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Katrin Göring-Eckardt besucht die LZ: Da war ja auch noch was mit Medien

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    Manchmal gibt es auch einen Redaktionsbesuch im Wahlkampf. Am Freitag, 10. September, besuchte Katrin Göring-Eckardt, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag und Spitzenkandidatin der Thüringer Landesliste für die Bundestagswahl, Leipzig und auf ein kleines Stündchen auch das Büro der Leipziger Zeitung im Haus der Demokratie. Zeit für ein kleines Gespräch auch über Medien und Politik.

    Denn zu den vielen Krisen, die das Land beschäftigen, gehört eben auch die Krise, die viele Bundesbürger gar nicht mehr mitbekommen, weil sie ihr Zeitungsabonnement gekündigt haben oder erst gar keins abgeschlossen haben. Selbst die Versuche der großen Zeitungen, die Leser/-innen mit digitalen Abos zu gewinnen, kommen nicht so recht vom Fleck. Aus mehreren Gründen, die wir im Gespräch mit Katrin Göring-Eckardt ansprechen.Denn natürlich spüren sie es alle, die schwindenden Regionalzeitungen genauso wie die überregionalen Blätter, dass die seit gut 20 Jahren im Internet etablierte Kostenlos-Mentalität ihnen ein wesentliches Standbein genommen hat. Denn früher – und so lange ist das ja gar nicht her – war ein starker Leserstamm auch die Stärke der Zeitungen. Sie wussten, für wen sie jeden Tag die wichtigsten Nachrichten aufarbeiteten, Politikern auf die Füße stiegen und zeigten, was im Lebensumfeld ihrer Leser/-innen an Wichtigem geschah.

    Doch mit dem Aufkommen der „social media“ und ihrer Fiktion einer allumfassenden Versorgung mit Nachrichten, die auch noch speziell auf jeden Nutzer zugeschnitten sein sollen, hat sich der Markt binnen weniger Jahre dramatisch verändert, sind die einstigen Zeitungsleser/-innen in Scharen abgewandert in die „social media“, die Matthias Horx mit einigem Recht „toxic media“ nennt. Denn sie bedienen konsequent nur einen Aspekt der Berichterstattung: die Sensation, die Aufregung, den Skandal. Also das, womit früher vor allem Boulevardzeitungen unangenehm aufgefallen sind.

    Der ausgedünnte Regionaljournalismus

    Und zwar nicht nur, weil sie auch Grenzen des Persönlichkeitsschutzes und des Anstands überschritten, sondern weil sie mit ihrer zugespitzten Berichterstattung auch die Wirklichkeit verzerrten und auch nur zu oft – im Schwang der Übertreibung – regelrechte „fake news“ produzierten. Eben, weil die übertriebene Meldung für Aufregung sorgt und damals auch den Blattverkauf ankurbelte.

    Was dabei herauskommt, wenn man das Prinzip zum Algorithmus macht, ist in den „toxic media“ von Facebook bis YouTube heute bestens zu beobachten. Und im Alltag und in der Politik zu merken, denn dort hat das, was in den „toxic media“ passiert, natürlich Folgen. Immer mehr Menschen fühlen sich informiert, obwohl nur noch ein Bruchteil der Nachrichten wirklich zu ihnen durchdringt. Ganze Regionen verlieren gleichzeitig ihren Platz in der medialen Wahrnehmung.

    Denn wenn Zeitungen ihre Abonnenten und Werbekunden verlieren, weil die ins Internet abgewandert sind, dann hat das wirtschaftliche Folgen. Dann fehlt das Geld für ausgebildete Journalist/-innen und werden zuallererst die Redaktionen ausgedünnt, Lokalredaktionen in ländlichen Regionen zusammengelegt, sind schlicht immer weniger Reporter in der Region unterwegs, die über all das berichten, was wirklich wichtig ist.

    Und das sind eben nicht nur Unfälle, Raubüberfälle, Brände und andere Katastrophen, die über den Polizeiticker hereinkommen.

    Katrin Göring-Eckardt im Gespräch mit der L-IZ. Foto: LZ
    Katrin Göring-Eckardt im Gespräch mit der LZ. Foto: LZ

    Denn was passiert eigentlich, wenn Bürger keine wirklich verlässlichen regionalen Medien mehr haben? Eine ziemlich wichtige Frage auch für das Funktionieren der Demokratie. Und ein Thema, mit dem sich auch Katrin Göring-Eckardt beschäftigt und von dem sie sich sicher ist, dass es in der nächsten Bundestagslegislatur auf den Tisch kommen muss. Denn unabhängige Medien sind nun einmal nicht unbedingt das, was man zumeist assoziiert, wenn der Begriff „Vierte Gewalt“ fällt.

    Denn gewalttätig oder wirklich mächtig sind journalistisch arbeitende Medien nun einmal nicht, sondern in der Regel nur neugierig, hartnäckig und manchmal ein bisschen einflussreicher, wenn ihre Berichterstattung wirklich ernst genommen wird und die Politik reagiert. Oder sich Bürgerinitiativen gründen und Menschen beginnen, sich kenntnisreich für ihre Umwelt einzusetzen.

    Medien haben, wenn es hochkommt, nur eine wirkliche Stärke: das Vertrauen ihrer Leser/-innen und Zuschauer/-innen. Ein Vertrauen, das nur entsteht, wenn dahinter jahrelange Fleißarbeit steckt und als sichtbares Ergebnis ein unbedingter Wille, den Leser/-innen verlässliches Wissen über ihre Stadt, ihr Dorf, ihren Landkreis, die Wirtschaft, die Politik und all die Dinge zu geben, über die sie bei Wahlen kompetent mitentscheiden dürfen. Und sollten.

    Bürgerbeteiligung und Bürgerräte

    Was das Thema kompetente Bürger/-innen auf den Plan ruft und die wichtige Frage, wie eine Demokratie Bürgerbeteiligung besser organisieren kann. Auch das ein Thema, das Katrin Göring-Eckardt für wichtig hält. Und dabei auch für notwendig, dass neue Formen der Bürgerbeteiligung nicht nur als Alibiveranstaltung stattfinden, sondern – etwa als Bürgerforum – fester Bestandteil von wichtigen Entscheidungsfindungen in der Politik werden.

    Denn es ist brandgefährlich für eine Demokratie, wenn ihre Bürger/-innen das Gefühl haben, nicht gefragt zu sein, wenn es um Entscheidungen geht, die sie direkt angehen. Da sind die aktuellen Bürgerräte mit repräsentativ ausgelosten Bürgern ein ernst zu nehmendes Vorbild, sagt Katrin Göring-Eckardt. Am 7. September hat gerade der Bürgerrat Klima sein Gutachten vorgelegt, das überraschend deutlich zeigt, mit wie viel Sachlichkeit und gemeinsam erarbeitetem Wissen die ausgewählten Bürger/-innen das Thema angepackt und ihre Aufgaben für die Politik niedergeschrieben haben.

    Zurückdrehen kann man die dramatischen Veränderungen in der Medienlandschaft nicht. Aber es ist höchste Zeit, dass auch der Gesetzgeber reagiert und nicht nur Wege findet, die wilden Exzesse in den „toxic media“ zu bändigen, die ja selbst im Bundestagswahlkampf zu boshaften Kampagnen, Angriffen und Verfälschungen führen, sondern auch Wege findet, unabhängigen Journalismus künftig zu sichern und zu finanzieren.

    Auf dem Tisch liegt ja der Vorschlag, sie ganz ähnlich wie die Öffentlich-Rechtlichen Sender über eine Abgabe zu finanzieren. Wobei auch da schon wieder die alten Risse durchs Land laufen, denn hier kämpfen die fünf großen Zeitungskonzerne mal wieder genauso nur für sich und ihren Blätterwald, wie sie es schon in den diversen Deals mit Facebook und Google vorexerziert haben.

    Aber in vielen Regionen des Landes sind ihre Zeitungen längst so schmalbrüstig, dass sie eine umfassende regionale Berichterstattung gar nicht mehr gewährleisten können. Da sind zwar längst viele unabhängige Portale im Internet entstanden. Aber auch die stehen vor derselben Frage: Wie kann man wirklich gute Reporter/-innen finanzieren, die jeden Tag losziehen mit dem Willen, für alle Leser/-innen herauszukriegen, was rundum wirklich wichtig ist?

    Eine Frage, ohne deren Lösung es irgendwann keine umfassende regionale Berichterstattung mehr geben wird. Und ohne das – da stimmt auch Katrin Göring-Eckardt zu – hat die Demokratie ein gewaltiges Problem. Denn ohne gut informierte Bürger/-innen funktioniert eine Demokratie nicht. Eine Lösung gibt es noch nicht. „Das Thema ist auch bei uns sehr spät auf den Tisch gekommen“, sagt Katrin Göring-Eckardt. Und selbst wenn man über Fördermodelle nachdenkt, bleibt immer die Frage: Wie gewährleistet man dann trotzdem die Unabhängigkeit der Medien?

    All das hätten zwar schon die vergangenen vier Regierungen anpacken können, denn das Thema brodelt seit dem rasanten Siegeszug von Facebook & Co. Aber auch das Thema blieb 16 Jahre lang liegen. Und kommt nun auf den großen Haufen ungelöster Probleme noch obendrauf.

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