Caritas-Studie zu Jugendlichen ohne Schulabschluss

Wenn Jugendliche den Schulabschluss nicht schaffen, hat das bildungsfeindliche Schul-Kasten-System versagt

Für alle LeserImmer wieder, wenn ich die Wahlplakate der AfD hängen sehe, kommt mir der Gedanke: Das kann nur das Ergebnis einer völlig vergeigten Bildungspolitik sein. So blöd kann man eigentlich nicht sein, um diesen Schwachsinn zu glauben. Aber scheinbar geht’s doch. Denn unser Bildungssystem ist nicht darauf angelegt, junge Menschen zum Selberdenken und Problemlösen anzuregen. Im Gegenteil: Es erzieht Konsumenten, Duckmäuser und produziert systematisch Bildungsverlierer. Letzteres belegen neue Zahlen der Caritas.

Mehr als 52.000 Jugendliche in Deutschland haben 2017 die Schule ohne Hauptschulabschluss verlassen. Das sind 5.000 mehr als zwei Jahre zuvor. Dies geht aus der aktuellen Studie des Deutschen Caritasverbandes „Bildungschancen vor Ort“ hervor. Die Caritas richtet damit den Blick auf junge Menschen, die kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben.

Die Caritas wertet die Daten der Abgänger ohne Schulabschluss seit 2012 jährlich bis auf die Kreisebene hinunter aus. Mit einem Jahr Pause konnten die Zahlen der Bildungschancen-Studie 2019 aktualisiert werden. Ergebnis: Die Quote stieg bundesweit von 5,9 Prozent im Jahr 2015 auf 6,9 Prozent. Auch in den Bundesländern und in den meisten Kreisen und Kreisfreien Städten sind die Quoten angestiegen, allerdings auf unterschiedlichem Niveau.

Zahlen auch in Sachsen gestiegen – Quoten in Chemnitz und Leipzig am höchsten

Auch in Sachsen ist die Zahl der Schüler ohne Abschluss gestiegen. Die Quote lag 2017 bei 8,3 Prozent (2015: 7,55 Prozent). Den größten Anteil daran haben ausländische Schüler mit 5,31 Prozent. 2015 lag diese Quote noch bei 3 Prozent. Am größten ist Zahl der Schüler ohne Abschluss in Chemnitz-Stadt mit 13,4 Prozent, gefolgt von Leipzig-Stadt mit 10,2 Prozent und dem Landkreis Sächsische Schweiz/Osterzgebirge mit 9,6 Prozent. Am niedrigsten ist die Quote im Vogtlandkreis mit 5,6 Prozent.

Zuwanderung erschwert Vergleiche

Zuwanderung ist einer der Erklärungsfaktoren für die gestiegenen Zahlen. Für viele der zugewanderten Jugendlichen ist es schwer, gleichzeitig die Sprache zu lernen und einen Schulabschluss zu erzielen. Auch die schulische Vorbildung der Jugendlichen ist sehr unterschiedlich. Hinzu kommt, dass insbesondere geflüchtete Kinder und Jugendliche meist nicht sofort einen Zugang zum deutschen Bildungssystem bekommen.

Aufgrund der Extrasituation, die sich durch die Zuwanderung der letzten Jahre ergeben hat, sind Vergleiche zwischen den Bundesländern oder auch zwischen den Kreisen schwierig: Die Regelungen zur Beschulung zugewanderter Kinder und Jugendlicher sind in den Bundesländern unterschiedlich und die Umsetzung in den Kommunen ist es auch. Zudem verteilt sich die Zuwanderung unterschiedlich auf Bundesländer und Kreise. Nicht zuletzt werden die Abschlüsse der Zugewanderten teils unterschiedlich statistisch erfasst.

Um die Ergebnisse der Bildungschancen-Studie 2019 einzuschätzen und in ihren Auswirkungen zu verstehen, muss deshalb noch genauer als bisher auf die Gegebenheiten vor Ort geschaut werden, kommentiert die Caritas die Ergebnisse.

Starre Systeme produzieren Bildungsverlierer

Die Einschätzung der Caritas greift freilich zu kurz. Denn es ist auch so nicht erklärlich, warum das sächsische Bildungssystem so systematisch Schulabgänger produziert, die den Hauptschulabschluss nicht schaffen. Da versagt ein System, das Bildung eben nicht als Prozess begreift, als eine Befähigung junger Menschen dazu, ihre Fähigkeiten zu entfalten.

Das trifft nicht nur auf die Kinder zu, die den Schulabschluss nicht schaffen. Das trifft auch auf Tausende zu, die von ihren Ausbildern in der Berufsbildung trotz Schulabschluss als nicht ausbildbar eingeschätzt werden. Sie haben zwar irgendwie das Auswendiglernen in der Schule hinbekommen, scheitern aber schon an den geringsten Herausforderungen und Variablen im „richtigen“ Leben. Sie haben gelernt, dass man Bildung konsumiert, aber nicht, dass sie ein Training der eigenen kognitiven Fähigkeiten ist. Sein müsste. Gute Lehrer/-innen wissen das.

Nicht die Ausländer sind das Problem, sondern bildungsfeindliche Politiker

Und sie wissen auch, dass es eigentlich egal ist, welche Herkunft die Kinder haben, wenn sie in den Stunden nur genug Freiraum haben, mit den Kindern zu arbeiten und vor allem: Die Kinder selbst aktiv werden zu lassen.

Jede Untersuchung zu frühkindlicher Bildung bestätigt: Kinder wollen lernen. Ihr junges, hungriges Gehirn ist darauf geeicht. Und trotzdem werden sie in einem starren Schulsystem frühzeitig demotiviert.

Dass die Kinder aus anderen Ländern in der Schule überhaupt kein Problem sind, schildert Thembi Wolf in einem sehr emotionalen Beitrag bei „bento“. Sie hätte ihr Kind auch lieber in eine andere Schule mit weniger Kindern mit Migrationshintergrund gegeben. Diese Vorurteile stecken tief. Unsere ganze Gesellschaft ist davon durchdrungen – lauter Angst vor diesen fremden Kindern, lauter Verachtung und Misstrauen. Dass das ganz anders läuft, wenn die Kinder tatsächlich miteinander lernen, schildert Wolf sehr eindrucksvoll. Man bekommt so eine Ahnung, wie Schule sein könnte, wenn tatsächlich das Lernen und Hürdenüberwinden zentrales Anliegen wäre, das Erobern neuer Fertigkeiten, einer neuen Sprache und sozialer Kompetenzen.

Wo diese Fähigkeiten entwickelt werden können und dürfen, schaffen auch Kinder mit Einstiegsproblemen, ihre Leistung zu steigern und das Niveau der anderen Kinder zu erreichen. Sie müssen nur deutlich mehr dafür ackern.

Aber das wäre eine kooperative Schule, eine, die den Menschen in seinem Wunsch zum Lernen und Besserwerden respektiert.

Nicht so eine Aussiebesystem wie in Sachsen, das die Verachtung für „Minderleister“ schon früh in die Köpfe der jungen Menschen pflanzt.

Und dann schaut man sich die ganzen verachtenden und hochnäsigen Plakate der AfD an und weiß eigentlich: Genau das ist die Folge: Verachtung, Ausgrenzung und eine Überheblichkeit, die nicht auf Bildung beruht, sondern auf antrainierter Einbildung, etwas Besseres zu sein als „die da“.

Sächsisches Sparschulsystem macht Migrantenkindern einen Bildungserfolg richtig sauer

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