"Eine gute Eltern-Kind-Bindung ist ein hervorragender Schutz für die Entwicklung des Kindes", beschreibt die Diplom-Medizinerin Dagmar Scherling das Credo des von ihr geleiteten Sozialpädiatrischen Zentrums Leipzig. Die Einrichtung wird nun zwanzig Jahre alt. Auf einem Symposium werden neue Entwicklungen aus allen Fachdisziplinen diskutiert.

Frau Scherling, seit nunmehr 20 Jahren besteht das Sozialpädiatrische Zentrum Leipzig (SPZ) in Trägerschaft des Vereins Frühe Hilfen für entwicklungsgestörte und behinderte Kinder. Wie bewerten Sie den Stellenwert der Arbeit des Zentrums für die Stadtgesellschaft?

Den Stellenwert schätze ich sehr hoch ein. Zu uns kommen über 3.000 Kinder im Jahr. Unser Vorzug ist, dass wir einen interdisziplinären Ansatz haben und bei uns Vertreter vieler Professionen vertreten sind. Zu uns gehören beispielsweise Kinderärzte, Neuropädiater, Kinderpsychiater, Psychologen, Therapeuten und Sozialarbeiter. Wir haben sozusagen alles für Körper und Seele. Und auch das nötige Zeitbudget, auch für die Eltern.

Sozialpädiatrie ist ein Stück weit auch Frühwarnsystem für gesellschaftliche Veränderungen. Was ist vor Ihrem Erfahrungshintergrund der Arbeit mit Kindern die größte aktuelle Herausforderung?

Wir vom Sozialpädiatrischen Zentrum sind im Leipziger Netzwerk Kinderschutz aktiv. Das ist schon einmal gut, dass es das Netzwerk gibt. Unsere Rolle im Frühwarnsystem ist es, Kinder – wenn man so will – “rauszufischen” aus Gefährdungssituationen. Das können wir auch deshalb, weil wir fragen, wie es den Eltern geht.
Die größte Herausforderung für unsere Arbeit sehe ich darin, dass auch Gelder bereitgestellt werden. Es geht darum, an dieser wichtigen Stelle nicht nur bei Willensbekundungen zu bleiben.

Das beginnt bei der Weiterbildung für Ärzte und alle Helfer, damit diese auch rechtzeitig erkennen: Wann ist das Kindeswohl gefährdet. Das geht weiter mit Angeboten der Supervision für die Betreuenden.

Sie setzen auf ganzheitliche Entwicklungshilfen und veranstalten dazu ein Fachsymposium zum SPZ-Jubiläum. Auf welche neuen fachlichen Anregungen freuen Sie sich dabei besonders?

Als erstes freue ich mich, dass es gelungen ist, mit diesem Symposium die ganz Bandbreite der Fachdisziplin zu zeigen. Ganz spannend finde ich, was die Leipziger Neuropsychologin Frau Professor Angela Friederici zu “Sprachentwicklung und Gehirn” zu sagen haben wird.

Hervorheben möchte ich auch das Thema Frühgeborenbetreuung und Nachsorge. Das geht nur in Kooperation mit den Eltern und den betreuenden Einrichtungen. Also stellt sich immer auch die Frage, wie kann ich Eltern stärken, wie geht es auch den Vätern dabei. Das alles findet bei uns unter einem ganzheitlichen Ansatz statt, nicht nur fachspezifisch.
Einer der Workshops widmet sich unter der Überschrift “Bindung und Beziehung” der Frage “Was brauchen kleine Kinder und ihre Eltern in besonderen Situationen?”. Wie beziehen Sie in Ihrer Arbeit mit den Kindern Eltern mit ein, um diese Bindungen zu stärken?

In der Arbeit des Sozialpädiatrische Zentrums werden Eltern von Anfang an mit einbezogen. Wir legen wir sehr viel Wert darauf, Eltern zu begleiten. Dazu bieten wir verschiedene Elterngruppen an.

Als ich 2009 in das SPZ kam, habe ich das Konzept der Sprechstunde “Sorgenkinder – Elternsorgen” mitgebracht. Dabei geht es um die sogenannte frühe Interaktionsbehandlung. Inzwischen bieten vier Kollegen solche Sprechstunden an. Wir meinen: Eine gute Eltern-Kind-Bindung ist ein hervorragender Schutz für die Entwicklung des Kindes.

Der Verein Frühe Hilfen hat unlängst den Neubau eines Montessori-Kinderhauses in Leipzig-Schönau eingeweiht. Welche Vorhaben wollen Sie als nächste angehen?

Wir wollen beständig unsere konzeptionelle Arbeit anpassen. Auch wollen wir vom SPZ verstärkt öffentliche Weiterbildungen anbieten. So soll es 2013 beispielsweise um Inklusion gehen. Auch wollen wir den Helfern ein Angebot unterbreiten zu der Frage: Wie erkenne ich eine Kindeswohlgefährdung.

Darüber hinaus werden wir weiter das Gespräch suchen mit den Kostenträgern – also den Krankenkassen – und den Zuweisern – also letztlich den Kinderärzten, aber auch allen übrigen Institutionen – um zu erarbeiten, wie die Qualität unserer Arbeit erhalten bleiben kann, wenn wir noch mehr Kinder und deren Familien behandeln möchten.

Fachsymposium “Sozialpädiatrie heute. Ganzheitliche Entwicklungshilfen! anlässlich 20 Jahre SPZ Leipzig am 27. bis 28. April 2012, Neues Rathaus Leipzig.

www.fhle.de

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