Lange Nacht der Wissenschaften: 90 Einrichtungen, fünf Touren und ein gewisser Mark Benecke

Am Freitag, 29. Juni, ist wieder Zeit für Leipzigs Nachtschwärmer. Dann findet zum dritten Mal die Lange Nacht der Wissenschaften statt. Die Plakate dazu sind derzeit schon in der Stadt zu sehen, wahrscheinlich bekommt auch jemand einen Preis dafür, so seltsam sind sie. Sie muten eher wie die verschämte Werbung eines Gasversorgers an. Entworfen hat das Ganze die Leipziger Agentur Artkolchose.
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Beauftragt hat es die Stadt Leipzig. Und wesentlich gefälliger wirkt das, was sich die Agentur aus der Naumburger Straße in Plagwitz da gedacht hat, auf dem Programmheft und im Web. Denn was wie ein Symbol aus dem Gaskocher-Tableau wirkt, ergibt dort sichtbar ein Muster. Die farbigen Strukturen vervielfältigen sich zu einem prismatischen Bild. Schön sieht’s aus. Wissenschaft darf auch schön sein.

Nahezu alle Leipziger Wissenschaftseinrichtungen laden am 29. Juni ein, in der Zeit von 18 Uhr bis Mitternacht Orte zu besuchen, die sonst nicht oder nur selten für die Öffentlichkeit zugänglich sind: Labore, Hörsäle, Institute, Kliniken, Magazine und Archive – Orte, in denen geforscht, studiert, untersucht und gelehrt wird.

Und der Sinn der Veranstaltung ist natürlich nicht, den Leipzigern zu zeigen, dass hier Wissenschaften betrieben werden. Es geht viel mehr darum zu zeigen, wie komplex und reich die Leipziger Forschungslandschaft mittlerweile ist. Und ein Star hält die Festrede zu Beginn der Nacht: Dr. Mark Benecke.

Die offizielle Eröffnung der Nacht ist um 17 Uhr im Auditorium Maximum im Neuen Augusteum – für viele Leipziger die erste Gelegenheit, den Neubau endlich einmal kennen zu lernen. Die Eröffnungsworte sprechen Prof. Beate Schücking, Rektorin der Uni Leipzig, und Oberbürgermeister Burkhard Jung. Danach ist der Bursche dran, der in den letzten Jahren vielen jungen Leuten das Studium der Rechtsmedizin und der Insektenkunde schmackhaft gemacht hat.

Worüber Dr. Mark Benecke, Kriminalbiologe und Spezialist für forensische Entomologie, sprechen wird, verrät er noch nicht. Man kann sich überraschen lassen, sollte sich aber nicht nur auf Überraschungen verlassen, sonst steht man irgendwo in einer langen Schlange und sieht nichts. Allein die Universität Leipzig hat 80 Programmangebote für diese sechs Stunden angemeldet. Das Programmheft selbst ist 160 Seiten dick. Insgesamt sind über 90 Einrichtungen in der ganzen Stadt beteiligt.

90 Einrichtungen. Leipzig ist eine Stadt der Wissenschaften. Und die Institute, die sich hier angesiedelt haben in den letzten Jahren, sind jedes ein Universum – es gibt mittlerweile drei Max-Planck-Institute in der Stadt, zwei Fraunhofer-Institute, drei Leibniz-Institute und das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. Das Biomasseforschungszentrum ist in Leipzig zu Hause und seit kurzem auch die Geschäftsstelle für das Deutsche Biodiversitätsforschungszentrum.Wer überhaupt etwas sehen will an diesem Abend, der muss sich frühzeitig entscheiden. Es werden fünf Buslinien angeboten, die in unterschiedlicher Folge die wesentlichen Forschungsstandorte in Leipzig anfahren. Denn die Stadtplanung ist an diesem Punkt (deutlich besser als bei anderen Themen) relativ konsequent. Die Forschungseinrichtungen werden, wo es geht, sinnvoll gebündelt. Neben dem Wissenschaftspark (mit UFZ, Institut für Troposphärenforschung, Biomasseforschungszentrum, …) im Nordosten gibt es mittlerweile das starke Forschungs-Viertel am Deutschen Platz/Altes Messegelände und natürlich den Medizin-Campus um die Liebigstraße. Mancher sieht das nur als Standort fürs Uni-Klinikum. Aber in der medizinischen Forschung gehört Leipzig zu den Spitzenforschungsstandorten in Deutschland.

Die Uni wurde zwar auch in diesem Jahr wieder nicht als Elite-Uni gewürdigt. Aber mit Elite hat die bundesdeutsche Geldverteilerei schon lange nichts mehr zu tun. Das kommt davon, wenn Narren ein Land regieren und versuchen, Bildungspolitik wie ein Dreirad-Rennen zu organisieren.

Elite entsteht nicht, weil jemand eine schöne Plakette an die Haustür klebt, sondern weil mit Konsequenz und Sachverstand nachhaltige Forschungs- und Bildungsstrukturen aufgebaut werden. Mit der notwendigen materiellen Unterfütterung und dem richtigen Gefühl für die notwendigen Synergien.

Wer die Lange Nacht der Wissenschaften gut nutzt, sieht sehr viel Spitzenforschung. Die Shuttle-Busse fahren im 30-Minuten-Takt. Zentraler Start- und Zielpunkt ist die Bio-City am Deutschen Platz. Ausnahme: die Tour Nummer 5. Die pendelt zwischen dem „Campus Süd“, wie man den Standort von HTWK und HfTL an der Karl-Liebknecht-Straße nun schon nennt, und dem jetzt noch in Markkleeberg in der Riquetstraße befindlichen Standort der HTWK.

Die Touren 2, 3 und 4 verbinden die Bio-City (und damit alle an der Alten Messe gelegenen Einrichtungen) mit den Forschungseinrichtungen in der Innenstadt – samt Uni-Campus und Musikviertel. Die Tour Nummer 1 ist hingegen die Verbindung des Forschungsstandorts Alte Messe mit dem Wissenschaftspark an der Torgauer Straße.

Alle Angebote sind in dieser Nacht kostenfrei.

Ein paar Programmpunkte als Auswahl:Im Institutsgebäude der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät im innerstädtischen Uni-Campus treffen sich Musikwissenschaft und Computertechnik. Für Filme über Nanoteilchen und Universitätsgeschichte, über Biotechnologie und den Start ins Studium wird das neue
Audimax zum Kinosaal mit einem Nonstop-Film-Programm mit Beiträgen aus Leipziger Forschungseinrichtungen und Hochschulen.

Einen Höhepunkt im Wissenschaftsnachtprogramm der Bibliotheca Albertina bildet um 20 Uhr eine Diskussionsrunde mit Universitäts-Rektorin Prof. Dr. Beate Schücking und Christoph Hein, Schriftsteller und Alumnus der Universität Leipzig, zum Thema „Entwickelt sich ein akademisches Prekariat?“. Hein veröffentlichte im vergangenen Jahr seinen Roman „Weiskerns Nachlass“, der den Zustand der Hochschulen, insbesondere der Geisteswissenschaften, zwischen Anspruch und Wirklichkeit thematisiert.

Das Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie auf der Alten Messe lädt von 19 bis 20 Uhr zu einem Schüler-Science-Café ein. Dies ist eine Diskussionsrunde zum Thema Stammzellen, die von Schülern des Ostwald Gymnasiums in den letzten Monaten intensiv und weitestgehend selbstständig vorbereitet wurde. Es wurden renommierte Leipziger Wissenschaftler, die in diesem Feld forschen, eingeladen. An der Langen Nacht werden die Schüler die Forscher eingehend zu diesem Thema befragen.

Außerdem im Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie zu sehen: die Ergebnisse des Fotowettbewerbs Faszination Mikrokosmos. Hierzu wurden im Vorfeld der Langen Nacht alle Leipziger Forschungsinstitute angeschrieben und dazu aufgerufen, Mikroskopiefotos von Zellen und Zellorganellen zuzusenden. Herausgekommen sind farbenfrohe und interessante Bilder, die ansonsten häufig in den Schreibtischschubladen verschwinden. Diese Fotos werden an der Langen Nacht im Atrium ausgestellt und können von den Besuchern bewertet werden. Im Anschluss an die Lange Nacht werden dann die Sieger gekürt, die Preise bis zu 500 Euro erhalten, gesponsert von Zeiss. Alle Besucher, die bei der Abstimmung mitmachen, erhalten außerdem eine now clever Limonade.

Was das dann wieder ist, kann man wohl vor Ort erfahren.

Wer sich durchklicken und seine Tour schon einmal durchplanen möchte, findet das Wichtigste zur Langen Nacht der Wissenschaften hier: www.wissenschaftsnacht-leipzig.de


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