Immer ist der Mensch mit seinen Gedanken woanders. Er lässt sich ablenken, denkt an die Arbeit, wenn daheim die Ehefrau eigentlich die Beziehung klären will, denkt an den Urlaub, wenn er eigentlich einer Lagebesprechung folgen soll. Der Grund ist simpel: Das menschliche Gehirn arbeitet stets parallel auf verschiedenen Ebenen. Und nicht so wichtiges gerät in den Stand-by-Modus.

Aber auch bei wichtigen täglichen Routinen passiert das. Immer wieder schweifen die Gedanken kurz ab. Man plant ganz nebenbei und unbewusst das bevorstehende Essen oder stellt auf anderer Ebene so ganz nebenbei Überlegungen an, die nichts mit der aktuellen Tätigkeit zu tun haben. Besonders gern passiert das, wenn die eigentliche Arbeit reine Routine ist.

Forscher der Universität Wisconsin und dem Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften haben nun herausgefunden, wie das funktioniert: Das Arbeitsgedächtnis macht es möglich, Routineaufgaben zu erfüllen und dabei die Gedanken wandern zu lassen. Wenn die Kapazität des mentalen Arbeitsspeichers ausreicht, können gleich mehrere Gedanken parallel jongliert werden. Und die eigentliche Aufgabe wird trotzdem erfüllt.

Das Arbeitsgedächtnis oder auch Kurzzeitgedächtnis ist ein Speicher, der Informationen zum schnellen Abrufen bereithält. Anders als das Langzeitgedächtnis hat es eine begrenzte Kapazität. Es sorgt zum Beispiel dafür, dass wir Texte lesen können und nicht am Satzende den Satzanfang vergessen haben, dass wir uns Termine für eine Weile merken können, auch wenn zwischendurch die Katze gefüttert werden muss oder die Wäsche aufgehängt wird. Von seiner Kapazität scheint auch abzuhängen, so das Ergebnis der aktuellen Studie, ob man mehr oder wenig in Gedanken verloren sein kann, während man Routineaufgaben erfüllt.

Die Studie wurde am 14. März in “Psychological Science” veröffentlicht.”Unsere aktuelle Untersuchung deutet darauf hin, dass das Arbeitsgedächtnis die Menschen in ihren alltäglichen Planungen unterstützt. Ob unter der Dusche oder auf dem Weg zur Arbeit – fast immer schweifen die Gedanken zu den anstehenden Problemen ab, die so ganz nebenbei durchdacht werden können”, erklärt Jonathan Smallwood.

Der Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, wie und warum unsere Gedanken immer wieder eigene Wege gehen. Gemeinsam mit den amerikanischen Forschern Daniel Levinson und Richard Davidson hat er nun den Zusammenhang von Arbeitsgedächtnis und abschweifenden Gedanken nachgewiesen.

Um dem Phänomen auf die Spur zu kommen, wurden Versuchspersonen mit einfachen Aufgaben betraut: Sie mussten entweder einen Knopf drücken, sobald ein bestimmter Buchstabe auf dem Bildschirm auftauchte, oder sie sollten im Takt ihres Atems klopfen. Währenddessen wurden sie regelmäßig befragt, ob ihre Gedanken gerade bei ihrer Aufgabe oder bei anderen Dingen waren.

“Wir haben absichtlich Aufgaben gestellt, die nicht die ganze Aufmerksamkeit der Testpersonen kosten”, erklärt Smallwood. “Nur so können wir sehen, ob die ungenutzten Kapazitäten anderweitig genutzt werden.” Am Ende des Versuchs wurde die Kapazität des Arbeitsgedächtnisses der Teilnehmer anhand ihres Erinnerungsvermögens an einzelne Buchstaben gemessen, die ihnen gemischt mit einfachen Matheaufgaben präsentiert worden waren.

Die Ergebnisse zeigen erstmals einen klaren Zusammenhang zwischen Arbeitsgedächtnis und freiem Gedankenlauf: Die Versuchspersonen mit größerer Kapazität des mentalen Arbeitsspeichers ließen ihren Gedanken während der Routineaufgaben häufiger freien Lauf – und erfüllten die Aufgaben dennoch einwandfrei.

Nicht immer verläuft das Zusammenspiel von Arbeitsgedächtnis und freien Gedanken allerdings zufriedenstellend.

“Wer die Gedanken schweifen lässt” meint Levinson, “der muss wissen, dass er damit Ressourcen verbraucht.” So kann es dazu kommen, dass man beispielsweise am Ende einer Lektüre nicht weiß, was man eigentlich gelesen hat.

Den Forschern zufolge ist man jedoch dem Arbeitsgedächtnis und seiner Kapazitätennutzung nicht völlig ausgeliefert. Letztendlich bestimmt der Mensch, wie er seine Ressourcen einsetzt, indem er die Prioritäten selber setzt. Wer also jetzt nicht mehr weiß, was er gerade gelesen hat, kann es einfach noch einmal versuchen.

Über die Aufmerksamkeit, die man einer Aufgabe widmet, so die Forscher, kann man sein Arbeitsgedächtnis beeinflussen.

Quelle: Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

www.cbs.mpg.de

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