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Wovon Leipziger träumen: Jens-Uwe Jopp – Klar sehen und doch hoffen oder „Mehr edle Geister“

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    Kabarettist ist er - irgendwie. Lehrer - noch mehr. Pädagoge und aktiver Wegbegleiter - wohl am meisten. Und das vor allem in menschlicher Hinsicht. Wo Jens-Uwe Jopp an Leipziger Schulen seinen Dienst versah und bis heute im Schiller Gymnasium versieht, brennt um ihn herum sprichwörtlich die Luft. Schillerfan, Aufklärer in dieser Tradition und nicht selten kluger Freund und Hinweisgeber seiner Schützlinge geht Jopp immer wieder über das "Achtung Leistungskontrolle" weit hinaus.

    Ob es Theatergruppen sind oder nicht enden wollende Diskussionsabende, bis hin zur Gründung von Aktionsgruppen wie vor einem Jahr „Essenz“ gemeinsam mit Schüler und Studenten. Ein Mensch, der ganz offensichtlich erwachsen und dennoch voller Träume ist. Und von einer Freiheit, wie sie nur von innen kommt.

    „Ich träume von mehr Freiheit. Was? Wir haben doch alles, was wir brauchen: Höfe am Markt, Einkaufen im Brühl, Stehen bei Vapiano, sitzen am Freiheitsei … Die Freiheit alles zu tun, was anderen nicht schadet. Die scheint auch meine Heimatstadt fest im Griff zu haben. Freiheit. Wenn mich Schüler am Friedrich-Schiller-Gymnasium danach fragen, nachdem ich sie gefragt habe, dann kamen in den letzten Jahren die Antworten relativ zügig. Auch heute schätzt man die Ablenkung nach den anstrengenden Schultagen so sehr, dass man am Freitagnachmittag ein überschwängliches „Wochenendeeeee!“ ins Soziale Netzwerk und damit in die Welt schreit.

    Der Ruf nach Freiheit wird anschließend so zahlreich „geliked“, dass man sich zum Bubble-Tea-Trinken in der Innenstadt verabreden kann.
    So ist es. Kein Zweifel. Niemand will mehr zum Mief in Richtung Borna oder am Reudnitzer Brauhaus vorbeifahren. An den Chemielaboren des real existierenden Wasweißichauchimmer. Die Nase war sprichwörtlich voll und wir hatten uns endlich nach gefühlten 100 oder vor nun mittlerweile über 20 Jahren. Möglichkeiten über Möglichkeiten taten sich auf einmal auf, Freiheit wirkte wie ein nicht enden wollender Weihnachtsmarkt, duftete noch süßer als Glühwein und Zuckerwatte gratis. Halt, stopp: Das soll keine Geschichtsstunde werden, dass es langweilt, die BILDer haben wir vor Augen, den Duft statt Geruch wieder in der Nase.

    „Freiheit erlangt man, indem man sie verlieren will.“ Dieser Satz stammt vom Namensgeber meines Gymnasiums, dem Klassiker des deutschen Idealismus, Friedrich Schiller. Dort bin ich Lehrer. Und meine Schüler, die mir mit ihrer Suche nach Freiheit am Herzen liegen, fragen mich nicht ohne Grund: Was? Jetzt sollen wir die Freiheit, die wir uns so mühsam erkämpft haben, gleich wieder hergeben?

    Ja, das sollt ihr. Ihr sollt erfahren, dass es neben der Freiheit „zu“ etwas, auch die Freiheit „von“ etwas gibt. Freiheit wovon? Ich träume von einer Schule in Leipzig, die ganz normal die Schüler auch in Ruhe „lassen“ kann, sie nicht hetzt von einer Leistungskontrolle zum nächsten Experiment und zur nächsten Kompetenz. (Am Ende sind sie dann so kompetent, dass mancher von ihnen völlig inkompetent ist … oder warum haben wir dann so viele „Schulabbrecher“? Sind das solche, die ihre eigene Unfähigkeit erkannt haben? Schon das Wort „Abbrecher“ ist ein Schlag ins Gesicht der Erziehungswelt …)

    Freiheit scheint also mehr zu sein, als sich abzulenken von touristischen Konsumangeboten und weltoffenem Bemühen. Freiheit gibt den Menschen das Zuhause, eine Aufgabe, bei der man sich auf-geben kann und in der der man bestenfalls aufgeht. Dies macht mir zunehmend Sorgen und ich fange wieder verstärkt an zu träumen.“Klar sehen und doch hoffen“, die Autobiografie des Wittenberger Pfarrers Schorlemmer, Vorname Friedrich, lies mich in den Tagen vor dem Fest nicht mehr los und zwang mich zum ungewöhnlich mehrfachem Lesen. Ein mutiger Mann. Pastor, Politiker, Philosoph, überzeugter Lutheraner, Mensch. Zeigt in seinen Erinnerungen, dass Freiheit wie in Goethes „Faust“ immer wieder neu errungen, gefunden und „erobert“ werden muss. Als frei-williger Akt des Aufgehens in seiner Arbeit, seiner Tätigkeit, seinem „Job“.

    Als ich ihn einmal kurz sprechen konnte, fügte Schorlemmer hinzu, dass sie natürlich so bezahlt werden muss, dass der Mensch in Würde leben kann. Dieses unantastbare Recht sei die Voraussetzung, um Bildung im Sinne wahrhafter „Bildung eines Charakters“ und damit die einem innwohnende Fähigkeit zum Gebrauch von Freiheit zu entfalten. Er verwies auf Matthäus 20: „Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg“.

    Klar sehen und doch hoffen. Man sieht klar, dass viele, einige, wenige (?) Menschen weit davon entfernt sind, ihre Freiheit zu finden, ja sie überhaupt erkämpfen zu können. Wie viele träumen von dieser Freiheit, sich selbst in eine Aufgabe begeben zu können, die sie so ausfüllt, dass sie sich „lebenslang bilden“ wollen? Erschöpft sind wir jetzt zu Weihnachten, „chillen“, wie meine Schüler sagen oder lassen einfach mal alle viere „gerade sein“.

    Im neuen Jahr fängt alles wieder an. Neu. Was gilt es anders zu handhaben? Wovon träume ich? Von einer selbstbewussten Stadt voller selbstbewusster Menschen an meinem Gymnasium und darüber hinaus; von jungen Menschen, die so viel Bildung mitbringen, dass sie anderen von ihrer Kraft geben können.

    Das ist eine Aufgabe. Ich kenne einige, die sie verstanden haben, die Worte meines „Meisters“ und Namensgeber meiner Schule … Anmerkung zum 23. Brief zur „Ästhetischen Erziehung des Menschen“: „Ein edler Geist begnügt sich nicht damit, selbst frei zu sein, er muss alles andere um sich her, auch das Leblose in Freiheit setzen.“ Mehr „edle Geister“. In meiner Stadt. Davon träume ich.“

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