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Von der Steinzeit ins Internet: Warum das Internet, wie es heute ist, unser soziales Leben zerstört

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    Natürlich kann man alles programmieren, was einem als Techniker so einfällt. Man kann auch so tun, als hätte man von Orwells „1984“ oder Samjatins „Wir“ nie etwas gehört. Und die Verlautbarungen aus dem Silicon Valley verblüffen ja immer wieder durch ihre technische Sauberkeit, die jeden Bezug zu Literatur, Kultur und Psychologie vermissen lässt. So gesehen, ist Lutz Jänckes Buch mehr als nur eine Warnung.

    Jäncke ist Professor für Neuropsychologie an der Universität Zürich und weltweit gefragter Gesprächspartner zur Neurowissenschaft. Denn natürlich ist das, was die Buben im Silicon Valley da als Künstliche Intelligenz, Avatar, Algorithmus, Bot oder Social-Media-Plattform programmieren, zuallererst eine technische Kopie menschlichen Denkens. In ihrer primitiven Form. So wie es Techniker eben verstehen, denen es reineweg um die technischen Verknüpfungen geht und das, was man damit anstellen und verdienen kann.Doch am anderen Ende der Leitung sitzen eben keine Roboter, sondern Menschen. Menschen, die oft gar nicht wissen, wie sie selbst ticken. Und damit auch nicht, wie leicht sie manipulierbar sind, auf welche Signale sie reagieren, wie ihr eigenes Gehirn funktioniert. Was ja immerhin Untersuchungsobjekt der modernen Neuropsychologie ist.

    Und die hat schon eine Menge herausbekommen über dieses Gehirn eines Zweibeiners, der seit 3 Millionen Jahren zwar irgendwie eigene Wege geht und so seit 70.000 Jahren auch die ganze Welt erkundet hat. Aber das tat er bis vor kurzem in ziemlich kleinen und übersichtlichen Gruppen, nicht größer als eine übliche Affenhorde im Urwald.

    Und genau darauf ist unser Gehirn geeicht. Und unser Sozialleben auch: auf genau die kleine, enge Gruppe von Menschen, auf die man sich verlassen können muss in einer riesigen weiten Welt, in der man jahrelang keinen anderen Menschen zu Gesicht bekommt. Und wenn doch, kann es auch schnell gefährlich werden.

    Wenn die Aggressionen sich digital ungebremst austoben

    Sie fragen sich immer noch, warum ihnen das Getümmel im Internet derartigen Frust und so viel Stress bereiten? Genau deshalb. Darauf sind wir nicht vorbereitet, obwohl Jäncke es durchaus für möglich hält, dass wir auch in diesem neuen Lebensraum möglicherweise mal heimisch werden können. Weil: Der Mensch ist ein anpassungsfähiges Wesen. Das hat er in seiner Entwicklungsgeschichte immer wieder gezeigt. Er hat sich an Lebensbedingungen angepasst, wo selbst die meisten anderen Tiere lieber fernbleiben.

    Sein großes Primatengehirn mit seiner enormen Vernetzung hat es möglich gemacht. So kommt man auf Gedanken, Erfindungen, Kultur und Sprache, zähmt das Feuer, lernt Töpfern und Stricken und erfindet irgendwann den Computer und das Internet. Beides schöne Beglückungen für ein auf sich selbst und seinen Erfindergeist wahnsinnig stolzes Lebewesen. Das aber bis heute nicht wirklich wahrnehmen will, dass es alle seine irdischen und analogen Probleme, die ihm draußen in der Offline-Welt schon das Leben sauer gemacht haben, mitgenommen hat in die digitalen Toberäume.

    Die auch noch einen ganz wichtigen Schutzschirm negieren. Es gibt ihn dort schlicht nicht. Dazu muss wahrscheinlich wirklich erst ein Neuropsychologe aus der Deckung kommen, um den aufgeregten Hominiden zu erklären, dass über 90 Prozent – manche Forscher meinen sogar: 99 Prozent – der menschlichen Kommunikation nonverbal passiert. Junge Mütter und Väter wissen das, denn ihr kleines Prinzchen kann ja noch nix: nicht sprechen, nicht schreiben, nicht posten, nicht mal einen Account anlegen, um dann vielleicht in der Babygruppe zu chatten. Nichts davon.

    Die ganze verflixte Kommunikation bis zum ersten „Mama!“ oder „Auto!“ passiert ohne Sprache. Außer dass Eltern, Tanten und Großeltern ins Babysprech verfallen – was entwicklungspsychologisch auch wieder wichtig ist, hier aber keine Rolle spielt. Denn das Erlernen von Sprache, Schrift, Lesefähigkeit ist nur Oberfläche, bildet nur einen winzigen Teil unserer Kommunikation ab. Was Jäncke in mehreren Kapiteln sehr lebensnah erklärt, weil es den meisten Menschen schlicht nicht bewusst ist.

    Man merkt es ja nicht, weil wir in diesem Kommunikationsfeld einfach so, ganz natürlich zu Hause sind. Schon an der Haltung und der Miene anderer Menschen erkennen wir, wie deren Stimmung ist, ob sie aggressiv auftreten oder uns gleich ganz automatisch umarmen wollen. Wir können in ihren Augen lesen, spüren ihre Erregung, registrieren die vielen Gesten, ohne die Menschen, wenn sie sich begegnen, niemals kommunizieren.

    Jeder einzelne Bühnenkünstler, jede Bühnenkünstlerin haben es in dieser verflixten Corona-Zeit gemerkt, wie das ist, wenn kein Gegenüber da ist, wenn nichts zurückkommt. Fast alles, was Menschen tun (außer die einsamen Beschäftigungen der Tech-Freaks) passiert mit einem unheimlichen Feld von non-verbaler Kommunikation. Und selbst beim Sprechen hört das nicht auf. Wir hören Betonungen, zurückgehaltene Spannung, Flüstern und Schreien.

    Was eben auch heißt: Wir bekommen in unserem irdischen Leben jederzeit ein riesiges Übermaß an Kommunikation, das uns immer sehr genau zeigt, wie wir den anderen gegenüber gerade stehen. Ob wir gut aufgehoben sind (überlebenswichtig nicht nur für Kinder), ob wir Vertrauen vorfinden oder lieber gleich die Polizei rufen, ob wir lieber freundlich „Guten Tag“ sagen oder lieber still auf den nächsten freien Stuhl rutschen.

    Warum Kommunikation im Netz entgleist

    Jäncke geht zu Recht auf die frühen Entwicklungsschritte der Kinder ein, die ja erst einmal lernen müssen, all diese unbewusste Kommunikation zu verstehen und sich dementsprechend zu verhalten. Was am Ende natürlich heißt: die Kultur der Gruppe zu erlernen, in die man durch Zufall hineingeboren ist. (Ein schönes Thema für unsere Biodeutschen, die tatsächlich glauben, sie wären schon als Samen mit Deutschlandfahne durch die Gegend gerannt.)

    Unser geniales, flexibles Gehirn macht es möglich: Wir können jede Kultur und jede Sprache lernen – und zwar spielend. Wenn wir nur direkt hineingeboren werden und darin aufwachsen.

    Was erst später Probleme macht, wenn wir merken, dass unsere Familie nicht die ganze Menschheit ist, sondern dass es da draußen noch viel mehr Menschen gibt, die sich meistens alle irgendwie anders benehmen und anders sprechen. Oft zumindest so vertraut, dass wir damit trotzdem einigermaßen umgehen können (obwohl Bayerisch wirklich hart ist für einen aufgewachsenen Sachsen).

    Aber schon mit der ersten wirklichen Fremdsprache merken wir, dass es auf seltsame Art schwer ist, auch in die fremden Kulturen hineinzuschlüpfen (außer für die Nixmerker, die sich auch anderswo benehmen wie zu Hause).

    Im Grunde resultieren alle Konflikte, die unsere Welt zum Glühen bringen aus dieser Fremdheit der Kulturen, die eigentlich ein Gewinn ist, ein Reichtum. Aber in kaum einer Kultur gibt es keine Scharfmacher, Militaristen, Nationalisten und Fundamentalisten, die diese Unterschiede in Feindschaften umdeuten und daraus lauter Gründe konstruieren, bei nächster Gelegenheit über den anderen mit Gebrüll, Bomben und Terrorkommandos herzufallen. Alles – wie gesagt – noch analoge Welt. Die Welt der fortlebenden und immer neu geschürten Konflikte, die schlichtweg aus Unfähigkeit zur Kommunikation entstehen.

    Aber wenn schon diese kommunikativen Unfälle in einer analogen Welt entgleisen, in der sich die Kontrahenten ja sogar noch sehen können, sogar manchmal treffen und verhandeln, manchmal sogar nebenan wohnen, um dann trotzdem den kleinsten Unterschied zu nutzen, um voll zum Berserker zu werden, was passiert dann eigentlich in einer technischen Umgebung, in der sich Menschen nur noch als Avatare begegnen? In der ein Knopfdruck reicht, um jemanden zu dissen oder zu liken, und ein paar hingeluschte Worte genügen, um einen veritablen Shitstorm auszulösen?

    Vernetzt und trotzdem nicht verbunden

    Jäncke geht in diesem Buch das Thema ganz aus neuropsychologischer Sicht an, spricht von dem (von uns meist gar nicht wahrgenommenen) enormen Aufwand, mit dem wir uns um Freunde, Verwandte und Geliebte bemühen, von der Leistung, die dahintersteckt und die dafür sorgt, dass wir uns ein Umfeld schaffen, in dem wir geborgen sind, Vertrauen genießen und Hilfe finden, und von dem, was tatsächlich verloren geht, wenn wir glauben, im Internet haufenweise Freunde zu finden – nur mit ein paar Klicks. Was ja die Algorithmen der großen IT-Konzerne leicht machen, gern auch mit der vollmundigen Behauptung, sie würden Menschen verbinden.

    Aber jede genauere Untersuchung dessen, was da wirklich passiert, zeigt, dass diese „Konnektivität“ nicht einmal ansatzweise ersetzen kann, was wir mit echten menschlichen Begegnungen in der Realität erleben. Weshalb Jäncke zum Schluss natürlich auch noch kurz auf das Corona-Jahr eingeht und die lähmenden Erfahrungen, die die meisten von uns allein zu Hause mit den ganz und gar nicht seelisch erfüllenden Begegnungen im Internet erlebt haben. Genau deshalb rammeln wir nämlich jetzt wieder hinaus und jeder und jede verspürt das unendlich befreiende Gefühl, endlich wieder mit richtigen Menschen unterwegs zu sein.

    Und dazu kommt das, was man so für gewöhnlich Reizüberflutung nennt, von den IT-Konzernen gern als barrierefreier Zugang zu allen Informationen in der Welt verkauft und als herrliches Angebot zum Multitasking. Und es gibt genug Menschen, die das Märchen glauben und auch nicht mehr merken, wie sie sich in dieser Welt verlieren, wie ihr Gehirn überfordert ist und schon aus Selbstschutz abschaltet und sich nur noch auf das Schrillste und Lauteste konzentriert.

    Denn die Netze sortieren den in sie hineingeschwemmten Menschen nicht das, was wirklich wichtig ist, was sie wirklich betrifft und was wirklich belastbar recherchiert ist. Hier steht alles gleichwertig durcheinander. Und das überfordert jeden, der glaubt, sich in diesem Strom einfach treiben lassen zu können. Selbst dann, wenn es die Getriebenen gar nicht merken.

    Im Zuviel überforderte Gehirne

    Erhellend sind schon seit Jahren die Untersuchungen zum Multitasking, die allesamt belegt haben, dass Menschen, die viele Dinge gleichzeitig zu machen versuchen, schlechter und unkonzentrierter arbeiten, Männlein wie Weiblein gleichermaßen. Man lernt schlechter, verliert den Faden, kommt vom Hundersten ins Tausende und landet irgendwann bei Aluhüten und UFOs. Oder in seltsamen Sekten, in denen noch viel seltsamere Mythen über die Welt im Schwange sind.

    Eigentlich – so Jäncke – ein erwartbares Muster, wenn Menschen das Internet so nehmen, wie es ihnen verkauft wird. Der Steinzeitmensch hat kein Sensorium, das ihm ganz automatisch verrät, ob er es nun mit einem Troll, einem Schwätzer, einem Großmaul oder einem Roboter zu tun hat.

    Im Gegenteil: Gerade das Thema Roboter (und wie die Ingenieure heute schon an der Konstruktion von KI arbeiten) zeigt, dass der Mensch selbst hier flexibel ist und emotionale Beziehungen zu Maschinen herstellen kann, wenn sie ihm nur irgendwie menschenähnlich vorkommen. Gute Frage: Werden also Roboter einmal die Menschheit abschaffen?

    Die Antwort lautet wohl: Nein. So sieht es zumindest Lutz Jäncke. Denn niemand sagt, dass die technische Entwicklung tatsächlich so weitergehen muss, wie es uns die Marketingabteilungen der Tech-Konzerne gerade unermüdlich einreden. Und etliche Politiker ebenfalls, die nur zu gern Milliarden in die Erforschung des menschlichen Gehirns stecken, um damit die Computer zu revolutionieren.

    Wie man die Kontrolle zurückgewinnt

    Eigentlich sieht die Entwicklung fürchterlich aus. Und auch Jäncke weiß nicht so recht, ob die Menschheit damit wird umgehen können, da ja schon heute überall die negativen Folgen dieser rein technischen Entwicklung zu sehen sind – das massive Abschöpfen von Daten, das Manipulieren nicht nur von Konsumenten, sondern ganzer Wahlen, der massive Missbrauch der Netze für staatliche Propaganda, das Wuchern von Pornographie, Spielsucht und die Überflutung mit immer mehr Reizen für ein Gehirn, das sich scheinbar nur langweilt an seinem Bildschirm und dringend den nächsten Kick braucht.

    Werden wir am Ende also alle zu diesem nur noch am Netz hängenden Malcolm, den Jäncke im ersten Kapitel schildert (und den SF-Leser aus etlichen dystopischen Büchern schon bestens kennen)? Oder kriegen wir noch die Kurve? Und wenn ja: Wie?

    Keine leichte Antwort, das gibt auch Jäncke zu und listet am Ende lauter „Tipps zum Umgang mit der digitalen Welt“ auf, die einem irgendwie doch sehr vertraut vorkommen, weil Psychologen diese Art Digital-Hygiene schon länger empfehlen, von der zeitweisen digitalen Enthaltsamkeit bis zum gesunden Misstrauen in sämtliche Selbstdarstellungen von Menschen im Internet.

    Ein ganz wesentlicher Aspekt freilich ist die Entschleunigung. Denn gerade weil die digitalen Informationen bei jedem Besuch im Internet auf uns hereinprasseln, können nur wir selbst dafür sorgen, dass wir die Kontrolle zurückgewinnen.

    Das betont Jäncke nicht extra. Aber darum geht es letztendlich. Denn die ausufernden Aufenthalte nicht nur junger Menschen im Netz erzählen natürlich auch von Sucht, Langeweile und Kontrollverlust. Sie surfen nicht, sondern werden gesurft. Mit fatalen Folgen, wie Lehrer/-innen nicht erst in der Corona-Zeit feststellen mussten, als ihnen die Kinder im digitalen Nirwana entschwanden.

    Die Effekte des unkontrollierten Medienkonsums haben sich vorher schon bemerkbar gemacht mit sinkenden schulischen Leistungen, schwindenden Kontroll- und Konzentrationsfähigkeiten. ADHS ist eigentlich ein direktes Ergebnis dieser Überforderung im Kopf. Denn die Kinder, die davon betroffen sind, verlieren etwas ganz Wichtiges, was sie eigentlich in früher Kindheit gelernt haben (sollten): Die Fähigkeit, sich auf etwas vollkommen zu konzentrieren.

    Denn nur dann lernen wir, nur dann erzeugt unser Gehirn so viel Aufmerksamkeit und Aktivität, dass uns der wahrgenommene Stoff wirklich eingeht und soviel Vernetzung im Kopf erzeugt, dass er nicht im nächsten Moment schon wieder weg ist.

    Gerade diese Passagen im Buch sind wichtig, weil sie ahnen lassen, wie das ungebremste mediale Gewitter dafür sorgt, dass unser Denken destrukturiert wird und wir nicht mehr aufmerksam und gegenwärtig sind. Womit auch unsere Impulskontrolle flöten geht. Das ist das, was im vorderen Gehirn passiert, das, was uns zum homo sapiens gemacht hat, dem Burschen, der sich Steine so lange angucken kann, bis er die scharfe Klinge darin entdeckt hat.

    Erst dieses Bewusst-Werden macht uns zu aufmerksamen Wesen, zu Menschen, die ihr Leben im Griff haben und nicht von (Bauch-)Gefühlen gesteuert werden. Aber genau die werden in Internet angeregt und gefüttert und aufgepeitscht. Auf genau die zielen alle diese cleveren Algorithmen.

    Trainieren wir den Vulkanier in uns

    Und im Grunde plädiert Jäncke für ein ganz simples Trainingsprogramm, das in unsere Schulen gehören würde, wenn er ausgerechnet die Vulkanier in den „Startrek“-Filmen als Vorbild benennt, diese trockenen Typen, die gelernt haben, ihre Gefühle bewusst zu zähmen. Ihre fiktive Geschichte ähnelt dabei ja der Menschheitsgeschichte. Auch die Vulkanier haben eine Geschichte voller Kriege und Aggressionen hinter sich, weil sie – wie die Menschen – ihre Gefühle nicht im Griff hatten.

    Übrigens eine sehr schöne, aber deutliche Kritik an unseren heutigen Kriegsministern, NATO- und sonstigen Generalsekretären, die nicht mal mehr begreifen, dass sie die ganze Zeit über ihre eigenen Aggressionen reden, wenn sie uns die Notwendigkeit von Rüstung einreden wollen.

    Womit sich ja der Kreis wieder schließt. Denn genauso toben sich die Aggressionen der Nutzer ja auch im Internet aus (und Jäncke fragt zu Recht auch nach dem, was mit den ganzen blutrünstigen Spielen und Filmserien eigentlich angerichtet wird in den Köpfen der Spieler und Zuschauer). Das, was wir heute als Internet vor uns haben, bedient vor allem alle diese unverstandenen und unreflektierten Gefühle, befeuert Sucht, Befriedigung und aggressive Interaktion. Nur zu einer richtig erfüllenden menschlichen Kommunikation scheint das Ganze nicht zu führen.

    Und so empfiehlt er eigentlich genau das, was den Vulkaniern geholfen hat, ihre Aggressionen zu bekämpfen. „Nur mit einer effizienten und bis ins Detail ausgeklügelten Selbstdisziplin, neue ethische Grundsätze zu etablieren, werden wir die digitale Gegenwart und Zukunft meistern und nicht in ihren Schlund gezogen werden“, schreibt er.

    Recht hat er ja, merkt aber auch gleichzeitig an, dass sich die von Profit besoffenen Tech-Konzerne mit Händen und Füßen wehren werden (und heute schon wehren), sich derart zivilisierten Regeln zu unterwerfen. Denn sie ziehen ihren Profit genau daraus, dass sie Menschen dazu bringen, blind ihren Gefühlen und Instinkten zu folgen, die eigentlich in die reale Welt gehören. Da machen sie Sinn und helfen beim Überleben. In der digitalen Welt aber werden sie betrogen, verführt und missbraucht.

    Fällt mir da jetzt das böse Wörtchen Regulation ein?

    Aber wer sollte den Laden derart mutig regulieren? Bislang sehe ich nicht mal eine mutige Politikerin, die das Zeug dazu hätte. Von schwammweichen Politikern ganz zu schweigen. Was tun?

    Fürs erste helfen die eigentlich recht simplen Regeln und Tipps, die Jäncke mitgibt, vom „digital detox“ bis zum kompletten Herunterfahren, indem man sich – außerhalb des Internets – zum Beispiel eine so schön konzentrierte Tätigkeit wie das Lesen eines Buches sucht.

    Oder in den Garten geht, in den Wald oder zu echten Menschen, mit denen man wirklich etwas Herzerfüllendes erlebt. Das Buch hilft einfach, zu verstehen, was das wilde digitale Geballer mit einem anrichtet. Und was man selbst tun kann, um sich selbst wieder in einen richtigen analogen Menschen zu verwandeln und sich wieder auf die Dinge zu konzentrieren, die einem im Leben wirklich wichtig sind.

    Lutz Jäncke Von der Steinzeit ins Internet, Hogrefe, Bern 2021, 24,95 Euro.

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