Deutschlands klassische Medien haben auch in der Frühzeit der Coronakrise kühlen Kopf bewahrt

Für alle LeserAnfang April haben die Kommunikationsforscher der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) (ja, das ist die Universität, die jetzt endlich versucht, ihren Namenspatron Wilhelm Zwo loszuwerden) schon eine erste Auswertung vorgelegt zum Umgang der sogenannten „Alternativen Medien“ mit der Coronakrise. Ausgewertet wurden die Monate Januar bis März. Und auch da wurde schon deutlich, wie die Verschwörungsmythen waberten. Jetzt haben sie auch eine Untersuchung zu den klassischen Medien vorgelegt.

Oder besser – wie sie es ausdrücken – den „klassischen Medienhäusern“, wohl wissend, dass sie es hier meistens mit privaten Eigentümern und Unternehmenskonglomeraten zu tun haben, dazu die Öffentlich-Rechtlichen, die sich denselben Maßstäben stellen müssen und manchmal auch nur zu berechtigten Forderungen, die Sache besser zu machen als die Privaten, eben weil sie gebührenfinanziert sind.

Das differenzieren die Kommunikationswissenschaftlerinnen und Kommunikationswissenschaftler der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) in ihrer aktuellen Studie nicht weiter aus.

Ihnen ging es vor allem darum, die Unterschiede zwischen der klassischen Medienberichterstattung und den „alternativen Medien“ sichtbar zu machen, also vor allem die Herangehensweise von professionell arbeitenden Journalist/-innen im Unterschied zu all den Weltendeutern, die in den „social media“ für Stimmung sorgen und mit Welterklärungen Furore machen, die mit Faktenchecking und breiter Ausleuchtung des Themas nichts zu tun haben.

Dass auch sogenannte „klassische Medienhäuser“ derart arbeiten, machte ja gerade erst der von der „Bild“-Zeitung forcierte Skandal um eine von Christian Drosten publizierte Studie deutlich.

Hier beschäftigt sich Mai Thi Nguyen-Kim in ihrem neue Video mit dem unprofessionellen Unfug, den „Bild“ da in die Welt gesetzt hat.

MaiLab: Was ist jetzt mit den Schulen und Kitas?

„Bild“ hat augenscheinlich gewaltige Probleme, sich in diesen Zeiten überhaupt noch als wichtigster Zampano der Skandale und Verschwörungen zu inszenieren.

Was im Grunde noch deutlicher macht, dass es zwischen Rambo-Berichterstattung und seriösem Journalismus eben doch gewaltige Unterschiede gibt. Einer ist zum Beispiel der weitgehende Verzicht auf Skandalisierung. Und so fanden die Forscher/-innen aus Münster auch als Befund, dass die klassischen Medien in den ersten drei Monaten seit Ausbruch des Coronavirus mit einer differenzierten Berichterstattung auf die Pandemie reagierten, die von keiner systematischen Dramatisierung geprägt war.

Die Einschränkung: Untersucht wurde nur ein Ausspielkanal.

Aber der macht natürlich auch sichtbar, dass von einem klassischem Arbeiten eher nicht mehr die Rede sein kann. Denn gerade die „social media“ haben dafür gesorgt, dass Nachrichten immer schneller verbreitet werden. Wer nicht schnell reagiert, hat kaum eine Chance, die Nutzer zu erreichen, weil andere die Erregung längst befeuert haben. „Online first“ ist die Devise.

Und trotzdem haben sich die Journalist/-innen gut geschlagen.

Das vierköpfige Forscherteam unter der Leitung von Prof. Dr. Thorsten Quandt untersuchte mehr als 100.000 Posts, die von Anfang Januar bis zum 22. März über den Social-Media-Kanal „Facebook“ veröffentlicht worden waren. Davon befassten sich rund 18.000 Beiträge – die von 78 Nachrichtenmedien verbreitet wurden – inhaltlich mit der Lungenkrankheit Covid-19. Die Untersuchung ist online erschienen.

„In den ersten drei Monaten der Coronakrise kam es zu keinem allgemeinen Systemversagen des Journalismus‘. Das heißt, dass wir in der Gesamtheit keine umfassenden Tendenzen zu unkritischer oder hysterischer Berichterstattung gefunden haben. Die von Kritikern geäußerten Vorwürfe, dass es eine überwiegende Negativberichterstattung oder einseitige Panikmache gegeben hätte, können wir durch unsere Analysen nicht bestätigen“, betont Thorsten Quandt.

Die Thematisierung der Corona-Pandemie durch die klassischen Medien, wie beispielsweise der „Süddeutschen“ und der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ oder dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ sei jedoch in verschiedenen Phasen verlaufen.

Im Januar war das Coronavirus noch kein relevantes Thema in den Medien. Mit den ersten Infektionen in Deutschland stieg die Zahl der Nachrichten ab Ende Februar leicht – vor allem gab es Berichte über Infektionsketten und die aktuellen Zahlen. Teilweise kam es dabei zum sogenannten „Horse-Race-Reporting“ – also eine Darstellung von Infektionszahlen und Verstorbenen wie bei einem Sportwettbewerb. Die schnelle Ausbreitung der Krankheit in Deutschland sorgte ab Ende Februar für eine massive Zunahme der Berichterstattung und eine deutliche Ausweitung des Themenspektrums.

Wie in der im April veröffentlichten Studie über den Umgang der alternativen Medien mit der Corona-Pandemie – die sich als Gegenstimme und Korrektiv zu journalistischen Mainstream-Medien verstehen wollen – stellten die Wissenschaftler in ihrer zweiten Analyse fest, dass sich auch die Berichterstattung in den klassischen Massenmedien auf politisches Spitzenpersonal wie Bundeskanzlerin Angela Merkel oder Bundesgesundheitsminister Jens Spahn konzentrierte.

„Im Vergleich zu den Veröffentlichungen in den alternativen Nachrichtenmedien war das Spektrum der gesellschaftlich relevanten Akteure jedoch viel breiter, und die Konzentration auf die politischen Eliten fiel insgesamt geringer aus“, erklärt Thorsten Quandt. „Das hängt damit zusammen, dass der Journalismus multiperspektivisch über Corona berichtete und dabei ebenfalls viele Themen aufgegriffen hat, die in den Alternativmedien kaum eine Rolle spielten – wie zum Beispiel Sport und Kultur.“

Auch Falschmeldungen (Fake News) und Verschwörungstheorien kamen in der Berichterstattung der klassischen Nachrichtenmedien vor – ebenso wie bei den Alternativmedien. Allerdings verzeichneten die Kommunikationswissenschaftler einen Unterschied. „Im Gegensatz zu den alternativen Medien wurden Fake News und Verschwörungstheorien als solche eingeordnet und nicht selbst verbreitet. Vielmehr entlarvten Journalisten zahlreiche in der Öffentlichkeit kursierende Gerüchte und Meldungen als falsche Behauptungen“, unterstreicht Thorsten Quandt.

Originalpublikation: Quandt, T; Boberg, S.; Schatto-Eckrodt, T.; Frischlich, L. (2020). Pandemic News: Facebook Pages of Mainstream News Media and the Coronavirus Crisis – A Computational Content Analysis. ArXiv: 2005.13290 [Cs.SI]

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