Leipziger Verlagsgruppe Seemann Henschel hat Insolvenz angemeldet

Seit Monaten schwebt das Damoklesschwert über den kleinen und mittelständischen Verlagen in Deutschland. Fast alle sind sie mit Rückforderungen der VG Wort und der VG Bild konfrontiert, die für die vergangenen Jahre all jene Gelder zurückfordern, die sie den Verlagen anteilig für die Verwertungsrechte ihrer Bücher ausgezahlt haben. Diese Gnadenlosigkeit hat nun auch einen Leipziger Vorzeigeverlag in die Insolvenz getrieben.
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Die Verlagsgruppe Seemann Henschel, zu der der älteste deutsche Kunstbuchverlag E.A. Seemann und die Verlage Henschel, Edition Leipzig sowie Koehler & Amelang gehören, hat am 1. März 2017 Insolvenzanträge beim Amtsgericht Leipzig gestellt, lässt die Verlagsgruppe mitteilen. Am Dienstag, 7. März, als die anderen mitteldeutschen Verlage im Pressegespräch auch die gewaltigen Probleme mit den Angriffen auf das Urheberrecht thematisierten, wurde die vorläufige Insolvenzverwaltung angeordnet und Rechtsanwalt Axel Roth von der Kanzlei Thierhoff Müller zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt.

Die Verlagsgruppe werde den Geschäftsbetrieb im Rahmen des Insolvenzantragsverfahrens fortführen und plane eine Sanierung des Unternehmens, teilt der Verlag mit. Denn im operativen Geschäft hat man ja keine Fehler gemacht. Niemand konnte damit rechnen, dass das Gerichtsurteil, das den Autoren die komplette Vergütung der Verwertungsrechte zusichert, auch noch rückwirkend in Anwendung käme. Wer das angeordnet hat, hat ganz bewusst die Pleite hunderter kleiner Verlage in Kauf genommen. Denn die Gelder wurden ja längst wieder in neue Buchprojekte investiert. Viele Buchprojekte konnten in der Vergangenheit nur realisiert werden, weil die Gelder aus den Verwertungsrechten auch den Verlagen zur Verfügung standen.

Was schon jetzt heißt, dass es viele aufwendige Buchproduktionen künftig so nicht mehr geben wird. Gerade wissenschaftliche Verlage haben ihr Programm schon deutlich zurückgefahren. Was den Autoren ja am Ende nichts nützt – außer sie dienen sich dem großen Selbstverwertungsmoloch Amazon an.

Für Seemann Henschel heißt es nun, die untilgbaren Schulden aus den Verwertungsrechten abzubauen, ohne den Verlag schließen zu müssen.

„Nach ersten Gesprächen mit den Mitarbeitern und Geschäftsführern bin ich zuversichtlich, dass eine nachhaltige Sanierung gelingen kann. Gemeinsam mit dem Unternehmen werde ich in den nächsten Tagen prüfen, welche Weichenstellungen dafür erforderlich sind“, sagte Axel Roth.

Und Annika Bach, Programmleiterin und Verlegerin der Verlagsgruppe, ergänzt: „Wir arbeiten mit allen Kräften daran, die Zukunft unserer Verlage zu sichern und auf eine stabile Basis zu stellen. Unser Ziel ist es, auch künftig an diesem symbolträchtigen Standort, in der traditionsreichen Verlags- und Messe-Stadt Leipzig qualitativ hochwertige Bücher zu Kunst und Gesellschaft zu verlegen.“

Die Verlagsgruppe Seemann Henschel veröffentlicht Bücher zu den bildenden und den darstellenden Künsten. Bei E.A. Seemann erscheinen Werkverzeichnisse, Künstler-Monografien, aufwendige Editionen und Ausstellungskataloge. Seit zwei Jahren publiziert der Verlag die Kinderbuchreihe E.A. Seemanns Bilderbande. Im Henschel Verlag erscheinen Titel zu den Themengebieten Theater, Tanz und Musik. Der Regionalbuchverlag Edition Leipzig verlegt Standardwerke zur Geschichte und Kultur Sachsens, Sachsen-Anhalts und Thüringens. Das Programm des Koehler & Amelang Verlags umfasst vor allem geschichtliche und kulturhistorische Themen.

Also jede Menge Bücher für Kunst- und Kulturinteressierte, die aber allesamt auch immer einen hohen Aufwand bei wissenschaftlicher Fundierung, Bildausstattung und Druck benötigen.

Die Verlagsgruppe beschäftigt derzeit sieben Mitarbeiterinnen.

Aber der Puffer, die Rückzahlungen irgendwo zusammenzukratzen, ist einfach nicht da. Wobei man gleichzeitig unter Reformdruck steht, denn die Interntgiganten haben ja nicht nur einen Angriff auf das deutsche Urheberrecht gestartet, sie versuchen auch, den Buchhandel komplett an sich zu ziehen – was für alle betroffenen Verlage wieder sinkende Margen bedeutet. Eigentlich braucht es da alle Kraft, das Geschäft langsam und mit Fingerspitzengefühl zu verändern.

„Die hohen Rückzahlungsforderungen der VG Bild-Kunst und der VG Wort haben uns letztlich dazu gezwungen, die Insolvenz anzumelden“, erklären dazu die beiden Geschäftsführer Jürgen Bach und Bernd Kolf. „Aber auch die strukturellen Veränderungen in der Buchhandelslandschaft stellen eine Herausforderung für uns dar, auf die wir nun mit einem neuen Konzept antworten werden.“

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