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#95vsWissZeitVG: Eine sehr emotionale Streitschrift zur prekären Beschäftigung in der deutschen Wissenschaft

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    Mal ein Buchtitel mit Hashtag, auch wenn die meisten Leser/-innen erst mal stutzen werden, weil ihnen das Kürzel nichts sagt. Wesentlich berühmter und folgenreicher war ja der Hashtag #IchBinHanna, der mit jeder Menge Wortmeldungen darauf aufmerksam machte, wie (junge) Wissenschaftler/-innen an deutschen Hochschulen und Universitäten in befristeten Arbeitsverhältnissen regelrecht verbrannt, demotiviert und letztlich sogar aus dem Wissenschaftsbetrieb gedrängt werden. Aber daran ist eben auch ein Gesetz schuld.

    Ein Gesetz, das 2007 beschlossen wurde und eine seit den 1970er Jahren vollzogene Entwicklung regelrecht in Paragraphen bannte. Es ist das Wissenschaftszeitvertragsgesetz, eben jenes WissZeitVG, das seitdem die Befristungsmöglichkeiten für Wissenschaftler/-innen an deutschen Hochschulen massiv ausgebaut hat. Mit dem Ergebnis, dass heute 92 Prozent der im sogenannten wissenschaftlichen Mittelbau Beschäftigten mit befristeten Arbeitsverträgen abgefrühstückt werden, sich praktisch ihr ganzes Wissenschaftlerleben von einem befristeten Vertrag zum nächsten hangeln, obwohl sie im universitären Lehrbetrieb Vollzeitarbeit verrichten und der Betrieb ohne sie überhaupt nicht mehr laufen würde.Doch dafür werden sie auch nicht mit einer späteren festen Stelle belohnt, denn die festen Professuren sind rar, meist kommen 20 bis 50 mögliche Bewerber/-innen auf eine zu vergebende feste Stelle. Die anderen stehen meist vor der deprimierenden Entscheidung, nach all den Jahren der Mühe, Aufopferung und wissenschaftlichen Arbeit ihre wissenschaftliche Karriere beenden zu müssen, denn das WissZeitVG hat auch eine Maximalzeit für Befristungen festgelegt.

    Was dann für die meisten Nachwuchswissenschaftler/-innen Ende 30, Anfang 40 heißt: Abschied nehmen von der Hochschule und sich irgendwo in der freien Wirtschaft einen Job suchen, für den sie heillos überqualifiziert sind, der aber in der Regel ein wissenschaftliches Arbeiten „nebenbei“ so gut wie unmöglich macht.

    Deutschland verbrennt seinen wissenschaftlichen Nachwuchs

    Deutschland verschleudert mit einer unheimlichen bürokratischen Arroganz den größten Teil seines wissenschaftlichen Potenzials. Das tut es nicht erst seit 2007, denn Vorläufergesetze gab es schon seit der Kohl-Regierung in den 1980er Jahren. Und die in diesem Band versammelten Essays versuchen zumindest skizzenhaft aufzuarbeiten, wie es dazu kommen konnte und wer eigentlich ein derartiges Interesse daran haben konnte, Wissenschaftler/-innen in derart prekäre Arbeitsverhältnisse zu schicken.

    So ganz zu Ende kann das auch Sebastian Kubon in seinem einleitenden Beitrag nicht aufdröseln. Aber es kristallisiert sich hier schon heraus, wie hier einige einflussreiche Körperschaften ab 1982 in einer großen Allianz Druck aufbauten auf die Politik, allen voran die (westdeutsche) Rektorenkonferenz, die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und die Max-Planck-Gesellschaft. Mit zwei heftigen Vermutungen, die nicht nur Kubon zerpflückt.

    Die einen aber an ähnlich fatale „Thesen“ erinnern, mit denen 30 Jahre später die Agenda 2010 durchgepeitscht wurde. Und die direkt aus dem Instrumentenkasten des Neoliberalismus stammen – auch wenn sich die Autoren gegen diesen „veralteten“ Begriff sträuben. Aber daher stammt nun einmal diese Vorstellung vom arbeitsunwilligen, faulen, verholzenden Arbeitnehmer, egal, wo er Arbeit „nimmt“, ob als Hilfskraft im globalisierten Unternehmen oder als wissenschaftliche „Hilfskraft“ an der Hochschule, der man permanent mit dem Ende der Vertragslaufzeit drohen muss, damit sie fleißig, engagiert und kreativ bleibt. Und dann?

    Dann wird sie halt entsorgt.

    Genau das steckt dahinter: ein verächtliches, boshaftes Menschenbild, das fast den kompletten Hochschulbetrieb auf einem Begriff aufbaut, der in jedem normalen Unternehmen eine Alarmstimmung erzeugen würde, weil er davon erzählen würde, dass der Laden kurz vor dem Zusammenbruch steht: Fluktuation. Denn wenn die Leute ständig kündigen, stimmt was nicht – an der Bezahlung, dem Arbeitsklima, der Zukunftsperspektive.

    Das McKinsey-Prinzip im Hochschulbetrieb

    Nur ist das ausgerechnet im Wissenschaftsbetrieb sogar Absicht. Die Herren Rektoren und Wissenschaftsminister haben das tatsächlich genauso gemeint. Und Kubon wird natürlich deutlich: „Wir sehen hier das McKinsey-Prinzip des up-or-out (hier Professur oder raus) und anders formuliert: einen Brain Drain. Will man im Bild der Wasserbewirtschaftung bleiben, dann haben wir es hier weniger mit einer Fluktuation als mit einem stetigen Abfluss von höchsten Qualifikationen und ausgebildeten Innovationspotenzialen zu tun.“

    Und zwar gewollt. Weil die Macher dieser Gesetze einfach von der irren (und nie belegten)  These ausgehen, dass Spitzenforschung permanent „frisches Blut“ braucht, also ständig neue junge Köpfe, die mit neuen Ideen neue Spitzenleistungen ermöglichen. Und das am besten in zeitlich befristeten Projekten, damit der Druck, schnellstmöglich die Ergebnisse vorzulegen, möglichst hoch ist. Und dann? Dann fliegen sie aus dem System. Hochqualifiziert, oft mit Bergen von Forschungsergebnissen und Veröffentlichungen.

    Aber feste Stellen, auf denen sie ihre Forschung dann in aller Ruhe fortsetzen können, gibt es nicht. Und mehrere Beiträge in diesem Buch gehen auch darauf ein, was das wirklich bedeutet für die Forschung.

    Zeit- und Lebensverschleiß mit deutscher Antragsbürokratie

    Denn all diese befristeten „Berufseinsteiger“ sind nicht nur damit beschäftigt, immer neue Bewerbungen für neue befristete Stellen zu schreiben, sie müssen oft auch noch die Drittmittel einwerben für die Projekte, in denen sie dann endlich ihre Doktorarbeit fertigbekommen wollen. Die ständige (von der Politik gewollte) Einwerbung von Drittmitteln frisst in der zusammengesparten Hochschulhierarchie weitere Zeit und Kraft.

    Aber Drittmittel bekommt man nicht für Grundlagenforschung oder Forschungen in Bereichen, von denen nicht absehbar ist, ob am Ende die Superentdeckung herauskommt. Drittmittel gibt es meist nur für Forschung, die „praxisnah“ ist und/oder schnellstmöglich verwertbare Ergebnisse für die Wirtschaft bringt. Entsprechend gewaltig ist der Einfluss großer Konzerne auf Hochschulen und Forschung.

    Das Ergebnis? Deutschland hat eigentlich keine Spitzenforschung mehr. Seine besten Universitäten stecken in einer ständigen Rechtfertigungs-Bürokratie fest, in der sie fortwährend beweisen müssen, wie gut sie beim Einwerben von Drittmitteln sind. Also schreiben auch all die Doktoranden und Post-Docs lauter Anträge für Forschungsgelder, von denen sie sicher sein können, dass sie auch genehmigt werden. Das wieder sorgt dafür, dass die kreativsten Köpfe jahrelang in Antragsschleifen und schlecht bezahlten Lehrtätigkeiten feststecken, während andere derweil ihre Netzwerke ausbauen.

    Elitenauslese auf die alte Weise

    Was beim Thema Professur offensichtlich wird, wo selbst die Beteiligten und Erfolgreichen am Ende sagen, dass sie nicht wirklich wissen, wie sie an die feste Stelle gekommen sind. Wissenschaftliche Exzellenz scheint nicht den Ausschlag zu geben, eher die Frage, ob der Kandidat dem Auswahlgremium schon bekannt ist, persönliche Affinitäten vorherrschen und der Bewerber zum Anforderungsprofil passt – das oft schon genau für den bevorzugten Bewerber geschrieben wird. Professuren als Glücksspiel – oder wohl besser: Als Ausleseinstrument für eine sowieso schon existierende Elite.

    Denn so lange durchhalten können in der Regel nur Sprösslinge aus gut betuchten Elternhäusern mit besten Beziehungen. Wissenschaftler/-innen, die sowieso schon über die üblichen Handicaps in unserer Gesellschaft verfügen (weiblich, divers, farbig, aus armem Elternhaus) halten meist gar nicht so lange durch, haben nicht die nötigen Netzwerke und sind meist frühzeitig gezwungen, den Wissenschaftsbetrieb zu verlassen, um anderswo wenigstens eine einigermaßen bezahlte Tätigkeit zu finden.

    Denn das wird spätestens bei den persönlichen Beiträgen in diesem Buch sichtbar, wenn Betroffene erzählen, wie sie aus dem Wissenschaftsbetrieb „geflogen“ sind, dass diese von falschen Thesen von „Innovation = Fluktuation“ und „Universität als Qualifizierungssystem“ bestimmte Befristungslandschaft dafür sorgt, dass ausgesiebt wird und die alten Eliten unter sich bleiben. Also genau das Gegenteil dessen passiert, was sich die Gesetzgeber haben einreden lassen: Das System verjüngt sich immer nur aus demselben kleinen Pool.

    Die Professuren werden fast ausschließlich männlich, weiß und reich besetzt. Die Wissenschaftslandschaft verarmt und drängt gerade all das, was an Köpfen und Ideen neu und anders sein könnte, schon im Mittelbau aus dem Wissenschaftsbetrieb. Wobei das Wort „Mittelbau“ ja trügt: Hier ist nichts fest und verlässlich.

    Angst als „Motivator“ für Spitzenleistungen?

    Im Grunde sind die deutschen Hochschulen allesamt auf Sand gebaut, auf einem regelrechten „Durchlauferhitzer“-System, bei dem die angehenden Doktoranden und Forscher/-innen sich nicht nur von einer befristeten Stelle zur nächsten hangeln, sondern auch den größten Teil des Lehr- und Ausbildungsbetriebes tragen.

    Was auch dem nicht guttut, wenn die gerade erst zu ihrer Souveränität findenden jungen Lehrkräfte den Hochschulbetrieb schon wieder verlassen müssen, weil die Befristung ausläuft. Das tut der Qualität der Lehre ganz bestimmt nicht gut. Und die nun – fristgerecht – Fortgeschickten? Die sind zwar hochqualifiziert, aber ihre Qualifikation wird einfach entwertet.

    Ihr Leben sowieso. Das war ja bei #IchBinHanna eines der wichtigsten Themen, denn wenn man zwölf Jahre lang immer nur von einer Befristung und entsprechend schlechter Bezahlung zur nächsten hangelt, hat man weder die Zeit noch die Basis, eine Familie zu gründen. Tausende junge Wissenschaftler/-innen verzichten deshalb auf eine Familiengründung oder verlassen den Hochschulbetrieb, um überhaupt erst einmal eine finanzielle Basis für die Familiengründung zu finden.

    Denn den Termin der vom Gesetzgeber vorgegebenen maximalen Befristung haben sie alle vor Augen. Und viele hoffen bis zum letzten Trag, doch noch zu den wenigen Glücklichen zu gehören, die vielleicht doch die Professur bekommen. Und viele stehen genau dann mit leeren Händen da – haben ihr Leben bis dahin als erfolgreiche Wissenschaftler/-innen gestaltet und müssen nun akzeptieren, dass die letzte Befristung ausläuft und der deutsche Wissenschaftsbetrieb zu ihnen sagt: Danke, das war’s. Wir brauchen Sie nicht.

    Erstaunlich, dass das Buch nicht auch die massive Abwanderung exzellenter junger Forscher/-innen aus Deutschland in andere Länder thematisiert. Denn dort werden sie mit Kusshand genommen. Viele junge Wissenschaftler/-innen, die heute wieder gefragt sind in Deutschland, haben ihre Karriere in den USA oder England geschafft, wo es diese Art Wissenschaftsbürokratie und diese Verachtung für junge Wissenschaftler/-innen wie in Deutschland nicht gibt.

    Die Verachtung der Beamten für die kreativen „Faulpelze“

    Oder sollte man besser sagen: Diese Radikalisierung des Neoliberalismus, mit dem verbeamtete deutsche Funktionäre und Politiker glauben, aus dem wissenschaftlichen Nachwuchs Exzellenz herausprügeln zu können, indem man diesen in eine permanente Existenzangst versetzt?

    Der Band enthält am Ende auch noch die 95 Thesen, die die (jungen) Wissenschaftler/-innen unter dem Hashtag #95vsWissZeitVG entwickelt haben und die zeigen, welche Auswirkungen dieses Gesetz tatsächlich für die (Nicht-)Karrieren der angehenden Forscher/-innen, ihren sozialen Status, die Hochschulen und auch das Image der Wissenschaft hat.

    Die These 30 bringt es eigentlich auf den Punkt: „Das WissZeitVG spiegelt letztlich die Geringschätzung von Wissenschaft in Politik und Gesellschaft wider. Diese Wissenschaftsfeindlichkeit führt nicht zuletzt auch in der gegenwärtigen Coronakrise zur teilweisen Verachtung von Wissenschaftler/-innen. Im besten Fall wird man dafür ausgelacht, als hochqualifizierter Mensch unter solchen Bedingungen zu arbeiten. Das WissZeitVG entwertet so letztlich eine ganze Branche als Arbeitgeber und damit auch die Arbeit selbst.“

    Tatsächlich sorgt dieses Gesetz letztlich dafür, dass Deutschland genau das wird, was man mit blumigen Worten eigentlich verhindern wollte: Ein Land, das bei Forschung und Lehre nur noch drittklassig ist. Der Großteil jener engagierten und von Wissenschaft begeisterten jungen Menschen, die nach ihrem Studium promovieren und sich habilitieren wollen, wird in einem knauserigen Befristungssystem ausgenutzt und verbrannt. Und am Ende weggeworfen, als wären all diese hochqualifizierten Forscher/-innen nur so eine Art Leiharbeitskräfte, deren Wissen und Können man jederzeit auch im Discounter kaufen kann.

    Hier spätestens wird das ganze politische Gerede von der „Ressource Bildung“ zur Farce. Die Wissenschaftspolitiker/-innen jedenfalls, die das alles zu verantworten haben, verachten in Wirklichkeit Bildung und Wissenschaft. Menschen wahrscheinlich sowieso. Das gehört zum neoliberalen Denken, das bei den „Angestellten“ immer nur Selbstsucht, Faulheit und fehlende Initiative sehen will.

    Das neoliberale Menschenbild steckt in den Köpfen der meisten Leute, die in Deutschland auf Entscheiderposten kommen. Und entsprechend sieht das Land eben auch aus: innovationsfeindlich, verkrustet und oft genug von krachender Unkenntnis gerade in Spitzenämtern, was die zu bewältigende Wirklichkeit betrifft.

    Amrei Bahr, Kristin Eichhorn, Sebastian Kubon (Hrsg.) #95vsWissZeitVG, Büchner Verlag, Marburg 2021, 14 Euro.

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