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Wer Journalisten durch Algorithmen ersetzt, zerstört die Gesprächsbasis der Demokratie

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    Nein, auf die Nase gefallen ist Mark Zuckerberg noch nicht. Aber unangenehm aufgefallen. Sein Netzwerk war es, das zur großen Müll- und Lügenschleuder im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf geworden ist. Es wurde zur „Fake News“-Schleuder. Das als „Social Media“ verkaufte Privatnetzwerk entpuppt sich als riesige Nachrichtenplattform, deren Inhaber so tut, als sei er für die Inhalte gar nicht verantwortlich. Gier hat Verantwortung gefressen.

    Um nichts anderes geht es ja in dem seit zehn Jahren zelebrierten Eiertanz um die wegbrechenden Einnahmen im Pressemarkt. Die Einnahmen verschwinden ja nicht. Die Werbebudgets waren noch nie so hoch wie heute. Aber sie sind abgewandert. Ganze Verbände, Kammern und Initiativen haben seit Jahren gepredigt, dass Unternehmen ihre „Performance“ dadurch verbessern, dass sie ihre Budgets in die „Social Media“ verlegen.

    Hin in das Reich von Facebook, Google & Co. Dorthin, wo gigantische Datenmaschinen nicht nur den Smalltalk der Nutzer ermöglichten, sondern auch deren Daten sammeln und dafür sorgen, dass die Nutzer mit „personalisierter Werbung“ zielgenau bestückt werden können.

    Damit wurden klassische Medien als Plattform des gesellschaftlichen Diskurses regelrecht demontiert und ausgeschaltet. Nicht nur die Werbung wurde ihnen entzogen, mit der sie zuvor einen Großteil journalistischer Arbeit finanzieren konnten. Ihnen wurde auch die Aufmerksamkeit entzogen. Ganze Nutzergruppen tauchten völlig ab in eine Welt von Nachrichten, deren Wahrheitsgehalt niemand mehr prüfte, die aber allein durch ihre Verbreitung zu gesellschaftlicher Relevanz aufschäumten.

    Was ja nicht nur mit Donald Trumps Wahlkampagne zu erleben war. Denselben Effekt hat man ja auch schon in Deutschland mehrfach beobachtet. Immer neue Hass- und Verleumdungskampagnen brachten gerade Facebook ins Zwielicht. Und die Reaktionen des IT-Konzerns waren nicht nur befremdlich, sondern schlicht verantwortungslos.

    Auch, weil nicht einmal der verantwortliche deutsche Bundesminister der Justiz und für Verbraucherschutz Heiko Maas (SPD) den Mumm aufbrachte, deutlich zu erklären, dass jemand, der eine solch gigantische Internetplattform aufbaut, für den gesamten Inhalt dieser Plattform verantwortlich ist. Im moralischen wie im strafrechtlichen Sinn.

    Was besonders auffällt, wenn man in einem Medienmarkt arbeitet, in dem sich ein Heer dubioser Rechtsanwälte darauf spezialisiert hat, ernsthaft arbeitende Medien mit Abmahnungen zu bombardieren, weil sie in der Grauzone des deutschen Persönlichkeitsrechts unterwegs sind, das immer häufiger und immer schamloser gegen jede kritische Berichterstattung eingesetzt wird.

    Und dann dieses Netzwerk, in dem völlig ohne Konsequenz gelogen, verleumdet, beleidigt, gehetzt und gepöbelt werden darf.

    Ob Facebook mit dieser Ignoranz tatsächlich Donald Trump zum Sieg im Präsidentschaftswahlkampf verholfen hat, ist nicht unbedingt belegbar. Sicher ist, dass es ihm Stimmen und Zustimmung verschafft hat und dass es die politische Atmosphäre in den USA auf Jahre vergiftet hat.

    Verloren hat Hillary Clinton, weil es ihr nicht gelungen ist, auch nur annähernd die Wählerstimmen von Barack Obama zu ereichen. Zu viele Wähler fühlen sich von der neoliberalen Politik, für die sie steht, nicht mehr angesprochen. Was in der ganzen Debatte Trump vs. Clinton völlig unterging. Hillary Clinton stand nicht wirklich für eine echte Modernisierung der USA, für einen sozialen Kurswechsel. Trump steht zwar auch nicht dafür, aber er hat die Wut befeuert und die Ressentiments kanalisiert, sich zunutze gemacht.

    Aber gerade weil er dafür Facebook & Co. nutzen konnte, wurde offenkundig, wie sehr diese „sozialen Medien“ eigentlich dafür verantwortlich sind, dass gesellschaftliche Verständigung in den westlichen Demokratien immer mehr auseinanderdriftet, immer mehr Menschen in Filterblasen leben und damit das Gefühl haben, mit ihrer Meinung völlig richtig zu liegen, bestärkt durch Algorithmen, die sie nur noch mit Menschen gleicher Gesinnung kommunizieren lassen. Das bestärkt logischerweise das Auseinanderfallen einer ganzen Gesellschaft.

    Michael Hanfeld, Feuilleton-Redakteur bei der FAZ, beschäftigte sich am 15. November mit diesem „Ich hab keine Ahnung“-Phänomen des Mark Zuckerberg unter der Überschrift „Wahrheit, nichts als die Wahrheit“. Denn Zuckerbergs geliebte Algorithmen, die ja im Grunde nur mathematische Filter sind, die menschliche Sortier-Arbeit auf seinem Milliarden-Netzwerk ersetzen sollen (Arbeitszeit kostet ja Geld), können zwar klare Fakes erkennen und ausfiltern. Aber all die heutigen neu-rechten Bewegungen sind in einem Feld unterwegs, in dem vor allem mit Emotionen, Halbwahrheiten, Andeutungen und Unterstellungen gearbeitet wird. Alles Dinge, bei denen schon gestandenen Journalisten der Kopf raucht und die sie in mühsamer Recherchearbeit hinterfragen, aussortieren, gar nicht erst auf die Seite kommen lassen, für die sie presserechtlich verantwortlich sind.

    Aber genau das passiert bei Facebook nicht. Auch nicht bei der kleinen in Irland ansässigen Truppe, die sich um die Beschwerden aus dem deutschen Sprachraum kümmern soll. Was eigentlich ein Witz ist: Man setzt so eine Truppe nicht erst ein, wenn das Netz voller Hassgesänge ist, Menschen beleidigt und mit Drohungen bombardiert werden und zu Straftaten aufgerufen wird.

    Jedes presserechtliche Medium ist dazu verpflichtet, dafür zu sorgen, dass so etwas gar nicht erst veröffentlicht wird.

    Und da ist man bei der Grundlüge der „Social Media“. Sie sind nämlich keine Ansammlungen privater und geschützter Sphären. Sie sind ein öffentliches Forum, auf dem jeden Tag Milliarden ungeprüfter Informationen veröffentlicht werden.

    Und Hanfeld kommt natürlich zu dem logischen Schluss, dass Herr Zuckerberg eigentlich wie ein Medienmogul agiert und dafür sorgen müsste, dass alles, was da auf seiner Seite (und Facebook ist seine Seite, nicht die der Nutzer) veröffentlicht wird, journalistisch geprüft werden müsste.

    „Sie brauchen eine Redaktion, helle Köpfe und transparente Richtlinien für Inhalte, die sie zeigen und die sie nicht zeigen“, schreibt Hanfeld. „Man müsse aufpassen, nicht zum Schiedsrichter in eigener Sache zu werden, sagt Zuckerberg, und sich nicht ‚seine Wahrheiten‘ zurechtlegen. Wohl war. Das ist übrigens auch, was guten Journalismus ausmacht.“

    Aber Journalismus kostet Geld. Das sind richtige Menschen, die man dafür bezahlen muss, dass sie prüfen, nachrecherchieren, Regeln nicht nur behaupten, sondern auch durchsetzen. Sie funktionieren nicht kostenlos und in Millisekunden wie Zuckerbergs Algorithmen. Und Zuckerberg bräuchte eine ganze Menge davon, um das Chaos auf seiner Seite auch nur einigermaßen in den Griff zu bekommen.

    Mit seinen Algorithmen hat er eine Menge Menschen einfach „eingespart“ und „überflüssig“ gemacht (was übrigens Neoliberalismus in Reinkultur ist). Auch so kann man Demokratie und Medien zerstören. Weder Robots noch Algorithmen können das ersetzen. Aber ob das Mark Zuckerberg begreift? Daran zweifele ich.

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