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90 Jahre VLW: Als Baugenossenschaft für die Reichsfinanzbeamten fing es 1922 an

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    Natürlich ist die Jubiläumsschrift der VLW auch ein Geschichtsbuch im klassischen Sinn. Nachgezeichnet werden die Anfänge der Genossenschaftsbewegung in Deutschland im 19. Jahrhundert ebenso, wie der Weg der VLW in den letzten 90 Jahren.

    Am 5. Juli 1922 gründeten im hiesigen Städtischen Kaufhaus 57 Personen die „Baugenossenschaft für die Reichsfinanzbeamten in Leipzig, eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht in Leipzig“. In Leipzig entstanden seiner Zeit ein Landesfinanzamt und mehrere Finanzämter neu. Und die teils aus Dresden hinzuziehenden Beamten brauchten Wohnraum, der damals besonders knapp war.

    Späterhin öffnete sich die Genossenschaft für weitere Beamtengruppen, fusionierte mit anderen Genossenschaften und firmierte seit 1937 als Gemeinnützige Wohnungs-Baugenossenschaft GEWOBA. Zu jener Zeit hatte die GEWOBA auch Wohnungen für Arbeiter der Rüstungsbetriebe im Leipziger Nordosten zu bauen.

    Namentlich zur Arbeiterwohnungsgenossenschaft (AWG) wurde die heutige VLW 1976. Die AWG „Paul Kloß“ entstand folglich in dem Jahr, als der Bau des Neubaugebietes Grünau begann. Dieses sozialistische Megaprojekt war nur unter Einbeziehung der Wohnungsgenossenschaften zu stemmen.Matthias Erzberger: Vater der modernen Finanzverfassung

    Doch kurz zurück zu den Anfängen 1922. Den Impuls zur Genossenschaftsgründung gab eine der großen Reformen der jungen Weimarer Republik, die staatsrechtlich noch immer „Deutsches Reich“ hieß. Es geht um die Erzbergersche Finanzreform der Jahre 1919/1920.

    Geprägt wurde sie von Matthias Erzberger (1875 – 1921). Im katholischen Kleine-Leute- und Vereins-Milieu Württembergs aufgewachsen, gehörte er für die katholische Zentrumspartei seit 1903 dem Reichstag an. Anfänglich nicht frei von den Fehlern der wilhelminischen Zeit, setzt er sich spätestens seit 1917 für ein Ende des Ersten Weltkrieges ein und wird insofern einer der Gründerväter der ersten Demokratie in Deutschland.
    „Aber am Ende wurzelte die Abneigung der sogenannten national gesinnten Kreise … in seinem Eintreten für den Frieden in Europa und die Demokratie in Deutschland“, hob der heutige Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, Christdemokrat und evangelischer Badenser, in einer Erinnerungsrede 2011 hervor. „Und dann hat er noch als Reichsfinanzminister viele gegen sich aufgebracht, weil die sich durch seine Steuerreformen in ihrem Einkommen und Vermögen beeinträchtigt gefühlt haben.“, so Schäuble damals weiter. Doch Erzberger habe sich davon nicht beirren lassen und „in der elementaren Umbruchsituation das vertreten, was er im Interesse der Menschen für richtig hielt“.

    Richtig hielt Erzberger im Übrigen auch die Stärkung des Gesamtstaates gegenüber den Ländern in finanziellen Dingen. Eigentlich wurde Deutschland erst dadurch von einem Staatenbund, der sich aus Mitgliedsbeiträgen der Einzelstaaten finanzierte, zu einem modernen Bundesstaat.

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    Viele der Erzbergerschen steuerlichen Regelungen haben die Zeiten in anderem Gewand überdauert, etwa die Reichseinkommensteuer. Eine Vermögensteuer gibt es aber gegenwärtig gerade wieder einmal nicht. Und die Forderung der Übernahme der Finanzverwaltung durch den Bund würde heute sicher als Anschlag auf die Grundfesten des deutschen Föderalismus gelten.

    Aus den Reihen der „national gesinnten Kreise“, wie Schäuble sie nannte, kamen die Mörder, die Matthias Erzberger 1921 erschossen. „Da steht der Feind, der sein Gift in die Wunden eines Volkes träufelt“, warnte in der Frühphase der Weimarer Republik Reichskanzler Joseph Wirth (Zentrum), „da steht der Feind – und darüber ist kein Zweifel: dieser Feind steht rechts!“ Das war 1922, nachdem Vertreter des vornationalsozialistischen Untergrunds auch Reichsaußenminister Walther Rathenau (1867 – 1922) ermordet hatten. Das Wetterleuchten über der Weimarer Demokratie begann früh, und es war nicht zu übersehen.

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