Es ist ein ehrgeiziges Projekt, dieses Magazin für Wirtschaft und Kultur aus Mitteldeutschland namens "Regjo", das dieser Tage in seiner 35. Ausgabe erschien mit dem Leitmotiv "Arbeitskultur". Ein Thema, das Spannung verspricht. Wird "Regjo" nun so etwas wie ein "Brand Eins" für Mitteldeutschland?

Denn unübersehbar fehlt da was in der Wirtschaftsberichterstattung aus den Bundesländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen: das öffentliche Nachdenken über Lebens- und Arbeitswelten. Die kleinteilige Berichterstattung ist da, die Jubelberichterstattung über Großprojekte auch, die üblichen Worthülsen über die Rahmenbedingungen der Politik gibt es zuhauf. Aber eine wirkliche Diskussion über den Sinn, den Wert und die Gestaltung von Arbeit gibt es nicht.

Natürlich ist es ein ehrgeiziges Thema, das sich die “Regjo”-Mannschaft da gesetzt hat. Und schon vorab machten sie neugierig – auf ein Interview mit dem sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich (CDU), auf die Mindestlohndiskussion, den City-Tunnel … Ist auch alles drin im Heft. Samt dem versprochenen Artikel “Arbeit in Bewegung” über die Ausstellung im Chemnitzer Industriemuseum “Geschichte der Arbeiterbewegung 1863 – 2013”.

Es gibt auch jene Artikel, die logischerweise zum Thema gehören, wenn man moderne Arbeitswelten betrachtet – ein Beitrag zur Kammer-Umfrage zur Familienfreundlichkeit in sächsischen Unternehmen und ihren Problemen damit steht genauso im Heft wie die Frage nach dem eigenen Leistungsanspruch in immer mehr selbst definierten Arbeitsbedingungen. Da könnte es spannend werden, denn es ist eine immer wichtigere Frage, wenn Arbeit immer öfter selbst organisiert wird – logische Folge von zunehmender Selbst-Ständigkeit, Flexibilität und Mobilität. Aber ist das nur ein Thema für Psychotherapeuten und Berater? – Einige Artikel rund um das Thema Leben / Arbeit hat die Redaktion versucht, mit solchen externen Beratern zu beleuchten.

Aber dabei wird wieder nur deutlich, dass sich zwar eine blühende Beraterindustrie entwickelt hat, die dort Angebote schafft, wo die Betroffenen mit Leistungserwartung und Leistungsdruck nicht mehr allein zu Rande kommen. Aber umso deutlicher wird das Fehlende. Das auch im Interview mit Tillich fehlt, das nicht wirklich wie ein Interview mit einem lebendigen Menschen aussieht, eher wie ein aus Bausteinen zusammengesetztes Werk aus dem Sekretariat, das dann nur noch vom großen Chef abgesegnet wurde. Es sei denn, Sachsens Ministerpräsident redet wirklich in solchen Phrasen – dann wird’s ganz problematisch.

Wenn es so ist, macht es freilich auch deutlich, aus welcher abgehobenen Warte in Sachsen Wirtschaftspolitik gemacht wird. Da ist nichts, was den Ministerpräsidenten aufregt, was ihm auf den Nägeln oder der Seele brennt. Oder wohl besser dem Mann, der das Ganze formuliert und dann zur Unterschrift dem MP vorgelegt hat. Das geht bis zur letzten, der eigentlichen Frage, wo Tobias Prüwer und Franziska Reif direkt danach fragen, wie Tillich Arbeit und Leben in Balance bringt. Tatsächlich weicht er aus und reduziert das Ganze auf das Nebeneinander von Arbeit und Freizeit. Da, wo es also spannend hätte werden können, endet es in der keineswegs berauschenden Aussage: “Neben meiner Arbeit nehme ich mir so viel Zeit wie möglich für meine Familie und meine Freunde.”

Dass er so kurz davonkommt, liegt wohl auch daran, dass die beiden Interviewer zu viel in ein Interview zu packen versuchten – vom Standortwettbewerb bis zum Mindestlohn und dem Fachkräftemangel.

Und so ähnlich ist es mit dem ganzen “Regjo”-Heft. Das Thema Mindestlohn wird auch nicht wirklich diskutiert, sondern ist nur mit vier Statements zum Auftakt präsent – den bekannten aus der Wirtschaft – aber auch einem klugen Beitrag von Prof. Dr. Oliver Holtemöller vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), der gleich mit der Aussage einsteigt: “Löhne sind aus ökonomischer Sicht dann zu niedrig, wenn Arbeitgeber ihre Marktmacht ausspielen können.” Das Statement hätte eigentlich in eine große Geschichte münden müssen, in der das Thema Mindestlohn wirklich einmal wissenschaftlich beleuchtet wird. Dann bleibt es nämlich nicht bei den starren 8,50 Euro, sondern es muss über Gleichgewichte gesprochen werden, den Wert von Arbeit, die Rolle von Qualifikationen, über Produktivität … Nicht nur über die allgemeine Produktivität von 79,4 Prozent, von der Stanislaw Tillich redet, als wäre damit auch nur das Geringste über Wirtschaft im Osten gesagt. Dass der Faktor nur bei 79,4 Prozent der westdeutschen Produktivität liegt, hat nichts mit Arbeitsleistung zu tun, sondern vor allem mit der starken Dominanz von Dienstleistung im Osten – und dem starken Fehlen von produzierendem Gewerbe.
Ein Punkt, an dem jeder vernünftige Interviewer bei Tillich nachgehakt hätte. Aber der geht im Interview gleich floskelhaft über zu “Für erfolgreiche Arbeit sollte auch ein fairer Lohn gezahlt werden.” Auch wieder ein Punkt zum Nachhaken. Weil das aber einfach so da steht, bestärkt es die Vermutung, dass hinter dem Interview kein echtes Gespräch steckt. Wie gesagt: Das ist jammerschade. Denn gerade weil die mitteldeutsche Wirtschaft noch längst nicht selbsttragend ist, sollten auch die Ministerpräsidenten wesentlich intensiver im Dialog stehen über die brennenden Probleme der Region.

Tillich betont zwar auch, man arbeite länderübergreifend an wichtigen gemeinsamen Themen. Aber dass trotzdem zumeist jede Landesregierung viel Zeit und Kraft in Sonderprojekte ohne viel Erfolg auf Umsetzung steckt, zeigt exemplarisch der Beitrag über die “Hafenhinterlandkonferenz”, die im November in Magdeburg stattfand, die in die Forderung mündete, die EU solle den Ausbau der Elbe als “transnationalen Korridor” fördern. Man will die Elbe gern zur Frachtstraße ausbauen – wie das bei Rhein und Donau schon ist. Doch die Elbe hat das Problem, dass sie wegen Niedrigwasser gerade in den Sommermonaten an vielen Tagen nicht schiffbar ist. Das kann nur teilweise durch milliardenteure Flussausbauten und die Schaffung von Staustufen behoben werden. Eine Investition, vor der auch der Bund zurückscheut, weil die Investitionshöhe den möglichen wirtschaftlichen Effekt nicht ansatzweise rechtfertigt.

Manfred Schulze geht in seinem Beitrag auch darauf ein, dass die mitteldeutsche Region in Wirklichkeit kein logistisches Problem hat, sondern durch Straße und Schiene in vielen Teilen sogar besser vernetzt ist als viele Regionen im Westen der Republik – mit dem Extra-Vorteil, dass die Transporteure nicht schon morgens an der Autobahnauffahrt im Stau stehen. “Schnelle Trassen in alle Richtungen” gibt es also. Seit Dezember gehört ja auch das Mitteldeutsche S-Bahn-Netz samt Citytunnel dazu, auf das Helge Heinz-Heinker ein kleines Jubellied singt – der natürlich einen kleinen vorsichtigen Schlenker nicht ausspart, denn das S-Bahn-Netz muss sich einfügen in eine “mitteldeutsche Infrastruktur”.

Was natürlich auch ein anderes Denken für diese Struktur braucht – auch auf politischer Ebene. Ein vernetztes Denken, das alle, wirklich alle politischen Themen auch in dieser Struktur denkt. Und da hapert es ja sichtlich. Auch in diesem mit 112 Seiten wieder recht umfangreichen Heft. Da stehen Firmen- und Unternehmerporträts neben Berichten über Einzelinitiativen und einzelne touristische Destinationen. Aber wie fließt das zusammen? Wie wird ein Mega-Thema wie “Arbeitskultur” auch zum Diskussionsstoff in so einem Heft? – Es ist ein wenig wie auch bei den Themenheften zuvor: Man wünschte sich, das lieber zwei, drei Dutzend der kleinen bunten Artikel aus dem Heft flögen und dafür wirklich Platz wäre für große Reportagen und Analysen.

Auch ruhig mit einem ausgiebig interviewten Ministerpräsidenten, der mal nicht das Zeug redet, das seine Pressestelle sonst so produziert. Mit Wissenschaftlern, die sich mit modernen Themen der Arbeitswelt beschäftigen – von der Organisation über die Soziologie, Vernetzung, Zeitmanagement bis hin zur Mobilität. Die Themen schreien ja geradezu nach Berücksichtigung, wenn man von “Arbeitskultur” spricht. Und die (nicht beantwortete) Frage an Tillich zeigte ja, wo der Hase im Pfeffer liegt: dass die Arbeitswelt nach all der Rationalisierung und reinen Effizienzdebatte nicht mehr als eine Lebenswelt begriffen wird. Nicht mehr als Ort von Identifikation, Kreativität, Sozialerfahrung. Auch da schreien die Themen nach Aufmerksamkeit.

Vielleicht sollte sich die Redaktionsmannschaft des “Regjo” künftig wirklich vor der Heftplanung die Zeit nehmen, das Magazin kräftig zu entrümpeln und Raum zu schaffen für wirklich große und neue Geschichten.

www.regjo-mitteldeutschland.de

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