mit allen Mitteln entkommen muss.

    Was mittlerweile ganze Regalmeter an SF-Romanen ergibt, in denen die Folgen genau dieses Denkens in die Zukunft projiziert werden. In der Regel mit erschreckenden Ergebnissen. Heute haben immer mehr Menschen das Gefühl, dass Orwells „1984“, Huxleys „Schöne neue Welt“ und Bradburys „Fahrenheit 451“ entweder gerade dabei sind, Wirklichkeit zu werden, oder es schon lange sind, und wir merken es nur nicht oder wollen es nicht bemerken.

    Köhler beginnt seine Tour de force durch das digitalisierte Zeitalter freilich bei einem Schriftsteller, dem man derart dystopische Zukunftsbilder noch nicht zugetraut hätte. Aber in „The Machine Stops“ (1909) beschreibt Edward Morgan Forster eine Welt, die fatal unserer heutigen Cyberspace-Welt ähnelt, in der die Menschen fast ihre ganze Zeit nur noch in virtuellen Welten zubringen und nicht mehr merken, dass sie eigentlich nur noch ein durch die Maschine bestimmtes Dasein führen.

    Eine Maschine, die Ille Gebeshuber als „das Werkzeug“ bezeichnet, um deutlich zu machen, dass schon lange nicht mehr der Mensch es ist, der die digitale Technik nutzt, um Probleme zu lösen, sondern die digitalen Algorithmen bestimmen, wie Menschen denken und leben.

    Und Köhler geht noch einen Schritt weiter, denn er findet es durchaus erschreckend, wie leicht und selbstverständlich sich die Menschen heute den Verführungen und dem Diktat der digitalen Angebote hingeben, wie sie ihr Smartphone regelrecht zum Taktgeber ihres Lebens machen und sich von Spielen, „social media“ und digitaler Werbung vorgeben lassen, wie sie funktionieren sollen.

    Was in den 1990er Jahren einmal als die gigantische Vision einer weltumspannenden Kommunikation begonnen hat, ist zum Tummelplatz riesiger Konzerne geworden, die die ausgefeilten Methoden des Süchtigmachens beherrschen und denen es tatsächlich glückt, Milliarden Menschen von ihren Angeboten abhängig zu machen.

    Angebote, die schon längst katastrophale Folgen zeitigen, weil sie das Schlimmste im Menschen entfesseln und den anonymen Teilnehmern dieser Welt eine Freiheit suggerieren, die mit Luthers Freiheit schon lange nichts mehr zu tun hat. Eher mit den kleinlichsten Vorstellungen, die sich kleine, von jeder Verantwortung geplagte Bürger immer gemacht haben von einem „freien“ Leben. Die Uridee dazu findet man im Märchen vom „Schlaraffenland“, das Köhler zwar nicht erwähnt.

    Aber das muss er auch nicht. Auch Märchen wie „Hänsel und Gretel“ erzählen von den seltsamen Träumen der Menschen von einem Leben ohne Mühe und Anstrengung – das den so von aller Mühe Befreiten ziemlich bald selbst zum Verschlungenen werden lässt. Aus dem Nutzer wird ein Benutzter. Die Angebote, die mit amerikanischer Großspurigkeit „for free“ ins Netz gestellt werden, machen den Konsumenten zum Goldesel, dessen Daten auf allen Websites abgeschöpft und teuer an eine überwältigende Werbeindustrie verkauft werden, die mit Facebook & Co. einen alten, heißen Traum erfüllt bekam: den Konsumenten mit persönlichem Profil sauber filetiert und zubereitet geliefert zu bekommen.

    Man muss keine heißen Mädchen mehr an Litfaßsäulen kleben, sondern schaufelt seine Angebote gleich direkt auf die Seiten, auf denen die Nutzer glauben, Herr ihres Handelns zu sein, obwohl sie schon längst in Schleifen hängen, in denen sie mit der Möhre vor der Nase dahin geführt werden, wo die großen Vermarkter sie haben wollen.

    Was jetzt nur die kurze Zusammenfassung eines geradezu exzessiven und wortgewaltigen Streifzugs ist, den Köhler in diesem Corona-Jahr aufgeschrieben hat, nachdem ihm diverse Bücher anderer Autoren, die ebenso besorgt sind über diesen ferngesteuerten Weg des Menschen in seine eigene Abschaffung (Richard David Precht etwa, der Im Frühjahr mit „Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens“ für Furore sorgte), dazu animierten, all das aufzuschreiben, was ihn schon in seiner Zeit als Journalist beschäftigt hat.

    Denn als Journalist bekam man sehr frühzeitig mit, wie sich die Welt des Internets ganz schnell veränderte, als ein paar clevere Jungs aus dem Silicon Valley begannen, aus den unendlichen neuen Möglichkeiten der weltweiten Vernetzung in Echtzeit neue Geschäftsideen zu basteln.

    Und das mit einer Geisteshaltung, die tief vor allem im amerikanischen Denken steckt, in dem das Sich-Verkaufen um jeden Preis so normal ist wie die Tatsache, dass man auch jeden und alles kaufen kann, wenn man nur genug Geld hat. Und dazu kamen die durchaus brisanten Forschungsergebnisse aus der Psychologie, die im 20. Jahrhundert erst richtig gezeigt haben, wie leicht der Mensch verführt, programmiert und süchtig gemacht werden kann.

    Und zwar umso leichter, je früher die Verführung greift und Kinder die Zauberwelt eines unendlichen Angebots in die Hände bekommen, das ihnen eine unendliche Wunscherfüllung verspricht und – die Befreiung von allen Mühen, Anstrengungen und Wartezeiten. Alle Wünsche werden sofort mit einem Wischen erfüllt – und der Mensch taucht ab in eine unendliche Abfolge von immer neuen Links und Verheißungen.

    Ergebnis ist genau jene Vereinzelung und Vereinsamung, die schon E. M. Forster beschrieb in seiner Geschichte, die Köhler so frappierend an die Gegenwart des Jahres 2020 erinnert: „Es gibt nichts anderes mehr. Aber das stört sie nicht. Vor allem lieben sie die unsichtbare Macht, die ihnen alle Mühen des Menschseins abnimmt, einschließlich der des Menschseins selbst.“

    Dass das nicht so ganz zufällig immer mehr Raum in unserer modernen Welt einnimmt, hat natürlich auch mit der Art Denken zu tun, die mit der Werbung in die Köpfe der Menschen gebracht wird. Denn um alle wirklich lebenswichtigen Wünsche der Menschen zu erfüllen, bräuchte es keine Werbung. Viele Produkte wären regelrecht überflüssig. Niemand würde von „smarten“ Häusern träumen, die einem jede Mühe abnehmen.

    Aber Werbung redet den Menschen seit 100 Jahren ein, dass sie ohne die kleinen (und immer größeren) Haushalts- und Lebenshilfen gar nicht mehr leben möchten. Um immer überflüssigere Produkte verkaufen zu können, muss man in den Köpfen der Menschen ein Bedürfnis danach erzeugen, was auch schon vor Erfindung des Internets mit unheimlicher Penetranz geschah. Nur hatten die Werber damals eine Möglichkeit nicht: Ihre Werbung genau den Menschen aufzudrängen, von denen man schon wusste, dass sie dafür bereit waren.

    Das machen erst die Persönlichkeitsprofile möglich, die die großen Plattformen im Netz aus all den Milliarden Informationen figurieren, die sie über jeden Menschen sammeln, der irgendwo im Internet unterwegs ist. Und mit psychologisch durchdachten Lock- und Belohnungsmitteln wird den Nutzern, die glauben, die Oberfläche vor sich nur zu benutzen, auch noch die persönlichste Information abgeluchst.

    Und die Nutzer merken nicht einmal mehr, wie dieses Wissen über ihre persönlichsten Einstellungen sie manipulierbar macht. Bis hinein in ihr Wahlverhalten. Gerade die US-Präsidentschaftswahlen von 2016 und die Brexit-Abstimmung haben gezeigt, wie leicht die modernen disruptiven Medien dazu benutzt werden können, Menschen zu beeinflussen und zu Entscheidungen zu bringen, die allein den Manipulatoren nützen.

    Und logischerweise schildert Köhler auch aus eigener Erfahrung, wie Facebook & Co. die klassische Medienwelt zerrissen haben. Sie schmarotzen zwar von der Arbeit all der Medien, die immer noch viel Arbeit in die Verifizierung von Nachrichten und Geschichten stecken, reden aber den Regierungen ein, sie selbst seien gar keine Medien, obwohl sie auf ihren Plattformen jedem die Möglichkeit geben, alles zu veröffentlichen, was der will. Auch jeden Bullshit und jede Lüge und Verschwörungsgeschichte.

    Was etwas ermöglicht hat, was es vorher so nicht gab: Die Disruption des öffentlichen gesellschaftlichen Gesprächs, wo Menschen nicht ohne Grund seit Jahrhunderten Regeln entwickelt haben, wie man miteinander kommuniziert, um das Ganze nicht in eine Schlägerei ausarten zu lassen. Der Ton in den Netzwerken hat sich ja nicht verschärft, weil die Zeiten härter geworden sind und die Menschen von allein zum Extremismus neigen. Er ist völlig entgleist, weil Pöbelei, Hass, Wut und Verunglimpfung in den „social media“ auch durch die dort eingesetzten Algorithmen regelrecht belohnt werden.

    Trolle bekommen eine unheimliche Wirkungsmacht und wer gar mit Lügen und Hassbotschaften so exzessiv twittert wie Donald Trump, der kann die Stimmung eines ganzen Landes entgleisen lassen.

    Es ist bis heute der größte Fehler auch europäischer Regierungen, diese amerikanischen Plattformen nicht wie Medienhäuser in die Verantwortung zu nehmen und es Leuten wie Zuckerberg immer wieder durchgehen zu lassen, dass sie diese Entfesselung des Hasses als eine durch ihre Unternehmen ermöglichte Freiheit verkaufen können. Überhaupt ist einiges sehr seltsam an der Moral diese IT-Giganten aus dem Silicon Valley, wie Köhler feststellt.

    Es steckt eine Menge Allmachtsdenken in diesen Leuten, die keine Skrupel kennen, sich als Retter der Welt zu verkaufen, während sie in Wirklichkeit die armen Seelen verkaufen, die von ihren Angeboten nicht mehr loskommen, weil sie systematisch angetriggert wurden und es nicht mehr aushalten, wenn sie im Netz keine Aufmerksamkeit mehr finden und keine Sahnebonbons in Form von Likes und anderen Belohnungen.

    Die „social media“ sind zur großen Bühne geworden, auf der jeder nur noch versucht, den Beifall der anderen zu finden, und dabei in eine künstliche Rolle schlüpft, in sein Wunschbild, von dem er glaubt, es würde im Internet den Erfolg einheimsen, den das reale Ich in der Wirklichkeit nicht findet.

    Was zu einer schleichenden Entkörperlichung führt. „In den ,social media‘ gestaltet man die eigene Existenz nach den Vorstellungen derer, die zuschauen. Man benimmt sich so, wie man glaubt, dass es von einem erwartet wird. Man agiert, aber ferngesteuert.“

    Denn natürlich wirken in diesen Netzwerken Idealvorstellungen, die mit der Realität nichts mehr gemein haben. Wer immer fremden Vorstellungen versucht zu genügen, verliert sich selbst und wird abhängig von der Anerkennung der (völlig fremden) anderen, die meist selbst gar nicht konkret sind, sondern auch wieder lauter Wesen, die versuchen, sich einer großen Erwartung anzupassen, von der keiner wirklich weiß, wer sie eigentlich vorgegeben hat.

    Was entsteht, ist eine fatale Abhängigkeit von einer riesigen Maschine und ihren Belohnungsmechanismen. Während gerade bei jungen Leuten immer öfter ein fataler Effekt sichtbar wird, den schon Chamisso vor 200 Jahren in „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ (1813) beschrieben hat.

    Auch den zitiert Köhler, weil ja ganz unübersehbar die großen Autoren unserer Geschichte immer schon jene Dinge erkannt haben, die der von Vergnügen und Unterhaltung besessene kleine Bürger nicht sehen konnte – oder wollte.

    „Mit der Distanz zu seinem Körper hat der Mensch, wie einst Peter Schlemihl, auch seine Freiheit aufgegeben. Denn nur was wirklich ist, kann auch wirklich frei sein. Der Zukunftsmensch legt darauf auch keinen Wert, weil er den Wert der Freiheit nicht kennt.“

    Denn wenn man den „Schlemihl“ noch einmal gelesen hat, weiß man, wie der Graue Mann dem skeptischen Peter Schlemihl seinen Schneid, seine Menschlichkeit und damit letztlich seine Freiheit abgekauft hat. Wirklich abgekauft.

    Die Denkfalle, die die „Erfinder“ der „social media“ aufgebaut haben (und die die Betreiber der gigantischen Spiele-Plattformen bis zum Exzess getrieben haben), war schon vor 200 Jahren aufgebaut. Sie ist Teil eines Wohlstandsdenkens, das den Menschen immer nur als Konsumenten sieht, dem die Mühen des eigenen Daseins abgenommen werden müssen. Der Irrtum ist tief drinnen eingebaut in die Weltbeglückungsmaschine und in das ur-amerikanische Verständnis von Freiheit, die nie den selbstbewussten Menschen im Mittelpunkt sah, sondern immer nur den von allen Fesseln befreiten Unternehmer.

    Mit einem Menschen, der sich seines ganzen Daseins bewusst ist und gelernt hat, Herausforderungen als das eigentliche Salz eines Lebens zu verstehen, können diese Leute nichts anfangen. Sie brauchen den gehorsamen Datenlieferanten, der alles mit sich machen lässt und den Anreizen folgt, die die Verkaufsmaschine aussendet.

    „Die Trauer über das eigene Verschwinden wird übertönt durch Betriebsamkeit, rastloses Vorwärts- und Aufwärtsstreben, den sogenannten Fortschritt“, schreibt Köhler. „Fragt sich nur, ob die Innovationen, die die Menschheit vorangebracht haben, auch einen Fortschritt in der Menschlichkeit bedeuten.“

    Denn so verschwindet er regelrecht in der Maschine, wird zum Cyber-Menschen, der den größten Teil seiner Zeit nur noch in virtuellen Welten zubringt und unter klinischen Entzugserscheinungen leidet, wenn er mal nicht online ist.

    Und Köhler hat wohl ziemlich recht, wenn er vermutet, dass diese Entwicklung dazu führt, dass der Mensch sich in so etwas Ähnliches verwandelt wie den Nietzscheschen Übermenschen, also den Menschen nach dem Menschen – ein Wesen, das ohne die digitale Steuerung gar nicht mehr existenzfähig ist und letztlich eigentlich schon zum Diener der großen Maschine geworden ist. Bereitwillig, einfach mit lauter verlockenden Angeboten hineingelockt in eine Welt, die ihm vollkommene Mühelosigkeit verspricht und eine virtuelle Erlösung von den Beschwernissen des Lebens.

    Eine Welt, die ihn aber permanent auf Trab hält. Denn lauter kleine Trigger sorgen dafür, dass er nicht mehr loslassen möchte, dass er auch noch abends und nachts versucht, „auf dem Laufenden“ zu bleiben und dann trotzdem mit dem Gefühl ausschaltet, dass da Dinge weiterlaufen, die er jetzt verpassen wird, wenn er schläft. Falls er noch schlafen kann.

    „Vor lauter Tätigkeitsdrang verlernt der Mensch, was er noch als Kind konnte: einfach da zu sein und staunend wahrzunehmen. Denn ständig befällt ihn die Angst, irgendwann nichts mehr machen zu können und den Anschluss zu verlieren. Der Stress, der den modernen Menschen bis zur Besessenheit erfüllt, greift auf alles über. Stress ist maskierte Todesangst. Gelassenheit hebt die Angst auf.“

    Mit diesen Worten ist Köhler dann bei Luther und der Panik, die durchaus auch Luthers Zeitgenossen schon kannten: Vor höheren Mächten nicht zu genügen, wenn sie nicht alles täten, um sich vor dem harten Gericht eines als pingelig begriffenen Gottes immerfort neu zu rechtfertigen – nur um danach wieder in die Verzweiflung der Sünder zu verfallen. Nur dass dieser gestrenge Gott der katholischen Kirche heute durch den Big Brother digitaler Netzwerke ersetzt wird, der noch viel mehr sieht als die Kirchenobrigkeit der Luther-Zeit – und noch viel weniger verzeiht.

    Das erzeugt nicht nur Stress, sondern eine permanente Panik, die die westlichen Gesellschaften geradezu mit Blindheit schlägt. Und das mit Absicht. Denn Menschen, die immerfort besorgt sind, es der großen Maschine recht zu machen, kommen nicht zum Nachdenken und schaffen auch selten den Schritt zur Gelassenheit. Was mit Loslassenkönnen zu tun hat. Und mit Abschalten.

    Und weil die Panik allgegenwärtig ist, nehmen viele nur zu gern jede digitale Ablenkung an, die sie von dieser brodelnden Angst ablenkt, ziehen sich Netflix-Serien rein, verschwinden in unendlichen Porno-Universen, sichern den nächsten Kick im nächsten Egoshooter, in dem sie dann eine Rolle spielen, die mit ihrer meist banalen menschlichen Wirklichkeit nicht viel zu tu hat. Die Glitzerwelt lässt die Wirklichkeit banal erscheinen. Obwohl das Gegenteil richtig ist und der Reichtum der realen Welt die Fiktionen der virtuellen überstrahlt. Wenn man denn wieder den Mut hat, aus den virtuellen Verheißungen aufzutauchen.

    Was vielen immer schwerer fällt, weil es oft schon dieselben Entzugserscheinungen wie bei Opium und anderen harten Drogen nach sich zieht.

    Was eben – wie man eigentlich auch schon im Essay von Ille Gebeshuber spürte – ahnen lässt, wie sehr die Überwältigung durch die Cyberwelt Teil unserer heutigen vielfachen Krisen ist, die alle dieselbe Wurzel haben: die Unfähigkeit, der Jagd nach dem Immermehr zu entkommen und die Panik aus dem Kopf zu bekommen, man ginge einfach unter, wenn man sich der kompletten Vermarktung entzieht, dieser permanenten Akkumulation von Geld auf den Konten von irgendwelchen Leuten, die Maßlosigkeit für eine Tugend halten und ihre Gier für eine Wohltat für die Welt.

    Und die ihre Krämermoral gar noch zum Maßstab für die Demokratie machen und sogar von der Disruption der ganzen Gesellschaft träumen. Womit sie ja schon angefangen haben, bestens ausgerüstet mit allem Wissen, wie man Menschen dazu bringt, das zu tun, was man sich von diesen armen, so auf Liebe versessenen Seelen erwartet.

    Köhler zeigt die mittlerweile fast unüberschaubaren Facetten dieser schönen neuen Cyberwelt, die weder schön ist noch wirklich neu, nur mit einer digitalen Macht ausgestattet, wie sie keine Regierung zur Verfügung hat.

    Und es hat schon einen Lutherischen Impetus, wenn Köhler Facette um Facette beschreibt und die Folgen beleuchtet, die diese ganzen Lebenserleichterungs-Tools tatsächlich für die Seele und die Freiheit ihrer Nutzer haben. Von Freiheit bleibt da wirklich nicht viel übrig. Nur eine völlig sinnentleerte Hülle von Freiheit, die den posthumanen Menschen zu einer bedauernswerten Kreatur macht, die aufgehört hat, Gestalter des eigenen Lebens zu sein.

    Logisch, dass dann die „Maschine“ die Macht übernimmt, erst recht, wenn gar Quantencomputer zum Einsatz kommen, die so schnell ein Urteil fällen, dass an menschliche Korrekturen gar nicht mehr zu denken ist.

    Das Buch ist im Grunde ein einziges Hämmern an die Kirchentür mit einem vehementen Protest gegen die falschen Ablasslehren einer neuen, von technischem Allmachtswahn besessenen Kirche, die ihre Glaubenslehren mit demselben salbungsvollen Ton vorträgt wie einst die Papstkirche ihre Drohungen vorm Fegefeuer.

    Ein Buch zum Nüchternwerden und zum Skeptischwerden gegenüber einer als unumkehrbar behaupteten Entwicklung, die eine Welt hervorbringen wird, in der der handelnde und mitfühlende Mensch keine Rolle mehr spielt. Sein Menschsein hat er für die virtuelle Wunscherfüllung aufgegeben. Eingetauscht für eine zunehmende Angst vor der Unberechenbarkeit des Lebens außerhalb der Bubble. Eines Lebens voller Überraschungen, Ungewissheiten und Herausforderungen, die das Leben erst aufregend und faszinierend machen.

    Wer sich in den Süchtiggemachten von „Schöne neue Welt“ schon nicht wiedererkannt hat, der wird mit dieser vehementen Streitschrift so richtig seine Freude haben.

    Joachim Köhler Verloren im Cyberspace, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2020, 22 Euro.

    Die große Zerstörung: Was der (nicht nur) digitale Bruch mit uns und unserem Leben anrichtet

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