Mit einer Unterrichtsausfallstatistik für Sachsen hat der Landesschülerrat das Thema im letzten Jahr erstmals mit Zahlen untersetzt. Nicht allumfassend. Dazu hat er leider nicht die Ressourcen. Aber auch die damals schon gesammelten Fragebögen machten deutlich, wie groß das Problem an Sachsens Schulen schon ist. Das Fehlen von Hunderten Lehrern kann schon längst nicht mehr kompensiert werden. Die von Kultusministerin Brunhild Kurth organisierten kurzfristigen Maßnahmen haben nur eine leichte Entspannung gebracht.

Am Freitag, 26. April, trat der LandesSchülerRat Sachsen (LSR Sachsen) vor die Landespressekonferenz und bezog Stellung zur veröffentlichten zweiten Ausfallstatistik und dem Problem des Losverfahrens.

“Im Vergleich zur ersten Erhebung des Unterrichtsausfalls im Juni 2012 sind die Ausfallzahlen zur zweiten Statistik gesunken, aber sie sind nach wie vor zu hoch. Bei der erneuten Erfassung vom 26.11. bis 07.12.2012 haben wir über einen längeren Zeitraum erfasst und den Ausfall des Weiteren fächerspezifisch erhoben. Dennoch sprechen wir nicht von einem repräsentativen Ergebnis, sondern von einer umfassenden Stichprobe. Die Zahlen unserer Ausfallstatistik nähern sich denen des SMK an, aber liegen immer noch darüber. Besonders in den Mittelschulen und Förderschulen ist der Unterrichtsausfall sehr hoch. Hier besteht akuter Handlungsbedarf”, erklärt Tim Börrnert, Vorstandsmitglied LSR Sachsen, welcher der Hauptverantwortliche für die Auswertung der zweiten Ausfallstatistik war.

Zum Thema “Losverfahren an sächsischen Schulen” sagte Konrad Degen, Vorsitzender LSR Sachsen, “Die Losfee hat wieder zugeschlagen und wir können nur hoffen, dass dies eine Ausnahme bleibt. Es gibt nichts, was schülerunfreundlicher ist, als eine Fremdsprache zu lernen, welche man nicht lernen will.”

Wo die gewünschte zweite Fremdsprache nicht für alle Schüler gewährleistet werden kann, weil die notwendigen Fachlehrer fehlen, sorgt seit einiger Zeit ein Losverfahren dafür, die begehrten Plätze zu verteilen. Degen: “Planungstechnische Bedürfnisse der Staatsregierung dürfen nicht über den Schülerinteressen stehen. Statt das Losverfahren anzuwenden, müssen die Schulen stärker kooperieren und schulübergreifende Sprachklassen bilden. Auch klassenstufenübergreifender Unterricht ist eine Möglichkeit, welche nicht optimal, aber angenehmer und fairer ist, als ein Los.”

Der LSR Sachsen kritisiert außerdem, dass wir an Mittelschulen und Förderschulen einerseits den höchsten Unterrichtsausfall haben, aber andererseits bei diesen Schularten die Bewerberzahlen am niedrigsten sind. “Dem kann man nur entgegenwirken, indem man den Lehrerberuf attraktiver gestaltet. Eine höhere Eingruppierung auf das Gymnasialniveau muss der Anspruch sein. Hier ist der Finanzminister gefordert, dies in den Verhandlungen mit den Lehrern zu ermöglichen”, so Degen abschließend.Aber nicht nur nach Schultypen hat der LSR die eingesandten 85 Fragebögen ausgewertet, sondern auch nach Kreisen und Städten. Der Wert von 10,19 Prozent nicht-ordnungsgemäßer Unterricht kaschiert, dass darin teilweise fachfremde Vertretung zu finden ist, aber auch ein Komplettausfall. Und der lag mit 9,84 Prozent im Direktionsbezirk Leipzig noch einmal höher als in der Befragung Anfang 2012 (8,06 Prozent). Auch im Raum Chemnitz hat sich der Wert leicht auf 6,53 Prozent erhöht, im Direktionsbezirk Dresden ist er leicht gesunken auf 7,72 Prozent.

Und am häufigsten gestrichen wurden dabei folgende Fächer: GRW bzw. Gemeinschaftskunde, Kunst, Geografie, Religion/Ethik und Biologie.

In der Auswertung zur Stadt Leipzig, wo es sieben Fragebögen auszuwerten gab, taucht der hohe Wert an Unterrichtsausfall wieder auf: 9,01 Prozent. Wirklich ordnungsgemäß stattgefunden haben nur 86,75 Prozent der ausgewerteten Stunden. Alle immer mit der Einschränkung, dass es eine Stichprobe ist. Das kann einzelne Werte verzerren. Aber das Grundproblem ist überall in Sachsen sichtbar: Es fehlen die Lehrer und durchschnittlich 10 Prozent des Unterrichts können nicht mehr ordnungsgemäß von ausgebildeten Fachkräften abgesichert werden.

Dr. Eva-Maria Stange, stellvertretende Vorsitzende und bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Sächsischen Landtag, kommentiert die Zahlen so: “Entgegen allen Ankündigungen gelingt es der Staatsregierung nicht, den Unterricht in diesem Jahr zu sichern. Auch die heute von den Schülern vorgelegte Statistik bestätigt, dass der Unterrichtsausfall im ersten Halbjahr 2012/13 bereits höher war, als im Vorjahr. Und dies trotz des hochgelobten Programms ‘Unterrichtssicherung’, mit dem teils nicht als Lehrer qualifiziertes Personal über eine längere Zeit den Unterricht vertritt. Diese Vertretung taucht dann auch in keiner Ausfallstatistik auf.

Im zweiten Schulhalbjahr dürften die Unterrichtsausfälle weiter ansteigen, da weniger Lehrerinnen und Lehrer als im ersten Halbjahr beschäftigt sind. Während noch zu Beginn des Schuljahres 27.340 Lehrerstellen in Vollzeit besetzt waren, sind es seit dem 1.1.2013 lediglich 27.231 (vgl. Antwort des SMK auf Kleine Anfrage Drs. 5/10214). Das SMK hat bereits alle Reserven eingesetzt und lebt von der Substanz, was zu einer weiteren Überlastung der Lehrkräfte führt.”

Für sie ist unübersehbar: “Das Schulsystem ist schon lange nicht mehr ‘auf Kante genäht’. Die Schneiderin hat offenbar zu wenig Stoff eingesetzt und das Stück droht schief zu werden. Wir bleiben dabei: Unterrichtsausfall nicht nur messen, sondern beheben.”

www.lsr-sachsen.de

www.lsr-sachsen.de/2012/09/unterrichtsausfallstatistik-im-freistaat-sachsen

Die Auswertung für Sachsen als PDF zum download.

Die Auswertung für einzelne Kreise als PDF zum download.

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