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Leipziger Stadtpolitik anno 1914: Wo Reclam, Esche, Dittrich und Dufour sich treffen

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    Leipzig 1914 bedeutet Entwicklung. Die Stadt ist zu einer der größten Industriestädte Deutschlands aufgestiegen. Über 620.000 Menschen wohnen in der Handelsstadt, die an immer mehr Gemeinden heranwächst. Nicht nur Schönefeld und Paunsdorf hoffen auf Einverleibung. Die Aufgaben der Stadtverantwortlichen sind vielfältig: Es braucht vor allem neue Schulen, eine bessere Infrastruktur und genügend Wohnungen. Eine Zeitreise in die Stadtpolitik des Jahres 1914.

    1914 ist der Oberbürgermeister der Stadt auf Lebenszeit gewählt. Der Dr. jur.et.phil. h.c. ist wie 2014 kein Einheimischer. In Bärenwalde bei Zwickau geboren, gehört er aber schon seit 1899 dem Ratskollegium an. 1908 wird der ehemalige Oberbürgermeister von Plauen auch wichtigster Politiker der aufstrebenden Industrie- und Handelsstadt und 1911 auf Lebenszeit gewählt. 1917 tritt er aus gesundheitlichen Gründen ab. Und der Teil des Ringes, der damals Thomasring hieß, bekommt samt des benachbarten Stückes seinen Namen: Dittrichring. Rudolf Bernhard August Dittrich ist umtriebig.

    In seiner Amtszeit werden unter anderem der Handelshof, das Völkerschlachtdenkmal, das Krankenhaus St. Georg und der Leipziger Hauptbahnhof gebaut. 1914 ist allerdings nicht das Jahr der prestigeträchtigen Bauvorhaben, es ist eher das Jahr der Bebauungspläne und der Infrastruktur.

    Bis zum 31. Juli 1914 wird in der Gesamtratssitzung alleine 31 Mal über einen Bebauungsplan gesprochen. Dabei geht es nicht wie im Jahre 2014 um städtebauliche Krümel wie den Bebauungsplan Nr. 342 „Kochstraße/Scheffelstraße – Nutzungsarten“ (Vorlage auf der Stadtratssitzung vom April 2014), sondern um ganze Stadtteile. Um den Bebauungsplan Leipzig-Lindenau-Südost oder den Bebauungsplan Leipzig-Reudnitz-Süd oder den Bebauungsplan Leipzig-Anger-Crottendorf-Nordwest, den Bebauungsplan Leipzig-Stünz-Nord sowie den Bebauungsplan Leipzig-Gautzscher Spitze, und natürlich auch um den Bebauungsplan Leipzig-Thonberg-Nordost und den Bebauungsplan Leipzig-Lindenau-Ost.

    Und das nur im Januar 1914. Straßen heißen teilweise monatelang nur Straße C oder Straße 8, die Gesamtratssitzung, deren Vorsitzender der OBM natürlich ist, kommt mit dem Bennen der Straßen gar nicht hinterher. Für Außenstehende ist es damals wie heute ohne Stadtplan gar nicht nachvollziehbar, um welche Straßen es sich gerade dreht, wenn es in der Zeitung über die Ratsbeschlüsse heißt: „Vorschlagsgemäß wurden genehmigt – soweit nötig unter Vorbehalt der Zustimmung der Stadtverordneten – die Anpflanzung von Alleebäumen in der Lorckstraße zwischen der Holsteinstraße und der Straße 10, […], die Herstellung eines Unterbaus und der Schleusen der Straße 9 zwischen der Straße 4 und der Holsteinstraße sowie der Holsteinstraße zwischen der Straße 8 und der Stötteritzer Straße …“

    Die Lorckstraße heißt heute übrigens Kurt-Günther-Straße.

    An der Gesamtratssitzung, die zweimal wöchentlich, nämlich mittwochs und sonnabends ab 11 Uhr stattfindet, nehmen die insgesamt 32 Mitglieder des Ratskollegiums teil, 15 von ihnen sind besoldet. Unter anderem sind das die zwei Bürgermeister, deren Namen heute eher unbekannt sind: Ernst Friedrich Roth und Dr. jur. Johannes Karl Weber. Auch der Polizeidirektor, ein Herr Wagler, und die acht sogenannten Stadträte sind mit dabei. Dazu die drei Stadtbauräte: Königlich-Sächsischer Oberbaurat Otto Wilhelm Scharenberg, Richard Moritz Trautmann, Königlich Sächsischer Finanz- und Baurat a.D. und Fritz Wilhelm Emanuel Peters, was die Bedeutung der Bautätigkeit in dieser Zeit eindeutig genug unterstreichen dürfte. Auf Entwürfe Scharenbergs gehen beispielsweise das Stadtbad, das Leihhaus und das Haus der Demokratie zurück.

    Aber spannender ist eher die Liste der unbesoldeten Stadträte. So machen Gustav Friedrich Esche, seit 1.1.1884 Mitglied und bis 31.12.1915, Kaufmann und schon damals Ehrenbürger der Stadt Leipzig sowie Spezialdeputierter für das Johanneshospital, Emil Max Pommer Königlich-Sächsischer Baurat und Dr. jur. Walther Bernhard Limburger, Rechtsanwalt wie selbstverständlich Stadtpolitik. Jeder wird später „seine“ Straße bekommen.

    Gleichzeitig existierte auch das einmal wöchentlich, mittwochs halb sieben, tagende Stadtverordnetenkollegium mit seinen 72 Mitgliedern, die alle zwei Jahre gewählt werden. Laut Sächsischer Städteordnung von 1832 oblag es diesem Gremium, grundsätzliche Fragen der Stadtverwaltung zu entscheiden, den Rat zu wählen und die Haushaltsplanung abzusegnen. Im Stadtverordnetenkollegium des Jahres 1914, was wohl dem heutigen Stadtrat am nächsten kommt, sitzt eine illustre Runde aus Lehrer, Lagerhalter, Schirmfabrikant, Fotograph, Friseurobermeister, Rechtsanwalt, Fabrikbesitzer (Karl Heinrich Albert Dufour-Feronce), Zigarrenhändler, Arbeitersekretär, Kommerzienrat Landgerichtsdirektor und Generalmajor. In Leipzig wird lange nach Klassen gewählt.

    Im Rathaus wird in diesen Tagen heiß diskutiert. Foto: Stadtarchiv
    Im Rathaus wird in diesen Tagen heiß diskutiert. Foto: Stadtarchiv

    Jeder der drei Klassen wählte ein Drittel der Stadtverordneten pari pari aus ansässigen und unansässigen Bürgern. 1904 wird das Wahlrecht jedoch geändert. Nun wird nach Berufen gewählt. Je nach Einkommensteuer werden die Wahlberechtigten in Berufsgruppen von A bis F und drei Abteilungen eingeordnet. Die Wahl 1914 wird allerdings aufgrund des Krieges per Notgesetz verschoben, sodass die letzte Stadtverordnetenwahl vor dem 1. Weltkrieg am 1912 stattfindet. Von den 48.487 Wahlberechtigten werden 28.209 gültige Stimmen abgegeben, 35,91 Prozent für bürgerliche Kandidaten, 64,09 Prozent für sozialdemokratische. Das Verhältnis ist zuvor allerdings nie so eindeutig gewesen. Bis 1908, mit Ausnahme von 1906, erhalten die bürgerlichen Kandidaten mehr Stimmen.

    Beide Gremien tagten nicht gemeinsam, Mitglieder begegneten sich in den gemischten Ausschüssen, beispielsweise im gemischten Ausschuss zur Beratung über die Einverleibung von Vororten. Die Leipziger Neuesten Nachrichten und die Leipziger Volkszeitung berichten regelmäßig von den Ratsbeschlüssen. Die Berichte werden stets folgendermaßen eingeleitet; „Das Ratskollegium fordert von den Stadtverordneten zu beschließen…“, was auf eine gewisse Abhängigkeit der sogenannten Gesamtratssitzung vom Stadtverordnetenkollegium schließen lässt. Und zu beschließen gibt es, wie bereits erwähnt, einiges und dabei werden nicht nur die ganz großen Räder gedreht. Die Machtbefugnisse des Gesamtrats reichen von der Vergabe der Fleischlieferung an die Hospitäler der Stadt über die Besetzung von Lehrerstellen bis eben zu Bebauungsplänen. „Einführung der Wasserleitung in die an der verlängerten Waldstraße geplante Polizeiwache und Fortführung dieser Leitung bis zur Gohliser Wehrbrücke mit 9770 Mark Kosten“

    „Entschädigung für die, die Platz und Strassenland an der Straße des 18. Oktober abgeben sollten

    „Anfrage der Stadtverwaltung über den Stand der Angelegenheit wegen Beseitigung der Rauch- und Aschebelästigung vom Elektrizitätswerke der Leipziger Elektrischen Straßenbahn an der Brüderstraße“

    „Gesuch des Leipziger Kommunalvereins (Bürgerlicher Mieterverein): a) einem Antrage, die Pflicht zur Treppenbeleuchtung nur bis 9 Uhr abends festzusetzen, nicht stattzugeben, b) die Pflicht zur Treppenbeleuchtung auch auf die Zeit von 6 Uhr morgens bis zum Hellwerden auszudehnen.

    „Ständigmachung des Lehrers Zille an der IV. Realschule unter Anrechnung des Probejahres“

    „Zusicherung der Wiederanstellung des Lehrers Heymer im hiesigen Schuldienste“

    „Feierlichkeiten in den Volksschulen aus Anlass des Geburtstags Sr. Majestät des Kaisers u. Sr. Majestät des Königs“

    „Einrichtung einer Kraftomnibuslinie Hauptbahnhof – Schönefeld“

    Vergebungen zu: „Lieferung des Bedarfs der städtischen Betriebe an Benzin für das Jahr 1914 – Fa. Amandus Spring – Benzinwerk Sachsen. Etwa 30 000 M“

    „Verlegung der Deutschen Bücherei an die Strasse des 18. Oktober und Gewährung einer Baubeihilfe.“

    „Verkauf der Baustelle 34 an der Leipziger Strasse in Mockau“

    „Bericht über das Ergebnis des Bezugs ausländischen Rind- und Schweinefleisches in den Jahren 1912/13 u. Verteilung des Ueberschusses in Höhe von 202,61 M an die Fleischerinnung und den Konsumverein Leipzig-Plagwitz nach Massgabe ihres Bezugs.“

    Vergabe: „Lieferung: a) der schmiedeeisernen Türzargen, b) der Türzargen aus Fassoneisen für das Stadtbad

    Zu a) Theodor Rurack 4484,60 M

    Zu b) Mannstaedt & Co. 5923,90 M

    „Wahl des Waisenrats und des Ersatzmannes für den 22. Bezirk sowie des Ersatzmannes für den 88. Bezirk“

    „Gewährung von 6000 M an den Deutschen Kampfspielbund als Beitrag an den Unkosten der Vorbereitung der Kampfspiele 1920“

    „Einrichtung der Beleuchtung in einem weiteren (3.) Klassenzimmer im Erweiterungsbau der 24. Bezirksschule in Leipzig-Plagwitz und Entnahme der Kosten in Höhe von 200 M aus den beim Erweiterungsbau erzielten Minderausgaben.“

    „Einrichtung einer Steuerzahlstelle im Gasthofe zur güldenen Aue in L.-Sellerhausen“

    Vergabe: „Lieferung des Bedarf des Krankenhauses zu St. Jakob an Mull und Gazue für 1914. Fa. Herrm. Lang – Plauen 19 249 M

    „Beseitigung der verbrochenen Ecken an der Südseite des Baublocks zwischen der Lössniger, Stein-, Altenburger und Hardenberg-Strasse und Ueberlassung des dadurch frei werdenden Landes an den Bauverein zur Beschaffung preiswerter Wohnungen.

    „Eingabe betr. Den Verkauf des „Berliner Tageblattess“ in den städtischen Zeitungsverkaufsständen und auf den Strassen“

    „Besetzung des Pfarramts zu Thekla“

    „Krankenhaus zu St. Jacob: Aufhebung der Bestimmung, wonach an Angestellte des Krankenhauses Lebensmittel aus der Küche gegen Bezahlung abgegeben werden dürfen“

    „Benutzung des Teichs vor dem Völkerschlachtdenkmals als Freieisbahn“

    „Austausch von Land mit dem Königlich Sächsischen Staatsfiskus im Gebiete des Bebauungsplans L. – Altstadt – Aeussere Südostvorstadt (Amtsgeheimnis!)“

    „Aenderung des Bestelldienstes der Kindermilchanstalt“

    „Vermächtnis des Lokomotivführers a.D. Carl Robert Herrmann“

    „Festsetzung des jährlichen Wohnungsgeldzuschusses für den Kantor der Thomasschule Prof. Dr. Schreck vom 1. Januar 1913 ab auf 540 M und Nachbewilligung dieses Betrages für die Jahre 1913 und 1914.“

    „Errichtung eines Arbeiterbrausebades für die Kläranlage und Bewilligung der Kosten von 3800 M“

    „Gesuch des Haus- und Grundbesitzervereins Leipzig-Anger-Crottendorf um Beschränkung und schärfere Ueberwachung des Strassenhandels“

    „Einführung der neuen Fibel“

    „Errichtung der obligatorischen Fortbildungsschule für Mädchen“

    Vergabe: „Lieferung von 100 wulstigen Kandelabern und von 100 Erdböcken für die Gaswerksverwaltung – Königin Marienhütte-Cainsdorf 3 390 M“

    „Lieferung des Bedarfs der Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerke an Seifen im Jahre 1914 und des Bedarfs der städtischen Arbeitsanstalt und der Fregestiftungsanstalt an Seifen im 2. Halbjahr 1914, Fa. Fleck & Voigt – Leipzig, za. 4 925 M“

    „Enteignung von Land der Flurstücke Nr. 48 und 49 in L.-Schleussig für Zwecke der Hochwasserregulierung“

    Nikolaikirche anno 1914. Foto: Stadtarchiv
    Nikolaikirche anno 1914. Foto: Stadtarchiv

    „Eingabe des Gesamtausschusses der städtischen Beamtenvereine wegen des Vorwurfs des Schleichhandelns“

    „Verkauf von 7 Baustellen an der Süd-, Scheffel- und Gustav-Freytag-Strasse sowie der Baustelle Ecke Koch- und Eichendorfstrasse an L.-Connewitz“

    „Massnahmen zur Förderung des Baues von kleinen Wohnungen“

    „Massnahmen zur Versorgung der Bevölkerung mit billigen Lebensmitteln“

    „Gesuch des Allgemeinen Hausbesitzervereins zu Leipzig, den Kraftomnibussen und Strassenbahnen in der Zeit von 10 Uhr abends bis 6 Uhr morgens eine geringere Fahrgeschwindigkeit vorzuschreiben“

    „Beschäftigung nur deutscher Arbeiter auf den städtischen Gütern und Verpachtung von Landgrundstücken in Parzellen oder zum Kleinbetriebe“

    „Gesuch der Stiftung für Erbauung billiger Wohnungen um Verlängerung der Kraftomnibuslinie Stötteritz – Schleussig bis nach Kleinzschocher“

    Vergabe: „Lieferung von 3000 kg Rosshaar zur Polsterung von Matratzen für das Krankenhaus zu St. Georg -Fa. Carl Johannes & Co. (1 kg = 4,70 M = zus. 14 100 M) und Fa. Franz Oehler“

    „Aufstellung des List-Denkmals in den Promenadenanlagen gegenüber der östlichen Ecke des Hauptbahnhofs und Bewilligung eines Beitrags bis zu 30 000 M aus den Mitteln des Kunstfonds“

    „Schenkung einer Marmorbüste der Frau Henriette Goldschmidt für das Museum der bildenden Künste durch Herrn Geheimen Hofrat Professor Dr. Seffner“

    „Bewilligung von 37 950 M zu Lasten des Stammvermögens für den Ausbau der Kaiserin-Augusta-Strasse zwischen Brandvorwerk- und Fockestrasse sowie der Fockestrasse von der Kaiserin-Augusta-Strasse südlich auf 158 m bis zur Grenze zwischen den Bauplätzen 10 und 11“

    „Umzüge von Angehörigen der Sozialdemokratischen Partei am 1. Mai“

    „Durchführung der Linie G der Großen Leipziger Straßenbahn bis nach Dölitz“

    „Herstellung eines Wohnhauses nebst Anbauten für Backraum und Futterküche im Gute 9 und 10 in Wasewitz unter Aufwendung von 29500 M Kosten, von denen der Pächter 6000 übernimmt“

    „Errichtung der Pflicht-Fortbildungsschule für Mädchen“

    „Benennung einer Privatstrasse der Baugenossenschaft Festbesoldeter „Posadowskyanlagen“

    „Vorschriften über die Unterbringung von Kraftwagen mit Verbrennungsmotoren“

    „Wahl je eines Mitgliedes aus dem Stadtverordnetenkollegium in

    a) die Kommission zur Erörterung von Reformen in dem System der Gemeindeanlagen

    b) den Ausschuss zur Beratung über Einverleibung von Vororten

    c) den Ausschuss für die Kleinmessen

    d) den Ausschuss zur Beratung über die Versorgung der Bevölkerung mit billigen Lebensmitteln

    e) den Ausschuss für die Festlichkeiten im Jahre 1914“

    „Gewährung von 150 M an den Leipziger Sportklub zur Beschaffung eines Ehrenpreises für das im Juni hier stattfindende Lawn-Tennis-Tournier“

    „Gesuch des Vereins Leipziger Gastwirte usw. um Aufhebung der städtischen Biersteuer“

    „Abtrennung der Gemeinden Holzhausen und Zuckelhausen von dem Kirchspiele Probstheida“

    „Versetzung des Heizers beim Wasserwerk, Karl Jahn, in den Ruhestand unter Gewährung eines Ruhegehaltes von 1363 M jährlich“

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