Sachsens Staatsregierung tut sich schwer mit rassistischen Ansätzen in den Lehrplänen

Auch im sächsischen Lehrplan Biologie des Gymnasiums finden sich rassistische Denkmuster

Für alle LeserNachdem die Landtagsabgeordnete Petra Zais Anfang Januar bekannt gemacht hatte, dass an Sachsens Schulen immer noch rassistisches Lehrmaterial zum Einsatz kommt, erreichten sie dazu zahlreiche Hinweise von Eltern, Schülerinnen und Schüler und Lehrkräften. Denn was sie kritisiert hatte, war nur ein Bruchteil dessen, was in heutigen Lehrmaterialien immer noch an völlig überholten Lehrinhalten mitschwimmt. Irgendjemand hat da ganz unübersehbar Kartoffeln auf den Augen.

Die Antworten von Kultusminister Christian Piwarz (CDU) auf die Kleinen Anfragen von Petra Zais machen für sie deutlich: „Die Staatsregierung muss beim Thema ‚rassistisches Lehrmaterial‘ offenbar zum Jagen getragen werden. Auch 15 Jahre nach Streichung des Begriffes ‚Rasse‘ in Bezug auf den Menschen findet sich in Sachsens Lehrplänen noch immer eine rassistisch konnotierte Einteilung des Menschen.“

In der Antwort auf eine vorherige parlamentarische Anfrage zur Verwendung von rassistischem Lehrmaterial wurde, als Beleg für die Streichung des Begriffes Rasse, lediglich der Lehrplan Biologie der Oberschule zitiert. An vergleichbarer Stelle, im Themenbereich Stammesgeschichte des Menschen, heißt es im Lehrplan Biologie des Gymnasiums jedoch weiterhin: „Merkmale von europiden, negriden und mongoliden Menschen“.

Das heißt: Das Ministerium selbst gibt an einigen Stellen völlig überholte Vorgaben, wie über die Vielfalt der Phänotypen des Menschen im Unterricht gesprochen werden soll. Man fühlt sich um ein komplettes Jahrhundert in die Vergangenheit zurückversetzt.

„Auch diese Einteilung ist rassistisch“, ärgert sich die bildungspolitische Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen. „Kultusminister Piwarz antwortet mit keiner Silbe auf die Frage, wie mit der Kritik umgegangen wird, dass eine solche Einteilung aus wissenschaftlicher Sicht überholt ist und dem Irrglauben Vorschub leistet, es gäbe so etwas wie Menschenrassen. Lieber wird auf die laufende Überarbeitung des Lehrplans verwiesen. Das ist bezeichnend. Das Ministerium scheint sich geradezu ertappt zu fühlen.“

Wobei natürlich die Frage ist: Schreiben die Lehrplan-Macher solche unwissenschaftlichen Altbestände mit Absicht in die Lehrpläne? Oder ist die Lehrplankommission so falsch besetzt, dass sie den Fortschritt der Wissenschaft auch auf anderen Gebieten nicht nachvollziehen kann? Fehlt es an einer externen, objektiven Prüfung? Darauf deutet zumindest in diesem Fall einiges hin.

„Erfreulich ist, dass das rassistische Lehrmaterial aus dem Verkehr gezogen wurde, dessen Verwendung mir von einer Familie Ende letzten Jahres angezeigt wurde. Das ist ein toller Erfolg! Bedenklich ist jedoch, dass dazu erst der Druck einer parlamentarischen Anfrage und eine breite, auch bundesweite Berichterstattung notwendig war“, kommentiert Petra Zais den Vorgang. Was das Erschrecken darüber nicht mindert, dass an anderer Stelle trotzdem noch die Denkweise eines kolonialen Zeitalters Lehrplanstoff ist.

Zais: „Die Meldekette bei solchen Vorfällen funktioniert einfach nicht. Der Kultusminister spricht von der Verantwortung der einzelnen Lehrkraft, der Rolle der Fach- und Gesamtlehrerkonferenz und der Gesamtverantwortung der Schulleitung. Bei Bekanntwerden des Einsatzes von Lernmitteln, die nicht den Vorgaben entsprechen, würden durch die Schulaufsicht ‚angemessene Maßnahmen‘ eingeleitet. Genau das ist im konkreten Fall aber nicht passiert. Gerade weil die Schulbuchzulassung nicht mehr in den Händen der Kultusbehörden liegt, braucht es ein Korrektiv. Ich erwarte zumindest, dass im Kultusministerium eine Stelle geschaffen oder benannt wird, an die man sich in solchen oder ähnlichen Fällen wenden kann. Rassismus hat nirgends einen Platz – erst recht nicht in Lehrplänen oder im Unterricht.“

Aber einige Lehrplanautoren können sich augenscheinlich schwer trennen von den falschen Lerninhalten ihrer Kindheit. Und so steht in Klassenstufe 10 unter der Überschrift „Evolution des Menschen“ tatsächlich noch so etwas wie „überwiegende genetische Gemeinsamkeiten aller Menschen – Artzugehörigkeit“. Es gibt weder menschliche Rassen noch menschliche Arten, lediglich – wie parallel gelehrt – die Anpassung der Menschen an die verschiedenen klimatischen Bedingungen, die sich auch im Phänotyp niederschlagen. Diese „Fehlstelle“ ist deshalb so brisant, weil sie wie selbstverständlich neben wissenschaftlich begründeten Lerninhalten steht – Darwins Evolutionstheorie zum Beispiel und Mendels Vererbungsgesetzen. Die Kinder kommen damit also in Berührung, ohne dass ersichtlich ist, dass es hier auf uralte Abwege geht und Vorurteile bedient werden, die mit wissenschaftlicher Erkenntnis nichts zu tun haben.

Sachsens Kultusminister will keinen Grund sehen, ein rassistisches Themenheft aus den Schulen zu verbannen

Rassistisches Lehrmaterial
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