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Selten waren Bücher über die große fremde Welt so gefragt wie heute

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    Manchmal ist es beim Vor-Buchmesse-Pressegespräch des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels gar nicht so wichtig, was noch kommt, sondern das, was schon passiert ist. Denn bisweilen verkaufen sich Bücher, von denen hätte man es nicht geglaubt. Zum Beispiel: „Muslime in Sachsen“. Gerade erst in der Edition Leipzig erschienen. „Und wir mussten schon wieder nachdrucken“, sagt Annika Bach von Seemann Henschel, der Verlagsgruppe, zu der auch die Edition Leipzig gehört.

    Der Schwerpunkt ist auch in der Edition Leipzig neu, wo vor allem Regionalia aus Sachsen erscheinen: Bücher über Kirchen, Schlösser, Burgen, Landschaften.

    „Aber dann hat es mich doch irgendwie interessiert: Was hat es mit den Muslimen eigentlich auf sich, von denen jetzt immerzu geredet wird? Wo findet man sie, welche Rolle spielen sie?“ Sie hat sich direkt dorthin gewandt, wo man echte, wissenschaftliche Auskunft bekommt: an den Lehrstuhl für Orientalistik der Uni Leipzig. Zwei junge Wissenschaftlerinnen haben das Buch betreut und alles zusammengetragen, was man zu Muslimen in Sachsen weiß und wissen kann – zum historischen Umgang miteinander, zu Religion, Wohnorten und Lebenswelten. Denn Fakt ist: Die Leute, die am lautesten und häufigsten über den Islam und die Muslime reden, kennen in der Regel keine. Was schlicht daran liegt, dass nur 0,48 Prozent der sächsischen Bevölkerung zu dieser Gruppe gehören und auch nicht auffallen, wenn man nicht gezielt nach ihren Läden, Bistros, Cafés und Treffpunkten sucht. Sie sind auch nicht krimineller als die einheimischen Sachsen, auch wenn die Medienberichterstattung immer wieder anderes suggeriert.

    Und wie das so ist mit den Lebenswelten anderer Leute. Wo man nichts weiß, wächst die Neugier. Und das Büchlein verkauft sich augenscheinlich wie von Zauberhand. Das Interesse ist groß. Wahrscheinlich sogar größer als die sinnlose Wut der scheinbar so besorgten Bürger, die etwas verdammen, was sie gar nicht kennen.

    Verlage aus Thüringen und Sachsen-Anhalt im Gespräch. Foto: Ralf Julke
    Verlage aus Thüringen und Sachsen-Anhalt im Gespräch. Foto: Ralf Julke

    Das scheint generell zu gelten, wenn es um das Thema Flüchtlinge geht. Eine Minderheit dominiert mit ihren obskuren Behauptungen alle Kanäle – aber tatsächlich ist das Interesse der anderen, der leiseren, deutlich größer an dem, was da geschieht. Wenn der Zorn der lauten Minderheit die Diskussion dominiert, heißt das ja nicht, dass die nachdenklichen Bürger nicht trotzdem wissen wollen, was tatsächlich geschieht. Das steht dann in den wirklich recherchierten und erlebten Geschichten, die viel zu selten sind, wenn man das Meer von wilden Meldungen zu Pegida, Legida, AfD und all den wutschäumenden Sicherheitspolitikern sieht. Und wenn es diese Geschichten gibt, dann staunen auch Verlegerinnen wie Monika Osberghaus vom Klett Kinderbuch Verlag. Denn ein Buchtitel, den der kleine Leipziger Verlag noch im Januar kurzfristig ins Programm genommen hat, musste schon wieder nachgedruckt werden.

    Die 2. Auflage von „Bestimmt wird alles gut“ ist seit Mittwoch mit 15.000 Exemplaren im Handel, die 3. ist mit 15.000 im Druck und die vierte hat 20.000 gerade in Auftrag gegeben. Mit dann 59.000 Exemplaren also mehr als nur ein echter „Verkaufsschlager“.

    Es ist ist die von Kirsten Boie geschriebene und von Jan Birck illustrierte Geschichte „Bestimmt wird alle gut“. Die bekannte Kinderbuchautorin Kirsten Boie hat die Geschichte selbst erlebt, Mahmoud Hassanein hat sie auch noch ins Arabische übersetzt, so ist eine bewegende zweisprachige Geschichte über die Flucht entstanden. Die viel mehr Leser findet, als es sich Monika Osberghaus je gedacht hätte.

    Das Thema Flucht wird die Buchmesse bestimmen

    Und das Thema Flucht wird mit Sicherheit das dominierende Thema auch auf der nächsten Buchmesse werden. Das deutet sich jetzt schon an. Auch in der großen Dimension, die jüngst der bookra Verlag mit dem Buch über die die Leipziger Stolpersteine aufgezeigt hat. Denn Flucht und Vertreibung fanden ja auch in Deutschland statt, als hier die Nazis regierten. Und sie handelten nicht anders als die Diktatoren und Terroristen heute in den Ländern, aus denen die Menschen in Panik Richtung Europa fliehen. Die Opfer, derer sie habhaft werden konnten, haben sie umgebracht.

    Deswegen hat sich Faycal Hamouda auch entschlossen, ein Buch zu veröffentlichen, das seit zehn Jahren fertig ist, aber keinen Verlag fand: Dieter Kürschners „Totschweigen ist die passive Form des Rufmords“. Darin hat der Autor die Schicksale von 550 Opfern des NS-Regimes aufgeschrieben. Und das Totschweigen ist wieder und wieder Thema in unserem Land. Denn nur weil es die lautstarken Täter immer wieder schaffen, die Diskussion an sich zu reißen, und die Opfer vergessen werden, kann so etwas entstehen wie die gewaltgeladene Stimmung, die heute weite Teile Sachsens erfasst hat.

    „Mein Verlag ist ja ein Verlag, den ich vor zehn Jahren im Kulturdialog und für den Kulturdialog gegründet habe“, sagt Hamouda. Der auch noch staunen kann, dass manche Lehrmaterialien an deutschen Hochschulen gar nicht existieren, wenn es um die arabische Welt geht. Deswegen legt er in diesem Jahr auch noch ein Lehrbuch des islamischen Rechts auf und ein Lehrbuch der arabischen Dichtung – nebst weiteren Bänden seiner Reihe „Märchen aus aller Welt“.

    Und andere geraten fast ungewollt in die Welt, obwohl sie sich die Sache mal ganz anders gedacht haben. Vor acht Jahren veröffentlichte Mark Lehmstedt – „Eher aus Zufall“, sagt er – seinen ersten Stadtführer „Leipzig an einem Tag“. „Da ist alles weggelassen, was man bei der ersten Erkundung einer Stadt gar nicht braucht“, sagt er. Inzwischen sind 50 Städteführer draus geworden, die nächsten zehn kommen in diesem Jahr heraus. Was den Lehmstedt Verlag wohl mittlerweile zum Verlag mit dem breitesten Angebot von Städteführern in Deutschland macht. Er nimmt sogar schon das Wort Marktführer in den Mund. Die Sache ist wie ein Selbstläufer. In diesem Jahr kommen die ersten Städte in der Schweiz hinzu.

    Verleger sind von Berufs wegen Grenzüberschreiter

    Verleger sind in der Regel weltoffene Menschen. Ihnen fällt das grenzüberschreitende Denken leichter. Auch weil sie oft genug mit Autoren aus anderen Ländern zu tun haben. Der Lychatz Verlag etwa mit dem Gedichtband „Stiche“ des deutsch-chilenischen Dichters Mario Markus oder mit dem Buch von Natalie von Anrep über die türkische Sultansgemahlin Mahidevran.

    Oder der Leipziger Open House Verlag, der zur Buchmesse mit den „Winternovellen“ des Norwegers Ingvild H. Rishøi aufschlägt und dem Roman „Neun Monate“ der New Yorkerin Paula Bomer.

    Aber kulturelle Brücken baut man auch im eigenen Land. Eigentlich ein ganz sächsisches Thema, spätestens seit die beiden sorbischen Autoren Jurij Brězan und Jurij Koch sich in der (ost-)deutschen Literatur mit großen, menschlichen Geschichten zu Wort gemeldet haben. Jurij Brězan wäre im Juni 90 geworden. Der Domowina Verlag nutzt das Datum, um jetzt eine große Biografie über den sorbischen Schriftsteller herauszubringen.

    Den zehn Jahre jüngeren Jurij Koch hat der Verlag aus der Lausitz sowieso im Programm, würdigt ihn mit einem Novellenband. Aber noch viel schöner klingt die Nachricht aus dem Leipziger Lychatz Verlag, dass die Reihe der herzhaft illustrierten Kinderbücher mit Jurij-Koch-Geschichten fortgesetzt wird. Denn es ist nun einmal so: Kinder lernen die Welt über Geschichten kennen. Die muss man frühzeitig erzählen, dann, bevor erst die grauen Ängste der Erwachsenen wachsen.

    Ein Anliegen, das auch Monika Osberghaus teilt. Erzählt ist das schon in mehreren Büchern des Klett Kinderbuch Verlages. In „Alle da“ zum Beispiel, in dem ein richtig bunter Kindergarten vorgestellt wird, in dem Kinder ihre Geschichten erzählen. „So lernt man eigentlich eins“, sagt Osberghaus, „wie reich wir eigentlich sind.“

    Wahrscheinlich ist es genau das, was an den Programmen der zumeist kleinen und zuweilen tapferen Ein-Mann-Verlage aus Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt so fasziniert: der Reichtum, den ihre Buchprogramme sichtbar machen.

    Natürlich strömt auch alles Andere weiter aus den hiesigen Verlagen: ganz viele Krimis, ganz viele historische Werke, Kinderbücher, Gedichte, Kräuter- und Weisheitsbücher. Eine eigentlich reiche Landschaft, in der niemand Angst haben müsste, es könnte was verloren gehen.

    Nachtrag, 24. Februar: Die Auflagenzahl für  „Bestimmt wird alles gut“ haben wir in einer ersten Variante der Geschichte viel zu niedrig angegeben. Das haben wir jetzt nach frischer Auskunft vom Klett Kinderbuch Verlag natürlich verbessert.

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