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Projekt „Wilde Mulde“ wird mit UN-Dekade-Preis ausgezeichnet

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    Was an der Mulde möglich ist, sollte eigentlich in der Elsteraue auch möglich sein. Denn Flüsse werden erst dann wieder lebendig, wenn man ihnen wieder Raum zur Ausbildung artenreicher Biotope gibt. Davon sind die Leipziger Auengewässer mit ihrem abgesperrten Auenwald weit entfernt. An der Mulde wird jetzt ein Revitalisierungsprojekt ausgezeichnet – das Projekt „Wilde Mulde“.

    Das Flussauenprojekt „Wilde Mulde“ wurde am Donnerstag, 29. November, als offizielles Projekt der UN-Dekade Biologische Vielfalt ausgezeichnet, da es sich für den Erhalt der Biodiversität besonders stark macht. Ziel des seit Ende 2015 laufenden Vorhabens ist es, einen Flussabschnitt der Mulde und ihrer Auen wissenschaftlich begleitet zu revitalisieren.

    Das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) koordiniert das Forschungskonsortium, an dem vier weitere wissenschaftliche Einrichtungen beteiligt sind – und steuert selbst seine Expertise der Naturschutzforschung und der Fließgewässerökologie bei. Der WWF Deutschland verantwortet die Gesamtkoordination des Projekts und setzt die Revitalisierungsmaßnahmen um.

    Ziel des bis zum Jahr 2020 laufenden Projekts ist, an der Mulde von Retzau bis zur Mündung in die Elbe bei Dessau-Roßlau an drei Standorten mit gezielten Revitalisierungsmaßnahmen für mehr natürliche Dynamik zu sorgen. Die Mulde gilt in diesem 24 Kilometer langen Flussabschnitt im Biosphärenreservat Mittelelbe noch als weitgehend naturnah, da sie ökologisch wertvolle Prall- und Gleithänge, Kies- und Sandbänke, alte Auwälder sowie Auenwiesen aufweist.

    „Allerdings sind viele Abschnitte der Mulde erheblich beeinträchtigt“, sagt UFZ-Geoökologin Dr. Christiane Schulz-Zunkel, die die Forschung im Projekt „Wilde Mulde“ koordiniert. In diesen Bereichen fehle es an einer natürlichen hydromorphologischen Dynamik und an Geschiebe, verursacht durch Uferbefestigungen und Wehre. Zudem seien die Auen entlang der Mulde von der Austrocknung bedroht, weil sich das Flussbett durch einen Mangel an Geschiebe immer tiefer in die Sohle eingrabe und das Fluss- und Grundwasser absinke.

    Die Folge ist: Die benachbarten Auen können kaum mehr überflutet werden und stehen damit zu selten unter Wasser.

    „Am Unterlauf der Mulde besteht die besondere Möglichkeit, einen großflächigen Biotopverbund einer naturnahen Flusslandschaft in Verbindung mit Auengewässern und Auenwäldern zu fördern und dieser Landschaft mehr natürliche Entwicklung einzuräumen“, fügt Christiane Schulz-Zunkel hinzu.

    Um den Strukturreichtum der Mulde weiter zu erhöhen, werden sechs Raubäume in den Fluss eingebracht. Foto: Christiane Schulz-Zunkel, UFZ
    Um den Strukturreichtum der Mulde weiter zu erhöhen, werden sechs Raubäume in den Fluss eingebracht. Foto: Christiane Schulz-Zunkel, UFZ

    An dem vom UFZ koordinierten Konsortium sind neben Forschenden des UFZ in Leipzig und Magdeburg Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der TU Braunschweig, der Universität Leipzig, der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Dresden sowie der Leibniz-Universität Hannover beteiligt. Sie erheben an fünf Standorten entlang der Mulde Daten, um den ökologischen, chemischen und funktionellen Zustand des Flusses vor und nach der Umsetzung von Revitalisierungsmaßnahmen bewerten zu können.

    Damit wollen sie Aussagen treffen, ob mögliche Zustandsänderungen auf diese Maßnahmen zurückzuführen sind. Dazu erfassen die Wissenschaftler Informationen zur Hydraulik und zur Hydromorphologie, zum Rückhaltevermögen von Phosphat und Nitrat sowie zur Schadstoffbelastung und zum Sedimenttransport – und zur Biodiversität.

    Erste Bestandsaufnahmen von UFZ-Forschern zu Fischen ergaben beispielsweise, dass im Untersuchungsgebiet insgesamt 22 Fischarten vorkommen. Darunter fanden sich Arten der EU-Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH) wie Bitterling, Rapfen und Steinbeißer. Bei der Analyse der Libellen-Populationen durch Biologen der HTW Dresden zeigte sich ein diverses Bild: Der Erhaltungszustand der Populationen der FFH-Art Grüne Keiljungfer ist hervorragend, bei der FFH-Art Asiatische Keiljungfer dagegen schlecht.

    Zudem konnten sie an den für Wildflüsse typischen Prall- und Gleithängen der Untersuchungsgebiete 82 Laufkäfer-Arten feststellen, darunter auch solche für den Landschaftsraum Elbe/Untere Mulde lebensraumtypische Arten. Bei den Wasserpflanzen dokumentierten Biologen unter anderem den in Sachsen-Anhalt auf der Roten Liste als gefährdet eingestuften Pinselblättrigen Wasser-Hahnenfuß, der Qualitätszeiger für den seit 1990 erheblich verbesserten Gewässerzustand der Mulde ist.

    Hinsichtlich des Vermögens der Mulde, Phosphat und Nitrat zurückzuhalten, zeigte sich, dass die Reinigungsleitung des Flusses in Abschnitten mit natürlichen, unbefestigten Ufern deutlich besser ist als an den Uferbereichen mit Steinschüttungen.

    „Wenn auch bislang nur erste Ergebnisse vorliegen, so zeigen diese doch, wie wichtig die Revitalisierung des Flusses im Hinblick auf seine biologische Vielfalt und die Erfüllung natürlicher Funktionen ist“, fasst Christiane Schulz-Zunkel zusammen.

    Nördlich von Dessau soll ein von der Mulde abgekoppelter Seitenarm so wieder angebunden werden, dass bei erhöhten Wasserständen Wasser in die Aue einströmen kann. Foto: Nele Klimmer/WWF

    Für die Umsetzung der Revitalisierungsmaßnahmen entlang der Mulde ist der WWF Deutschland zuständig, der zugleich die Gesamtkoordination des Projekts verantwortet. Vier Maßnahmen wollen die Projektpartner während des Projekts durchführen:

    – So wurden an zwei Standorten insgesamt sechs große Hybridpappel-Stämme, sogenannte Raubäume, in das Flussbett der Mulde eingebracht und verankert. Sie sollen beispielsweise Kiesbänke initiieren, die als Brutareal für Wasservögel wichtig sind.

    – In einer weiteren Maßnahme wird derzeit im Bereich der Sollnitzer Stillinge auf einem 500 Meter langen Abschnitt eine Steinschüttung entfernt, sodass dort die Mulde wieder mäandrieren kann. Dadurch sollen sich die für einen Wildfluss typischen Prall- und Gleithänge bilden können – steil abfallende Prallhänge als Brutplatz für Eisvogel und Uferschwalbe, auf der gegenüberliegenden Seite flach auslaufende Gleithänge als Lebensraum für Flussregenpfeifer und Flussuferläufer.

    – Zudem wird derzeit ein bislang von der Mulde abgekoppelter Altarm wieder an den Fluss angeschlossen, indem die künstlichen Verfüllungen im Seitenarm abgebaggert werden. Bei mittlerer Wasserführung könnte dadurch wieder Wasser von der Mulde in den Seitenarm fließen und die Aue beleben.

    – Und schließlich wollen die Projektpartner insgesamt vier Hektar Auenwald pflanzen.

    „Diese Einzelmaßnahmen initiieren die morphologische Erneuerung des Flusses und seiner Auen, verbessern die Funktionen dieses Lebensraums und sichern die natürliche biologische Vielfalt nachhaltig“, sagt WWF-Gesamtprojektleiter Georg Rast.

    Bis zum Projektende 2020 sollen sämtliche Forschungsergebnisse zusammengetragen und unter der Leitung des UFZ in einer wissenschaftlichen Synthese analysiert und Zusammenhänge hergestellt werden. Angesichts der schlechten Gewässersituation und des dringenden Handlungsbedarfs in Deutschland sollen die Erfahrungen und Projektergebnisse der wissenschaftlichen Begleitforschung aus dem Verbundprojekt ‚Wilde Mulde‘ dazu dienen, sie auch in anderen Flusslandschaften zu nutzen.

    Das Projekt „Wilde Mulde – Revitalisierung einer Wildflusslandschaft in Mitteldeutschland“ wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und durch das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) gefördert. Die Gesamtkoordination sowie die Umsetzung der baulichen Maßnahmen obliegen dem WWF Deutschland. Die Arbeiten der fünf beteiligten Forschungseinrichtungen koordiniert das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung.

    Das Leipziger Projekt „Lebendige Luppe“ wurde im Mai ebenfalls ausgezeichnet. Aber es steht zu befürchten, dass es daran scheitert, dass sich die Leipziger Verwaltung dagegen sträubt, die Elsteraue wieder für eine natürliche Bespannung der Gewässer zu öffnen.

    Das konzertierte Versagen einer überforderten Stadtverwaltung + Bildergalerie

     

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      1 KOMMENTAR

      1. Wenn in der Packung „Wilde Mulde“ auch das drin ist, was der Name verspricht, kann man sich dem Lob nur anschließen! Und verweisen, dass Sachsen reich ist an Flüssen, die geradezu nach Revitalisierung rufen. Einschließlich des völlig verbauten Leipziger Gewässerknotens und den Auwaldgewässern hier mit den dazugehörigen, seit fast 100 Jarhen austrocknenden Auenflächen. Das Projekt „Lebendige Luppe“, das ein Projektchen ist, wird vor allem daran scheitern, dass es nur mit massiven Einriffen in Schutzgebiete u.a. in Hartolzaue möglich wäre und, bei den (viel zu) geringen Wassermengen, mit denen es geplant ist, keine hydrologische Dynamik großflächig zu erwarten ist – was alle Beteiligten wissen. Abgesehen von substantiellen, nach wie vor offenen Fragen: woher soll das Wasser für die LL überhaupt kommen und wie, und was ist mit den ICE-Brücken (wie lasen davon), die so gebaut werden sollen, dass nicht mal die radfahrer darunter durchkommen – geschweige denn naturnahe Gewässerdynamik.

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