Sachsens „Oberschule“: Das Bildungsprojekt der Staatsregierung ist wieder nicht mehr als eine Worthülse

"Die von der FDP hochgelobte Umwandlung der Mittelschule in eine sogenannte Oberschule bedeutet nichts anderes, als dass die Türschilder, Schulstempel, Briefköpfe und dergleichen für viel Geld ausgetauscht werden müssen. Das heißt: Kein Geld für Lernmittel, aber unsinnige Mehrausgaben für eine FDP-Luftblase", kritisiert die Landtagsabgeordnete der SPD, Eva-Maria Stange, das Wunderprojekt der sächsischen Staatsregierung, das da "Oberschule" heißen soll.
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„Aus mehreren Kleinen Anfragen, die ich der Staatsregierung zur ?Oberschule? gestellt habe, geht hervor, dass eine Änderung des Schulgesetzes zur Einführung der Bezeichnung ?Oberschule? derzeit nicht geplant sei. Damit bleibt die Oberschule eine Worthülse“, summiert Stange das, was ihr nun drei kleine Anfragen als Ergebnis aufgezeigt haben. „Die geplante Einführung von zusätzlichen Leistungskursen für ?besonders lernbereite? Schüler in Klasse 5 und 6 schwächt die Mittelschule weiter durch eine faktische frühzeitige Einführung der Dreigliedrigkeit. Statt mit dem Ausbau der Ganztagsangebote jedem Schüler eine bessere Förderung entsprechend seiner Fähigkeiten und Interessen zuteilwerden zu lassen, werden die wenigen zusätzlichen Lehrerstellen allein zur weiteren Leistungsspaltung in den Mittelschulen eingesetzt.“

Wobei die Antworten von Kultusministerin Brunhilde Kurth auch zeigen, mit wie lächerlich wenigen Mitteln die sächsische Staatsregierung glaubt, die Mittelschule leistungsmäßig aufwerten zu können. Ganze 55 zusätzliche Planstellen sollen dafür in ganz Sachsen zur Verfügung gestellt werden. Bei 336 Mittelschulen in ganz Sachsen? – Ein Witz. Genauso wie die 1 Million Euro zusätzlich pro Jahr. Da kichern sich selbst die schlechten Mathematikschüler eins: Das sind gerade einmal 2.976 Euro pro Schule. Davon kann man Blumen kaufen aber keinen Unterricht ausweiten.

Und ausgeweitet werden soll er ja, wie Brunhilde Kurth bestätigt: mit der „Einführung von Leistungsgruppen in den Klassenstufen 5 und 6“, einem „flächendeckenden Angebot der zweiten Fremdsprache ab Klassenstufe 6“ und einer „Intensivierung der Berufs- und Studienorientierung / individuellen Förderung“. Schon das Wort „flächendeckend“ macht stutzig. Mit 55 zusätzlichen Lehrkräften?

Schon jetzt haben Schulen in ganz Sachsen Probleme, eine zweite Fremdsprache anzubieten, weil die dazu ausgebildeten Lehrer fehlen. Oder will man die Schüler und Lehrer weiter mit einer fehlenden Wahlfreiheit konfrontieren und ihnen Russisch-Unterricht anbieten, weil Englisch- und Französischlehrer nicht aufzutreiben sind?

Stange: „Auch das zusätzliche Angebot für die zweite Fremdsprache ab Klasse 6 an den Mittelschulen ist halbherzig. Während die Gymnasiasten in Klasse 6 bereits vier Stunden lernen, wird es für die Mittelschüler nur drei Stunden geben. Damit sind die Lücken beim Übergang eines Mittelschülers nach Klasse 6 an das Gymnasium vorgezeichnet. Das ist und bleibt Stückwerk!“Und zur Berufsorientierung hat sie extra nachgefragt. Viele Schüler haben das Problem, dass sie selbst zum Ende ihrer Schulzeit nicht mal wissen, welche beruflichen Perspektiven ihre Heimatregion bietet und welche schulischen Vorleistungen dazu notwendig sind. Aber laut Brunhild Kurth hat man dazu noch nicht einmal Konzepte entwickelt und Partner gebunden.

„Keine Aussage kann das Ministerium zum angekündigten Ausbau der Berufs- und Studienorientierung an der sogenannten Oberschule treffen. Altbekanntes wird aufgekocht. Neues sucht man vergebens“, so Stange.

Sie hätte auch sagen können: Es ist ein Tanz um den heißen Brei. Denn ein Wort hat die sächsische FDP, als sie ihr Markenprodukt „Oberschule“ in den Koalitionsvertrag schrieb, wohlweislich weggelassen: polytechnisch. Denn anders macht eine solche Reform keinen Sinn, wenn die Praxisorientierung wieder im Unterrichtskanon verankert werden soll. Aber die Polytechnische Oberschule ist ja ein Teufelswerk aus der DDR. Übrigens genauso, wie jüngst noch die Großdenker der Nation auch Kindergarten und Kinderkrippe als Teufelswerk verdammten.

Dass Ideologie und Wehrkunde in keiner Schule etwas zu suchen haben – keine Frage. Aber selbst die Wirtschaftskammern drängen seit Jahren darauf, dass sie von der sächsischen Bildungspolitik wieder praxistauglich Ausgebildete mit technischer Grundausbildung bekommen. Mitsamt einer Senkung der Abbruchquote auf das Maß, das die weiland so schnell abgeschaffte POS nachhaltig schaffte – halb so hoch wie die jetzt produzierten 10 Prozent.

„Insgesamt bleibt der Versuch, das FDP-Label Oberschule als Weiterentwicklung der Mittelschule zu verkaufen, ein hilfloses Unterfangen. Damit wird es nicht gelingen, auch nur einen einzigen Schüler, der heute die Schule ohne oder mit einem unzureichenden Schulabschluss verlässt, erfolgreich zu fördern. Das scheint der FDP und letztlich der Koalition auch keine Anstrengung wert zu sein“, sagt Stange.

Etikettenschwindel nennt man so etwas. Arbeitsverweigerung sowieso. Denn über drei Jahre hatten die Dresdner Koalitionäre nun Zeit, das Projekt „Oberschule“ auch strukturell zu untersetzen. Aber selbst die drei kleinen Anfragen zeigen schon: Dazu hätte man von der sinnlosen Sparpolitik bei Lehrern Abschied nehmen müssen. Ob die 55 zusätzlichen Planstellen so umgesetzt werden wie gedacht, darf sogar bezweifelt werden, denn sie werden zur Absicherung des bisherigen Fächerkanons dringend gebraucht.

Die Antworten der sächsischen Staatsregierung auf die Kleinen Anfragen der Abgeordneten Dr. Eva-Maria Stange:

„Verstärkte Berufsorientierung an der Oberschule“ als PDF zum download.

„Rechtliche Grundlagen der Weiterentwicklung der Mittelschule zur Oberschule“ als PDF zum download.

„Stundentafel der Oberschule“ als PDF zum download.


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Am 24. und 25. Oktober im Westflügel Leipzig: Einmal Schneewittchen, bitte
Foto: Daniel Wagner

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