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Dreijährige setzen sich noch für die Bedürfnisse anderer ein

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    Die Vorstellungswelt der Erwachsenen über Kinder ist voller Märchen und Legenden. Immer wieder geheimnissen sie ihr eigenes Denken und Fühlen in die Knirpse. Und am liebsten tun sie das mit den schlechtesten Eigenschaften: Viele Menschen halten Kleinkinder für stur, egoistisch und unfähig, mit anderen zu teilen. Auf eine Menge Erwachsener trifft das zu. Aber auf Kinder? Muss gerade solidarisches Verhalten erst anerzogen werden?

    Oder ist es nicht sogar andersherum, dass nämlich Egoismus das Ergebnis menschlicher Erziehung ist? Und da reden wir noch gar nicht von Elite-Schulen.

    Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und der Universität Manchester in Großbritannien haben jetzt nachgewiesen, dass dreijährige Kinder über ein – für die Forscher – überraschendes Maß an Fürsorge und einen intuitiven Sinn für eine opferorientierte Gerechtigkeit verfügen.

    Die Forscher des Max-Planck-Instituts haben hier das Wort „schon“ verwendet. Das haben wir lieber rausgeschmissen. Wahrscheinlich ist das Wörtchen „noch“ an dieser Stelle viel angebrachter. Denn dass Erwachsene egoistisch sind bis zum Überdruss, das muss nicht bewiesen werden. Und der Verdacht steht im Raum, dass so ein Verhalten durch unsere Gesellschaft anerzogen und belohnt wird.

    Die Dreijährigen kann man da wirklich in Schutz nehmen.

    So zeigte es auch das Experiment der Forscher

    Kleinkinder geben verlorene Dinge lieber an deren rechtmäßige Eigentümer zurück. Wenn das nicht möglich ist, hindern sie wenigstens andere daran zu nehmen, was ihnen nicht gehört. Darüber hinaus setzen sich sowohl Drei- als auch Fünfjährige für die Bedürfnisse einer anderen Person genauso stark ein wie für ihre eigenen – sogar wenn es sich bei dieser um eine Handpuppe handelt.

    Die Ergebnisse der Studie mit Kindern aus Deutschland vermitteln – zumindest für die Max-Planck-Forscher – neue Einblicke, wie der Gerechtigkeitssinn im Laufe der Evolution entstanden sein könnte.

    Und in der konkreten Bewertung widersprechen sie auch dem oben erwähnten „schon“. Denn woher haben die Kleinen ihr Gerechtigkeitsempfinden eigentlich? Die Forscher gehen sogar davon aus, dass es von Anfang an zum Rüstzeug der heranwachsenden Menschen gehört.

    „Die Sorge um andere, zum Beispiel in Form von Empathie, scheint ein Hauptbestandteil des menschlichen Gerechtigkeitssinns zu sein“, sagt Keith Jensen von der Universität Manchester. „Die Gerechtigkeit Opfern gegenüber und die Bestrafung der Täter – beides grundlegende Bestandteile der menschlichen Kooperation – sind möglicherweise auch  für das einzigartige Sozialverhalten des Menschen von zentraler Bedeutung.“

    Zumindest für die Menschen, die sich sozial verhalten. Und bei den Kindern genießen Personen, die sich sozial verhalten, Anerkennung. Und sie erkennen, wenn einer sich nur dranhängt und belohnt werden will, obwohl er gar nichts Anerkennenswertes getan hat.

    Menschen kooperieren häufig, wenn es um die Bestrafung von Trittbrettfahrern geht. Zumindest kleine Menschen, die bei solchen Entscheidungen eben noch nicht rekapitulieren, ob ihnen die Kooperation nun von Vorteil ist oder nicht. Gerechtigkeit kann so schön sein, wenn man noch in keiner Hierarchie agiert.

    Und die Max-Planck-Forscher haben ja auch immer den Vergleich zu unseren nächsten Verwandten, den Menschenaffen.

    Frühere Studien zeigten, dass Schimpansen Betrüger nur dann bestrafen, wenn sie selbst geschädigt wurden. Um die Wurzeln des Gerechtigkeitssinns nun auch beim Menschen besser zu verstehen, untersuchen Forscher die frühe Entstehung dieser Eigenschaft bei Kleinkindern. Ihren Studien zufolge teilen Kinder lieber mit einer Handpuppe, die zuvor einer anderen Person „geholfen“ hatte, als mit einer, die sich „schlecht benommen“ hatte.

    Sie bevorzugen außerdem, dass die Puppe bestraft wird, die die Strafe verdient, nicht jedoch die, die sie nicht verdient. Ab einem Alter von sechs Jahren sind Kinder sogar bereit, einen Preis zu zahlen, um fiktionale oder reale Spielkameraden für ein Fehlverhalten zu bestrafen. Die Androhung einer Strafe motiviert Vorschulkinder dazu, sich großzügiger zu verhalten.

    Um herauszufinden, was dem Gerechtigkeitssinn von Kleinkindern zugrunde liegt, führten Katrin Riedl, Keith Jensen und Kollegen am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie eine Studie mit Drei- und Fünfjährigen durch. Die Kinder konnten einer Handpuppe Gegenstände wegnehmen, die diese zuvor einer anderen Handpuppe „weggenommen“ hatte. Das Ergebnis: Die Kinder setzten sich für das „Opfer“ – die bestohlene Handpuppe – ebenso ein, als wären sie selbst betroffen. Aus allen zur Verfügung stehenden Handlungsmöglichkeiten entschieden sie sich am ehesten dafür, den Gegenstand an den Besitzer zurückzugeben. „Es scheint, dass sich der Gerechtigkeitssinn im Zusammenhang mit dem einem Opfer entstandenen Schaden bereits in der frühen Kindheit entwickelt“, stellen die Autoren fest.

    Und das ist der Punkt, an dem Erziehung eingreift. Auch Schwarze Erziehung.

    Die neuen Erkenntnisse betonen den hohen Stellenwert, den das Eingreifen Dritter für die menschliche Kooperation hat. Sie könnten sich auch für Eltern und Kindergartenerzieher als nützlich erweisen.

    „Vorschulkinder reagieren feinfühlig, wenn anderen ein Schaden entsteht. Vor die Wahl gestellt, helfen sie lieber dem Opfer dabei, den Schaden zu beseitigen als den Übeltäter zu bestrafen“, sagt Jensen. „Anstatt Kinder für ein Fehlverhalten zu bestrafen oder das Fehlverhalten anderer mit ihnen auf eine strafende oder schuldzuweisende Art zu besprechen, können Kinder den Schaden, der dem Opfer entstanden ist, und die Schadensbehebung als Lösung möglicherweise besser nachvollziehen.“

    Der Satz ist nun etwas virtuos. So richtig war auch den Forschern da wohl nicht klar, wer mit wem agiert. Aber deutlich wird, dass Kinder sehr wohl unterscheiden können zwischen Recht und Unrecht und dass Autoritätspersonen, die sich selbst als richtende Instanz dazwischenschieben, nicht nur stören, sondern auch selbstbewusste Entscheidungen der Kinder verhindern. Schadenswiedergutmachung ist den Knirpsen viel verständlicher als jede Strafpredigt für den Sünder. Man ahnt schon, wie an dieser Stelle Unsicherheit zu entstehen beginnt, die Menschen in ihrem späteren Leben zögern lässt, solidarisch zu agieren, wenn Autoritäten sich einmischen und mit Strafe drohen.

    Deswegen gehört hier wohl ein „noch“ hin: Noch besitzen die Kinder einen ungebrochenen Gerechtigkeitssinn.

    Danach kommen sie in der Regel in Lernverhältnisse, in der eine Menge erwachsener Menschen ihnen beibringt, dass das falsch ist und Gerechtigkeit eine Frage der Macht.

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