14.8 C
Leipzig
0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Wenn der Mensch dafür sorgt, dass überall dieselben Tiere sesshaft werden

Anzeige
Werbung

Mehr zum Thema

Mehr
    Anzeige
    Werbung

    Seit 1873 schon wird unter Wissenschaftlern darüber diskutiert, ob man die letzten Jahrhunderte (wahlweise auch Jahrtausende) als ein völlig eigenständiges geologisches Zeitalter definiert: als Anthropozän. Begründung: Der Mensch hat mittlerweile so viel Einfluss auf die Erde, dass er biologische, geologische und atmosphärische Prozesse nachhaltig verändert. Aber wie beweist man so etwas? Und wo setzt man die Grenze?

    Die Wissenschaftler streiten ja bis heute darüber, ob man den Beginn dieses Anthropozäns ins 19. Jahrhundert setzt, als die westlichen Staaten begannen, die fossilen Brennstoffe zu verheizen und die Atmosphäre zu verändern. Ins Jahr 1610, also ganz an den Beginn dessen, was wir heute als globalisierte Weltwirtschaft erleben – oder gleich zurück in die Bronzezeit, als Menschen begannen, mit Landwirtschaft und dem Abholzen großer Wälder massiv in den Naturkreislauf einzugreifen.

    Das Zeitalter heißt deshalb nach wie vor ganz offiziell Holozän und ist eigentlich nur eine Zwischeneiszeit, die vor ungefähr 11.700 Jahren begann und seither die relativ stabilen Klimabedingungen bot, die die Entwicklung der menschlichen Zivilisation überhaupt erst ermöglichten.

    Und noch ein anderer „Sprung“ spielt bei der Verwandlung der Erde in eine von Menschen gemachte Welt eine Rolle. Den könnte man so ungefähr um 1500 ansetzen – diesmal mal nicht mit Luther, sondern mit dem Zeitalter der großen Entdeckungen. Denn mit der Entdeckung neuer Länder, Inseln und Kontinente begannen auch die alten, natürlichen Barrieren zu fallen, die bis dahin auch zu eigenständigen biologischen Entwicklungen in den verschiedenen abgeschiedenen Teilen der Welt geführt haben. So verschieden, dass selbst im 18. und 19. Jahrhundert die ausfahrenden Forscher noch staunten über den fremden Artenreichtum, der sie anderswo empfing.

    Aber das ist Geschichte. Die heutigen Biodiversitätsforscher sind mit einem ganz anderen Muster konfrontiert: Immer mehr Pflanzen- und Tierarten werden durch den Menschen in neue Gebiete eingebracht. Ein internationales Forscherteam konnte nun erstmals belegen, dass die globale Verschleppung von Arten zum Zusammenbruch der ursprünglichen, über Millionen von Jahren entstandenen Verbreitungsmuster führt – und damit zu einer zunehmenden Homogenisierung der Ökosysteme. Die Studie ist in der renommierten Fachzeitschrift „Science“ erschienen.

    An der Studie beteiligten sich auch Forscher des in Mitteldeutschland ansässigen Deutschen Zentrums für Integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), im Grunde dem derzeit wichtigsten biologischen Forschungsverbund in der Metropolregion, an der auch die Universitäten in Jena, Leipzig und Halle beteiligt sind. In diesem Fall hat Henrique Miguel Pereira von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg mitgewirkt, der als Senior-Autor der Studie federführend war.

    Der Hintergrund der Studie

    Als die großen Entdecker in See stachen, waren sie sicher fasziniert zu sehen, dass mit zunehmender Entfernung  von der Heimat eine ganz andere Tier- und Pflanzenwelt vorherrscht. Ozeane und Hochgebirge wirkten im Laufe der Erdgeschichte als gigantische natürliche Barrieren. Dadurch konnte sich auf weit voneinander entfernten Inseln und Kontinenten eine eigenständige, nur dort vorkommende Flora und Fauna entwickeln. Doch mit dem zunehmenden Handel und Tourismus hat der Mensch viele Tier- und Pflanzenarten über den gesamten Globus verschleppt oder bewusst ausgesetzt.

    Diese in den letzten Jahrzehnten rasant zunehmende Entwicklung, so vermuten Experten, könnte zu einer Homogenisierung der Ökosysteme führen. Global ansetzende Analysen zu dieser Hypothese fehlten jedoch bislang.

    Dieser Frage widmete sich jetzt das fünfköpfige Wissenschaftlerteam aus Portugal, Österreich und Deutschland und hat auch erstmals nachweisen können, dass die globale Verschleppung von Arten zum Zusammenbruch der eigenständigen, über Jahrmillionen entwickelten Verbreitungsmuster führt.

    Am Beispiel der Landschnecke

    Die Wissenschaftler untersuchten am Beispiel von 175 Landschnecken-Arten, wie sich die Ähnlichkeit in der Artzusammensetzung zwischen 56 Ländern und Regionen durch menschliche Verschleppung verändert hat. Dieser Forschungsansatz unterscheidet sich von früheren Ansätzen. Da haben Wissenschaftler eher in regionl begrenzten Räumen untersucht, ob sich die Artenvielfalt verändert hatte. Doch mit dieser Methode konnten keine signifikanten Trends beim Biodiversitätsverlust auf lokaler Ebene erkennbar gemacht werden.

    „Wir haben daher die Perspektive gewechselt und nicht gefragt, ob es mit der Zeit zu Veränderungen in der Artenvielfalt gekommen ist. Vielmehr wollten wir wissen, wie sich die Ähnlichkeit zwischen den Artengemeinschaften verändert hat“, erklärt Henrique Miguel Pereira den neuen Ansatz. Und als hätten es die fünf Forscher geahnt: Sie fanden ihre These bestätigt.

    Und waren von den Ergebnissen in ihrer Deutlichkeit dann trotzdem überrascht. Während die ursprüngliche, natürliche Verbreitung der Schneckenarten die bekannten Ausbreitungsgrenzen widerspiegelt, ergibt sich für gebietsfremde Vertreter ein völlig anderes Bild. Denn die Neulinge müssen ja keinen angestammten Lebensraum verteidigen. Sie kommen als blinde Passagiere in neuen Siedlungsräumen an. Dort gibt es zwar unter den heimischen Arten schon so eine Art ökologisches Gleichgewicht. Aber die „Neuen“ müssen sich nicht einfach nur einpassen.

    Entfernung ist kein Hindernis mehr

    „Die Verbreitung der vom Menschen verschleppten Schnecken folgt ganz neuen Mustern und wird fast ausschließlich vom Klima bestimmt, wobei sich die Gemeinschaften an zwei biogeographischen Regionen ausrichten: den Tropen und gemäßigte Zonen“, erklärt César Capinha, Hauptautor der Studie. Daraus folgt, dass sogar weit voneinander entfernte, klimatisch aber ähnliche Regionen eine sehr ähnliche Artengemeinschaft von verschleppten Schnecken aufweisen können. Heißt im Klartext: Die Wanderer machen in den neuen Regionen, in die sie eingeschleppt wurden, einfach so weiter wie in der Herkunftsregion. So lange die klimatischen Bedingungen das nicht verhindern. Indem der Mensch also allerlei Getier rund um den Globus verschleppt, sorgt er dafür, dass sich nicht nur die menschlichen Landschaften (bis hin zur Hamburger-Bude) überall immer mehr ähneln, sondern auch die Besiedlungen mit Tieren – und zwar nicht nur solchen, die eh schon zu den ewigen Begleitern der Menschen gehören wie Hunde, Katzen, Kühe, Schweine, Ratten, Mäuse …

    Im Beigepäck reisen auch andere Tiere herum und freuen sich über neue Fressparadiese.

    Früher war es die Entfernung, die über die Ausprägung von Ähnlichkeitsmustern bestimmte. Heute ist es das Klima, ergänzt durch den Einfluss der geographischen Entfernung und des globalen Handels, fasst das iDiV den Befund zusammen. Mit dem Transport von lebenden Pflanzen, Gemüse und Obst erreichen täglich blinde Passagiere neue Länder und Regionen und siedeln sich dort an. Was auch ein wirtschaftliches Thema ist. Für Länder mit ähnlichen Klimaverhältnissen heißt das: Je intensiver der Handel zwischen den betreffenden Ländern betrieben wird, desto ähnlicher werden sich deren Artengemeinschaften entwickeln.

    Und was passiert mit den Tierarten, die vorher durch natürliche Barrieren vor den Einwanderern geschützt waren?

    Für die sieht es gar nicht gut aus, bilanziert das iDiV. Diese biologische Homogenisierung könnte weitreichende Konsequenzen haben, warnen die Forscher. Während manche Arten durch den Menschen weltweit verschleppt werden, geraten viele einheimische Arten aufgrund der Ansiedlung der Neubürger immer stärker unter Druck.

    Anzeige
    Werbung

    Mehr zum Thema

    Mehr
      Anzeige
      Werbung

      Topthemen

      - Werbung -

      Aktuell auf LZ

      Anzeige
      Anzeige
      Anzeige