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Wenn’s knirscht im Winterwald: Die L-IZ feiert jetzt Advent

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    Heute ist ein bisschen Advent auf der L-IZ. Ganz klassischer Advent, wie er früher einmal war, als der Weihnachtsmann noch alle (kaputten) Spielsachen einsammelte, damit sie zur Bescherung wieder heil und wie neu die Kinderherzen klopfen ließen: "Alle Puppen sind verschwunden, hab nicht mal mal den Bär gefunden ..." Bei uns sind es nur Artikel. Aber Bescherung ist ja gleich. Es handelt sich nur noch um Stunden, 48 oder so. Das ist die schönste Zeit im Advent: Man hat endlich mal Zeit, zur Besinnung zu kommen.

    Dafür haben wir uns nicht wirklich die Ruhe genommen in den vergangenen zehn Jahren. Dazu war immer zu viel zu tun. Selbst in der Weihnachtszeit. Geschichten steckten in der Quengelzone und wollten unbedingt mitgenommen werden, wichtige Geschichten, skurrile Geschichten, schöne Geschichten. Journalisten stehen ja nicht unter Zeitdruck, weil die Welt unbedingt ein Bombardement aus News braucht.

    Ein Wort, das man mit den deutschen Nachrichten gar nicht übersetzen kann. Dazu sind Nachrichten viel zu gemütlich. Sie stammen noch aus einer Zeit, als das Tempo eines Rollwagens vollkommen ausreichte und sich die Leute am Ende der Reise trotzdem bannig freuten, dass einer neue Nachrichten aus dem fernen Köln, aus Schwaben oder gar aus Burgund mitbrachte. Konnten auch blutige und schreckliche Nachrichten sein. Man staunte und wartete dann gebannt auf den nächsten Kaufmann, der aus der Ecke die Straße lang kam.

    News, das ist das, was heute draus geworden ist, wo sich die Zeitspanne zwischen Ereignis und Meldung auf Minuten und Sekunden reduziert hat und der Melder noch nicht mal ausgesprochen hat, da kommt schon die nächste Aktualisierung. Seit dem 11. September wisssen eigentlich alle News-Junkies, was es bedeutet, „live dabei“ zu sein und doch nichts ändern zu können, außer mitzufiebern, sich zu ängstigen und doch nicht loszukommen vom Fernseher oder vom PC. Hinter der Angst, betroffen zu sein, brodelt die Angst, etwas zu verpassen.

    War das unser Beweggrund, 2004 einfach loszulegen und eine Zeitung für Leipzig im Internet zu machen? Wollten wir „News“ hinterher jagen?

    Nein. Wollten wir nicht. „News“ sind nur Geräusche. Ohne Muster, ohne Wert, wenn man sie nicht einordnet in Zusammenhänge, Muster, Strukturen.

    Dutzende, wahrscheinlich sogar tausende großer Portale im Internet beschäftigen sich mit nichts anderem, spülen die Kanäle voll mit „News“. Überbieten sich gegenseitig in der Hatz. Jeder will der schnellste sein.

    Wir nicht.

    Denn auch schon vor 2004 hatte diese Stadt ein Problem: Es gab nur noch „News“-Maker – damals noch nicht mal im Internet. Sondern reineweg auf Papier, im Radio und im Fernsehen. Das machte die Leipziger Medienlandschaft damals schon dröge. Auf eine nicht auszuhaltende Art. Wer Zusammenhänge verstehen wollte, bekam sie nirgends.

    Wollte überhaupt noch jemand Zusammenhänge?

    Wir schon. Denn einige von uns waren mit dem aufgewachsen, was sich in Leipzig heute immer noch Medienlandschaft nennt. Und keine ist. Es steht zwar Medien drauf und es arbeiten dort eine Menge Leute (für meistens saumäßige Honorare), aber es steckt von dem, was wir mal gelernt haben, was Leser und Zuschauer eigentlich erwarten dürften, nichts mehr drin. Man konnte anschalten oder es bleiben lassen – man hatte nichts verpasst. Man konnte sich die kostenlosen Druckerzeugnisse nehmen oder sich ein Abonnement für die anderen besorgen – dann hatte man zwar Papier in der Hand und bekam doch nichts in die Hand, was das Leben und Treiben der Stadt irgendwo greifbarer machte. Im Gegenteil. Das Leseerlebnis war ein zutiefst deprimierendes. Nicht einmal die Stadtpolitik hatte Geschichte. Alles geschah jetzt, ganz spektakulär, skandalös und ungemein wichtig.

    Und am nächsten Tag war es vergessen. Da war anderes spektakulär, skandalös und ungemein wichtig. Auch wenn es nur die Wahl einer Miss Autohaus, eine Tombola im Einkaufszentrum oder der heldenhafte Banddurchschnitt für ein neues Nobelrestaurant war.

    So kann man Journalismus machen.

    So wollten wir keinen Journalismus machen.

    Also legten wir los, bauten unser erstes Redaktionssystem zusammen und begannen über die Dinge zu berichten, die wir wichtig finden in dieser Stadt. Und nicht nur das. Wer dabei war als Leser von der ersten Stunde oder vom ersten Jahr an, der weiß, wie wir begannen, die Dinge weiterzuerzählen. Nicht stehenzubleiben beim breitbrüstigen „So isses.“

    Weil wir eins gelernt hatten in den Jahren davor: So, wie es aussieht, ist es nie.

    Das ist das Problem an „News“. Sie zeigen nur den Augenblick, nie die Geschichte dahinter.

    Wir haben all die Jahre nichts anderes gemacht. Immer weiter erzählt, nachgefragt, nach den Geschichten hinter dem schönen Moment gesucht. Und sie in der Regel auch gefunden. Oder ihre Spur. Und wir haben die Erzählungen verbunden. Verlinkt, wie das im Internet so schön heißt. Wer wollte, konnte sich aus dem jüngsten Kapitel der Geschichte immer weiter hineinlesen in die Kapitel davor. Wer wollte, konnte den Kosmos sehen, der auf diese Weise entstand.

    Das schreibe ich hier in der Vergangenheitsform. Denn wir haben ja Advent. Die Puppen sind verschwunden. Stecken irgendwo im überforderten System, das schon eine Weile danach schreit, endlich in den Ruhestand zu dürfen. Bald ist es so weit. Und dann wird man den Kosmos auch wieder sehen dürfen. Wenn man will.

    Nicht jeder will.
    Wer in den letzten Monaten die Kommentarspalten unter vielen unserer Geschichten las, der hat es ja sehen können: Es gibt auch Menschen, die nicht wissen wollen, wie alles zusammenhängt. Nicht nur in Frankreich. Auch bei uns. Menschen, die gern ganz einfache Wahrheiten haben möchten, endgültige erst recht. Und die dann wollen, dass man ihre Wahrheiten bitteschön akzeptiert. Sonst …

    Nö.

    Weil wir wissen, was es heißt, „Charlie“ zu sein. Nicht ganz so frech. Aber mit derselben Motivation: absolute Wahrheiten immer wieder zu hinterfragen und herauszufinden, was an ihnen nicht stimmt. Nicht die „News“ sind der Journalismus. Die sind nur das Konfetti. Die Arbeit fängt dahinter an. Und das ist unbequem. Nicht nur für Leute wie uns, die sich die Hacken ablaufen, die Finger wundschreiben und auch oft genug die Nächte dranhängen, weil eine Geschichte wichtig ist, erzählt zu werden. Oder weiter erzählt zu werden.

    Unbequem ist das auch für alle, die nun nach 24 Jahren Eiapopeia zu wissen glauben, wie einfach und oberflächlich die Welt ist. Ihre Welt.

    Und die nicht unbedingt erfahren wollen, dass auch ihre Welt nicht so einfach ist. Und alternativlos schon gar nicht.

    Wir haben das jetzt über zehn Jahre gemacht. Mit viel zu wenigen Leuten. Die Themen, die wir NICHT angepackt haben, stapeln sich auf unseren Schreibtischen, verstopfen die Festplatten oder pochen die ganze Zeit im Hinterkopf. Auch deshalb haben wir uns über das neue Redaktionssystem noch ein paar mehr Gedanken gemacht und uns überlegt, wie wir dieses Pochen loswerden, wie wir dazu kommen, unsere Mann- und Frauschaft etwas zu verstärken und ein paar mehr Geschichten zu erzählen bis es wirklich Geschichten werden.

    Das Störfeuer hatten wir die ganze Zeit kostenlos dazu – reihenweise Leute, die die Welt mit ihren dummen Fragen und Vorschlägen, wie der Journalismus zu retten sei, verstopft haben. Sie haben Kampagnen gestartet, sich Gesetze ändern lassen und richtig viel Geld für eitle Kongresse zum Fenster rausgeschmisen. Darüber haben wir auch ab und zu geschrieben – sehr zurückhaltend, wenn ich das so im Nachhinein betrachte.

    Eigentlich hatten wir immer anderes zu tun. Das haben wir so im Großen und Ganzen auch immer geschafft irgendwie. Und hätten wohl einfach immer weiter gemacht. Wäre da nicht das große Weihnachtsfest. Das sich ja – auch für unsere Leser – schon frühzeitig ankündigte. Im Frühjahr, als uns ein technischer Defekt erstmals zwang, einen Notstromblog hochzufahren. Das erste Mal so ein: Obacht, da kommt was.

    Da begann für uns der Advent. Ein recht langer Advent mit einer Menge Arbeit.

    Und nun am Ende noch ein paar Stunden der Besinnung.

    Die wir auch nutzen werden.

    Ist doch mal wieder schön, über das Eigentliche nachzudenken, das uns beschäftigt.

    Und das werden wir in den nächsten Stunden hier auch fleißig tun.

    Bis es soweit ist. Bis unser Webmaster an die Tür klopft und verkündet: Jetzt ist Bescherung.

    Bei uns ist eben zwei Mal im Jahr Weihnachten.

    Da können Sie drauf warten.

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