Bilanz zur Frankfurter Buchmesse

BGH-Urteil von 2016 hat auch unter sächsischen (Klein-)Verlagen Opfer gekostet

Für alle LeserDie Frankfurter Buchmesse findet in diesem Jahr vom 16. bis 20. Oktober statt. Auch wieder mit Verlagen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Auf den ersten Blick geht es der Branche gar nicht schlecht. Seit 2014 sind die Umsätze mit über 9 Milliarden Euro deutschlandweit relativ stabil. Aber der Blick ins Detail zeigt, dass das Urteil des BGH zu den Ausschüttungen der VG Wort von 2016 heftige Folgen gehabt hat.

Damals entschied der BGH nicht nur, dass die hälftige Teilung der den Urhebern zustehenden Ausschüttungen der VG Wort zwischen Autoren und Verlagen unrechtmäßig sei und damit zu beenden. Es entschied auch, dass die an die Verlage ausgereichten Ausschüttungen der Jahre 2012 bis 2015 zurückzuzahlen seien. Ein Urteil, das die großen Verlage der Republik relativ problemlos überstanden. In ihren Kalkulationen machten die Ausschüttungen stets nur einen kleineren Posten aus.

Doch gerade für viele kleine Verlage waren diese Summen oft notwendiger Bestandteil der Kalkulation. Und mit einigem Recht argumentierten Verleger auch damit, dass ein Großteil der Entwicklung eines fertigen Buches im Verlag passiert und auf der Arbeit von Lektoren beruht, die Autoren oft jahrelang mit Rat und Tat begleiten, bis ein Buch tatsächlich das Licht der Welt erblickt.

Heute können Autoren zwar problemlos in Selbstverlage ausweichen und die Bücher auch ganz ohne Verlag auf den Markt bringen. Aber das tut vielen Titeln nicht gut. Sie erreichen oft nicht die Qualität, die harte Arbeit mit Lektoren an den Texten erst erreicht.

Die Zahlen, die der Börsenverein für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen jetzt vorlegt, zeigen, wie diese BGH-Entscheidung in der mitteldeutschen Verlagslandschaft aufgeräumt hat. Bis 2013 war die Zahl der Verlage in den drei Bundesländern kontinuierlich von gerade einmal 49, die 1990 gestartet waren, auf über 300 gestiegen und verharrte in den Folgejahren stets bei 330. Aber dann kam das Jahr 2017, als der Börsenverein statt 331 wie im Vorjahr nur noch 306 Verlage zählte. 2018 ging die Zahl der aktiven Verlage dann deutlich auf 263 zurück.

Allein in Sachsen schmolz die Zahl der Verlage von 196 im Jahr 2016 auf 165 im Jahr 2017 und 133 im Jahr 2018. Und das sind nur die Verlage, die aufgegeben haben, weil sie entweder die erhaltenen Summen von 2012 bis 2015 nicht zurückzahlen konnten und in Insolvenz gehen mussten. Oder weil der VG-Wort-Anteil in ihrem oft genug anspruchsvollen Kleinprogramm eine entscheidende Planungsgröße war.

Was nicht heißt, dass die anderen Verlage nicht darunter litten. Glück hatten jene Verleger, deren Verlagsprogramm wenigstens so erfolgreich war, dass sie auf die VG-Wort-Anteile verzichten konnten. Im Ergebnis haben die meisten lediglich ihre Titelproduktion deutlich zurückgefahren. Und wir verraten ganz bestimmt nicht zu viel, wenn wir hier schreiben: Das hat die anspruchsvollsten und reizvollsten Titel gekostet. Titel, die in der Erarbeitung eine Riesenarbeit machen, aber bestenfalls in einer kleinen Auflage für ein anspruchsvolles Lesepublikum produziert werden können. Darunter viele wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Titel, die ohne eine fachliche Lektorierung überhaupt nicht hergestellt werden können.

Insofern ist es schon erstaunlich, dass die Buchstadt Leipzig 2018 mit 933 Titeln tatsächlich auf Rang 9 unter den deutschen Verlagsstädten vorrücken konnte. (2017 Rang 11 mit 887 Titeln).

Natürlich kann Leipzig nicht mit den heute tatsächlich miteinander konkurrierenden Verlagsstädten München (8.001 Titel) und Berlin (9103 Neuerscheinungen) konkurrieren. In diesen beiden Millionenstädten sind auch einige der größten deutschen Buchverlage heimisch, die auch einen wesentlichen Anteil an der gewaltigen Titelzahl haben, die jedes Jahr den deutschen Buchmarkt erfreut.

Aber selbst da hat sich das BGH-Urteil ausgewirkt. Von 89.506 Neuerscheinungen im Jahr 2015 ging die Titelproduktion jedes Jahr weiter zurück und erreichte 2018 nur noch 79.916 Titel.

Die frohe Botschaft ist freilich: Die Deutschen kaufen noch immer richtige Bücher, auch wenn der Anteil von E-Books und Hörbüchern weiter steigt. Und sie kaufen ihre Bücher großenteils auch noch in richtigen Buchhandlungen oder ähnlichen echten Läden, auch wenn der Anteil dieser Verkaufsform von 59,1 Prozent (2014) auf 56,6 Prozent (2018) sank.

Wobei den „Rest“ eben nicht allein der Online-Gemischtwarenladen Amazon abräumt, der so langsam auf die 20-Prozentmarke zusteuert. 21 Prozent der Bücher werden heute direkt über die Verlage verkauft.

Hoffnungsvoll schaut der Börsenverein auch auf die Freude der Deutschen am Lesen von Büchern, auch wenn das Bücherlesen (zumindest nach der Markt-Media-Studie „best for planning“) weit hinter so landläufigen Tätigkeiten wie Fernsehgucken (84,2 Prozent) , Radiohören (62,4 Prozent) und Internetnutzung (58,0 Prozent) rangiert.

„Das ,Bücher lesen‘ rangierte 2018 auf Platz 14 mit 17,9 Prozent (2017: Platz 13 mit 18,2 Prozent)“, stellt der Börsenverein fest. „Der Abstieg in der Rangfolge ist hauptsächlich damit zu erklären, dass 2018 die Nutzung von Social Media separat abgefragt wurde und Platz 8 mit 43,6 Prozent belegen konnte. Positiv zu erwähnen ist, dass sich trotz der Allgegenwärtigkeit von Smartphones und Internet 50 Prozent aller befragten Kinder für das Lesen von Büchern interessieren (2017: 47 Prozent). Die Dominanz des Smartphones ändert damit kaum etwas am Stellenwert von Büchern für Kinder.“

Leipziger Verlagsgruppe Seemann Henschel hat Insolvenz angemeldet

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