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Forschungsprojekt zu Eigentum und Ungleichheit an der Uni Leipzig: Wenn Reichtum über politische Macht entscheidet

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    Haben Wohlhabende bessere Chancen auf politische Ämter? Bekommen Reiche mehr Gehör in der Politik? Welche Rolle Eigentum im Verlauf von politischen Karrieren und bei politischen Entscheidungen spielt, erforscht Politikwissenschaftler Dr. Lars Vogel von der Universität Leipzig in einem neuen Forschungsprojekt, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wird.

    Sein Team wird in den kommenden vier Jahren repräsentative Befragungen von Bundes- und Landtagsabgeordneten sowie Bürgerinnen und Bürgern durchführen, mit Funktionsträgern in Parteien sprechen und im Internet veröffentlichte Informationen analysieren.

    Herr Dr. Vogel, Politikerinnen und Politiker als wohlhabende Elite – ist das nicht eigentlich ein Klischee? Wieso ist es wichtig, darüber zu forschen?

    Diesem Klischee liegen ja zwei Vermutungen zugrunde. Erstens, dass Politikerinnen und Politiker durch ihre Tätigkeit in der Politik ökonomische Vorteile erlangen. Wir interessieren uns jedoch vorrangig für die zweite Vermutung, nämlich, dass Eigentum bereits für den Aufstieg in politische Spitzenpositionen eine Rolle spielt.  Zwar ist bekannt, dass die soziale Herkunft in der Politik im Vergleich zum Beispiel zur Wirtschaft eine geringere Rolle spielt. Allerdings wird Eigentum in diese Analysen nur selten mit einbezogen. Nun gibt es aber Hinweise darauf, dass Eigentum und Vermögen zunehmend wichtig werden.

    Stellen Sie sich einen Wahlkampf vor. Dort kämpfen Parteien vielerorts zunächst mit einer zurückgehenden Mitgliederanzahl und schwierigen Kassenlage. Dann sind die Kosten für die Kampagne, die Website, die Kugelschreiber, Plakate, Brötchen für die Wahlkampfhelfer usw. zu finanzieren. Diese Kosten können schnell mehrere zehntausend Euro umfassen. Wer die selbst mitbringt oder anderweitig einbringen kann, ist als Kandidat gern gesehen. So erlangen die Personen Vorteile auf dem Weg in die Politik, die dieses Geld übrig haben. Damit würde die demokratisch geforderte Chancengleichheit für den Zugang zu politischen Entscheidungspositionen weiter eingeschränkt.

    Sie wollen auch herausfinden, ob Politikerinnen und Politiker in Deutschland die Interessen von Vermögenden wichtiger nehmen als die Interessen von weniger wohlhabenden Menschen. Was bringt Sie zu der These, dass es so sein könnte?

    Tatsächlich zeigen Studien für mehrere Länder, dass politische Entscheidungen oft eher den Präferenzen wohlhabender Bevölkerungsteile entsprechen. Für Deutschland gilt das auch. Unbekannt sind eher die Gründe dafür. Liegt es daran, dass die Ärmeren seltener wählen gehen und die Politiker und Politikerinnen weniger auf sie Rücksicht nehmen? Oder daran, dass Politiker und Politikerinnen selbst wohlhabend sind? Welche Rolle spielen professionelles Lobbying oder professionalisierte Wahlkämpfe, die auch entsprechende ökonomische Ressourcen erfordern? Auf Fragen wie diese wollen wir mit unserem Forschungsprojekt Antworten geben.

    Unter Eigentum verstehen Sie nicht nur klassische Werte wie Geld oder Immobilien, sondern Sie beziehen auch neue Eigentumsformen in Ihre Forschung mit ein. Welche sind das?

    Unsere Forschung findet im Rahmen eines Sonderforschungsbereiches statt, der die Vielfalt und den Wandel von Eigentumsformen untersuchen möchte. Technischer und sozialer Wandel bringen neue Formen hervor und lassen andere in den Hintergrund treten.

    Viele neue Eigentumsformen entstehen zurzeit beispielsweise durch Krisensituationen: Wem gehört ein Impfstoff, der nur durch massive öffentliche Zuschüsse entwickelt werden konnte? Wem gehört der Wind, der in Windrädern geerntet wird? Wird der vermögende Teil der Bevölkerung auch in der Corona-Politik besonders berücksichtigt? Ganz neue Fragen stellen sich auch zur Verfügbarkeit von Eigentum, das in Cloud-Speichern kaum noch physische Entsprechungen besitzt.

    Wir werden im Austausch mit den über zwanzig Teilprojekten aus unterschiedlichsten Disziplinen vor allem untersuchen, welche Wirkungen neue Eigentumsformen auf die Funktionsweise der repräsentativen Demokratie besitzen.

    Der neue, durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) bis vorerst 2024 geförderte Sonderforschungsbereich Transregio 294 „Strukturwandel des Eigentums“ ist an den Universitäten Jena und Erfurt angesiedelt und möchte in über 20 Teilprojekten die Rolle von Eigentum in Politik und Gesellschaft (wieder) stärker bewusst machen. Dr. Lars Vogel vom Institut für Politikwissenschaft an der Universität Leipzig ist gemeinsam mit Prof. Dr. Marion Reiser (Universität Jena) mit dem Teilprojekt „Ökonomisches Eigentum und politische (Un-)Gleichheit. Eine elitensoziologische Analyse“ daran beteiligt.

    Das Interview führte die Medienredaktion der Uni Leipzig.

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